Zwentendorf-Protest

"Lausbuben" gegen Atomkraft

von Martin Steinmüller-Schwarz

Als einziges Land der Welt besitzt Österreich ein fertig gebautes Atomkraftwerk, das nie in Betrieb ging. Am 5. November 1978 stimmte eine knappe Mehrheit gegen die Energiegewinnung aus Kernspaltung. Das Ergebnis der Abstimmung überraschte nicht zuletzt diejenigen, die in dem Monaten zuvor gegen das AKW Zwentendorf auf die Straße gegangen waren.

Bis hinunter zur Schutzkleidung war die gesamte Ausstattung bereits geliefert worden. Rund 200 eigens ausgebildete Techniker standen bereit. Und auch die Brennstäbe waren - begleitet von lautstarken Protesten - bereits per Militärhubschrauber eingeflogen worden. Im AKW Zwentendorf warteten vor 40 Jahren alle darauf, dass der Startknopf gedrückt wird. Dass es dazu nicht kam, lernt in Österreich inzwischen jedes Kind in der Schule: Die Volksabstimmung gegen das AKW wurde zu einem Fixpunkt der österreichischen Geschichte.

Dabei hatte sich alles ganz anders angelassen: Die Atomenergie galt in Österreich - wie im restlichen Nachkriegseuropa - als Zukunftstechnologie. Ihre friedliche Nutzung war politischer Konsens. Auch die anfangs skeptische heimische E-Industrie konnte die Große Koalition auf den gemeinsamen Kurs einschwören. Der wurde auch beibehalten, nachdem zuerst die ÖVP, dann die SPÖ jeweils absolute Mehrheiten erzielten.

In ihrem Energiekonzept aus dem Jahr 1969 schrieb die ÖVP-Alleinregierung von Josef Tauss die Errichtung eines AKW fest. Im gleichen Jahr wurde Zwentendorf als Standort festgelegt. Den tatsächlichen Baubeschluss für das AKW fällte zwei Jahre und eine Wahl später die SPÖ-Regierung unter Bruno Kreisky. Noch im selben Jahr begannen in Niederösterreich die Bauarbeiten. Ein zweiter Reaktor im niederösterreichischen St. Pantaleon war in Planung. Österreichs ohnehin verspäteter Eintritt ins Atomzeitalter schien auf Schiene. Mit großem, ernstzunehmendem Protest rechnete kaum jemand.

Der Widerstand gegen die Atomenergie war anfangs vor allem lokal begrenzt. In Vorarlberg demonstrierten die Menschen gegen das AKW-Projekt Rüthi, gleich hinter der Schweizer Grenze. Aber auch die AKW-Pläne in St. Pantaleon riefen regionalen Widerstand auf den Plan. Und im Waldviertel gingen die Menschen gegen die Überlegungen zu einem dortigen Atommülllager auf die Straße.

    "Krethi und Plethi"

Je größer die Anti-Atomkraft-Bewegung wurde, desto mehr zeigte sich, was sie nicht war: homogen. In ihren Anfängen verstanden sich die Proteste zumeist als unpolitisch oder waren konservativ geprägt. Vorne dabei war etwa der "Weltbund zum Schutz des Lebens", Ende der 1950er Jahre vom Schriftsteller und ehemaligen NSDAP- und SA-Mitglied Günther Schwab gegründet. Eine Rolle spielte auch Walther Soyka. Er wurde immer wieder als "Vater" der Zwentendorf-Volksabstimmung bezeichnet. Zeit seines Lebens hatte der AKW-Gegner enge Verbindungen zum rechtsextremen Milieu.

Ideologische Überschneidungen zu linken Gruppen wie dem kommunistisch-maoistischen Bund hielten sich da offensichtlich in Grenzen. Von "Krethi und Plethi" sprach Kanzler Kreisky in Anbetracht der unterschiedlichen, teils völlig konträren politischen Heimaten der AKW-Gegnerinnen und -Gegner. Die Differenzen sollten später auch die Grün-Bewegung beschäftigen.

Der Gründung der Grünen Alternative acht Jahre später gingen heftige Grabenkämpfe zwischen konservativen und progressiven Gruppen voraus, bevor Freda Meissner-Blau erste Bundesobfrau der neuen Ökopartei wurde. Die Grande Dame der heimischen Ökobewegung war bereits eines der Gesichter des Widerstands gegen das AKW - und zur Zeit der Zwentendorf-Proteste noch Mitglied der SPÖ.

    Vereint gegen den gemeinsamen Gegner

Einig waren sich die verschiedenen Gruppen freilich in ihrer Ablehnung der Atomenergie. Der Zweifel an der tatsächlichen Sicherheit eines AKW, die Sorge um mögliche Langzeitfolgen auch geringer Strahlenbelastung, und die - bis heute ungelöste - Frage, was mit dem radioaktiven Abfall geschehen soll: Diese Fragen vereinten sie in ihrem Widerstand gegen die Atomenergie.

Der gemeinsame Gegner ließ die unterschiedlichen Gruppen zeitweilig unter einem Dach zusammenkommen. 1975 wurde die Initiative Österreichischer Atomkraftgegner (IÖAG) gegründet. Mit ihr wurden die regionalen Proteste zu einer bundesweiten Bewegung.

    Informationskampagne als PR-GAU

Das blieb auch in Wien nicht unbemerkt. Mit dem Versuch in die Offensive zu gehen, scheiterte die Kreisky-Regierung allerdings spektakulär. Im Herbst 1976 startete die "Informationskampagne Atomenergie". Veranstaltungen in ganz Österreich sollten Bedenken bezüglich der Atomkraft zerstreuen - und wurden zum PR-technischen Desaster. Im Publikum saß kein unschlüssiges Publikum, das nur genügend Informationen brauchte, um sich von den Vorteilen eines AKWs überzeugen zu lassen. Vielmehr kamen zu den Vorträgen und Podiumsdiskussionen mehrheitlich Gegnerinnen und Gegner der Atomkraft. Sie fanden in den Veranstaltungen eine Bühne, auf der sie ihre Bedenken und Kritik vorbringen konnten - und das unter breiter medialer Beachtung.

    Kein Gespräch mit "Lausbuben"

In den folgenden Monaten trugen die Atomkraftgegner*innen ihren Protest mehrfach auf die Straße - inklusive Eklat am Nationalfeiertag 1977. Verärgert über antiparlamentarische Parolen und Transparente verweigerte Kreisky das Gespräch mit den Demonstranten und ließ ausrichten, er "habe es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben so behandeln zu lassen".

    Parteipolitik entdeckt Thema

Die "Lausbuben" brachten den Kanzler freilich zunehmend in Bedrängnis. Denn der Protest färbte auf die Parteipolitik ab. Zuerst verabschiedete sich die FPÖ von ihrer atomenergiefreundlichen Haltung. Vor dem Sommer 1978 scheiterten auch die Gespräche mit der ÖVP über einen gemeinsamen Parlamentsbeschluss zur Inbetriebnahme des AKW.

Die Oppositionspartei hatte das Thema für den Wahlkampf im folgenden Jahr erkannt. Und so pochte die ÖVP, die eigentlich mehrheitlich hinter der Atomkraft stand, auf die Klärung von Sicherheitsfragen. Zwar hätte die SPÖ die Inbetriebnahme auch im Alleingang beschließen können. Die Diskussion wäre damit aber kaum vom Tisch gewesen. Und eine offene Flanke im Wahlkampf wollte sich die Regierungspartei nicht leisten.

In dieser Situation zog Kreisky schließlich die Volksabstimmungskarte - und verschätzte sich. Am 5. November jubelten die "Lausbuben". Und noch im Dezember beschloss der Nationalrat einstimmig ein Verbot der Stromerzeugung aus Atomenergie. @

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