Widerstand braucht face to face-Kommunikation

aaa-Interview mit H-D. Charly Braun,
DGB-Vorsitzender im Heidekreis

    Zu Beginn möchte ich Dich vorstellen als eine Person, die in vielen Themen- feldern sozialer Bewegung aktiv ist, und zwar seit langem.
    Erzähl am besten selbst

Ich bin seit dem Abbruch meiner gesundheitsschädlichen und von starker Ausbeutung geprägten Maurerlehre 1967 gewerkschaftlich und sozial-bewegt aktiv.

    Unter anderem warst Du in Sachen Atomkraft unterwegs, als das Lichtenmoor bei Rethem/Aller als möglicher Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum im Gespräch war.

Richtig. Da habe ich eine Menge darüber gelernt, wie soziale Bewegung funktioniert. Unter anderem habe ich nach der Standortbenennung von Gorleben das Gartow-Gorleben-Sommercamp mit dem BDP organisiert.

    Die Herausforderung 'Endlager' kehrt ja jetzt womöglich zu Dir zurück, wenn "Dein" alter Standort erneut in die Suche einbezogen wird.

Schaun wir mal, was demnächst in diesem BGE-Bericht drinsteht! Bisher habe ich nur ganz entfernt davon läuten hören. Wundern würde es mich nicht, wenn Lichtenmoor oder auch Lutterloh bei Unterlüss genannt würden. Die standen ja schon mal in der Vorschlagsliste ganz oben.

    Es wird sich zeigen. Dein Engagement beschränkte sich überhaupt nicht auf den Widerstand gegen Atomanlagen

anti-Atom, das war eines meiner Betätigungsfelder. Es gab viele andere. Ich war als Baustellenkaufmann im Betriebsrat, habe vor Ort und überregional Widerstand organisiert in der Lehrlingsbewegung, Tarifstreiks im öffentlichen Dienst, gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze, für selbstorganisierte Jugendzentren, Frieden, Geflüchtete, Antifaschismus, Geschichtsarbeit, Klamauk-Kabarett-Gruppe, Landeselternarbeit in den Bereichen Kita und Schule, Kita-Volksbegehren, Alternative Medien. Mehrmals habe ich meinen Sozialarbeiterjob verloren, aber tolle Solidaritätserfahrungen gemacht.

    Das klingt nach fünf Jahrzehnten heftig sozial bewegten Lebens. Und jetzt: Ruhestand?

Unruhestand! Heute bin ich unter anderem ehrenamtlicher DGB-Kreisvorsitzender in der Heide, Mitglied in diversen ver.di-Gremien und weiterhin sozial-bewegt auf den Straßen.

    Wie hat Dich persönlich die Pandemie getroffen?

Als Oldie und mit Vorerkrankungen gehöre ich zu den besonders Gefährdeten. Deshalb habe ich mich außerhalb der Wohnung nur mit großer Vorsicht (Abstand, Maske) bewegt. Um niemandem direkt zu begegnen, bin ich des öfteren lieber auf die Fahrbahn ausgewichen. Mein Engagement verlegte ich vor allem in E-mails. An öffentliche Aktionen war erstmal nicht zu denken.

    Wie hast Du / habt ihr als Aktivist*innen reagiert?

In Gewerkschaften wird der Lockdown besonders genau praktiziert. Selbst da, wo Aktivitäten möglich. nötig und sinnvoll gewesen wären, fand wochenlang nichts statt, später dann das eine oder andere in Form von Telefon- und Videokonferenzen, an denen viele nicht teilnehmen wollten oder konnten. Die Friedensbewegung war um einiges kreativer, unter anderem auch wir mit Ostermarschbeiträgen im Internet.

    Wie waren Deine Erfahrungen mit behördlich angeordneten Beschränkungen und anderen Maßnahmen?

Den 1.MAI haben wir gewerkschaftlich in Soltau spontan für eine kurze Fotoaktion genutzt. Obwohl wir uns an alle Corona-Auflagen hielten, zettelte die Polizei ein Bußgeldverfahren an - die Polizisten selbst trugen nicht mal Mund-Nase-Schutz. Wir haben dem Bußgeld widersprochen. Dass die üblichen RassistInnen-Veranstaltungen auch ausfielen, war ein kleiner Trost.

Dass KollegInnen, die in prekären Jobs arbeiten nichts von Kurzarbeitergeld und anderem haben, ist verdammt ärgerlich. Corona-Auflagen erschweren das Leben in besonderer Weise für Kinder, Jugendliche, SeniorInnen und Menschen in Armut und/oder engen Wohnverhältnissen. Anfangs gabs allerlei nachbarschaftliche Unterstützung, inzwischen nimmt Gleichgültigkeit gegenüber der Corona-Gefahr zu.

    In den ersten Wochen wurde von verschiedenen Seiten die Hoffnung geäußert, in der Pandemie-Krise könne auch eine Chance stecken. Wie ist Dein Eindruck jetzt?

Ja, die Unternehmen haben gelernt, wie sie Jobs auf homeoffice umstellen und davon langfristig profitieren können. Von Balkonen Kolleg*innen in Gesundheitswesens, Lebensmittel-Branchen und so weiter Beifall klatschen ist ja ganz schön, ersetzt aber nicht zum Beispiel fehlende Wiedereinführung kostendeckender Finanzierung der Klinikleistungen, Mindestpersonalbemessung und existenzsichernde Einkommen. In Sachen Klima, Militär und ähnlichem machen Wirtschaft und Politik einfach so weiter wie bisher. Pandemie hin oder her, die Herrschenden machen keine Pause. Unser Widerstand ist notwendig. Und Widerstand braucht die Straße, braucht Face to face-Kommunikation, braucht gegenseitige Sicherheit und Solidarität. Digitale Medien zusätzlich sind wichtig. Sie sind als Ersatz aber völlig unzureichend.

    Wie erlebst Du face to face-Kommunikation in Coronazeiten?

Auffällig ist in sozialen Bewegungen und Gewerkschaften gleichermaßen, dass allerlei teils lange und konsequent Engagierte mit Beginn der Coronapandemie abgetaucht und auch nach Monaten politisch nicht wieder aufgetaucht sind. - Und das politischen Notwendigkeiten, die sie selbst direkt betreffen, zum Trotz! Es sieht so aus, als habe Corona so manche langjährige Kampfgefährt*innen aus der Bahn und ins Private zurück geworfen.

Inzwischen haben wir lokal und regional zumindest in der Friedensbewegung mehrere Straßenveranstaltungen - bei uns gegen Europas größten Truppenübungsplatz - hinbekommen.

    Und das läuft?

Naja! Die Mobilisierung ist deutlich aufwendiger und schwieriger als vor Corona. Vortragsveranstaltungen und Gruppentreffen funktionieren nicht, denn es gibt keine Räume, und viele Freund*innen nehmen deutlich Abstand davon - auch wenn wir klar darlegen, dass alle Schutzregeln eingehalten werden. Andererseits besuchen die gleichen Leute aus reinem Kommunikationsbedürfnis Kneipen und Restaurants!

    Reden wir neben den 'Abgetauchten' auch über die 'Seitenwechsler*innen'

Besonders bedauerlich ist, dass einige langjährige KampfgefährtInnen aus den Bereichen Umwelt, Frieden, Antifaschismus scheinbar alle politischen Kenntnisse und Erfahrungen über Bord geworfen haben und neuerdings Verschwörungstheorien auf den Leim gehen und sogar mit Nazis gemeinsam marschieren. In meinem Umfeld sind das vorrangig Menschen, die sich im Umweltbereich engagiert haben und deren Türen für Esoterisches einen Spaltbreit offen waren.

Dass dabei Menschen, die oft und gern gegen Nazis und Rassismus aktiv waren, jetzt gemeinsam mit braunem Pack agieren, ist politisch äußerst gefährlich. Diese neue Lage braucht eine politische, aber auch psychologische Analyse um zu angemessenem Handeln zu kommen.

    Welches Resumee ziehst Du?

Die gesellschaftliche Lage macht allerlei sozialeW Kämpfe notwendig. Die müssen wir führen und uns und andere dabei möglichst gut vor Pandemien schützen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind ebenso real wie die neuen gesundheitlichen Gefahren.@

 

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