„Atom-Faschismus” und Technologie-Kritik
Themen aus dem breiten Ideen-Repertoire der anti-Atombewegung
von der aaa-Redaktion
In einer Abhandlung über die anti-Atom-Bewegung ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu lesen, sie habe sich inhaltlich mit „den eigentlichen Themen“ befasst – und auch mit „uneigentlichen“. Die Anmaßung, die in dieser von außen beurteilten Zweiteilung steckt, ist gewiss ärgerlich. Sie liefert aber eine interessante Feststellung: es sind die Themen, die sozialer Bewegung Antriebskraft verleihen. Und die sind nichts Statisches.
Im Lauf der Jahrzehnte haben die unterschiedlichen Beteiligten immer wieder ihre Ansichten darüber vorgetragen, was im antiAtom-Zusammenhang als bedeutsam anzusehen ist und was eher nicht. Sie waren aber (insgesamt) klug genug, darüber keine abschließenden Entscheidungen einzufordern. Letztendlich hängt es ja an den aufgerufenen Motiven selbst, ob sie in der Lage sind, Verhältnisse in Bewegung zu bringen.
Was Menschen dazu bewogen hat, aus ihren Alltagsroutinen auszubrechen und sich mit ihren Überzeugungen, ihrem Wissen, ihrer Energie und ihrer Leidenschaft einzubringen in einen Widerstand gegen übermächtig erscheinende gesellschaftliche Entwicklungen und politische Fehlentscheidungen, das war während all der Jahre immer ein bunter Strauß an Argumentationen. Trotzdem lässt sich festhalten, dass manche davon so etwas wie Konjunktur hatten und haben. Je nachdem, was geschehen war, und auch abhängig davon, was die gesellschaftliche Debatte allgemein bestimmte, rückten bestimmte Gesichtspunkte in den Vordergrund. Würden wir die Frage nach den „Eigentlichen“ heutzutage stellen, dann käme vermutlich eine Prioritätenliste heraus, in der recht weit oben steht:
- der Müll.
- das Klima.
- die Bombe.
In früheren Jahrzehnten stand da wohl eher:
- der Super-GAU.
- die Strahlung.
- die Gesundheit.
(Und eine Zeitlang hieß es auch schlicht:
› der Castor. › der Castor. › der Castor.)
Immer mit vorhanden, aber nie so ganz an die Spitze gebracht haben es:
- die Energie-Wende.
- der Uranabbau / der Umweltrassismus.
- die (neo-)koloniale Ausbeutung.
- die Kapitalverflechtungen.
- der Imperialismus.
- das Gute Leben für Alle.
Auch die Stichworte, die wir in dieser Ausgabe in den Vordergrund stellen, haben zu ihrer Zeit eine große Rolle gespielt; zweifellos waren Robert Jungk, Heinz Brandt und Günther Anders wichtige Impulsgeber. An sie soll hier allerdings nicht mit geschichtspflegerischer Absicht erinnert werden. Vielmehr greifen wir die Stichworte, die sie in die Bewegung eingebracht haben, jetzt auf, weil ihren Überlegungen quasi unter der Hand eine ganz neue Bedeutsamkeit zugewachsen ist. Die Rede ist von der gnadenlos alles durchdringenden Digitalisierung jedweder Lebenszusammenhänge, die wir erleben. ›Künstliche Intelligenz‹ bildet die herausragende Spitze eines Eisbergs. Mit den unteren sechs Siebteln befasst sich
- der Atom-Faschismus.
- der Atomstaat.
- die Technologie-Kritik.
„Atom-Staat” ohne AKW?
In der Bundesrepublik Deutschland ist nach derzeit geltender Rechtslage der Betrieb von Atomkraftwerken nicht vorgesehen. Daran halten sich die Entscheidungsträger*innen in Politik und Energiewirtschaft im Moment auch. Das macht erklärungsbedürftig, wie es denn gemeint ist, wenn wir heutzutage von Begrifflichkeiten vergangener Zeiten den Staub abblasen. „Atomanlagen sind konsequenter Ausdruck des herrschenden kapitalistischen Systems.“ formulierte es ein alter Mitstreiter immer wieder gerne; nach wie vor hat er damit Recht. In den herrschenden Verhältnissen mögen sich strategische Prioritäten verschoben haben – an der zugrundeliegenden Struktur hat sich nichts verändert.
Wenn wir uns nicht festbeißen an der Vorstellung von einem engen Kausalzusammenhang („dies und das kommt einzig und allein nur von dem und dem“), dann lässt sich sagen: wenn die Welt, die Atomanlagen hervorgebracht hat, dieselbe bleibt, dann ist für eine Entwicklung zum Atomstaat ein AKW nicht vonnöten. Selbstredend sind die Formen des technologischen Angriffs heutzutage andere als Mitte des letzten Jahrhunderts. Trotzdem ist die schier unaufhaltsame Entwicklung zur autoritären Formierung, vor der Brandt, Jungk und Anders so eindrücklich gewarnt haben, nicht mehr zu übersehen.
Um „Autoritäre Formierung“ soll es in unserem Themenschwerpunkt gehen. Die hier vorangestellte kleine Rückbesinnung auf diese Altvorderen will aufzeigen, dass deren Art, die Welt kritisch zu betrachten und zu beschreiben, schon lange zum selbstverständlich mitgedachten Ideenrepertoire der antiAtom-Bewegung gehört.
Der Begriff „Atomstaat“, schreibt Robert Jungk in seinen Erinnerungen, der Begriff sei ihm in den Kopf gekommen, als er im Februar 1977 auf der Bühne stand, um bei der dritten großen Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brokdorf an der Elbe eine Rede zu halten. Geprägt war dieser Moment und mehr noch die gesamte Veranstaltung durch das Aufgebot staatlicher Gewalt, das die Regierung den Protesten entgegensetzte: schier endlose Reihen von behelmten knüppelschwingenden Polizeibeamten, Wasserwerfer, Militärhubschrauber, Tränengas. Dieses eindrückliche Bild füllte zunächst aus, was das Wort vom Atomstaat zum Ausdruck bringen sollte. Dabei allein blieb es aber nicht.
Eine Woche nach „Brokdorf III“ kam der Lauschangriff auf Klaus Traube an die Öffentlichkeit. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte den Geschäftsführer von „Interatom“, einer Tochterfima der AKW-Baufirma Kraftwerk Union, ins Visier genommen und ihn mit Hilfe von Abhörwanzen einer peinlichen Überprüfung seiner persönlichen Verhältnisse unterworfen. Die Affäre um den (ex-)Atommanager machte einen Gedankengang plausibel: die Installation einer Hochrisiko-Technologie, bei deren möglicher Störung Schäden in übergroßem Ausmaß zu befürchten sind, zieht quasi zwangsläufig zu deren Sicherung den Aufbau eines allumfassenden Überwachungsapparats nach sich.
Staatliches Agieren unterhalb der Schwelle des Sichtbaren, das repressiv gegen jegliche Kritik an den atompolitischen Entscheidungen der Regierung eingesetzt wurde, war fortan maßgeblicher Teil des Bedeutungsgehalts von „Atomstaat“. Mit der Veröffentlichung des Skandals im Spiegel und der daraufhin einsetzenden Diskussion erreichte dieser Ausdruck eine Öffentlichkeit, die weit über die Szene der antiAtom-Bewegten hinausging.
Als Jungk in den folgenden Monaten an seinem berühmt gewordenen Buch schrieb, dehnte er deutlich aus, wie er den Begriff darüber hinaus inhaltlich gefüllt sehen wollte. Er untersuchte weitere Bereiche der Gesellschaft und bezog sie in seine Ausführungen mit ein. So schaute er sich die Situation der Arbeiter*innen in den Atomanlagen genauer an. Insbesondere die Arbeitsbedingungen von Leiharbeiter*innen, die gezielt in den strahlungsintensiven Bereichen eingesetzt werden, bezeichnete er als höchst prekär und sprach in der Zusammenfassung von „Strahlenfutter“.
Diese Einordnung hob er auf eine allgemeinere Ebene. Für das Verhältnis zwischen Betreibern und Belegschaft sei es bezeichnend, dass das Management technokratisch mit „software, hardware und live-ware“ hantiere - wobei mit Letzterem das Personal gemeint war.
Die Technologielandschaft, deren Forschungs- und Entwicklungsarbeit die Grundlage für den Aufbau der Atomindustrie bildete, nahm er als nächstes kritisch unter die Lupe. „Großindustrielle Anwendungen haben den Charakter von Forschung und ForscherInnen verändert. Nicht mehr das Interesse an neuen Erkenntnissen, sondern die Akquisition lukrativer Aufträge tritt in den Vordergrund.” (Diese Charaktisierung könnte von heute sein. Allerdings geht es derzeit vornehmlich um das Abgreifen von Subventionen.)
Jungk zeigte am Beispiel der sogenannten „Schnellen Brüter“ – die damals eine ähnliche Rolle spielten wie heutzutage Fusionsprojekte –, wie „durch großmundige Versprechen, Herunterspielen der Risiken und anfangs stark untertriebene Kostenangaben die Politik für die Arbeit in diesem Bereich interessiert“ wurde. Projekte ohne gesicherte Erkenntnisse wurden als realisierbar angepriesen, um an weitere Forschungsmittel zu gelangen. Dieser „verwegene spekulative Forschungsstil“ sei in den Rüstungslaboratorien des Zweiten Weltkriegs geboren worden und erstmals an militärischen Großprojekten erprobt worden. Die führenden Köpfe dieser Sparte bezeichnete er als „Spieler“. Keinerlei Wohlwollen, wie es für kindliche Verspieltheit zu erwarten wäre, schwingt in seinem Verdikt mit: sie seien „bereit, für Geld und Karriere mit dem Leben anderer zu spielen“.
Allumfassend wird seine Kritik in der Zusammenfassung: „Zur Debatte steht nicht nur die künftige Energieversorgung, sondern auch die der Herrschaft. Der Konflikt geht nicht nur um eine bestimmte Technik, sondern um alle Erscheinungsformen und Machteinflüsse der großindustriellen Technologie. (...) Dahinter steht die noch umfassendere Frage, ob die bisherige, auf Unterwerfung und Ausbeutung zielende Richtung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts für den Menschen noch taugen kann.“
Atom-Faschismus
„Den Atom-Pilz, den kennt ihr alle. Wovon ich heute spreche, das ist der Atom-Filz.“ So begann der Gewerkschafter Heinz Brandt seine Rede bei oben besagter Brokdorf-III Demo – und diese Rede trug ihm ein, dass ein Ausschlussverfahren wegen Gewerkschaftsschädigung gegen ihn eingeleitet wurde. Mit deutlichen Worten sprach er sich nämlich gegen eine Kampagne aus, die Gewerkschaftsfunktionäre zuvor gemeinsam mit Managern der Energiekonzerne auf den Weg gebracht hatten. Mit großen Anzeigen warb der DGB-„Arbeitskreis Energie“ für den Ausbau der Atomenergie; die Verheißungen waren – wer hätte das gedacht – Wohlstand durch Wirtschaftswachstum und die Sicherung industrieller Arbeitsplätze.
Als Linker in der Gewerkschaft war Brandt ohnehin gegen die Komplizenschaft, mit der Betriebsräte häufig im Einklang mit der Arbeitgeberseite agierten. Zu viele der Funktionsträger sähen die Anliegen des Konzerns als in ihrem eigenen Interesse liegend an und machten sie zur eigenen Sache, obwohl sie das objektiv nicht sind. Für eine emanzipatorische Vertretung der Arbeitenden sei es aber auch nicht nur eine Frage von Arbeitsbedingungen und Tarifen, die zugunsten der Beschäftigten auszuhandeln seien. Sie trüge ebenso eine Verantwortung dafür, was denn das Ergebnis der eigenen Arbeitskraft ist.
Der Aufbau einer Atomindustrie sei nicht vergleichbar mit der Herstellung eines Produkts. Dazu sei viel zu weitreichend, welche Auswirkungen auf das gesamte Leben es habe, wenn die Pläne zum angepriesenen Umbau der Gesellschaft realisiert würden. Gemeinsam mit vielen Mitstreiter*innen, die sich mit ihm im Verfahren gegen ihn solidarisierten, gründete er den „Arbeitskreis Leben“. Es gelang, den AKL als Institution des DGB zu etablieren. Die Seminararbeit im DGB wurde für engagierte Atomkraftgegner*innen eine wichtige Basis dafür, dass Wissen und Überzeugung eine große Zahl an Menschen erreichen konnte, an denen es sonst vorbei gegangen wäre.
Im Gedächtnis hängen geblieben ist die Unermüdlichkeit, mit der Heinz Brandt als gebranntes Kind des Nationalsozialismus vor dem „Atom-Faschismus“ warnte. Die Vorstellung von totalitärer Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche war mit dieser Vokabel ebenso zum Ausdruck gebracht wie der Hinweis auf die Gewaltförmigkeit, die mit dieser Technologie unweigerlich verbunden ist. Ein Staat, der einen solchen Apparat beheimatet, und dem damit auch die militärischen Mittel zur Verfügung stehen, die daraus erwachsen, der werde zumindest per stillschweigender Drohung sein Verhältnis zu anderen Staaten daran ausrichten.
Technologie - Kritik
Hielt bei besagter Brokdorf-III-Demo auch Günther Anders eine Rede? Ich weiß es nicht, aber vermutlich nicht. Seine Zeit als Aktivist lag zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile zurück: als einer der treibenden Kräfte hatte er die „Internationale Bewegung gegen den Atomtod“ mitbegründet; in seinem Buch »Endzeit und Zeitenende. Gedanken über die atomare Situation« schrieb er, der 6. August 1945 markiere die ‚›Stunde Null‹ der Menschheit. Denn an diesem Tag sei bewiesen worden, „dass die Weltgeschichte vielleicht nicht mehr weitergeht, dass wir jedenfalls fähig sind, den Faden der Weltgeschichte durchzuschneiden“. Mit Blick auf den systematisch betriebenen Aufbau einer gegenseitigen Drohkulisse, die den nuklearen Schlagabtausch mit dem Ergebnis des mehrfachen atomaren overkills einkalkuliert, war sein worst case scenario ein »Friedhof ohne Hinterbliebene«.
Zum vielgelesenen Bestseller wurde das Buch allerdings erst, als es im Rahmen der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss 1982 unter dem Titel »Hiroshima ist überall« neu herausgegeben wurde. Ab diesem Zeitpunkt, spätestens aber nach seinem Post-Tschernobyl-Interview, in dem er unverblümt dafür plädierte, Atombetreiber »ineffektiv zu machen«, dürften auch seine philosophischen Arbeiten zur kritischen Auseinandersetzung mit Technologie als solcher eine breite Leser*innenschaft in der anti-Atom-Bewegung gefunden haben.
In seinem Buch über die »Antiquiertheit des Menschen« porträtierte er das revolutionäre Potential moderner Technik als planetare Übermacht«. Den Zustand, in den der Mensch im Industrie- und Atomzeitalter geraten ist, beschrieb er so: Nicht mehr der Mensch ist das handelnde Subjekt der Geschichte, sondern die Technik. Der Mensch wird degradiert und ist nur noch Statist seiner eigenen Erfindungen – eben „mitgeschichtlich“. @