Nach insgesamt drei Pannen in den ersten 14 Tagen der Wiederinbetriebnahme bleibt das AKW nach einem Kurzschluß im Transformator für viele Monate außer Betrieb.

Krümmel bleibt aus!

Eine Zusammenstellung von aaa-red
mit Stand vom 7. Juli 2009

Zwei Jahre lang sollte es auf Herz und Nieren geprüft werden. In den zwei Wochen nach Wiederinbetriebnahme tauchen erneut Störfälle auf. Die zweite Notfallschnellabschaltung am 4. Juli sorgt für Stromausfall und Wasserrohrbrüche in der Stadt Hamburg. Wie 2007 gab es wieder einen Kurzschluß im Maschinentransformator. Die Untersuchung der Ursachen zeigt gravierende Mängel, Vaddenfall räumt ein, dass der Reaktor knapp an einem Brand vorbeigeschrammt ist. Der Kraftwerksleiter muß gehen, und die veralteten Transormatoren sollen ausgetauscht werden. Allein der Austausch der Transformatoren wird das AKW noch viele Monate vom Netz halten.


Wiederinbetriebnahme des AKW

Zunächst verläuft der Wiederanfahrprozess des AKW bei Geesthacht „planmäßig”. Bereits am 20.7.09 wird der Generator mit dem Stromnetz synchronisiert und die Anlage liefert wieder Strom ins Netz. In der Nacht vom 23./24. Juli geht das AKW wieder in Volllastbetrieb. Das Kraftwerk hat eine Nettoleistung von 1.346 Megawatt und erzeugt rund 10 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr. Trotz massiver Proteste hatte das Sozialministerium in Kiel als zuständige Atomaufsichtsbehörde des Landes Schleswig-Holstein am 19.06.09 dem Atomenergie-Konzern Vattenfall Europe die drei Tage zuvor beantragte Wiederinbetriebnahme genehmigt.

„Mit der Dauerbetriebsgenehmigung aus dem Jahr 1988 hat die Betreibergesellschaft das Recht auf Betrieb des Kernkraftwerks erhalten.” Mit dieser Aussage versucht das zuständige Sozialministerium in Kiel, die Genehmigung für eine Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks zu rechtfertigen. Wenn alle Mängel im Kernkraftwerk Krümmel behoben seien, habe die Betreibergesellschaft nach dem Atomgesetz einen Rechtsanspruch auf Wiederinbetriebnahme des Reaktors.

Seit dem 28. Juni 2007 war das AKW Krümmel aufgrund eines Maschinentransformatorbrandes und der dadurch verursachten Störung außer Betrieb. Während des Stillstands habe die Betreibergesellschaft den Störfall aufgearbeitet, Brennelemente ausgewechselt sowie die Jahresrevisionen 2007-2009 durchgeführt. „Bei der Störfallaufarbeitung hat die Atomaufsicht insbesondere das Zusammenwirken von Mensch und Technik, die internen Kommunikationsabläufe sowie die Zuverlässigkeit der Betreibergesellschaft auf den Prüfstand gestellt”, erklärt der Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit, Dr. Wolfgang Cloosters. „Schwerpunkte der Revisionsarbeiten waren die Sanierung von Armaturen mit Rissbefunden sowie die Erneuerung von Dübelverbindungen in sicherheitstechnisch wichtigen Bereichen. Die während des Stillstandes durchzuführenden wiederkehrenden Prüfungen, Instandhaltungen und Änderungen des Zeitraums 2007-2009 sind abgeschlossen.”

„Die Atomaufsicht hat zum Schutz der Bevölkerung strengste Maßstäbe angesetzt.” sagt Dr. Gitta Trauernicht, die zuständige Ministerin. „Während des rund zweijährigen Stillstandes hat die Atomaufsicht unter Hinzuziehung zahlreicher externer Sachverständiger die Arbeiten von Vattenfall fortlaufend intensiv überwacht und kontrolliert.” Cloosters ergänzt: „Dies betrifft insbesondere die Armaturensanierung und die Erneuerung der fehlerhaften Dübelverbindungen. Aktuelle Beratungen eines Fachausschusses der Reaktorsicherheitskommission, einem Beratungsgremium des Bundesumweltministeriums, haben bestätigt, dass die von der Atomaufsicht Schleswig-Holstein durchgesetzte Armaturensanierung dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik entspricht. Bei den Dübeln wurde die Ausdehnung der Überprüfungen auf sämtliche Typen von Schwerlastdübeln durchgesetzt. Inzwischen ist dieser Prüfumfang bundesweit Standard.”

Voraussetzungen für die Zustimmung zum Wiederanfahren seien unter anderem:

  • Die Behebung der festgestellten Mängel
  • Die Erfüllung von Auflagen und Anordnungen,
  • Die Vorlage einer übersichtlichen und nachvollziehbaren Dokumentation.

Die Behörde habe außerdem die atomrechtliche Zuverlässigkeit der zum Vattenfall-Konzern gehörenden Betreibergesellschaft des KKK umfassend auf den Prüfstand gestellt. Hinsichtlich der relevanten Rechtsfragen sei dabei der Verwaltungsrechtsexperte Prof. Dr. Wolfgang Ewer hinzugezogen worden. In Übereinstimmung mit Prof. Ewer sei die Atomaufsicht zu dem Ergebnis gelangt, dass die Betreiberin im Sinne des § 7 Abs.2 Nr.1 AtG die erforderliche Zuverlässigkeit besitze und ein Entzug der Betriebsgenehmigung nicht gerechtfertigt sei.

Erste Panne

Nur wenige Tage nach dem Wiederanfahren, am 23.06.09, kommt es zu einer neuen Panne: Eine elektronische Baugruppe zum zeitverzögerten Auslösen einer Reaktorschutzmaßnahme fällt aus. Regulär steuert die Baugruppe eine Auswahlschaltung an, die bei Ausfall der Stromeigenversorgung ein Reaktoreinspeisesystem startet. Diese Baugruppe wird nun ausgetauscht. Erst am 29.06.09, also sechs Tage nach dem Ereignis, wird die Öffentlichkeit, aber auch die zuständige Behörde, das Kieler Sozialministerium, von Vattenfall Europe über die neue Panne in Kenntnis gesetzt.

Zweite Panne

Am Nachmittag des 1. Juli, eine Woche nach dem Wiederanfahren, kommt es im AKW Krümmel erneut zum Störfall. Gegen 15.00 Uhr steigt der Öldruck in einem der beiden Eigenbedarfstransformatoren, die den Reaktor mit Strom versorgen. Da ein Mitarbeiter Stunden oder Wochen zuvor das Notventil für den Öl-Ausgleichsbehälter von Hand geschlossen hat, droht eine Überhitzung des Trafos. Er schaltet sich deshalb ab. Automatisch geht auch der Generator aus. Um 15.02 Uhr ist Krümmel vom Netz. Die Turbine läuft weiter, wird - so Vattenfall - per Hand ausgeschaltet.

Der Reaktor fährt herunter, produziert aber noch Dampf, braucht also weiter Speisewasser. Von den drei Pumpen laufen zwei problemlos. Die dritte Pumpe bockt, schaltet sich „auf Handbetrieb”. Eine Baugruppe in der Steuerung der Pumpe ist defekt. Die Alarmmeldung läuft im Leitstand des Kraftwerks auf. Der Reaktorfahrer bedient die Pumpe. Im Reaktorkern steigt der Wasserstand um etwa 75 Zentimeter. Das sei, so Vattenfall, in einer solchen Situation nach erster Einschätzung der Atomaufsicht „normal”. Das Kraftwerk wird vorübergehend vom Stromnetz getrennt.

Um 15.10 Uhr alarmiert Vattenfall die Kieler Aufsichtsbehörde. Nach Angaben der Atomaufsicht tauscht Vattenfall die kaputte Baugruppe in der Pumpe aus. „Nach den verbindlichen Vorgaben des Betriebshandbuches für das Kernkraftwerk Krümmel ist ein Betrieb mit verminderter Leistung (bis ca. 65%) bei Ausfall eines Eigenbedarfstransformators zulässig. Dies bedeutet, dass rechtlich keine Handhabe besteht, die Anlage vom Netz zu nehmen, sofern nicht andere Gründe vorliegen,” wird vom Kieler Sozialministerium in der Pressemitteilung abschließend ausgesagt. Der Generator wird um 19.15 Uhr wieder ans Netz geschaltet. Bedingt durch den Trafoausfall wird die Anlage erst mal mit Teillast betrieben.

Mit einem Arbeitsbericht informiert Vattenfall die atomrechtliche Aufsichtsbehörde in Kiel schriftlich. Vertreter der Atomaufsicht und hinzugezogene Sachverständige untersuchen am 2. Juli die genauen Ursachen für die gestrige Turbinenabschaltung. Zum Prüfauftrag gehört unter anderem:

  • die Klärung der genauen Abläufe der Turbinenabschaltung sowohl in technischer Hinsicht wie der Personalhandlungen,
  • eine mögliche Übertragbarkeit des Schadens auf den zweiten Eigenbedarfstransformator des Kernkraftwerks,
  • die Klärung der Ursachen für die Probleme bei der Steuerung der Speisewasserpumpen.
Die anschließende Auswertung wird voraussichtlich mehrere Tage dauern.

In seiner Pressemitteilung betont Vattenfall Europe abschließend: „Die aufgetretenen Störungen sind nach bisheriger Bewertung nicht meldepflichtig.” Der reparierte Transformator wird am Freitagabend (3.7.09) wieder in Betrieb genommen und die Leistung wieder gesteigert.


Proteste

Rund 120 Atomkraftgegner protestieren am 3.7.09 in Geesthacht gegen die weitere Nutzung des AKW. Sie fordern eine Stilllegung des umstrittenen Reaktors an der Elbe. Eine Mahnwache wird auch am 4.7.09 fortgesetzt. Ohne es zu wissen sind die Protestierenden mit ihrer Aktion ganz dicht am Geschehen:

Dritte Panne

Am 4.7.09 wird das Atomkraftwerk Krümmel bei Geesthacht um 12:02 Uhr mit einer Reaktorschnellabschaltung bereits zum zweiten Mal in dieser Woche vom Netz genommen. Ursache für den Störfall sind Probleme mit einem Maschinentransformator. Durch einen Defekt an diesem Trafo sei es nach ersten Angaben des Betreibers in der Folge zu einer Unterspannung an zwei von vier Eigenbedarfsschienen des Atomkraftwerks gekommen, mit der Folge einer automatischen Abschaltung. Die Atomaufsicht Kiel erfährt von der Reaktorschnellabschaltung nicht durch den Betreiber des&xnbsp;AKW, sondern vom Lagezentrum des Innenministeriums: die Objektsicherung des Kraftwerks hat die Landespolizei in Geest­hacht informiert, und die Polizei gibt die Information an das Innenministerium weiter.

Störungen im Hamburger Stromnetz

Durch einen Spannungseinbruch kommt es zu Störungen in Hamburgs Stromnetz. Von insgesamt 1.800 Ampelanlagen im gesamten Stadtgebiet fallen circa 1.500 aus. Betroffen sind auch einige Einkaufszentren sowie die Stahl- und Aluminiumwerke. Der Leiter des Instituts für Messtechnik an der TU Harburg erklärt die Folgen des Störfalls: „Wäre das Werk planmäßig vom Netz gegangen, hätten andere Energiequellen die Weiterversorgung nahtlos und störungsfrei übernommen. Aber der Strom blieb bei der Schnellabschaltung abrupt aus, deshalb gibt es für Sekundenbruchteile einen Spannungsbruch.

Der kann fatale Folgen haben: Die modernen Rechner sind sehr empfindlich, sie fallen aus.

  • Die Ampelcomputer schalten die Versorgung ab. 1500 Ampeln fallen aus.
  • In Betrieben und Läden stürzen die Computer- und Kassensysteme ab. Es dauert zum Teil Stunden, bis alles wieder hochgefahren ist und läuft.
  • Die Wasserwerke stoppen die Versorgung, weil die Computer eine Instabilität melden. Die Ventile der Großleitungen schließen. Ein Druckstoß beschädigt die Wasserrohre. Als die Ventile schliessen, überträgt sich der massive Druck des Wassers auf die Leitungen und staucht sie. Rohrbrüche an mehreren Stellen in Hamburg sind die Folge.“

Atomaufsicht fordert Konsequenzen

Nach der Reaktorschnellabschaltung im Kernkraftwerk Krümmel fordert Sozialministerin Dr. Gitta Trauernicht vom Betreiber Vattenfall weitreichende Konsequenzen: „Die Alterung der Transformatoren in Krümmel stellt sich immer deutlicher als Problem heraus. Laut dem ersten Sachstandsbericht unserer Gutachter ist nicht auszuschließen, dass der Störfallablauf im Maschinentransformator gestern mit dem vom 28. Juni 2007 in dem baugleichen Maschinentransformator vergleichbar ist. Damals war der Trafo in Brand geraten, nachdem ein Lichtbogen das Öl entzündet hatte. Inwieweit der Trafo gestern beschädigt wurde, müssen die genauen Untersuchungen auch im Inneren zeigen, die in den kommenden Tagen anstehen. Die Folgen dieses Störfalls sind weitreichend. Für mich heißt das in letzter Konsequenz: Erneuern statt reparieren!”

„Die von der Atomaufsicht hinzugezogenen Sachverständigen werden jetzt unter anderem zu klären haben, ob der Betreiber während des Wiederanfahrprozesses den Maschinentransformator sorgfältig überwacht hat. Im Zustimmungsbescheid der Atomaufsicht zum Wiederanfahren des Kernkraftswerks Krümmel vom 19. Juni 2009 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei der Wiederaufnahme des Leistungsbetriebs auf Teilentladungen geachtet werden soll”, wird in der Pressemitteilung des Sozialministeriums in Kiel verdeutlicht.

„Auch die Informationspolitik des Kernkraftwerks Krümmel ist erneut zu kritisieren”, so die Ministerin in der Pressemitteilung weiter. „Warum es gestern nicht möglich war, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über die Reaktorschnellabschaltung an das Lagezentrum und die Atomaufsicht zu geben, ist mir völlig unverständlich. Auch dies muss Konsequenzen haben!”


Vattenfall erklärt sich

Der Atomenergie-Konzern stellt den Störfall im AKW Krümmel aus seiner Sicht dar: Vattenfall legt der Aufsichtsbehörde einen technischen Bericht über die Reaktorschnellabschaltung vor, in dem der Ablauf dargestellt und bewertet wird. „Am Samstag um 12.02 Uhr trat ein Schaden an einem der beiden Maschinentransformatoren des Kraftwerks auf, die die Anlage mit dem Stromnetz verbinden. Nach bisherigen Erkenntnissen war es zu einem Kurzschluss im Innern des Trafos gekommen. Dadurch kam es automatisch zur Trennung des Kraftwerks vom Stromnetz. Wie vorgesehen, wurde der Reaktor anschließend per automatischer Schnellabschaltung heruntergefahren. Dabei werden 205 Steuerstäbe in den Reaktorkern eingeschossen und schalten den Reaktor ab. Dieser Vorgang spielt sich innerhalb von zwei Sekunden automatisch ab. Anschließend wurde der Reaktor drucklos gefahren und befindet sich derzeit im so genannten Nachkühlbetrieb. Die Stromversorgung für die Kühlung des Reaktors erfolgt über das Fremdnetz. Die angeforderten Sicherheitssysteme haben bestimmungsgemäß funktioniert. Das Schichtpersonal hat das Ereignis gemäß den Bestimmungen im Betriebshandbuch abgearbeitet. Es waren keine Handeingriffe erforderlich.”

In einer Pressemitteilung wird am 5.7.09 auch von Vattenfall zugegeben: „Bei der gestrigen Reaktorschnellabschaltung sind einzelne technische Abweichungen aufgetreten, die den Verlauf nicht beeinträchtigt haben:

  • So sind zwar alle 205 Steuerstäbe hydraulisch eingeschossen worden und haben den Reaktor, wie vorgesehen, abgeschaltet. Bei einem Steuerstab ist allerdings die Mutter, die den Stab zusätzlich fixieren soll, nicht elektrisch nachgelaufen. Dafür war ein defektes Elektronikteil verantwortlich. Dieses Teil wurde ausgetauscht und der Mutternachlauf für diesen Steuerstab durchgeführt.
  • Außerdem war die Kühlung des Reaktorwasser-Reinigungssystems ausgefallen, so dass dieses System für etwa vier Stunden nicht zur Verfügung stand. Im Verlauf der Störung wurde dieses System nicht benötigt.
  • Messungen der Aktivität des Reaktorwassers haben den Hinweis auf ein defektes Brennelement ergeben. Dies wird weiter untersucht, hat aber nach bisheriger Erkenntnis keinen Zusammenhang mit der Schnellabschaltung.

Am beschädigten Transformator wird festgestellt, dass an zwei Stellen Öl ausgetreten war. Das Öl hat sich in der dafür vorgesehen Auffangwanne gesammelt. Geringe Mengen sind über ein Schotterbett in die oberen Schichten des Erdreichs gelangt. Das Erdreich wurde bereits abgetragen. Die Schnellabschaltung ist nach bisheriger Bewertung ein Meldepflichtiges Ereignis der Kategorie ‚N‘ (‚Normalmeldung‘) und liegt unterhalb der sieben Stufen der internationalen Skala zur Bewertung von Vorkommnissen in Kernkraftwerken (‚INES null‘).”

Von Vattenfall vorgelegte Fotos zeigen, dass Öl aus zwei Lecks über eine zu drei Viertel schwarze, offenbar verschmorte Seitenwand des Maschinentransformators geronnen ist, eine offensichtliche Parallele zu dem Trafobrand vor zwei Jahren. Nach einem Kurzschluss war am 28. Juni 2007 einer der beiden Transformatoren am Reaktorgebäude ausgebrannt. Er konnte nur ersetzt werden, weil Vattenfall aus dem Uralt-Reaktor Brunsbüttel einen ungenutzten Reservetrafo bekommen konnte. Der Bau eines neuen Trafos würde, so Vattenfall-Sprecher Ivo Banek seinerzeit, „mindestens eineinhalb Jahre dauern”. Sollte der jetzt beschädigte zweite Alt-Trafo unbrauchbar sein, müsste der Konzern erneut einen langwierigen Stillstand des Meilers hinnehmen.

Zugleich bestätigt Vaddenfall-Sprecherin Meyer-Bukow, dass mindestens ein defektes Brennelement erhöhte Radioaktivität abgegeben habe. Nach bisherigen Erkenntnissen stehe das jedoch „in keinem Zusammenhang” mit dem Störfall. Während der zweijährigen Reparaturen waren die 840 Brennstäbe im Reaktorkern erneuert worden - warum nach nur zwei Betriebswochen ein Defekt aufgetreten ist, „wissen wir nicht”, so die Vattenfall-Sprecherin. Die ausgetretene Strahlung sei aber „nicht nach außen gedrungen”, sondern ins Reaktorwasser abgegeben worden.


Ursachenklärung

Am 7.7.09 teilt Vattenfall mit: „Die Untersuchung des Unfalls hat ergeben, dass eine vorgesehene Überwachungseinrichtung des Maschinentransformators, die sogenannte Teilentladungsmessung, nicht vor dem Wiederanfahren des Kraftwerks installiert wurde.” Teilentladungen können in der Hochspannungstechnik Hinweise auf Fehler in der Isolierung sein. Schäden in der Isolierung wiederum können sich unter bestimmten Umständen zu Kurzschlüssen auswachsen. Das Knistern unter Hochspannungsleitungen beispielsweise geht auf Teilentladungen zurück.

Die Atomaufsichtsbehörde in Kiel erklärt, die Montage genau dieses Gerätes sei fest mit Vattenfall vereinbart gewesen. Es sei „vereinbart und im Abnahmeprotokoll festgelegt worden, dass bei der Wiederaufnahme des Leistungsbetriebs die altersschwachen Groß-Trafos AT01 (Baujahr 1982) und AT02 (1975) beim Wiederanfahren mit Messgeräten überwacht werden, um Teilentladungen aufzuspüren und so einem Kurzschluss zuvorzukommen. Über Körperschall-Detektoren sollten Teilentladungsmessungen (TE) zur Lokalisierung einer möglichen TE-Quelle erfolgen”, erklärt die Behörde .

Durch sie hätten sich weitere Daten über den Zustand des Geräts ermitteln lassen. Die Gefahr eines Kurzschlusses, wie er am vergangenen Samstag passiert ist, wäre leichter abschätzbar gewesen. Doch zu der Messung ist es nie gekommen, wie Vattenfall am Dienstag dem Ministerium gestehen muss. Ein „Wechsel der Terminsituation” habe dazu geführt, dass „im zuständigen Teilbereich die rechtzeitige Messeinrichtungsinstallation zeitweilig nicht mehr präsent war”, zitiert das Ministerium aus einem aktuellen Schreiben des Konzern.

Erneute Zuverlässigkeitsprüfung

Sozialministerin Dr. Gitta Trauernicht: „Angesichts der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Wiederanfahren des Kernkraftwerks Krümmel habe ich eine erneute Zuverlässigkeitsprüfung des Betreibers veranlasst. Das Unternehmen hat die Verantwortung für einen sicheren Betrieb des Kernkraftwerks. Vattenfall ist jetzt in der Pflicht, weitreichende Konsequenzen aus dem jüngsten Störfall zu ziehen. Dies habe ich Vattenfall-Europe-Chef Hatakka unmissverständlich deutlich gemacht.”

Vattenfall gibt sich zerknirscht.

Tuomo Hatakka, Vorstandschef von Vattenfall Europe, räumt das schwere Versäumnis ein. In einem Gespräch mit Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) entschuldigt er sich für die Pannen in Krümmel. Wie ernst die Lage für Vattenfall ist, erfährt Hattaka aus erster Hand. Carstensen erklärt dem Atommanager, dass Vattenfall mit Krümmel nur noch einen „letzten Versuch” habe. „Wenn es dann wieder so einen Vorfall gibt, werde ich mich persönlich darum kümmern, dass die Anlage abgeschaltet wird.” Hatakka macht trotz allem deutlich, dass Vattenfall den Siedewasserreaktor weiter betreiben will. Die ersten Weichen für eine Bestätigung der Betriebslizenz werden gestellt:

Hatakka erklärt, dass der Kraftwerksleiter für die Missachtung der Auflage verantwortlich ist. Lucht, seit 29 Jahren in Krümmel, seit Februar 2005 Chef des Reaktors, wird mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Als kommissarischen Leiter ernennt Hattaka Produktionschef Walther Stubbe (62), seit 25 Jahren in Krümmel. Mit dem Personalwechsel verringert Vattenfall seine Angriffsfläche im Lizenzverfahren. Nach dem Atomgesetz darf ein Betreiber Mängel „in angemessener Zeit” beheben, kann so seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen. Trauernicht stellt zudem klar, dass ein Lizenzentzug für Vattenfall nicht das Aus für Krümmel bedeuten würde. „Wir haben in Deutschland andere Betreiber, die Kernkraftwerke seriös leiten.” Dazu gehört E.on. Der Konzern ist mit 50 Prozent an Krümmel beteiligt. Außerdem kündigt Hatakka an, daß die betagten Transformatoren ersetzt werden.

Transformatoren werden neu gekauft

Krümmel besitzt zwei Transformatoren, die den Strom auf die richtige Spannungsebene bringen, damit er ins Netz eingespeist werden kann. Der Kurzschluss entstand in dem Trafo, der schon seit Jahrzehnten im Kraftwerk in Betrieb ist - dem anderen war es bereits vor zwei Jahren ähnlich ergangen. Damals wurde er nicht durch ein neues Gerät, sondern durch einen Ersatztrafo ausgetauscht, der seit 20 Jahren nicht mehr in Betrieb war. „In den vergangenen Jahren haben die Betreiber nicht ernsthaft nachgerüstet, sondern eher die Billigvariante gewählt”, kritisiert Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe. „Schließlich haben sie hinter den Kulissen in Berlin versucht, den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu verhandeln.”

Vattenfall will nun die beiden Maschinentransformatoren in Krümmel komplett austauschen. Damit geht das Unternehmen auf eine Forderung der Atomaufsicht ein. Der Austausch kostet Vattenfall rund 16 Millionen Euro, wie das Unternehmen erklärt. Neue Transformatoren könnten frühestens im Zeitraum April/Mai 2010 geliefert und eingebaut werden. So lange wird das AKW nicht wieder ans Netz gehen.

Strafanzeige

Der schleswig-holsteinische Grünen-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Konstantin von Notz, hat im Zuge des jüngsten Störfalls im Atomkraftwerk Krümmel Strafanzeige gegen die Verantwortlichen der Anlage gestellt. „Die Störfälle der letzten Tage und die Parallelität der Geschehnisse zum Transformatorbrand vor zwei Jahren haben die Menschen stark beunruhigt und das Vertrauen in Vattenfall, so es denn je vorhanden war, zerstört”, sagte Notz am Dienstag.

Dass sich zwei Jahre nach dem Trafobrand „ein fast identischer Störfall” an einem Transformator ereignet habe, begründe den Verdacht einer groben Verletzung von verwaltungsrechtlichen Vorschriften, sagte Notz. Sarrazin betonte, „das Krümmel-Risiko ist für die Metropolregion Hamburg untragbar geworden”. Aufgrund dessen Nähe zur Hansestadt sei es wichtig, „dass dieser Pannenreaktor endlich vom Netz geht”.


Rolle der Gutachter

Derweil stellt sich die Frage, welche Rolle die Gutachter bei der Pannenserie in Krümmel spielen. Schließlich bescheinigten sie, dass die einzelnen Komponenten ordnungsgemäß funktionieren und der Meiler ans Netz gehen kann. In der Regel greifen Aufsichtsbehörden und Kraftwerksbetreiber auf einen Pool an Gutachtern zurück, die ihnen vertraut sind.

Die Experten kommen von Institutionen wie dem TÜV, dem Germanischen Lloyd oder kleinen Ingenieurbüros, es ist ein relativ kleiner Zirkel. Je nach politischem Couleur der Landesregierungen, bei denen die Atomaufsicht liegt, werden auch Atomkraft-kritischere Institutionen wie das Öko-Institut beauftragt. „Viele der Gutachter machen ihre Aufgabe seit Jahrzehnten und arbeiten eng mit dem Betreiber zusammen”, sagt Rosenkranz von der DUH, „zu viel Nähe kann auch in Kumpanei und Betriebsblindheit enden.”

Der TÜV weist diese Einschätzung zurück. „Wir haben eine Berichtspflicht gegenüber der Behörde und ein Interesse, unabhängig zu begutachen”, sagt Rudolf Wieland, Geschäftsführer der TÜV Nord Systec GmbH, die auch Krümmel prüft. „Sonst bekommen wir keine neuen Aufträge.” Dass so wenige Institute in Deutschland als Gutachter auftreten, liege daran, dass die Arbeit extrem personalaufwendig seien. Allein beim TÜV Nord seien rund 280 Mitarbeiter nur mit der Prüfung von Kernkraftwerken beschäftigt.@

 

- zurück




      anti-atom-aktuell.de