30 Jahre Tschernobyl:
Die Nuklearkatastrophe und ihr Nachspiel.
Eine Spurensuche


Trügerisch still

von Tobias Münchmeyer

Vor 30 Jahren explodierte der Reaktor in Block 4 des sowjetischen AKWs Tschernobyl. Heute hat die Natur das kontaminierte Gelände zurückerobert. Doch die Katastrophe ist nicht vorbei. Sie wirkt fort rund um das einstige Kraftwerk und in Abertausenden Biografien.

Der Knopf ist klein und hat eine leichte Vertiefung in der Mitte, wie ein Klingelknopf an einer sowjetischen Wohnungstür, nur in einer seltsam kalten roten Farbe. Darüber liegt ein Plastikdeckel, an der einen Seite mit einem Scharnier am Steuerpult verschraubt, auf der anderen Seite an einer dünnen Kordel mit einer Plombe befestigt. Auf Fotografien lassen sich alle Details deutlich erkennen. Wer allerdings heute den vor sich hin rostenden Kontrollraum des Kernkraftwerks Tschernobyl betritt, sucht den roten Knopf vergebens: Er ist vor 30 Jahren geschmolzen.

Stille, trügerische Stille. Sieben Sekunden lang. Die Leistung des Reaktors schießt in die Höhe, Brennstoffkanäle platzen vor Hitze, der Dampfdruck im Reaktor erhöht sich rasant. Akimow, Toptunow und ihre Kollegen schreien auf, als ihr Kontrollraum erzittert und ein dunkler Knall zu hören ist: Eine Explosion sprengt den tausend Tonnen schweren Schutzdeckel des Reaktorkerns. Nur drei Sekunden später dann ein noch lauteres Donnern, eine Wasserstoffexplosion. Der Reaktorkern in Block 4 des AKWs Tschernobyl ist zerstört und schleudert Kernbrennstoff in den Nachthimmel: Es wird 400-mal so viel Radioaktivität freigesetzt wie in Hiroshima. Winde transportieren Cäsium und Strontium über den Eisernen Vorhang hinweg in weite Teile Europas. Die Launen der Natur entscheiden über das Schicksal von Millionen von Menschen.

Ein "Konzeptionsfehler" hatte aus dem Knopf zum Abschalten das Gegenteil gemacht: einen Zünder. Das ist die eine Ursache der Katastrophe. Die andere sind Lügen: Schichtleiter Akimow meldet, der Reaktorkern sei unbeschädigt geblieben bis Luftaufnahmen von der Ruine gemacht werden. Feuerwehrleuten verheimlicht man die radioaktive Gefahr und schickt sie ohne Schutzkleidung in ein Feuer, das zehn Tage lang nicht zu löschen ist die ersten Strahlenopfer. Im benachbarten Pripjat lässt man 53.000 Menschen einen unbeschwerten Frühlingssamstag an der "frischen" Luft verbringen. Ihre "vorübergehende Evakuierung" organisiert man erst nach 36 Stunden.

Dem Ausland gegenüber verschweigt man die Katastrophe erst recht bis in Schweden erhöhte Werte gemessen werden. Doch selbst dann heuchelt man in Kiew noch Normalität, lässt am 1. Mai sportliche Jungs und blumenbekränzte Mädchen durch die radioaktive Strahlung marschieren und am 7. Mai Zuschauermassen die Straßen säumen, als die "Friedensfahrt", die Tour de France des Ostblocks, auf dem heutigen Maidan gestartet wird ganz vorn mit dabei ist der spätere "strahlende Sieger" Olaf Ludwig für die DDR.

Erst nach 18 Tagen wendet sich Michail Gorbatschow an die Bevölkerung: "Guten Abend, Genossen. Wie Sie alle wissen, ist ein Unglück über uns hereingebrochen: der Unfall im Atomkraftwerk von Tschernobyl." In der Tat wissen es längst alle, aber nicht dank, sondern trotz der Informationspolitik des Kreml. Schichtleiter Akimow und sein Kollege Toptunow sind zu diesem Zeitpunkt schon tot. Die Bleisärge, in die man ihre verstrahlten Leichen legt, werden mit Beton ausgegossen. Ein Friedhof wird zum Endlager. Die Zahl der Opfer wird niemals zu ermitteln sein

Über mehrere Monate leisten nun sogenannte Liquidatoren Aufräumarbeiten und bauen einen Sarkophag, eine Hülle aus Stahl und Beton, die den Reaktor umschließt. Die Videobilder ihres Einsatzes sind verstörend: In Lederschürzen rennen sie umher und schaufeln mit Handspaten Trümmerteile vom Dach des Nachbarblocks. Nach kürzester Zeit haben sie ihren Dosisgrenzwert überschritten und werden ausgetauscht. Ihre Gesichter sind hinter Gasmasken verborgen, aber ihre grotesk abgehackten Bewegungen verraten Angst. 800.000 Liquidatoren kommandiert man nach Tschernobyl eine ganze Armee. Das Enthüllungsbuch Tschernobyl, das der Kiewer Arzt Jurij Stscherbak 1987 schreibt, handelt auch von ihrem Schicksal. Zwei Jahre später steht Stscherbak an der Spitze der ökologischen Massenbewegung "Grüne Welt", einer treibenden Kraft für die Unabhängigkeit der Ukraine. Michail Gorbatschow sagt heute: "Die Kernschmelze von Tschernobyl war wohl mehr noch als meine Perestroika die wahre Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion."

Die Bilanz der Reaktorexplosion ist verheerend. Die Atombehörde IAEA bezifferte 2006 die Zahl der Todesopfer auf 9.000. Schätzungen von Greenpeace legen nahe, dass noch 93.000 zusätzliche Todesfälle durch Krebs zu erwarten sind. Doch die genaue Zahl der Opfer wird niemals zu ermitteln sein. Die Liquidatoren leben am Baikalsee oder im Kaukasus, in Duschanbe, Brighton Beach oder Wladiwostok wenn sie denn noch leben.

Der ökonomische Schaden Verlust an Landwirtschaftsfläche, staatliche Zuschüsse, Gesundheitskosten beläuft sich für die Ukraine auf geschätzte 201 Milliarden und für Weißrussland auf 235 Milliarden Dollar. Insgesamt 350.000 Menschen verloren ihre Heimat. Trotzdem leben bis heute allein in der Ukraine etwa eine Million Menschen auf radioaktiv erheblich belastetem Territorium. Die Mehrheit wird mit unbelasteter Nahrung beliefert. Aber Zehntausende konsumieren kontaminierte Lebensmittel aus ihrer Umgebung. Bei Untersuchungen im Dorf Drosdyn, 200 Kilometer westlich von Tschernobyl, überstiegen die Cäsium-Werte in über 90 Prozent der Milchproben den zulässigen Grenzwert, einige um das 10- bis 16-fache. Unter den Kindern in der Gemeindeschule gibt es noch immer "Tschernobyl-Invaliden", die unter Herzkrankheiten, Hepatitis und Krebs aller Arten leiden. Viele haben Anämie, "weiche Knochen", klagen über Migräne, Konzentrationsschwäche oder ein schwaches Immunsystem. Wie lange werden noch "Tschernobyl-Kinder" geboren?

Offiziell heißt die Zone 30 Kilometer um Pripjat Zona Otschuschdenija, wörtlich: "Zone der Entfremdung". Sie ist das am stärksten kontaminierte Gebiet. Von Kiew erreicht man es in nur anderthalb Stunden. Zuerst ist es eine ganz normale Autofahrt aus einer Großstadt heraus in die Provinz: Industrieanlagen, Vorstadt, dann Wiesen und Felder, Datschensiedlungen, größere Dörfer, kleinere Dörfer, immer weniger Dörfer. Es wird einsam. Plötzlich ein Kontrollpunkt wie ein kleiner Grenzübergang: Stacheldraht, bewaffnete Posten in Uniform und ein rot-weißer Schlagbaum. Nach der Passkontrolle wird man lässig hineingewinkt.

Nach Passieren eines zweiten Checkpoints am inneren Zehn-Kilometer-Zaun sieht man ein glänzendes, gigantisches Raumschiff die neue Schutzhülle. An ihr wird noch gebaut. Sie ist dreimal so groß wie die Hamburger Bahnhofshalle, dreimal so schwer wie der Eiffelturm. Dahinter, erheblich kleiner, der alte Sarkophag. Ende 2017 will man die neue Hülle auf Schienen über den Reaktor schieben. Die 1,5 Milliarden Euro teure Konstruktion soll die Region vor den Folgen eines Zusammenbruchs des alten Sarkophags bewahren nicht weniger, aber auch nicht mehr.

"Todeszone" nennen das Gelände viele, aber dafür ist es merkwürdig lebendig: Wölfe, Wildschweine und Rehe fühlen sich offenbar zu Hause. Also alles halb so schlimm? Der US-Biologe Timothy Mousseau hat die Fauna rund um den Reaktor intensiv erforscht. Ergebnis: Je höher die Radioaktivität, desto mehr Tumore bei Vögeln und desto weniger Insekten und Spinnen.

Ein Traumbild, unscharf wie aus der Tiefe des Unbewussten: Eine Herde kleiner Pferde trabt locker am Sarkophag vorbei. Dicke Hälse, klobige Köpfe Przewalski-Pferde, die Neandertaler unter den Pferden. Sie wurden vor 13 Jahren in der Zone ausgewildert. Eine wildere Heimat hätten sie auf diesem Planeten kaum finden können. Bereits Steinzeitfresken zeigen Przewalski-Pferde, die Art ist seit 20.000 Jahren unverändert. Die Halbwertszeit von Plutonium beträgt 24.110 Jahre. In seinem Buch Die Wächter des Sarkophags schrieb Alexander Kluge, der einbetonierte Koloss sei "herrenlos" geworden. Das stimmt nicht mehr. Die ewigen Przewalski-Pferde sind seine neuen Wächter. Wer wäre dafür besser geeignet?

Die Tschernobyl-Katastrophe wird noch Jahrzehnte, Jahrhunderte andauern: Wie soll der Rückbau der Kraftwerksruine erfolgen? Wie sichert man die 800 improvisierten Atommüllhalden ringsum? Wohin mit dem Abfall, siebzigmal so viel wie der gesamte deutsche Atommüll? Wie lassen sich die Waldbrände eindämmen, die Radionuklide weit über die Zone hinaus auslösen? Wie verhindert man, dass verseuchtes Wasser aus dem Kühlbecken in den Dnjepr fließt und damit in das Trinkwasser von Kiew? Tschernobyl scheint eine Aufgabe zu sein, der die Menschheit nicht gewachsen ist, nicht gewachsen sein kann. @

www.zeit.de/zeit- 21.4.16

 

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