Neuer Atomskandal in Frankreich

Pfusch bei AKW-Bauteilen?

von Bernward Janzing

Eine Areva-Tochter hat 80 AKWs mit Reaktordruckbehältern ausgestattet. Nun zweifelt die Atomaufsicht an deren Sicherheit.

Das könnte sich zu einem handfesten Skandal der französischen Atomwirtschaft entwickeln: Der weltgrößte Nuklearkonzern Areva muss Unregelmäßigkeiten bei der Fertigungskontrolle von Herzstücken der Reaktoren zugeben. Bei etwa 400 Bauteilen, die seit 1965 im Schmiedewerk Creusot Forge hergestellt wurden, sei die Qualität unsauber dokumentiert, sagt die französische Atomaufsicht ASN. Creusot Forge ist eine Tochterfirma von Areva.

Laut der Atomaufsicht gibt es in den Protokollen "Unstimmigkeiten, Veränderungen oder Auslassungen" bei Herstellungsparametern und Testergebnissen. Aufgeflogen war das erst, nachdem die ASN am Reaktordruckbehälter des im Bau befindlichen AKW in Flamanville "sehr ernste Anomalien" entdeckt hatte und diesen nachging.

Nach den neuesten Enthüllungen hat die ASN den Atomkonzern verpflichtet, binnen 15 Tagen darzulegen, welche sicherheitstechnische Relevanz diese Schlampereien haben. Die Aktie des Unternehmens kam daraufhin unter Druck; sie verlor alleine am Dienstag mehr als sieben Prozent, womit der Konzern in den letzten fünf Jahren 86 Prozent seines Börsenwertes eingebüßt hat.

Die in der Kritik stehende Schmiede in der Region Bourgogne-Franche-Comté hat die Reaktordruckbehälter für rund 80 AKWs weltweit gefertigt. Deutschland sei aber nicht betroffen, heißt es beim Deutschen Atomforum: Die Ringe der hiesigen Druckbehälter der noch laufenden Reaktoren seien allesamt bei Japan Steel Works hergestellt worden. Parallelen zu Fälschungsskandalen Für Mycle Schneider, Energie- und Atompolitikberater in Paris, steht mit den jüngsten Entdeckungen "die interne Zuverlässigkeit bei Areva in Frage". Und nicht nur das: Auch die Aufsichtsbehörde ASN sei "offensichtlich unfähig, diese gravierenden Unzulänglichkeiten zeitnah aufzudecken". Damit kämen "erhebliche Zweifel an dem gesamten, viel gepriesenen Sicherheitskontrollsystem in Frankreich auf".

Einer der Reaktoren mit einem Reaktordruckbehälter aus der Areva-Schmiede ist das Kraftwerk Beznau in der Schweiz. Der weltweit älteste Reaktorblock Beznau 1 ist seit März 2015 abgeschaltet, nachdem Hunderte von Materialfehlern im Druckbehälter festgestellt worden waren. Jetzt teilte der Betreiberkonzern Axpo mit, dass die "festgestellten Anzeigen herstellungsbedingt" seien. Die Prüfung, ob der Reaktor jemals wieder ans Netz gehen darf, wird sich daher noch viele Monate hinziehen; zumindest bis zum Jahresende steht der Meiler also mit Sicherheit still.@



Atomkraft um jeden Preis

Vetrauen und Sicherheit aufs Spiel gesetzt: Ein französisches Staatsunternehmen mogelt bei der Qualität von Bauteilen für Atomanlagen.

Frankreich hat seit Jahrzehnten voll auf die Atomkraft gesetzt. Weder Tschernobyl noch Fukushima konnten daran etwas ändern. Das Risiko der Investition hatte von Beginn an der Staat zu tragen, der heute bis zum Hals in dieser Verantwortung steckt.

Der Industriekonzern Areva, im dem von der Uranförderung, -aufbereitung und -entsorgung bis zum Bau der Reaktoren die ganze Technologie konzentriert wurde, ist ein Staatsunternehmen. Das verhinderte allerdings nicht, dass Areva Fehlinvestitionen machte und aufgrund hoher Verluste an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geriet. Einmal mehr musste der Staat einspringen. Es scheint, als habe die Atomkraft keinen Preis, oder, besser gesagt: Frankreich hält um jeden Preis uneinsichtig an seiner Priorität fest.

Schlimmer noch als die finanzielle Schieflage ist der nachhaltige Misskredit, der Areva jetzt droht wegen des dringenden Verdachts, dass bei der Herstellung von Bestandteilen für Atomanlagen im In- und Ausland geschummelt wurde. Dazu liegen laut der Atomschutzbehörde ASN rund 400 Dossiers vor. Konkret könnte dies bedeuten, dass bestimmte Produkte, laut Medienangaben namentlich aus der Stahlgießerei Le Creusot, die Qualitätsauflagen nicht erfüllen.

In einem Sektor, in dem die Sicherheit weitgehend von der Einhaltung hoher Standards abhängt, ist das mehr als schockierend. Es bedeutet, dass führende Leute des Atomkonzerns die wirtschaftlichen Interessen der Industrie leichtfertig, ja fast systematisch über den Schutz der Bevölkerung gestellt haben. Darum ist dieser mutmaßliche Betrug noch weit schlimmer als etwa der Skandal mit manipulierten Abgasnormen der Dieselfahrzeuge.@

aus taz vom 4.5.16

 

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