Nr. 315    Erscheinungtermin: 01.03.2026
Transformation
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Transformation - Die soziale und ökologische Wucht des notwendigen Umbaus
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76 Seiten
März 2026
Preis: 5,00 EUR



Inhaltsverzeichnis
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Ein neues Versprechen muss heißen:
„Niemand wird allein gelassen.”

Nicht nur, um das Klima zu retten,
muss sich die Gesellschaft radikal und sozial transformieren
– allumfassend und weltweit!

Interview von Caro Rübe, surplus
mit Matthias Schmelzer

Eine grundlegende Transformation ist notwendig, um die Lebensgrundlagen der Menschen zu sichern. Im Interview erklärt Matthias Schmelzer, Professor für sozial-ökologische Transformationsforschung, wie Klassenunterschiede und Klimapolitik zusammenhängen – und wie Degrowth solidarisch gestaltet werden kann.

Eine Transformation in der Wirtschafts- und Klimapolitik ließ sich in den vergangenen Jahren kaum beobachten – was ist da los?

Wir sehen eine krasse Diskrepanz zwischen dem, was notwendig wäre, und dem, was real passiert. Auf dem Papier ist »Transformation« überall, etwa in Regierungsprogrammen, Unternehmensstrategien oder Förderlinien. Aber in der gesellschaftlichen Realität ist der Wandel oft blockiert, auf technologische Lösungen verengt oder von autoritären Rückschlägen überlagert. Der Transformationsfonds wurde uns von der Ampel als grünes Projekt verkauft, jetzt werden damit auch der Ausbau fossiler Infrastruktur und niedrige Energiepreise für die fossile Industrie finanziert.

Woran liegt das?

Das hat mehrere Gründe. Die gängigen Strategien setzen vor allem auf grüne Modernisierung und somit auf Effizienzsteigerung, Innovation und CO2- Bepreisung. Das zugrunde liegende Wachstumsmodell wird dabei nicht ernsthaft infrage gestellt. So wird die soziale und ökologische Wucht des notwendigen Umbaus ausgeblendet.

Außerdem ist die Gesellschaft strukturell träge. Die imperiale Lebensweise mit dem gesellschaftlichen Ideal von Auto, Urlaubsflug, Einfamilienhäusern und Fleischkonsum, aber auch gesellschaftliche Infrastrukturen und Institutionen vom Sozialstaat bis zum Finanzsystem – all das basiert grundlegend auf der Verfügbarkeit billiger und dichter, fossiler Energie und auf Wirtschaftswachstum. Ein Großteil der Bevölkerung baut auf dieses Versprechen von Wohlstand und Stabilität, was aber langfristig nicht haltbar ist.

Letztlich ist der Umgang mit der ökologischen Krise häufig technokratisch, marktfixiert und sozial blind. Anstatt Wandel als soziale Verbesserung zu gestalten, wird Klimapolitik oft als moralischer Appell oder technisches Problem behandelt. Das erzeugt Abwehr, vor allem bei sozial benachteiligten Menschen.

Sie haben zu diesem Thema das Buch „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt” veröffentlicht. Was ist neu an dem von Ihnen beschriebenen Klassenkonflikt?

In der Debatte um Klimaschutz wurde lange davon ausgegangen, dass sich das gesellschaftliche Konfliktmuster entlang klassischer Ungleichheiten sortiert. Wer prekär lebt, lehnt Veränderung ab, wer privilegiert ist, unterstützt sie. Daher auch die Kritik, dass die Klimapolitik die soziale Frage vergessen würde. Unsere empirische Forschung zeigt aber, dass diese Annahme zu einfach ist.

Denn der Widerstand gegen Klimapolitik ist in den letzten Jahren nicht primär dort gewachsen, wo Armut herrscht, sondern vor allem in der gesellschaftlichen Wohlstandsmitte. Es sind vor allem die gesellschaftlichen Gruppen, deren Status auf Eigentum und nicht auf Bildung basiert, und die seit der Merkel-Ära von Wachstum profitiert haben, bei denen die Ablehnung von Klimapolitik zugenommen hat. Jetzt sehen sie ihre materielle Lebensweise, etwa das Eigenheim, den SUV, den Flug in den Süden oder den Fleischkonsum, durch ökologische Maßnahmen bedroht.

Wie steht es um den Rest der Gesellschaft?

Vereinfacht gesagt zeigt unsere Forschung eine Dreiteilung der Bevölkerung. Es gibt eine klimapolitisch überzeugte ökosoziale Gruppe, die oft einen hohen Bildungsgrad hat. Ihr gegenüber steht eine von der Veränderung überforderte Gruppe, die für autoritäre Angebote aufgeschlossen ist – wir bezeichnen sie als das defensiv-reaktive Spektrum. Politisch repräsentiert werden diese beiden Pole durch die Grünen und die AfD. Am größten ist zahlenmäßig aber das konservativ-steigerungsorientierte Spektrum. Es umfasst die typischen Mentalitäten der gesellschaftlichen Wohlstandsmitte. Genau hier hat sich in den letzten Jahren am stärksten ein neuer Verteidigungskonsens entwickelt, gegen Klimaschutz und Transformation.

Der sozial-ökologische Konflikt verläuft nicht einfach oben gegen unten, sondern zwischen verschiedenen Formen von Wohlstandssicherung und Veränderungsbereitschaft. Entscheidend ist, ob der eigene Status durch privates Eigentum und durch Steigerung gesichert ist, oder eher durch öffentliche Infrastrukturen, Bildung und Soziales. Das verändert auch die politische Konfliktkarte und macht deutlich, warum die Klimakrise eine tiefgreifende Gerechtigkeitsfrage ist.

Welche Strategien lassen sich aus diesen Erkenntnissen ziehen?

Wenn Blockaden gegen Klimapolitik heute nicht bei den einkommensärmsten Gruppen zunehmen, sondern aus der wohlhabenden Mitte kommen, dann muss sich auch die politische Strategie ändern. Statt die soziale Frage nur rhetorisch zu adressieren oder individuelle Konsumgewohnheiten zu moralisieren, braucht es eine ehrliche und sozial gerechte Klimapolitik, die auch klar benennt, wo Veränderung notwendig ist und wer besonders in der Verantwortung steht. Der neue Verteidigungskonsens der wohlhabenden Mitte muss politisch konfrontiert werden. Es reicht nicht, auf Dialog oder »bessere Kommunikation« zu setzen.

Statt uns hinter technokratischen Lösungen zu verstecken, müssen wir offen über notwendige Strukturveränderungen und sozial zumutbaren Verzicht sprechen. Dafür braucht es Umverteilung von oben nach unten, aber auch von privat zu öffentlich. Im Rahmen dieser Debatten braucht es ein positives Projekt. Etwa eine sozial gerechte Transformation, die nicht nur Belastungen verteilt, sondern kollektive Lebensqualität erhöht, indem sie bezahlbaren Wohnraum, kostenlosen ÖPNV, sichere Energie und gesunde Ernährung ermöglicht.

Um so ein Projekt umzusetzen, braucht es Allianzen, die diesen Umbau tragen können. Soziale Bewegungen, Gewerkschaften und progressive Parteien müssen sich gemeinsam für eine Infrastruktur der Sorge und Versorgung für alle einsetzen. Die Alternative wäre, das Feld den Kräften zu überlassen, die Klimapolitik aktiv zurückdrehen – auf Kosten der Zukunft und der sozialen Gerechtigkeit.

Es gibt Versuche, den Klima-Klassenkonflikt auf die Tagesordnung zu setzen. Etwa durch gemeinsame Streiks von Fridays for Future mit Beschäftigten im ÖPNV. Verfangen haben die Bemühungen bisher nicht. Warum scheiterte dieses Vorhaben bisher?

Die Idee, soziale und ökologische Kämpfe zu verbinden, ist richtig und strategisch notwendig. Doch die sozialen Voraussetzungen, politischen Kulturen und institutionellen Logiken von Klimabewegung und Gewerkschaften unterscheiden sich stark. Fridays for Future etwa bringt vor allem ein bildungsbürgerliches, eher akademisches Milieu auf die Straße. Die Sprache, in der dort Politik gemacht wird, ist vielen Beschäftigten in klassischen Industrien oder im Nahverkehr fremd – nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrem kulturellen Gestus. Gleichzeitig operieren viele Gewerkschaften noch immer im Wachstumsparadigma: Sie setzen auf Industriepolitik, Standortwettbewerb, sozialpartnerschaftliche Einhegung von Wandel. Klimaschutz wird dabei oft als Gefahr für Arbeitsplätze und Tarifstandards wahrgenommen, nicht als gemeinsame Sache. Damit solche Bündnisse tragfähig werden, braucht es Zeit, Vertrauen und politische Organisation. Gewerkschaften müssen sich stärker mit ökologischen Notwendigkeiten auseinandersetzen, die Klimabewegung mit Klassenfragen. Und es braucht konkrete, konfliktfähige Projekte, die beide Seiten mittragen können, etwa eine sozial-ökologische Jobgarantie und eine massive Aufwertung der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Nun fordern Sie nicht nur Klimaschutz, sondern explizit Degrowth. Was ist Ihrem Verständnis nach Degrowth und warum braucht es das?

Degrowth ist eine fundamentale Kritik an der Hegemonie des Wirtschaftswachstums, also an der Vorstellung, dass mehr BIP automatisch mehr Wohlstand, Gerechtigkeit und Stabilität bedeutet. In Wahrheit ist Wachstum längst entkoppelt von sozialem Fortschritt: Die Ungleichheit nimmt zu, viele Menschen leben in Unsicherheit und ökologisch steuern wir mit wachsendem Tempo auf den Zusammenbruch planetarer Systeme zu.

Mein Verständnis von Degrowth geht deshalb über individuelle Verhaltensänderung hinaus. Es geht um die geplante, demokratische Reduktion von Energie- und Ressourcenverbrauch in den reichen Ländern, um innerhalb planetarer Grenzen ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Degrowth bedeutet: weniger schädliche und überflüssige Produktion – etwa SUVs, Flugverkehr, geplante Obsoleszenz. Damit können wir Arbeitszeit und Ressourcen freisetzen für das, was gesellschaftlich notwendig ist: den schnellen ökologischen Umbau, grüne Infrastrukturen, Care, Bildung, Gesundheit. Die Forschung zeigt zunehmend deutlich, dass CO2-Bepreisung oder Effizienzpolitik zu kurz greifen. Denn selbst die modernste, grünste Wirtschaft bleibt zerstörerisch, wenn sie permanent wachsen muss. Selbst der IPCC fordert, gerade für die kurze Frist, Maßnahmen, die die Nachfrage nach Energie und Materialien verringern – und Degrowth liefert dafür die Politikvorschläge.

Ist das angesichts der Abstiegsängste vieler eine geeignete Forderung?

Auf den ersten Blick wirkt Degrowth für viele abschreckend – gerade in Zeiten, in denen Menschen zunehmende materielle Sorgen haben. Aber diese Ängste entstehen nicht wegen Postwachstum – sie entstehen im aktuellen System einer wachstumsabhängigen Ökonomie, die stagniert. Und der Trend ist deutlich, er wird in der Volkswirtschaftslehre als »secular stagnation«, als langfristige Stagnation, diskutiert – denn die Wachstumsraten in Europa gehen mittelfristig gegen null. In einem kapitalistischen Wachstumsmodell bedeutet Stillstand fast automatisch Krise, denn wenn die Wirtschaft nicht wächst, drohen Arbeitsplatzabbau, Kürzungen und Verunsicherung.

Dieses System zwingt uns in eine permanente Steigerung – nicht, weil es dem Gemeinwohl dient, sondern weil es auf Profitmaximierung basiert. Degrowth setzt genau hier an: Es will die Gesellschaft so umbauen, dass sie nicht mehr vom Wachstum abhängig ist, um Stabilität, Wohlstand und soziale Sicherheit zu garantieren. Degrowth ist also nicht Verzicht, sondern Umverteilung von materiellem Reichtum, Zeit und Sorgekapazität. Es ist der Versuch, Wohlstand nicht über Wachstum, sondern über kollektive Versorgung demokratisch neu zu organisieren.

Ist die Frage Degrowth oder Growth überhaupt noch zentral? Geht es nicht eher darum, wie Kollapsdynamiken begegnet werden sollten – und sind sich da nicht viele progressive Ökonominnen und Ökonomen einig?

Die Debatte verschiebt sich tatsächlich. Im Kontext von ökologischen Kipppunkten, sozialer Polarisierung und geopolitischer Instabilität rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie wir auf krisenhafte Dynamiken reagieren. Inzwischen fordern viele progressive Ökonominnen und Ökonomen verschiedene Formen von »emergency economics«. Praktisch bedeutet das eine aktive Krisenpolitik durch Rationierung, Preiskontrollen und strategische Industrie- und Investitionspolitik. So sollen Versorgung, Stabilität und Gerechtigkeit auch unter krisenhaften Bedingungen gesichert werden.

Ich würde diese Krisenpolitik jedoch strukturell erweitern und spreche deshalb auch von Kollapsökonomik (collapse economics). Da geht es darum, von Wachstum unabhängiger zu werden, global gerecht zu deglobalisieren, gesellschaftliche und ökonomische Komplexität zu reduzieren, und demokratisch zu investieren und zu planen. Degrowth ist kein Gegensatz zu Krisenpolitik – sondern ihr struktureller Rahmen.

Die Klimakrise schreitet voran. Was können Linke, die diese Realität ernst nehmen, überhaupt noch versprechen?

Wer die Klimarealität ernst nimmt, muss auch anerkennen, wie dramatisch die Lage ist. Die 1,5-Grad-Grenze wird sehr wahrscheinlich überschritten, Kipppunkte geraten ins Wanken, Extremwetter, Versorgungskrisen und soziale Spannungen werden zunehmend die neue Realität. Die Weltorganisation für Meteorologie erwartet in den nächsten Jahren globale Durchschnittstemperaturen nahe der 2- Grad-Marke. Wir bewegen uns also nicht mehr nur auf die Krise zu, wir leben bereits in ihr und sie wird zunehmend schlimmer. Aber gerade deshalb dürfen linke Antworten nicht in technokratischer Verwaltungsrationalität oder moralischer Resignation enden.

Linke Politik kann die Verhältnisse infrage stellen, die uns in diese Situation gebracht haben, und dafür kämpfen, dass die Kosten der Krise nicht weiter auf die Schwächsten abgewälzt werden. Der utopische Horizont ist nicht mehr: »Alles wird gut«, sondern: »Niemand wird allein gelassen«. Ziel von Politik ist dann eine Gesellschaft, die auch unter der Erschütterung haltbar und gerecht bleibt. Kollektive Lebensqualität muss geschützt und ausgebaut werden. Damit das gelingt, braucht es öffentliche Infrastruktur, gesicherte Versorgung, aufgewertete Care-Arbeit und Zeitwohlstand.

Die meisten konkreten Vorschläge für Degrowth – öffentliche Infrastruktur, mehr Partizipation – könnten auch im Programm der SPD der 70er-Jahre stehen. Es gibt eine große Lücke zwischen konkreten Forderungen und utopischem Postwachstums-Horizont. Wie lässt sie sich schließen?

Diese Spannung ist real – und sie ist kein Zufall. Degrowth bewegt sich bewusst in einem Spannungsfeld zwischen radikaler Systemkritik einerseits und konkreten, potenziell hegemoniefähigen Reformvorschlägen andererseits. Die Herausforderung besteht darin, reformistische Maßnahmen mit einem systemverändernden Horizont zu verbinden – also eine Transformationsstrategie zu entwickeln, die nicht bei Verbesserungen stehen bleibt, sondern in Richtung eines anderen Gesellschaftsmodells öffnet.

Es gibt in diesem Zusammenhang ein hilfreiches Konzept von André Gorz: die Idee der nicht-reformistischen Reformen. Das sind Maßnahmen, die zwar im Hier und Jetzt ansetzen, aber die bestehenden Machtverhältnisse, Eigentumsstrukturen und Logiken gezielt untergraben. Eine Reform für mehr öffentliche Infrastruktur wird so zum Hebel, um Marktlogiken zurückzudrängen, Bedürfnisse kollektiv zu verhandeln und neue Formen von Gemeingütern aufzubauen.

Der Schlüssel liegt darin, diese Maßnahmen nicht technokratisch, sondern politisch konflikthaft zu denken. Es geht nicht nur darum, das Busnetz auszubauen, sondern Mobilität als soziale Frage neu zu organisieren – weg vom Auto, weg vom Privateigentum, hin zu solidarischer und kollektiver Infrastruktur. Der utopische Horizont ist also kein fernes Ideal, sondern eine Richtung, und dient als Maßstab dafür, ob Reformen systemstabilisierend oder systemtransformierend wirken. Die Lücke zwischen Forderung und Utopie lässt sich nicht zuschütten, aber sie kann bewusst gestaltet werden, etwa als strategischer Raum, in dem politische Allianzen entstehen, Narrative verschoben und materielle Machtverhältnisse angegriffen werden.@


aus: surplus, das Wirtschaftmagazin
https://www.surplusmagazin.de/

Caro Rübe ist Politökonomin und forscht im Rahmen des Projekts »Powering Wealth« zu dynastischen Strategien. Caro benutzt alle Pronomen.

Matthias Schmelzer ist Professor für sozial-ökologische Transformationsforschung an der Europa-Universität Flensburg und leitet das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research.

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