Tschechien setzt auf zusätzliche Reaktoren und SMRs
Hunderte Milliarden für den nuklearen Albtraum
von aaaRed
Während viele Länder den Ausbau Erneuerbarer Energie vorantreiben, plant die Tschechische Republik einen beispiellosen Ausbau der Atomenergie um damit angeblich seine fossilen Kohlekraftwerke zu ersetzen.
Laufzeitverlängerung und Neubau
Die Vorgängerregierung hatte den Bau von je zwei neuen koreanischen APR1000-Reaktoren Reaktoren am AKW Dukovany und AKW Temelin beschlossen. Nach und nach stellte sich heraus, dass es sich nicht um einen Ersatz der in die Jahre gekommenen und sicherheitstechnisch von Anfang an bedenklichen 6 Reaktoren in handelt. Die Lebensdauer der aktuellen 6 Reaktoren – 2 in Temelin (seit 2002 und 2003 in kommerziellen Betrieb) und 4 in Dukovany (seit 1985, 2 seit 1986 und 1 seit 1987 im kommerziellen Betrieb) soll laut Industrie- und Handelsminister Karel Havlíek auf insgesamt 80 Jahre verlängert werden. Die Gesamtrechnung wird sich im Bereich von Billionen Kronen bewegen. Dies kann eine extreme Belastung für den Staatshaushalt darstellen; die Regierung will den Bau der neuen Reaktoren nämlich in Form von Staatsdarlehen finanzieren.
Die Bürgerinitiative Umweltschutz (OIŽP/ BIU) und die Umweltorganisation Calla lehnen eine Verlängerung der Laufzeit der AKW Temelín und Dukovany auf 80 Jahre ohne eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ab. Nach ihrer Auffassung umgeht Tschechien damit europäisches Recht und eröffnet das Feld gerichtlicher Auseinandersetzungen. „Der Betrieb eines AKWs über einen Zeitraum von 80 Jahren kann nicht allein auf Grundlage technischer Gutachten des Betreibers und behördlicher Entscheidungen genehmigt werden. Eine derart grundlegende Änderung muss hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerung erneut bewertet werden, und die Öffentlichkeit muss Gelegenheit erhalten, sich dazu zu äußern“, erklärte Gabriela Reitingerová von der OIŽP.
Nach ihren Worten müsse das Verfahren auch eine grenzüberschreitende Umweltprüfung umfassen. EinwohnerInnen, Kommunen und Fachleute aus den Nachbarstaaten müssten die Möglichkeit erhalten, sich an diesem Verfahren zu beteiligen. „Mit einer längeren Laufzeit gehen neben umfangreichen technischen Änderungen auch größere Mengen radioaktiver Abfälle, einschließlich abgebrannter Brennelemente, sowie ein höherer Bedarf an Kühlwasser und die damit verbundenen Auswirkungen auf Ökosysteme einher – und zwar in einer Umwelt, die sich durch den Klimawandel verändert“, erklärte Edvard Sequens von Calla.
Nach Ansicht des Energieunternehmens EZ handelt es sich jedoch nicht um ein neues Vorhaben, das eine UVP erfordern würde. „Die AKWs verfügen über unbefristete Betriebsgenehmigungen. Für die Fortsetzung des Betriebs bereits bestehender und seit Langem betriebenen AKWs über den Zeithorizont von 60 Jahren hinaus wird keine neue Genehmigung erteilt. Nach dem Gesetz handelt es sich daher nicht um ein neues Vorhaben, das ein nachfolgendes Genehmigungs- oder Umweltverträglichkeitsverfahren erfordern würde“ so der Sprecher des AKW Temelin. Die EZ handle sowohl beim Betrieb als auch bei der Planung der künftigen Nutzung der AKWs Dukovany und Temelín vollständig im Einklang mit der geltenden tschechischen und europäischen Gesetzgebung sowie den internationalen Standards.
Auch „kleine“ SMRs sind eine Gefahr für Mensch und Umwelt
Der stellvertretende Ministerpräsident und Minister für Industrie und Handel Karel Havlíek hat am am 21. Juli gemeinsam mit der CEZ-Gruppe eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) mit dem Unternehmen Rolls-Royce im Bereich der Atomenergie unterzeichnet. Die CEZ-Gruppe, ein internationales Energieversorgungsunternehmen und der größte Energiekonzern in Tschechien sowie Mittel- und Osteuropa, hält 20 Prozent der Anteile an Rolls-Royce SMR.
Damit hat Karel Havlíek den Weg geöffnet für die Vorbereitung neuer Standorte für den Bau „kleiner“ modularer Atomreaktoren (SMR) in Tschechien. Die ersten Reaktoren dieses Typs soll das britische Unternehmen im kommenden Jahrzehnt nach Tschechien liefern. Jeder Rolls-Royce-SMR – ein Druckwasserreaktor – soll eine installierte Leistung von 470 Megawatt haben, was in etwa einem Block in Dukovany entspricht.
Erster SMS-Standort: am AKW Temelin
Die ersten der von der Atomindustrie als Hoffnungsträger gesehenen SMRs sollen am AKW Temelín entstehen. Geplant ist, bis 2032 auf dem AKW-Gelände den neuen „Nuklearpark Südböhmen“ aus kleinen modularen Reaktoren zu errichten. Das Unternehmen EZ rechnet nach früheren Aussagen mit dem Bau von sechs Blöcken mit Rolls-Royce SMR-Reaktoren. Damit würden fast 3000 Megawatt an neuer Leistung hinzukommen.
Aber nicht nur in Temelín sollen SMRs auf Basis britischer Technologie entstehen. Auch der Einsatz an weiteren Standorten ehemaliger Kohlekraftwerke in Détmarovice im Bezirk Karviná und Tušimice im Bezirk Chomutov wird geprüft.
Für die eventuelle Platzierung von Reaktoren des Typs Rolls-Royce SMR in Temelín und Tušimice läuft bereits die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Im Fall vom angedachten Ort Tušimice hat das Verfahren mehrere problematische Punkte aufgedeckt. Dabei geht es vor allem um die Sicherstellung von ausreichend Kühlwasser für die SMRs in einer der trockensten Regionen Tschechiens. Im Fall vom möglichen Standort Detmarovice könnte die Lage nahe der tschechisch-polnischen Grenze problematisch sein, da hierfür die Zustimmung von Gemeinden und Behörden von polnischer Seite erforderlich sein wird.
Entwicklung und Bau der SMRs
Die Vorbereitungen für den Bau dieser Reaktoren laufen offenbar bereits. Auf dem Gelände neben dem AKW Temelin, dem „Nuklearpark Südböhmen“, sollen diese entwickelt und später gebaut werden. Darüber hinaus ist es nicht unwahrscheinlich, dass hier auch noch auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen könnte. Nur am Rande erwähnt seien außerdem Pläne zur Errichtung einer Verbrennungsanlage bei Temelín für gefährlichen Sonderabfall aus der Industrie.
Finanzierung-extreme Belastung für den Staatshaushalt
Keine einfache Aufgabe wird auch die Finanzierung der neuen Blöcke sein. Die Gesamtrechnung wird sich im Bereich von Billionen Kronen bewegen. Dies wird eine extreme Belastung für den Staatshaushalt darstellen; die Regierung will den Bau der neuen Akw-Blöcke nämlich in Form von Staatsdarlehen finanzieren.
Atomreaktoren und SMS sind keine Ersatz für Kohlekraftwerke
Die Tschechische Republik muss als Land mit einem der höchsten Anteile an fernwärmeversorgten Einwohner*innen in Europa Wege finden, die Kohle in der Fernwärmeversorgung schnell zu ersetzen. An zwei favorisierten Standorten, Tušimice und Detmarovice sollen die geplanten SMRs die Fernwärmeversorgung übernehmen. Der Umweltverband Calla hält SMRs für keine Lösung als Ersatz der Kohleverbrennung in der Fernwärmeversorgung.
„Eine neue Analyse des Zentrums für Verkehr und Energie und Calla zeigt, dass Großwärmepumpen, die Nutzung von Abwärme oder die Geothermie bereits kommerziell erprobte und verfügbare Alternativen sind. Großwärmepumpen können nicht nur Umweltenergie nutzen, sondern auch Abwärme aus Kläranlagen oder industriellen Prozessen. Oft sind sie mit Wärmespeichern oder kleineren Spitzenlastkesseln gekoppelt. Zudem verfügen wir über Analysen, dank derer wir wissen, wo und wie ihr Einsatz wirtschaftlich sinnvoll ist.
In dieser Situation auf eine Chimäre in Form von SMRs zu warten, ist Zeit- und Geldverschwendung und trägt zur Verschlimmerung der Klimakrise bei.
Gleichzeitig geht die Kampagne gegen Windkraftanlagen weiter, die von einem Teil der Regierung stark unterstützt wird, und das Fehlen einer Gesamtenergiepolitik bremst auch viele notwendige Investitionen.@
Quellen: ekolist.cz und
ekonomickydenik.cz am 21. Juli 2026
anti.atom.at am 22. Juli 2026