Nr. 315    Erscheinungtermin: 01.03.2026
Transformation
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Transformation - Die soziale und ökologische Wucht des notwendigen Umbaus
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76 Seiten
März 2026
Preis: 5,00 EUR



Inhaltsverzeichnis
aaa-uftakt

Tickende Umwelt-Bombe
unter arktischem Eis

Grönland: Das strahlende Erbe der ersten amerikanischen Präsenz

von Elisabeth Krüger, aaa

Vor 50 Jahren gab die US-Armee Camp Century in Grönlands Westen auf. Der Klimawandel macht nun die Hoffnung zunichte, Giftmüll und verstrahltes Kühlwasser blieben auf ewig unter Eis konserviert.

Im Januar 2026 sorgte Donald Trump erneut für internationale Schlagzeilen, indem er seine Ansprüche bezüglich Grönland und Arktis bekräftigte. Mehrfach hat der US-Präsident erklärt, er sei bereit, alles zu tun, um Grönland zu bekommen – notfalls auch mit militärischen Mitteln. In Grönland selbst stößt das auf breite Ablehnung. Auch in den USA gibt es keine Mehrheit für eine gewaltsame Annexion der Insel – nur 7 Prozent der Amerikaner befürworten laut einer YouGov-Umfrage eine militärische Übernahme Grönlands.

Zwar wurde es zuletzt still um das Thema, doch in Dänemark, zu dem das autonom regierte Gebiet gehört, glaubt man, dass Trump seine Annexionspläne keinesfalls aufgegeben hat und weiterhin auf eine Übernahme Grönlands hinarbeitet. Die erneuten Diskussionen um strategische Partnerschaften oder gar Kaufoptionen machen jedenfalls deutlich: Die USA sehen die Arktis als entscheidende Zone für die nationale Sicherheit und den Zugriff auf Ressourcen. Geheimdienste und wirtschaftliche Interessen von verschiedenen Seiten wirken schon lange vor Ort.

Spuren hat die USA in Grönland schon vor Jahrzehnten hinterlassen -
und zwar in Form von Radioaktivität.

Gänzlich neu ist das (militär-)strategische Interesse der USA an der riesigen Insel zwischen Nordatlantik und Nordpolarmeer nicht. Vielmehr reichen entsprechende Beziehungen zwischen Grönland und den USA Jahrzehnte zurück – bis in den Zweiten Weltkrieg. Als Dänemark 1940 von der Deutschen Wehrmacht besetzt wurde, übernahmen die USA die Versorgung Grönlands und schlossen mit dem dänischen Gesandten in den USA Henrik Kauffmann 1941 ein Abkommen zur Errichtung von Basen auf der Insel. Nach Kriegsende schlugen die USA im Jahr 1946 Dänemark einen Kauf Grönlands vor, was aber auf Ablehnung stieß. Stattdessen übernahm Dänemark wieder die Kontrolle über Grönland und schloß 1951 ein Verteidigungsabkommen mit den USA, das es den USA erlaubte, weiterhin Militärbasen auf Grönland zu betreiben.

Camp Century wurde, ebenso wie vier ähnliche Basen, auf Grundlage dieses dänisch-amerikanischen Vertrags über die gemeinsame Verteidigung Grönlands gebaut. Bereits kurz nach dem Bau der Thule Air Base 1951 gab es Proteste, weil Bewohner*Innen nahegelegener Orte dafür zwangsumgesiedelt wurden; erst Jahrzehnte später wurden sie dafür entschädigt.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs zogen sich die Vereinigten Staaten in den 1990er-Jahren weitgehend von dort zurück. Übrig blieb (zumindest offiziell) nur eine US-Präsenz: die Thule Air Base, die 2023 in Pituffik Space Base umbenannt wurde.

„Stadt unter dem Eis“ im Kalten Krieg

1959 befand sich der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt, und die Angst vor einem sowjetischen Erstschlag dominierte das militärische Denken. Während heute über Rohstoffe und Schifffahrtswege diskutiert wird, sahen die Strategen der 50er Jahre Grönland als den perfekten, unsinkbaren Flugzeugträger aus Eis. 1959 startete das US Army Corps of Engineers das geheime Projekt „Iceworm“.

Unter dem harmlosen Deckmantel der Polarforschung begann das US Army Corps of Engineers mit einem wahnwitzigen Bauvorhaben. Offiziell wurde Dänemark mitgeteilt, Ziel des Projekts seien Bauversuche unter arktischen Bedingungen, wissenschaftliche Forschung und die Nutzung von Atomenergie. Kritiker gehen jedoch davon aus, dass es in Wahrheit darum ging, Atomwaffen und Truppen nahe der Sowjetunion zu stationieren.

Der Plan war gigantisch: Ein Netzwerk aus 4.000 Kilometern Tunneln sollte unter dem Eis gegraben werden. Darin sollten 600 atomare „Iceman“-Mittelstreckenraketen auf Schienen ständig in Bewegung bleiben – unsichtbar für den Feind und nah genug an Moskau, um bei verkürzten Vorwarnzeiten jederzeit zuzuschlagen und das strategische Gleichgewicht im Kalten Krieg zugunsten der USA zu verschieben. Camp Century fungierte lediglich als Prototyp für dieses apokalyptische Unterfangen.

Tatsächlich wurden lediglich 21 Tunnel mit einer Gesamtlänge von etwa drei Kilometern gebaut.Riesige Gräben wurden in das Inlandeis gefräst, mit massiven Stahlbögen abgedeckt und anschließend wieder mit Schnee verschüttet.Schweizerische Schneefräsen, die ursprünglich zur Freilegung blockierter Alpenpässe bestimmt waren, hoben die acht Meter tiefen Gräben aus, in denen die Wohnräume in Fertigteilbauweise ebenso rasch aufgestellt wurden, wie der kleine mobile Atomreaktor in Betrieb ging.

Unter dem grönländischen Eisschild entstand
die Militärbasis Camp Century -„City under the Ice“.

Für die bis zu 200 dort stationierten Soldaten bot sich ein surrealer Komfort. Während draußen arktische Stürme tobten, gab es im Inneren des Gletschers beheizte Wohnquartiere, ein Kino, eine Bibliothek und sogar eine Kapelle. Die Energie für diese Infrastruktur lieferte der PM-2A, der erste mobile Atomreaktor der Welt.

Atomreaktor verseucht Schnee und Eis

1960 nahmen die US-Streitkräfte in Camp Century den mobilen Atomreaktor PM-2A in Betrieb. Er lieferte zwei Jahre lang Strom und Wärme für die Basis. Der Reaktor war in Schenectady im US-Teilstaat New York gebaut und per Schiff zur Luftwaffenbasis Thule an Grönlands Westküste gebracht worden, wo er auf einen Spezialschlitten verladen und rund 200 Kilometer über eisige Wüsten landeinwärts gezogen wurde.

Das Kühlwasser, gewonnen aus geschmolzenem Schnee und Eis, wurde radioaktiv. Dänemark erlaubte den USA, dieses Wasser im Schnee zu entsorgen. Beide Länder gingen davon aus, die Strahlung sei harmlos. Diese Einschätzung erwies sich später als falsch. Radioaktive Stoffe gelangten in die Umwelt und veränderten die Schneedecke.

Die Ingenieure hatten einen entscheidenden Faktor unterschätzt:
Die Dynamik des Eises. Ein Gletscher ist kein statischer Felsblock, sondern eine zähflüssige, sich bewegende Masse. Schon wenige Jahre nach der Fertigstellung begannen sich die Tunnel von Camp Century zu verformen. Decken senkten sich, Wände kamen näher. Durch die ständige Bewegung des Eises stürzten Tunnel ein. Die Natur holte sich ihr Territorium zurück. Schließlich wurde das Projekt Iceworm als undurchführbar eingestuft und 1967 eingestellt. Der Reaktor wurde abgebaut. Die letzten Soldaten verließen die Basis. Sie ließen fast alles zurück, in der festen Annahme, dass der ewige Schnee das Camp für immer begraben und versiegeln würde. Die Folgen der radioaktiven Belastung werden bis heute untersucht.

Atommüll unter dem Eis

Der feste Abfall ist derzeit von einer rund 36 Meter dicken Eisschicht bedeckt, der flüssige von etwa 65 Metern Eis. Die schlechte Nachricht: Spätestens rund um das Jahr 2090 könnte diese Schutzschicht wegen des Treibhauseffekts weggeschmolzen sein. „Das würde letztlich die Remobilisierung physischer, chemischer, biologischer und radiologischer Abfälle an dieser Stelle bedeuten“, warnen Forscher.

Der einstige Glaube, dieses Umweltproblem unter einer polaren Eisschicht gleichsam sich selbst überlassen zu können, erweist sich angesichts des vom Menschen verstärkten Klimawandels als trügerisch. Es sind bedenkliche Substanzen, die aus den Trümmern des Camps ins Schmelzwasser und somit über kurz oder lang ins Polarmeer gelangen könnten:

  • rund 20.000 Liter Dieselöl für die Notfallgeneratoren,
  • 24 Millionen Liter menschlicher Fäkalien und sonstiger organischer Abfälle, die in Sickergruben deponiert wurden,
  • schwach verstrahltes Kühlwasser des Atomreaktors, das ebenfalls in einer unisolierten Grube lagert,
  • 9200 Tonnen Bauschutt und vor allem eine nicht näher quantifizierte, aber laut Einschätzung der Forscher „nicht triviale“ Menge an polychlorierten Biphenylen.

Die mögliche Remobilisierung des hinterlassenen Abfalls, der zuvor als sichergestellt galt, stellt einen gänzlich neuen Grund für einen politischen Disput dar, der aus dem Klimawandel resultiert.

Absturz eines Atom-Bombers bei Thule 21. Januar 1968

Parallel dazu führten die USA geheime Flüge von der Thule-Basis aus durch. Teil der Operation „Chrome Dome“ waren tägliche Patrouillenflüge von B-52-Bombern mit 4 Atombomben an Bord.

Am 21. Januar 1968 ereignete sich nach einigen kleineren bis mittelschweren Unfällen in den Jahren zuvor nahe der Thule Air Base ein katastrophaler Zwischenfall, der großen materiellen wie diplomatischen Schaden verursachte: der Absturz einer B-52 Stratofortress. An Bord befanden sich vier Wasserstoffbomben.

An Bord des Langstreckenbombers der US Air Force war während des Flugs ein Feuer ausgebrochen, sodass die sieben Besatzungsmitglieder entschieden, das Flugzeug aufzugeben und sich per Fallschirm zu retten, wobei einer der Männer beim Ausstieg tödlich verunglückte. Die führerlose Maschine schlug in einer vereisten Bucht zwölf Kilometer westlich der Thule Air Base auf. Zwar kam es zu keiner Detonation der atomaren Sprengköpfe, doch wurde viel radioaktives Material verstreut.

Schnelle und effektive Schadensbegrenzung war nun das Gebot der Stunde, und umgehend wurde die aufwendige „Operation Crested Ice“ gestartet, um die Trümmer und das kontaminierte Material einzusammeln, bevor das Eis schmelzen würde. Viele Informationen dazu sind seit Jahrzehnten bekannt, aber einige zuvor geheime US-Dokumente zum Thule-Zwischenfall und seinen Folgen wurden erst kürzlich freigegeben. Das National Security Archive, eine Einrichtung der George Washington University, hat diese jetzt ausgewertet und erstmals veröffentlicht.

Zwar starteten die USA unter extremen arktischen Bedingungen eine massive Säuberungsaktion, um die Spuren des Unfalls zu beseitigen. Doch deklassifizierte Dokumente und spätere Untersuchungen nähren bis heute den Verdacht, dass die offizielle Erfolgsmeldung lückenhaft war: Während Trümmerteile von drei Bomben identifiziert wurden, deutet vieles darauf hin, dass die zweite Stufe der vierten Waffe (Seriennummer 78252) durch das geschmolzene Eis sank und als verlorenes Relikt des Kalten Krieges bis heute ungeborgen auf dem Grund des Arktischen Ozeans ruht.

Die Papiere zeigen auch, dass die dänische Seite in dieser Krise durchaus in der Lage war, Druck auf die USA auszuüben, da diese das Fortbestehen des Vertrags über die US-Präsenz auf Grönland von 1951 tunlichst nicht in Gefahr bringen wollten. So erwirkte Dänemark, dass das radioaktiv kontaminierte Material und die Trümmer nicht etwa auf der Insel vergraben wurden (wie von den USA präferiert), sondern in versiegelten Spezialcontainern in die USA verbracht werden sollten – alles in allem ein Volumen von 10.000 Kubikmetern.

Fast acht Monate lang arbeitete man daran, 30 Tanks mit kontaminiertem Schmelzwasser zu füllen, das nach South Carolina verschifft wurde. Zahlreiche der rund 1700 dänischen Arbeiter, die zum Aufräumen eingeteilt wurden, erlitten schwere Verstrahlungen (jeder vierte starb an Krebs).

Bis zum Spätsommer 1968 transportierte die US Air Force tausende Tonnen Atommüll in Endlager des US-Bundesstaats South Carolina ab. Dabei konnte jedoch nicht sämtliches Material gefunden und entsorgt werden, darunter Bombenteile, die auch unter Wasser mit einem U-Boot vergeblich gesucht wurden. Spätere Berichte, in Wahrheit sei eine vollständige Atombombe verloren gegangen, erwiesen sich aber als falsch.

Neben dem Umweltdesaster galt es gleichzeitig,
den politischen Schaden des Unfalls einzuhegen.

Dieser Unfall war insofern politisch heikel, weil Dänemark vor dem Nato-Gipfeltreffen 1957 in Paris beschlossen hatte, dass Grönland zumindest in Friedenszeiten atomwaffenfrei sein sollte. Die Untersuchung durch das Institut für Außenpolitik brachte zutage, dass der damalige dänische Ministerpräsident, H. C. Hansen der US-Regierung gegenüber den Beschluss seiner eigenen Regierung, auf Grönland keine Atomwaffen zu stationieren, verschwiegen hatte. Hansen hatte also davor gekniffen, das heikle Thema mit den Amerikanern zu besprechen.

Das Thule-Desaster offenbarte nun, dass man es in Bezug auf Grönland dabei nicht so genau genommen und den USA stillschweigend atomare Stationierungen und Überflüge gestattet hatte. Im Februar 1968 verabschiedete das dänische Parlament eine Resolution, die von der Regierung verlangte, US-Garantien zu einem strikt nicht-nuklearen Status von Grönland zu erwirken. Bis Ende Mai 1968 trafen und verkündeten die Regierungen beider Länder eine entsprechende Übereinkunft (wenn auch mit geheimen Absprachen für etwaige „Umstände von extremer Gefahr“).

Manche Details zum Thule-Absturz und seinen Folgen sind jedoch bis heute unklar. Denn diverse Akten der US-Botschaft unterliegen nach Angaben des National Security Archive immer noch der Geheimhaltung, ebenso etliche Dokumente des US-Außenministeriums.

Camp Century und die mutmaßlich vor Thule liegende Atombombe dienen als Mahnung:

Was in der Natur vergraben wird,
bleibt nicht unbedingt für immer verborgen.
Das strahlende Erbe der ersten amerikanischen Präsenz wirkt in die Zukunft.@


Quellen: www.stuttgarter-zeitung.de 4.2.26
www.nordisch.info 16.1.26
www.welt.de21.1.26
www.diepresse.com 25.8.16

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