30 Jahre Tschernobyl.

"Eine richtige anti-Atomkraftbewegung
gab es in Tschechien nie"


von Till Janzer

Der GAU in der Sowjetunion wurde in der Tschechoslowakei wie in anderen Ostblockstaaten heruntergespielt. Dennoch oder gerade deswegen hat sich hierzulande auch nach der politischen Wende kein nennenswerter Widerstand gegen Atomkraft entwickelt. Dazu ein Interview mit Radio-Prag-Mitarbeiter Jakub Šiška, der in der tschechischen anti-Atomkraft-Bewegung aktiv ist.

Jakub, erinnerst du dich eigentlich, was du am 26. April 1986 gemacht oder wie du von der Katastrophe in Tschernobyl erfahren hast?

"Was ich an diesem Tag gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Ich war damals 18 und bin aufs Gymnasium gegangen. Ich kann mich aber gut daran erinnern, wie langsam und schwierig es war, Informationen zu bekommen. Damals gab es noch die kommunistische Zensur in der Tschechoslowakei. Die offiziellen Medien haben erst mehrere Tage später über die Explosion berichtet, und natürlich wurde behauptet, man habe alles unter Kontrolle und es drohe keine Gefahr. Die einzige Möglichkeit, an Informationen zu kommen, waren ausländische Sender wie ‚Voice of Amerika‘ oder ‚Radio Free Europe‘. Diese Sendungen wurden aber gestört, das Regime sah sie als ‚feindliche, imperialistische Propaganda‘ an. In meiner Familie hatten wir zu Hause die Möglichkeit, das Programm der Sender zu hören, aber das war nicht überall möglich. Besser war es in den Grenzregionen Böhmens, wo man westdeutsche oder österreichische Stationen empfangen konnte, dafür musste man aber Deutsch können. Die komplette Wahrheit über die Katastrophe konnten wir erst nach der Wende von 1989 erfahren."

Wann wurde in der damaligen Tschechoslowakei oder späteren Tschechien angefangen, kritische Fragen zur Atomkraft zu stellen?

"Kritische Fragen zur Atomkraft wurden bereits ab den Zeiten der Wende gestellt, und zwar im Zusammenhang mit der Fertigstellung des AKW Temelín. Der Bau des Kraftwerks wurde bereits zu kommunistischen Zeiten begonnen. Nach der Wende wurde heftig diskutiert, ob es sich denn lohnt, das Kraftwerk fertigzustellen. Dabei ging es aber nur um das konkrete Atomkraftwerk, nicht allgemein um die Nutzung von Kernenergie. Wie bekannt, wurde letztlich entschieden, Temelín fertigzustellen. Wichtigstes Argument war damals, dass die Atomenergie es ermöglicht, die Kohlekraftwerke in Nordböhmen abzustellen. Denn Nordböhmen war damals stark belastet durch den Tagebau und die Emissionen aus den Kohlekraftwerken. Heute wissen wir, dass die Kohlekraftwerke weiter Strom produzieren, aber sie sind entschwefelt worden und die Emissionen sind dadurch zurückgegangen. Vielleicht war es nicht so einfach, die Kohlekraftwerke abzustellen, wie man anfänglich geglaubt hatte. Eine allgemeine Ablehnung der Atomenergie, wie sie sich in Österreich oder Deutschland durchgesetzt hat, gab es in Tschechien nie. Die Tschechen sind laut vielen Umfragen schon seit langem mehrheitlich für die Nutzung von Atomenergie."

Bei dir ist das anders, du gehörst damit sozusagen zu einer Minderheit in Tschechien. Gab es eine Art Schlüsselerlebnis für dich, dass du heute Atomkraft ablehnst?

"Ich bin schrittweise zu der Überzeugung gelangt, dass wir Atomkraft eigentlich nicht brauchen. Das ist auch die wichtigste Frage: Womit ersetzen wir die Stromproduktion, wenn wir die Atomkraftwerke abstellen? Kohle, das wissen wir, ist nicht gut – es bleiben also die erneuerbaren Energien. Zur Jahrtausendwende habe ich in Südböhmen gelebt und den Vorsitzenden des Vereins ‚ Sonne und Freiheit‘, Bernhard Riepl, sowie weitere engagierte Leute kennengelernt. Über sie bin ich zur Überzeugung gekommen, dass erneuerbare Energien wirklich funktionieren. Es lohnt sich also nicht, auf große Kraftwerke zu setzen. Diese Erkenntnis war eine Frage der Informationen. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass Atomkraft gefährlich ist – nicht nur wegen der möglichen Unfälle, sondern auch wegen des Atommülls und der Urangewinnung, beides sind ebenso schmutzige Angelegenheiten."

Atomkraft wird heutzutage in Tschechien praktisch von keinem Politiker einer der Parlamentsparteien infrage gestellt. Und selbst nach dem Unglück von Fukushima vor fünf Jahren ist keine nennenswerte Diskussion in der tschechischen Gesellschaft aufgekommen. Warum wird die Atomkraft hierzulande so unkritisch gesehen?

"Das geht – wie gesagt – zurück auf die spezifischen Erfahrungen mit der Katastrophe von Tschernobyl. Man glaubte, und glaubt das auch bis heute, dass zu dem GAU vor allem sowjetische Schlamperei geführt hat. Das heißt, dass Sicherheitsmaßnahmen mangelhaft waren und die vorgeschriebenen Arbeitsvorgänge ignoriert wurden. Man sagte damals, dass es in den entwickelten Ländern, zu denen sich ja auch Tschechien zählen will, solche Schlamperei nicht passieren kann. Ob das so stimmt oder nicht, das ist natürlich die Frage.

Aber noch etwas möchte ich erwähnen. Nachdem die Regierung entschieden hatte, Temelín fertigzustellen, begannen österreichische Ökoaktivisten, Grenzblockaden zu organisieren. Es gab auch Forderungen, wegen Temelín den EU-Beitritt Tschechiens zu verhindern. Die Menschen hierzulande haben das nicht verstanden. Sie fragten sich, warum andere Staaten die Atomenergie nutzen dürfen und Tschechien nicht? Auch Reminiszenzen an die k. u. k. Monarchie und sogar den Zweiten Weltkrieg waren im Spiel. Viele Menschen hatten das Gefühl, dass jemand aus Wien oder aus Deutschland wieder die Dinge diktieren will. Die Lage war damals wirklich angespannt, und dies musste sogar auf Regierungsebene bereinigt werden. Der Druck der österreichischen Aktivisten hat paradoxerweise die Zustimmung der Tschechen zur Atomenergie eher noch verstärkt."

Wie groß würdest du heute die anti-Atomkraftbewegung in Tschechien schätzen?

"Die antiatombewegung an sich spielt in Tschechien nur eine geringe Rolle. Was aber funktioniert, das sind die grenzüberschreitenden Kontakte. Der in Österreich eingetragene Verein ‚Sonne und Freiheit‘, bei dem ich auch Mitglied bin, hat beispielsweise bereits um das Jahr 2000 Kontakt mit einer südböhmischen Gemeinde aufgenommen. Er hat österreichische AktivistInnen mit der Bevölkerung dieser Gemeinde zusammengebracht. Dank dieser Zusammenarbeit sind schon mehrere Projekte umgesetzt worden, wie zum Beispiel eine Solaranlage auf dem Gemeindegasthof oder eine Biogasanlage.

Ebenso wichtig ist aber, dass sich die Menschen treffen, es gibt regelmäßige grenzüberschreitende Stammtische, Exkursionen, Kulturveranstaltungen und Sprachkurse. Diese Aktionen beschränken sich längst nicht mehr nur auf eine Gemeinde. Dadurch können sich die Menschen in Südböhmen von den Vorteilen der Energiewende überzeugen – und vielleicht kommen sie auch zur Ansicht, dass man Atomenergie eigentlich nicht mehr braucht."@

http://www.radio.cz/de 27.4.16

 

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