Was weist der Langzeitsicherheitsnachweis nach?

Dauerhafter Schutz vor Schaden?

Der "Langzeitsicherheitsnachweis" (LZSN) ist der Dreh- und Angelpunkt in der Genehmigung, mit der die Landesbehörde die Einrichtung eines Atommüll-Lagers im Bergwerk Konrad gestattet hat.

An erster Stelle lohnt es sich, genau zu lesen, was mit "Sicherheit" eigentlich gemeint ist. "Einen absolut sicheren dauerhaften Einschluss von Schadstoffen wie auch radioaktiver Stoffe gibt es in der Natur nicht." heißt es im Planfeststellungsbeschluss (PFB). Danach war eigentlich nicht gefragt, denn es handelt sich ja eben nicht darum, was die Natur zu bieten hat, sondern um das Vorhaben einer künstlich geschaffenen Einrichtung und deren Bewertung. Aber betrachten wir die geologischen Gegebenheiten und das Konzept der Einlagerung, dann blieb wohl gar nichts anderes übrig, als eine solche Einordnung vorwegzuschicken. Denn es ist völlig klar: eine geologische Formation, die einen sicheren Einschluss zumindest in einem näheren Umfeld gewährleisten könnte, ist beim Schacht Konrad nicht anzutreffen.

Aus diesem Grund müssen alle weiteren Analysen folgende Ausgangssituation zugrundelegen: die eingelagerten Stoffe kommen rasch mit Tiefengrundwasser in Kontakt, welches das Bergwerk fluten wird. Weder die Abfallbehälter noch die Betonverfüllungen im Grubengebäude können das verhindern. Nach 600 Jahren sind alle Radionuklide in Lösung gegangen. In Wasser gelöst oder in Gasform können und werden sie sich bewegen.

Auch das weitere Umfeld des Deck- und Nebengebirges bildet kein abgeschlossenes System; über Wasserwegsamkeiten steht der Einlagerungsbereich mit der Biosphäre in Verbindung. So beschreibt der PFB den Startpunkt für den Langzeitsicherheitsnachweis (LZSN). Es gibt keinen einschlusswirksamen Gebirgsbereich, deshalb ist es auch nicht der Auftrag an den LZSN, einen solchen aufzuzeigen. Und folgerichtig beschränkt der PFB dann die abschließende Bewertung auf die Feststellung: "Zusammenfassend haben die Langzeitsicherheitsanalysen den Nachweis erbracht, ... dass keine unzulässigen Freisetzungen von Radionukliden in die Biosphäre zu erwarten sind."

Die Betonung liegt auf unzulässig. "Es wird Freisetzungen geben, aber deren schädigende Wirkung bleibt im Rahmen von Grenzwerten." Eine solche Aussage steht am Ende von komplexen Rechenoperationen. Um Berechnungen überhaupt durchführen zukönnen, sind als Voraussetzung zunächst viele Fragen zu klären. > wo sind welche Gesteinsschichten? > wie wasserdurchlässig ist dieses und jenes Gestein? > wie reagiert welches Mineral auf Radionuklide? > wieviel bleibt unterwegs hängen, wenn Stoffe wandern? > welche Stoffe sind es überhaupt, die auf Wanderschaft gehen? > wie schnell wandern welche Stoffe? > wie verändern sie sich unterwegs? > was könnte Bewegung beschleunigen, was könnte sie abbremsen? > wo sind mögliche Zielpunkte? > wie weit sind die Wege? > wie groß ist die biologische Wirksamkeit?

Auf keine dieser Fragestellungen gibt es eine eindeutige Antwort. Der LZSN liefert dafür eine umfangreiche Sammlung von Tabellen, in denen die Bandbreite geschätzter möglicher Antworten aufgeführt wird. Damit sind Einflussgrößen festgesetzt, mit deren Hilfe sich dann bei ausreichender Computerkapazität aus vielen Faktoren Ergebnisse ermitteln lassen.

Zum einen sind das Aussagen zu den Pfaden, auf denen die Emissionen möglich sind. Drei davon werden dargelegt (siehe dazu die Grafik auf Seite 27): 1a ist der Weg direkt nach oben durch die Unterkreide; Zielort wäre hier Groß Gleidingen. 1b verfolgt einen oberen flachliegenden Grundwasserleiter im Jura-Gestein, 1c einen ebensolchen ein Stockwerk tiefer. Beide treten bei Calberlah an die Oberfläche. Eine vierte Möglichkeit, dass die Wanderung zunächst nach unten und dann flach ansteigend nach übertage führt, wird nur angedeutet, aber nicht weiter kommentiert.

Zum anderen errechnet das Programm die Ausbreitungsfavoriten unter den Schadstoffen. Das Rennen macht das Jod 129. Nach 300.000 Jahren erreicht dieses Nuklid auf dem Pfad 1b den Ort Calberlah; (der Aufstieg nach Groß Gleidingen über den Pfad 1a dauert, obwohl der Weg wesentlich kürzer ist, wegen der Bremswirkung der Kreide 460.000 Jahre.) In Calberlah wirkt das Jod immerhin noch so, dass eine dann dort lebende Person einer schädigenden Wirkung von 0,260 mSv ausgesetzt wäre. Und dieser Wert liegt unter 0,3 mSv. Also: Schutzziel erreicht!

Gegen diese Art, zu einer Aussage über dauerhaften Schutz vor Schaden zu kommen, sind in all den Jahren eine Menge Einwände vorgebracht worden. Der PFB zählt im Kapitel C, in dem Abwägung und rechtliche Würdigung vorgenommen werden, viele davon auf, um sie umgehend als unbegründet wegzuwischen ob zu Recht oder zu Unrecht, das konnte bislang noch kein Gericht überprüfen.

Marianne Neugebauer schreibt in ihrem Artikel 'Gesundheit der Bevölkerung' über einen anderen Ausbreitungsfavoriten, nämlich das Radon. In der LZSN werden dessen Emissionen sträflich vernachlässigt. In diesem Zusammenhang stellt sich ohnehin die Frage nach den Grenzwerten. Warum soll der Grenzwert von 0,3 mSv, der bei Antragstellung im Jahr 1983 gültig war, immer noch die Richtgröße darstellen? Warum gilt nicht auch für Schacht Konrad der 30-fach geringere Wert, der für andere zu findende Endlagerstandorte anzulegen ist?

Im Artikel 'Boden unter den Füßen' sollte deutlich geworden sein, wie unzureichend das Ergebnis bleiben muss, wenn versucht wird, die Resultate der Erdgeschichte in mathematische Formeln zu zwingen. Die eingespeisten Werte sind weder räumlich und zeitlich repräsentativ noch enthalten sie qualitativ verlässliche Informationen für den Zweck der sicheren Lagerung von Atommüll.

Wohl sind zu den hundert Jahre alten Bohrungen eine ganze Reihe von Untersuchungsmethoden dazu gekommen, mit denen eine Modellvorstellung vom Untergrund möglich würde, die sehr viel näher an die tatsächliche Situation herantritt. Mit Hilfe von Reflexionsseismik ließe sich inzwischen fasst soetwas machen wie ein MRT vom Untergrund. Ein wichtiger Kritikpunkt am LZSN ist, dass die Möglichkeiten der bildgebenden Verfahren durch 3-D-Seismik nicht ausgeschöpft wurden. Aber auch hier gilt die generelle alte Bergmannsregel: "Vor der Hacke ist es duster." Will sagen: selbst bei modernster Diagnostik muss untertage immer mit unliebsamen Überraschungen gerechnet werden.

Von modernster Untersuchungstechnik kann beim LZSN ohnehin keine Rede sein. Sämtliche Programme, mit denen die Grundwasserverhältnisse beziehungsweise der Radionuklidtransport modelliert worden sind, sind nicht validiert. Das beste Rechnerprogramm würde an dieser Stelle aber auch nicht weiterhelfen, denn zum hydrogeologischen Antriebsmechanismus gibt es keinerlei belastbare Vorstellungen. Woher kommt eigentlich das Wasser, das permanent ins Grubengebäude eindringt, und was setzt das später in Gang? Auf diese Frage gibt es bei den Fachleuten nur vage und konträre Antworten.

Die Artikel 'alter Bergbau in der Region' und 'Bodenschätze' reissen das Problem an, dass der Schacht Konrad keineswegs der einzige Eingriff in die geologische Struktur ist. Eine mögliche Ausbreitung der Radionuklide über die Schächte und alten Bohrungen ist völlig unzureichend untersucht worden. Es fehlt sowohl der Nachweis für die angenommene Wasserdurchlässigkeit als auch für die Machbarkeit des vorgesehenen Schachtverschlusses.

Auf ein zentrales Versäumnis des LZSN muss zum Ende hingewiesen werden: subglaziale Rinnenbildung macht jegliche Berechnung zunichte.@

 

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