Atomkraft für Chatbots
Warum in den USA wieder massiv in Atomenergie investiert wird
von Eva Thiéba
Kräne, Brachflächen und überall Baustellen, wo neue Rechenzentren entstehen. Die Landschaft im Norden Virginias westlich der Hauptstadt Washington, D.C. wirkt dystopisch. An schnurgeraden Straßen stehen – aufgereiht entlang neuer Stromleitungen – riesige Betonklötze, alle ohne Fenster. Dazwischen gigantische Umspannstationen und überall neue Baustellen.
Virginia ist wegen der Nähe zur Bundeshauptstadt, des preisgünstigen Baulands, spezieller Steueranreize, der vorzüglichen Stromversorgung und des Anschlusses an das Untersee-Internetkabel zwischen Nordamerika und Europa einer der attraktivsten Standorte für Rechenzentren weltweit. Im ersten Halbjahr 2025 verbrauchten die mehreren Hundert Rechenzentren dieser Region insgesamt 6,2 Gigawatt (GW). Die gesamte Stromerzeugungskapazität des Bundesstaats liegt bei 29 GW, zu 50% aus Gaskraftwerken.
„Wir wollen, dass die KI im Land bleibt“, erklärte Donald Trump, als er im Januar 2025 das Projekt Stargate der Öffentlichkeit vorstellte. Im Rahmen von Stargate sollen 500 Milliarden US-Dollar an privaten Geldern in Rechenzentren investiert werden. Da man in Konkurrenz mit China und anderen Ländern stehe, müsse man in den USA riesige Mengen Strom produzieren, erklärte der Präsident. Er werde persönlich dafür sorgen, dass die Digitalkonzerne „diesen Strom produzieren können – an ihren eigenen Betriebsstandorten, wenn sie wollen“.
Die Öl und Gasproduzenten, die Trumps Wahlkampf großzügig unterstützt haben, reiben sich die Hände: Ihr Präsident liefert die perfekte Rechtfertigung, ihre Produktion schnell und massiv zu steigern, auf Kosten der Erneuerbaren. Die AKW-Betreiber der USA hatten Trumps Kampagne nicht so üppig gefördert. Ihr Ruf leidet noch immer unter dem Reaktorunfall von 1979 im AKW Three Mile Island. Aber auch sie surfen auf der KI Welle und genießen die Unterstützung der TechMagnaten des Silicon Valley.
1,5 Prozent des globalen Stromverbrauchs entfallen mittlerweile auf die energiehungrigen Rechenzentren. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) wird dieser Anteil in den nächsten fünf Jahren erheblich zunehmen.Das größte Problem sind die stromfressenden Rechenzentren letztlich auf lokaler Ebene, weil ihre Expansion mit geografischer Konzentration einhergeht. So entfielen 2024 etwa 45 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs für Rechenzentren auf die USA, gefolgt von China (25 Prozent) und Europa (15 Prozent).
Diese Konzentration ist in Virginia besonders sichtbar, wo der deutliche Anstieg des Energiebedarfs vor allem auf die Rechenzentren zurückgeht. Zwischen 2022 und 2024 flossen 84 Prozent des Kapitals, das in Virginia investiert wurde, in Rechenzentren. Der Boom wird auch von der US Regierung angeheizt. Der massenhafte Bau von Rechenzentren bringt den unmittelbaren Vorteil, dass er die geschwächte Konjunktur stützt. Zudem ist die KI-Förderung auch von militärstrategischer Bedeutung.
„Die Tech Giganten und ihre Rechen zentren unterstützen die Staaten auch militärisch, indem sie mithilfe der KI die enormen Datenmengen speichern und verarbeiten, die in Kriegszonen von Kameras oder Sensoren gesammelt werden, wie es etwa Israel in Gaza macht“, erklärt der Politikwissenschaftler Vili Lehdonvirta, der an der Atomkraft für Chatbots an der finnischen AaltoUniversität zur digi talen Plattformökonomie forscht. „Die TechUnternehmen könnten der US-Regierung auch jenseits der militärischen Dimension Zugriff auf ihre Daten gewähren, womit diese nachrichtendienstlich nutzbar werden.“ Lehdonvirta kommentiert auch die Tatsache, dass die großen US-Digitalkonzerne ständig vor der Konkurrenz aus China warnen: „Damit verschaffen sie sich die finanzielle und regulatorische Unterstützung des Staates, ohne die sie nicht auf dem heutigen Niveau weitermachen können“, so Ledonvirta.
Bill Gates und sein Mini Reaktor
Tendenziell sind die Rechenzentren für die Energiewirtschaft allerdings mit einigen Unsicherheitsfaktoren verbunden. Das hängt mit der zukünftigen Entwicklung der KI zusammen. Die Labore und Forschungsinstitute erstellen ihre Bedarfsprognosen auf Grundlage des aktuellen Verbrauchs der Rechenzent ren. Prognosen sind per se unsicher und außerdem kommen die Prozessoren durch ihre Weiterentwicklung möglicherweise in Zukunft mit weniger Energie aus. Auch bei den Kühlsystemen könnte sich der Verbrauch optimieren lassen. Zudem ist unklar, wie ein Rechenzentrum definiert und was mit eingerechnet wird und was nicht. Unbekannt ist auch die zukünftige Nachfrage.
Und es gibt noch andere Hürden, die den Boom in Zukunft bremsen könnten: Neue Projekte für Rechenzentren könnten von Bürgerinnen und Bürgern blockiert werden, die sich Sorgen über die Auswirkungen auf die Umwelt machen. So haben sich in Virginia Anwohner*Innen zusammengeschlossen, um juristisch gegen die Entwickler des Prince William Digital Gateway vorzugehen. Damit konnten sie den Baubeginn für den geplanten 87 Hektar Technologiepark mit mehreren Dutzend Rechenzentren vorerst hinausschieben.
Auch Engpässe und Störungen der Lieferketten – für Prozessoren oder seltene Erden – oder simple Transportprobleme könnten die Dynamik bremsen. Schon heute scheitern manche Projekte, weil schlicht die Netzanbindung fehlaut
Im Juli 2024 informierte Dominion,Virginias größter Stromerzeuger sowie Netzbetreiber und Versorger, seine Kunden darüber, dass sie auf Hochleistungsanschlüsse zukünftig vier bis sieben Jahre warten müssen. Das ist ein US-weites Problem. Um ihre Chancen auf einen Anschluss zu verbessern, stellen die Entwickler von Rechenzentren für dasselbe Vorhaben mehrere Anträge bei verschiedenen Energieanbietern, womit eine „Phantom“Nachfrage entstanden ist. Die zirkulierenden Zahlen übersteigen jede Fantasie. Der für Virginia und den Nordwesten der USA zuständige Netzregulierer PJM Interconnection geht davon aus, dass der Stromverbrauch in den nächsten zehn Jahren um fast 500 TWh steigen wird – mehr als der derzeitige deutsche Jahresbedarf. Deshalb will man bei PJM umplanen. Der Netzregulierer führt zwar eine Warteliste mit hunderten regenerativen Kraftwerksprojekten, die der Realisierung harren, entschied aber dennoch,die Stilllegung eines Kohlekraftwerks in Maryland aufzuschieben, „bis die Übertragungsleitungen so nachgerüstet sind, dass Strom aus anderen Quellen geliefert werden kann“.
Zusätzlich beschleunigt PJM den Bau und Ausbau von Gaskraftwerken – mit einem Volumen von 7,8 GW – wie auch von Batteriespeichern (2,3 GW) und AKWs (1,4 GW). 90 Prozent dieser Anlagen sollen bis 2030 ans Netz gehen. Was das bedeutet, verrät die IEA: Weil die Nachfrage in den USA in den nächsten fünf Jahren besonders rapide steigen werde, sei die „wichtigste zusätzliche Versorgungsquelle“ Erdgas. Hier aber liegt ein Problem: Da diese CO 2 -Schleudern, wenn sie einmal gebaut sind, jahrzehntelang in Betrieb bleiben, werden sie zum Hemmschuh für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die aber wären heute die konkurrenzfähigste Art der Stromerzeugung, „wenn man keine Energieform subventionieren würde“. Am Ende könnte sich herausstellen, dass die neuen Gaskraftwerke überflüssig sind. Das spekulative Bauen über den Bedarf hinaus verursacht erhebliche Finanzierungskosten. Jede unnütze Gigawatt-Kapazität verursacht Baukosten von 1 bis 2 Milliarden Dollar. Die Strompreise in den USA, die ohnehin aufgrund der rapide erhöhten Nachfrage seitens der Rechenzentren gestiegen sind, könnten durch die nicht benötigten Infrastrukuren noch weiter in die Höhe klettern.
Atomenergie als „coolste Aufgabe“
In diesem blinden Energiewettlauf plädieren die Magnaten der Digitalbranche für die Atomkraft. Nach der „coolsten Aufgabe“ gefragt, die er sich vorstellen könne, antwortete Bill Gates „die Kraft der Atome so zu bändigen, dass wir unsere Welt damit versorgen können“ . Jetzt läßt er von seiner neuen Firma TerraPower einen „kleinen modularen Reaktor“ (SMR) entwickeln. Ein Prototyp soll in Wyoming gebaut werden; es fehlt nur noch die Genehmigung der Aufsichtsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission).
Atomkraft-Fan ist auch Sam Altman, Mitbegründer und Chef des ChatGPT-Entwicklers OpenAI. Das mit Kapital der Tech-Branche finanzierte Start-up Oklo Inc., das er bis Frühjahr 2025 leitete, will ebenfalls einen SMR entwickeln. Solche Mini-AKWs, die überall in den USA geplant werden, hät ten den Vorteil, dass sie die Rechenzentren direkt versorgen könnten und vom Übertragungsnetz unabhängig wären.
Allerdings hat die SMR-Entwicklung, an der auch China und Russland arbeiten, mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen. So sind die Mini-AKWs bis heute wirtschaftich nicht tragfähig, weil der erzeugte Strom zu teuer ist.
Solange die Zauberformel für die SMR nicht gefunden ist, setzt die Digitalwirtschaft auf vorhandene Optionen, die kostengünstiger und schneller realisierbar sind. Eine Möglichkeit ist die Reaktivierung stillgelegter AKWs.
Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei die Meldung, dass das berüchtigte AKW Three Mile Island wieder in Betrieb gehen soll. Die dicht bevölkerte Region entging 1979 knapp einer Katastrophe, als nur wenige Monate nach Inbetriebnahme des AKWs ein Unfall im Reaktorblock eine partielle Kernschmelze auslöste. Das Trauma von Three Mile Island brachte damals das jähe Ende für die Entwicklung der zivilen Atomenergie. Nun steht im AKW Three Mile Island auf Wunsch von Microsoft die Reaktivierung des Reaktorblocks 1 bevor, der 1979 unbeschädigt geblieben war. Er war 1985 wieder ans Netz gegangen, 2019 aber wegen mangelnder Rentabilität erneut stillgelegt worden. Im September 2024 schloss Microsoft einen Vertrag ab, der dem Konzern ab 2027 für 20 Jahre Strom aus Three Mile Island sichert.
Anfang der 2010er Jahre – 30 Jahre nach dem Unglück – sollte die Renaissance der zivilen Atomkraft in den USA durch vier neue Reaktoren besiegelt werden, die den Bestand von rund 50 AKWs mit etwa einhundert Reaktoren komplettieren sollten. Dann aber kam es zu Verzögerungen und Kostenüberschreitungen, die das Unternehmen Westinghouse 2017 in den Bankrott trieben.
Per Dekret für ein neues Atomzeitalter
Wright bewilligte für die Reaktivierung von Three Mile Island die Bürgschaft für ein Darlehen in Höhe von 1 Milliarde Dollar. Das Projekt soll 1,6 Milliarden Dollar kosten. Doch die großzügigste Hilfe für die Atomindustrie ist der Price-Anderson-Act. Dieses Gesetz bestimmt, dass die AKW-Betreiber für den Großteil der Kosten, die durch Unfälle entstünden, nicht mehr haften müssen. Am 23. Mai 2025 unterzeichnete Donald Trump mehrere Executive Orders, die „ein neues Atomzeitalter einläuten“ sollen, etwa indem die Aufsichtsbehörde NRC ihre Genehmigungsverfahren beschleunigt.
„Wir führen die Welt in eine Zukunft, die von US-Atomenergie gespeist wird“, frohlockt Michael Kratsios, Leiter des Büros für Wissenschaft und Technologie im Weißen Haus. Damit sei sichergestellt, „dass wir energiepolitisch unabhängig bleiben und die USA ihre Führungsrolle bei der künstlichen Intelligenz behaupten“.
Eines von Trumps Dekreten sieht vor, dass bis 2050 insgesamt 300 GW zusätzlicher Atomstrom erzeugt werden; ein weiteres, dass bis 2030 zehn Reaktoren „im Bau sein“ sollen. „Durch den Ausbau des eigenen Kraftwerkparks können die USA ihre Position im internationalen Konkurrenzkampf um den Verkauf kommerzieller AKWs verbessern.“ Die Hauptkonkurrenten sind dabei China und Russland. Die Ukraine und Polen haben sich für ihre AKW-Projekte bereits für Westinghouse-Reaktoren entschieden. Und am 18. November 2025 vereinbarte Trump mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ein „Civil Nuclear Cooperation Agreement“, das Riad den Weg zur zivilen Nutzung der Atomenergie eröffnet, der den Saudis bisher verschlossen war.
Die militärische Nutzung der Atomenergie
Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt bei den neuen nuklearen Plänen Washingtons die rüstungspolitische Dimension. Die Weiterentwicklung der zivilen Atomenergienutzung wird auch damit begründet, dass sie zur Bildung eines Pools von Technikern und Ingenieuren beiträgt, die für militärische Nuklearprogramme rekrutiert werden.“
Der große KI-Wettlauf bedeutet also einen Entwicklungsschub für die Atomenergie, der alte Fragen erneut auf die Tagesordnung setzt. Das betrifft etwa die Brennstoffbeschaffung, die Kontrolle der Weiterverbreitung, die Entsorgung des Atommülls und insgesamt die gesellschaftliche Akzeptanz der Anlagen.
Es könnte durchaus sein, dass die besseren Vororte von Washington, denen schon die Nachbarschaft der Rechenzentren missfällt, gegen Atomreaktoren in ihrer Nähe – und seien es Mini-AKWs – und gegen den anfallenden Atommüll rebellieren. Es bleibt abzuwarten, wer letztlich die Kosten für diesen technophilen Rausch übernimmt und welche alternativen Investitionen dafür auf der Strecke bleiben.@
Quelle: LE MONDE diplomatique 11. januar 2026