Schweiz: Die grosse Besetzung von Kaiseraugst!

Das verhinderte AKW

von Christine Staehelin

Im April 1975 blicken die ganze Schweiz und alle wichtigen Medien Europas auf die Region Basel. In Kaiseraugst formiert sich gewaltfreier Widerstand gegen den Bau des geplanten AKW. Und wie. Der Historiker David Häni hat die Volksbewegung gegen das AKW wissenschaftlich untersucht und genau jetzt, 43 Jahre später publiziert. Mit barfi.ch sprach er über die Einzigartigkeit der Aktion, die Gründe für den Erfolg und überraschende Eigendynamik.

Die Schweiz stand am Rande einer Staatskrise, als im Jahr 1975 der Widerstand gegen das Atomkraftwerk (AKW) Kaiseraugst aktiv wurde. Der Bewegung setzte sich aus einer äusserst heterogenen Gemeinschaft zusammen. Vertreter aller politischer Lager, Wissenschaftler, Links-Extreme und besorgte Bürger standen gemeinsam zusammen und erreichten mit ihrem Volksaufstand das Unmögliche: Der vom Bund bereits abgesegnete AKW-Bau wurde verhindert. Dieser Widerstand hat Pioniercharakter.

    Die Bagger waren schon da

Die Bagger waren schon da, als die aufgebrachten Menschenmengen in Kaiseraugst eintrafen. Schlagartig führte die Bauplatzbesetzung dazu, dass die Auseinandersetzung um das AKW Kaiseraugst gesamtschweizerisch wahrgenommen wurden. Die Stimmen der Gegner waren unmöglich zu überhören, ihr Anliegen konnte nicht mehr übergangen werden. "Die Resonanz, welche die Okkupation auslöste, manifestierte sich auch in Form der ersten Grosskundgebung der Schweizer Anti-AKW-Bewegung vor dem Bundeshaus in Bern, die im April 1975 über die Bühne ging", sagt David Häni, Historiker und Autor der Publikation "Kaiseraugst besetzt!".

    Ziviler Ungehorsam

Mit dem Beginn der 1970er-Jahre begann sich in der Schweiz der Widerstand gegen Atomkraftwerke zu formieren, die anfängliche Euphorie über die Möglichkeiten der friedlichen Nutzung war verflogen. Mit dem wiedergefundenen Bezug zur Natur erhielt die Anti-AKW-Bewegung Schwung und setzte das erste markante Zeichen in der bis heute als historisch gesehenen Besetzung von Kaiseraugst. "Der zivile Ungehorsam gegen den Bau des Kernkraftwerks Kaiseraugst, der von einer äusserst heterogenen Volksbewegung mitgetragen wurde, bildete den Anfang einer erfolgreichen neuen sozialen Bewegung, welche die politische Landschaft der Schweiz in vielerlei Hinsicht veränderte", so David Häni.

    Tausende bekundeten ihre Solidarität

Vor der Besetzung zogen etablierte Politiker bis vors Bundesgericht, um gegen den Bau zu kämpfen. Erfolglos. Dann kam der Auftritt der jungen Gegner, mit der Idee einer Besetzung und friedlichem, gewaltfreien Widerstand. "Die Polizei war nicht auf diese Art von Widerstand vorbereitet", erklärt David Häni. Die ursprünglich aus dem politischen linken Lager stammende Idee der Besetzung wurde bald auch von der heterogenen Masse getragen. Am sogenannten "Besetzersonntag" strömten Tausende oft vorher nie politisch engagierte Menschen nach Kaiseraugst,um ihre Solidarität mit den Gegnern vor Ort zu bekunden. "Das war ein starkes Zeichen und verhinderte eine Räumung", ist sich Häni sicher. Denn besonders am Widerstand war, dass er von Menschen aller politischer Gesinnung getragen wurde.

    Überraschende Eigendynamik

Unter der Woche waren tagsüber immer zwischen 25 und fünfzig Besetzer vor Ort. Auch Aernschd Born, der Basler Liedermacher, gehörte dazu. Jeweils am Abend fanden Vollversammlungen auf dem AKW-Areal vor grossem Publikum statt. "Die Besetzung, geplant als symbolische Protestaktion von wenigen Tagen, entwickelte eine überraschende Eigendynamik", sagt David Häni. Die Aktion dauerte länger als zunächst angenommen. Aus wenigen Tagen wurden elf Wochen. "Kaiseraugst wurde zum Kristallisationspunkt für anregende Diskurse über Atomenergie, Demokratie und Rechtsstaat, aber auch Föderalismus, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz", erläutert Historiker David Häni.

    Direkte Linie zum Bundesrat

Die Kommunikation über alle Lager hinweg führte dann auch zum Erfolg der Besetzung. Die Aktivisten gaben sich betont friedlich und kommunizierten offen. Sie kündigten ihr Vorhaben gar in der Presse an, ernst genommen wurden sie damals noch nicht. Während der Besetzung fand regelmässiger Austausch mit den Behörden und sogar mit dem Bundesrat statt. Von einem Privathaus der Besetzer gab es gar eine direkte Linie zu Bundesrat Willi Ritschard. "Diese Verbindung wurde sicher einmal genutzt", weiss David Häni. Die Besetzer publizierten mit der "Regional-Zeitung" ein eigenes Sprachrohr, das eine hohe Bedeutung erlangte. Wichtig war ebenfalls, dass die Presse die Besetzung begleitete. "Wenn er nicht in den Medien thematisiert worden wäre, hätte der Widerstand nicht die gleiche Bedeutung", ist sich David Häni sicher. Zudem unterstützten Redaktoren der "Basler National-Zeitung" die Bewegung.

    Kontroverse, auch in Familien

Nebst allen Unterstützern gab es - das sei natürlich nicht verschwiegen - auch Kritiker. Nur wenige in unserer Region, doch der Rest der Schweiz war in zwei fast gleich grosse Lager gespalten. "Die Fronten der Kontroverse verliefen quer durch soziale Schichten, einzelne Parteien und Gruppierungen und nicht selten auch durch Familien" so David Häni. Erst nachdem die "Volksinitiative für ein Moratorium für den Bau von neuen Atomkraftwerken" im Jahre 1990 relativ deutlich angenommen wurde, flaute der Streit um die Nutzung der Kernenergie für einige Zeit etwas ab.

Die Besetzung in Kaiseraugst dauerte vom 1. April bis zum 11. Juni 1975. In den Folgejahren wurde versucht, mit Volksinitiativen das AKW zu verhindern. Willi Ritschards Nachfolger, Bundesrat Leon Schlumpf blieb stur: Kaiseraugst wird gebaut, sagte er gefragt oder ungefragt noch lange Zeit bei jeder Gelegenheit. Nach der jahrelangen Verzögerung des Baubeginns war das Kernkraftwerkprojekt aber schliesslich auch technisch und ökonomisch überholt. Ein nicht unwillkommener Vorwand für die Landesregierung, aufzugeben. Am 2. März 1988 wurde das endgültige Ende des Atomkraftprojekts offiziell verkündet. @

Häni, David. "Kaiseraugst besetzt!
Schwabe Verlag 2018.
https://barfi.ch

 

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