Utopien fallen nicht vom Himmel, Veränderungen müssen gegen den harten Widerstand der etablierten Mächte erkämpft werden. Ein nüchterner Blick auf 1004

Kleine Insel am Rand der Republik

von Hauke Benner

Als wir von der BBA-Bremen nach dem gescheiterten Besetzungsversuch der Wiese vor dem geplanten AKW in Brokdorf im Herbst 1976 nach Hause fuhren war klar: wir kommen wieder.14 Tage später tobte dann am schnell errichteten Gitterzaun und den breiten Wassergräben eine regelrechte Schlacht mit den Wasserwerfern, Schlagstöcken der hochgerüsteten Polizeieinheiten. Wieder mussten wir abziehen. Aber aus 8.000 waren binnen zwei Wochen 30.000 geworden. Darunter alle Generationen, ganz viele mit Helm, Gasmaske, Enterhaken und dicken Seilen. Viele kennen diese Bilder.

In der BBA schossen die Stadtteilinitiativen aus dem Boden, binnen eines Jahres waren wir 1.000 Aktivistinnen. Auf den VV‘s und auf Flugblättern zerbrachen wir uns den Kopf, warum der Staat so massiv ein zweites Wyhl verhindern wollte. Kanzler Schmidt, die Gewerkschaftsbosse und die Konzernmanager der Energiemultis wollten auf Knüppel komm‘ raus diese Atommeiler. Wir fragten uns, was ist an der Atomtechnologie so attraktiv für Staat und Kapital? Sicher der militärische Aspekt war lag auf der Hand. Aber warum diese Monster an Rhein, Elbe und Weser?

Ein kleinerer Kreis von kritischen Wissenschaftlerinnen an der Bremer Uni, paar Studentinnen und einige Linksradikale aus der BBA fingen an, sich mit Technik und Wissenschaft im Dienste des Kapitals zu beschäftigen. Sehr schnell erkannten wir, dass hier ein Aspekt eine große Rolle spielte, den wir bisher übersehen hatten: Macht. Politische und ökonomische Machtkonzentration in den Händen von Konzernbossen, die das Leben von Hunderttausenden aufs Spiel setzen, nur um ihre Aufgabe zu erfüllen, den höchstmöglichen Profit in der kapitalistischen Konkurrenz herauszuschlagen. Diese Erkenntnis machte bald als Parole die Runde: "Das System hat keine Fehler. Das System ist der Fehler!"

Für lächerliche 2-3 Pfennig wurden den Großkunden aus der Chemie und Metallverarbeitung der hochsubventionierte Strom angeboten. Angeblich gab es keine Alternative zur Stromproduktion aus der Kernspaltung. Doch! Die gab es. Da war die Sonnenenergie, da gab es intensive Bemühungen, durch die Verbreitung von Blockheizkraftwerken Energieverbrauch zu reduzieren, und da waren damals schon die ersten zwar noch kleinen Windkrafträder im Einsatz. Und die verursachten kein Müllproblem und verseuchten nicht durch radioaktive Strahlung die Milch der Kühe auf den umliegenden Wiesen.

Wir machten uns auf die Suche nach weiteren Alternativen. Einige fuhren nach Larzac zu den kämpfenden Bäuerinnen gegen das französische Militär und ihren Versuchen, eine – heute würden wir sagen – nachhaltige Form der Landwirtschaft zu entwickeln. Andere fuhren nach Tvind in Dänemark und bestaunten die ersten größeren Windkrafträder, wiederum andere ließen sich von der Summerschool in England bei E.F. Schumacher über ‚small is beautiful‘ informieren. Allen gemein waren die Versuche, eine Technik im Dienste der Menschen und nicht der Profite zu entwickeln. Und nicht zuletzt der Kampf der Uhrenarbeiterinnen bei LIP in Besancon und ihrer selbstorganisierten Produktion von Uhren inspirierten uns, über alternative Form der Produktion jenseits der entfremdeten Arbeit in der kapitalistischen Fabrik nachzudenken.

    Es ging ums Ganze

Uns war klar, dass Atomkraft ganz eng mit kapitalistischer oder eben auch mit sozialistischer Herrschaft verbunden war. Es war eine rückwärtsgewandte Technologie. Die Studie des ‚Club of Rome‘ hatte bereits 1971 auf das Ende des Wachstums und des Ressourcenverbrauchs hingewiesen, wenn die Welt weiter so macht in ihrem ‚business as usual‘. Natürlich wurde diese Studie von Kanzler Schmidt, seinen Gewerkschaftsbossen und den Konzernmanagern belächelt und ignoriert.

Als dann Robert Jungk seine berühmte Rede auf der Brokdorfdemo 1977 über den Atomstaat hielt und wir ins Visier der Rasterfahndung des BKA-Chefs Herold spätestens bei der Kalkardemo gerieten, wurden die militanten Teile der Bewegung in die Nähe der RAF gerückt. Es gab kein Zurück mehr zur friedlichen Platzbesetzung. Die erste Kriminalisierungswelle rollte an, die Grohndeprozesse und die Brokdorfprozesse gingen in die Geschichte ein.

Atomkraftwerke wurden zum Symbol einer Technik, die unsere Zukunft auf diesem Planeten bedrohte. Immer mehr Wissenschaftlerinnen warnten vor den Gefahren. Doch diese blieben unerhört. Bis Harrisburg 1979. In der Zeit des Gorlebentrecks nach Hannover drohte der erste Supergau in der westlichen Welt. Das Märchen von der sicheren Atomkraft war geplatzt. Aber auch das führte noch zu keiner Umkehr. Zu viel Geld stand auf dem Spiel. Zu viele Milliardeninvestitionen mussten sich erst noch amortisieren.

Zwar dämmerte Albrecht und Schmidt, dass sie mit ihrer Standortauswahl für das Endlager wesentlich mehr Probleme bekamen, als in dem erzkonservativen Landstrich zu erwarten gewesen war. Gorleben war schnell zum Symbolort alternativer Lebensentwürfe von Bäuerinnen und Müslis geworden. Alles irgendwie anders als die Alternativbewegung aus den Großstädten. Alles irgendwie sanfter, phantasievoller, gewitzter in seinen Widerstandsaktionen als die gewohnten Bilder von behelmten AKW-Kämpferinnen an den Bauzäunen von Brokdorf oder Grohnde.

    Dann kam im Mai 1980 die Bohrplatzbesetzung von 1004

Als an den Bauzäunen kampferprobte Kämp­fer*innen war für uns 1004 zunächst eine Idylle. Hier wurde eine Freie Republik gespielt – irgendwie unwirklich. Trotzdem anziehend,.Faszinierend.

Wir fuhren aus Bremen zu Dutzenden mit viel Baumaterial hin, bauten unser Haus. Debattierten mit, wie wir am besten die Räumung behindern oder gar verhindern können, stritten uns mit den Gewaltfreien von der BI. Nach unseren bisherigen Begegnungen mit der Polizei hatten wir nicht die geringste Lust, uns wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen. Hier wurde nun in schier endlosen Debatten eine Übereinkunft herbeigeredet, gegen die gewalttätige Polizeiarmada ja keine Gegen-Gewalt auszuüben! Leicht zu ertragen war das nicht, aber nun ja: wir hielten trotzdem die Stellung bis zur Räumung. Zwar hat uns die geballte, brutale Staatsmacht, die mit lächerlich großen Raupenschleppern binnen einen Tages das Hüttendorf plattmachte, auch erst mal die Sprache verschlagen. Aber wir hatten das im Vorfeld erwartet, dass wir hier nicht monatelang eine soziale Utopie ausleben hätten können. Dafür stand für die Gegenseite zuviel auf dem Spiel. Schließlich musste irgendwie der Endlagernachweis für den Atommüll her, sonst konnten keine weiteren Atommeiler gebaut werden.

Wenn im Nachhinein 1004 als die Realisierung des großen Traums hochgejazzt wird, kann ich nur antworten: soziale Utopien fallen nicht von Himmel, sondern müssen stets erkämpft werden. Besonders dort, wo sie ein schmerzender Stachel im Fleisch der Mächtigen sind. Zu erinnern sei an die Pariser Commune oder den Aufstand von Kronstadt.

Und da Utopien heutzutage ein Gegenentwurf zur kapitalistischen Produktion sein sollten, müsste also auch eine alternative Produktion dazugehören. Und der Blick auf den globalen Zusammenhang – wir würden heute sagen, die imperiale Lebensweise der reichen Länder auf Kosten der Länder des Südens – müsste in die utopischen Entwürfe und Praktiken mit einfliessen. Das war aber alles nicht so in 1004. Wir lebten von den Spenden der mit uns sympathisierenden ländlichen Bevölkerung.

Wir haben einfach vor 41 Jahren auf einer kleinen Insel am Rande der westdeutschen Republik mal ein wenig Utopie spielen dürfen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger – immerhin. @

 

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