Nr. 298    Erscheinungtermin: 09.08.2022
Sicherheit anders denken

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76 Seiten
August 2022
Preis: 4,00 EUR



 
 
 
 

Inhaltsverzeichnis  

  • aaa-uftakt

    Es ist wohl ein menschlich tief verwurzelter Wunsch, das Lebensumfeld als verlässlich ansehen zu dürfen. Auch wenn die Erfahrung immer wieder lehrt, dass es „Sicherheit“ als unverrückbare Größe nicht gibt, bleibt das nachvollziehbare und sicherlich auch berechtigte Bestreben, den gewohnten Gang der Dinge vor hereinbrechenden Veränderungen zu bewahren. Dass dieses Bemühen zwangsläufig an Grenzen stößt, haben wir in dieser Zeitschrift im Zusammenhang mit radioaktiven Gefahrstoffen wiederholt zum Thema gemacht.

    Von radioaktiven Gefahrstoffen wird auch in dieser Ausgabe die Rede sein – diesmal allerdings nicht im Umgang mit den Hinterlassenschaften der atomaren Stromerzeugung, sondern mit deren Verwendung als Waffe. Am Jahrestag der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki stehen auf dem Titelblatt die Worte „Sicherheit anders denken“; gemeint ist hier ein zentraler Begriff der Beziehungen zwischen Staaten. Nein – genauer gesagt geht es um den Verlust an Beziehungen. den wir gerade erleben, und das unfassbare Drohen und Aufrüsten, das infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine an deren Stelle getreten ist. Die Beiträge im Themenschwerpunkt zeigen auf, dass es – entgegen der veröffentlichten Mehrheitsmeinung – sehr wohl andere Optionen der politischen Reaktion auf das Kriegsgeschehen gibt als den Weg der derzeit eingegschlagenen Militarisierung und Eskalation. Geben muss, wenn wir die Mahnung der Hibakusha ernst nehmen!

    Eigentlich herrscht kein Mangel an gutem Rat. „Sicherheit neu denken“hat besipielsweise die badische Landeskirche eine Kampagne überschrieben, der sich eine ganze Reihe von friedenspolitischen Akteuren angeschlossen hat; „die Welt neu denken [zu ] lernen“ empfiehlt ein lesenswertes Buch über die Idee einer „planetaren Politik“.. Bei den Vereinten Nationen ist das Verständnis von „Menschlicher Sicherheit“ seit vielen Jahren Richtschnur für eine anstrebenswerte Entwicklung hin zu einem guten Leben für alle. Die Reihe dieser Beispiele ließe sich fortsetzen. Einige weitere finden sich auf den folgenden Seiten.

    Sie unterscheiden sich zum Teil ganz erheblich: in ihren Sichtweisen; darin, in in welchen Kontext sie ihre Ausführungen stellen; nicht zuletzt in den Handlungsempfehlungen, die sie daraus ableiten. Gemeinsam ist zweierlei: zum einen die Überzeugung, dass so ziemlich alles andere besser ist als Wettrüsten. (Die Vorstellung, das wechselseitige Zufügen schrecklicher Dinge oder deren Androhung ließe sich in eine Art Balance bringen und dort dauerhaft halten, ist ja schon von der Idee her aberwitzig; in der Praxis ist sie durch jahrhundertelange Erfahrung widerlegt.. Am „Gleichgewicht des Schreckens“ ist nur eins real, nämlich das Zerstörungspotential, das diesen Schrecken hervorruft.)

    Die zweite Gemeinsamkeit ist: Sie finden kein Gehör. Im Gegenteil. Statt sich der realen Probleme anzunehmen, also statt etwas zu unternehmen gegen Hunger, Armut, die rasante Veränderung des Klimas, den Verlust der Biodiversität, unternimmt die Politik größte Anstrengungen, um die Rüstungsspirale zu drehen.

    Warum ist das nur so? Was uns nach diesen Darlegungen höchst unvernünftig erscheinen muss, folgt der Logik eines kapitalistischen Wirtschaftssystems mit seinem innewohnenden Zwang zu ständiger Konkurrenz und Feindseligkeit. Diese Art der Vernunft wird offensichtlich als unveränderlich angesehen. Die Dichterin Ingeborg Bachmann hat dazu geschrieben: „Über den Krieg jammern, das kann jeder. Was man jedoch nicht kann, ist einzusehen, dass der existierende Friede eine Art Krieg ist, ein eingefrorener Krieg – der im „heißen“ Krieg explodiert. Auch deshalb war der Krieg bisher unabwendbar.“

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