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Ist es befremdlich, wenn wir auf einmal wieder ein Wort wie ›Atomstaat‹ in den Mund nehmen? Zugegeben: es klingt jedenfalls erst mal komisch. Bei diesem Begriff sind wir gewohnt, uns automatisch hineinzudenken in die Situation der verfolgten Atomkraftgegnerin, die wegen ihrer Aufklärungsarbeit über Strahlenrisiken und gesundheitsgefährdende Stoffe von üblen Mächten bedroht und angegriffen wurde. Klar, denken wir, so etwas gab es mal, und das war wirklich krass. Aber jetzt – jetzt sind wir doch meilenweit von Verhältnissen entfernt, in denen uns anti-Atom-Bewegten irgendwelche Schlapphüte auf den Fersen sind.
Wir tun es trotzdem. Kontrolle, Überwachung, Gleichschaltung nehmen zu, und zwar in erheblichem Ausmaß. Nur präsentiert sich der ›Atomstaat‹ von dem wir heute sprechen, in seinen Formen anders. Dessen Macht erleben wir selten als Unterworfene.
„Die KI spricht uns als souveräne Nutzer*innen an. Gehorsam erscheint als Bequemlichkeit, Kontrolle als Personalisierung, die Enteignung des eigenen Urteils als dessen technische Erweiterung.“ heißt es im Beitrag ›Algorithmische Herrschaft‹. Mit diesem Stichwort kommen wir zum Kern unseres Themenschwerpunkts: Algorithmen sind Brandbeschleuniger für autoritäre Formierung.
Dass es hochriskant ist, Atomanlagen zu bauen oder zu betreiben, muss niemand mehr aufdecken. Das konnte bis vor nicht allzu langer Zeit als allgemein bekannt angesehen werden. Es gibt zwar immer noch Menschen, denen es gelingt, die Augen vor dem Offensichtlichen zu verschließen. Die bestreiten das. Einer davon zum Beispiel ist als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika mit bedauerlich weitreichenden Befugnissen ausgestattet. Viel wirkungsvoller allerdings – so schreiben die Autor*innen von ›Zunehmend dichter Nebel‹ – ist es, wenn für die meisten gar nicht mehr unterscheidbar ist, was stimmt und was nicht stimmt. Dann erübrigt sich nämlich jeder Versuch der Aufklärung.
Um herauszufinden, wer welche Meinung dazu hat, dafür braucht es auch keine Staatsschützer mehr, die Anhaltspunkte zusammentragen. Die liefern wir inzwischen selbst. Und zwar zu so gut wie allen Dingen unseres Lebens. Unser Handy weiß ebenso wie unser Auto, wo wir sind; unser Kärtchen gibt Auskunft, was wir kaufen; die Suchmaschine merkt sich, was uns interessiert; ›social media‹ kartiert unser Soziotop. Staatliche ›Sicherheits‹-Organe übernehmen es, mit Hilfe allumfassend installierter Software daraus machtvoll ein Bild entstehen zu lassen.
Das alles hat vielleicht nicht unbedingt etwas mit Atom im engen Sinn zu tun, bestimmt aber mit dem unbeirrbaren Glauben an die Macht der Technologie. In der Rubrik Internationales werfen wir einen Blick über den Zaun. Der Eindruck drängt sich auf, alle Welt sei wie besessen von der Idee, Künstliche Intelligenz und Atomtechnologie miteinander zu verbandeln und so die Krisen in den Griff zu bekommen. Das doppelte Versprechen, damit käme das Wachstum und die militärische Macht, sich in der Konkurrenz zu behaupten, scheint eine wirkungsvolle Droge zu sein.