Es sind nicht einzelne Miseren, in denen wir stecken. Es ist eine allumfassende, existentielle Krise

Abrüsten für das Klima

von Xanthe Hall, IPPNW

Vor 76 Jahren läutete die erste menschengemachte humanitäre Katastrophe in Hiroshima die nukleare Ära ein. Das verdeutlichte uns zum ersten Mal, dass wir nicht nur uns selbst, sondern den gesamten Planeten zerstören könnten.

Heute sind die Bilder von reißenden Strömen und Hochwasser aus Rheinland-Pfalz, NRW und Bayern in frischer Erinnerung. Auch die tödlichen Hitzewellen in Kanada und in den USA sowie die Waldbrände überall auf der Welt sind schockierend. Ereignisse des menschengemachten Klimawandels. Vorboten unserer Fähigkeit, die Welt nicht allein durch Bomben, sondern durch unsere Emissionen zu vernichten.

Die Klimakrise und die Praxis der atomaren Abschreckung sind derzeit die größten globalen Bedrohungen. Zwei fundamentale Gefahren für die Menschheit, die miteinander verknüpft sind. Trotzdem werden sie meist unabhängig voneinander betrachtet. Und genau das ist das Problem. Wir stecken in einer allumfassenden, existentiellen Krise, und nicht in einzelnen Miseren, die sich getrennt voneinander lösen lassen. Um dieser fundamentalen Krise zu begegnen, hilft nur ein Paradigmenwechsel.

Die Bilder aus Hiroshima und Nagasaki haben uns gezeigt, welche humanitäre Katastrophe mit dem Einsatz von Atomwaffen verbunden ist. Bis jetzt gab es keine vergleichbaren Ereignisse. Alle heutigen Berechnungen für den Einsatz größerer Atombomben basieren deshalb auf den Daten von damals. In den letzten Jahren haben Klimatolog*innen die potenziellen Auswirkungen eines Atomkrieges unter Verwendung aller strategischen, großen Atomwaffen berechnet. Die Folge wäre ein nuklearer Winter. Weiteren Analysen der IPPNW zufolge hätte schon ein begrenzter Atomkrieg fatale globale Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung. Ein Temperatursturz, gepaart mit dem Ausbleiben des Niederschlags, würde sich ähnlich gefährlich auswirken wie die Erderwärmung durch die Klimakrise. Wir würden erfrieren und verhungern, anstatt auszutrocknen und zu verbrennen.

Aber in diesem Artikel soll es nicht um die Gemeinsamkeiten der Krisen gehen, sondern darum, wie Atomwaffen das Klima beeinflussen: der CO2-Fußabdruck des Militärs und der Atomindustrie, unser Sicherheitsverständnis und die damit verknüpften Ausgaben.

    Klimakiller Atomwaffe

Atomwaffen durchlaufen eine nukleare Kette in ihrer Herstellung: vom Uranabbau über den Transport, die Urananreicherung hin zu Atomreaktoren, Atomtests und die Produktion der Waffe. Dabei entsteht jede Menge Müll und CO2-Emissionen, die zur Erderwärmung beitragen.

Noch schlimmer ist der militärisch-industrielle Komplex. Die nukleare Abschreckung bleibt nur glaubwürdig, wenn die Atomwaffen stetig weiterentwickelt werden. Riesige Forschungsstätten für die Entwicklung und das Testen, gigantische Server, neue Fabriken für die Herstellung von Plutonium-Zündern all das muss unterhalten werden. Raketen, Flugzeuge und Bomben werden neu gebaut und getestet. Die Rüstungsindustrie bekommt Milliardenaufträge. Jeder Raketentest ist ein weiterer Nagel im Sarg des Planeten.

Alle neun Atomwaffenstaaten sind im Begriff, ihre Atomwaffenarsenale massiv aufzurüsten. Allen voran die USA und Russland. Die Frage, welche Auswirkungen das beschleunigte Wettrüsten und die Weiterentwicklung der Atomwaffen auf das Klima hat, wurde bisher nicht gestellt. Der CO2-Fußabdruck der nuklearen Abschreckung scheint niemanden zu interessieren. Grund dafür: der politische Irrglaube an ihre Notwendigkeit für unsere Sicherheit.

    Atomwaffen bieten keine Sicherheit

Die Folgen der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki haben uns gezeigt, dass dieser Glaube genauso menschengemacht ist, wie die Atomwaffen selbst. Das Zerstörungspotential einer Atomwaffe verleiht ihren Besitzern Macht. Sie drohen sich gegenseitig mit der Vernichtung und halten den Rest der Welt damit in Geiselhaft.

Die Verbündeten der Atomwaffenstaaten, wie Deutschland, kaufen sich in diesen Teufelskreis mit der sogenannten nuklearen Teilhabe ein. Die Bundesregierung ist überzeugt, dass Deutschland mit der Stationierung von US-Atomwaffen zur Bündnissicherheit beiträgt. Sie stellt Trägerflugzeuge und Piloten zur Verfügung, die jeden Tag Tonnen an CO2 über Rheinland-Pfalz ausstoßen.

Ist Rheinland-Pfalz durch diese 20 Atombomben sicherer? Bei der jüngsten Hochwasserkatastrophe half die Bundeswehr aber nicht mit Atombomben. Gegen Klimakrise und Pandemie hilft keine Abschreckung. Diese Bedrohungen sind es aber, vor denen die Menschen Schutz suchen. Es geht um eine menschliche Sicherheit, die dadurch geschaffen wird, dass Häuser nicht einfach weggespült oder von Waldbränden verschluckt werden; darum, dass niemand stirbt, verletzt oder obdachlos wird. Was nützen nagelneue, steuerbare Atombomben und millionenschwere Trägerflugzeuge, wenn das Klima die unmittelbare Bedrohung ist?

    Investieren in die Zukunft

Wir stehen vor der Wahl. Nicht nur vor der Bundestagswahl, sondern vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Investieren wir weiter in Atomwaffen und befeuern dadurch die Klimakrise? Oder schützen wir das Klima, indem wir uns dieses Geld sparen und es für den Wiederaufbau und zum Schutz vor künftigen Klimaschlägen und Pandemiewellen nutzen?

Deutschland steht kurz vor der größten nuklearen Aufrüstung seit dem NATO-Doppelbeschluss 1979. Der Fliegerhorst Büchel wird für viel Geld umgebaut, da ab dem nächsten Jahr neue Atombomben dort stationiert werden sollen. Die Kosten der Baumaßnahmen werden auf 260 Millionen Euro geschätzt und haben bereits begonnen. Zudem sind neue Trägerflugzeuge nötig. Deren Anschaffung würde die Bundesrepublik weitere 7,5 Milliarden Euro kosten.

Alternativ könnte Deutschland aus der nuklearen Teilhabe aussteigen und die Atomwaffen abziehen lassen. Die eingesparten Milliarden kämen dem Wiederaufbau, der Pandemiebekämpfung und vor allem dem Klimaschutz zugute. Es ist eine Frage der Verantwortung, die sich die Bundesregierung stellen muss. Die Menschen fühlen sich nicht sicher und bangen um ihre Zukunft. Es ist auch ihr Geld, das richtig investiert werden muss.@

 

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