Hamburg:

Drehscheibe
im internationalen Atomgeschäft


Interviwe mit Fritz Storim.
Fritz Storim ist Physiker und arbeitet bei der Bremer Messstelle Arbeits- und Umweltschutz

ND: Bereits in der Vergangenheit gab es Vermutungen, dass die Stadt Hamburg ein Umschlagplatz für Atomtransporte sein könnte. Eine große Anfrage der Bürgerschaftsfraktion DIE LINKE an den Hamburger Senat bestätigte dies jetzt. Was genau wird transportiert?

Storim: Hamburg ist eine Drehscheibe zur Ver- und Entsorgung der Atomkraftwerke im internationalen Atomgeschäft: Uranoxide, das extrem giftige Uranhexafluorid, unbestrahlte und bestrahlte Brennelemente oder andere Produkte im Zusammenhang mit der Nutzung der Atomtechnologie werden im Hamburger Hafen umgeschlagen und auch durch das Stadtgebiet transportiert.

Wie oft finden solche Transporte statt?

Der Antwort des Senats ist zu entnehmen, dass seit 2004 mehr als 400 Atomtransporte durch Hamburg per Schiff, Bahn und LKW stattgefunden haben. Davon allein in den ersten vier Monaten diesen Jahres bis zum 5. Mai 61 Transporte. Das bedeutet, dass im Durchschnitt alle zwei Tage hochtoxische Giftstoffe durch die Metropole kutschiert werden.

Welche Risiken für die Bevölkerung sind damit verbunden?

Die Gefährdung besteht vor allem bei Unfällen, ganz normalen Verkehrsunfällen, wie sie bei Bahn, Schiff und LKW nun mal vorkommen. Die auftretenden Strahlendosen von abgebrannten Brennelementen können zur Zeit nicht in annähernd ausreichender Genauigkeit erfasst werden. Aber sie sind aufgrund der biologischen Wirkung der Neutronenstrahlung sehr hoch. Bei der Freisetzung von Uranhexafluorid bilden sich durch die Verbindung mit der Luftfeuchte giftige Fluorverbindungen, die schwere Verletzungen der Atemwege verursachen. Je nach Witterungsbedingungen können bis in circa 600 Metern Entfernung vom Unfallort tödliche Konzentrationen auftreten. Es ist nicht auszudenken, was das für eine Millionenstadt wie Hamburg bedeutet.

Wie können sich die Anwohnenden im Falle eines solchen Atom-Unfalls schützen?

Für Betroffene im unmittelbaren Umfeld gibt es keinen Schutz. Die einzig sichere und vernünftige Präventionsmaßnahme ist, diese Transporte zu verbieten.

Ungefähr alle zwei Tage ein Atomtransport durch Hamburg haben Sie diese Antwort erwartet?

Dieses Ausmaß haben wir nicht erwartet. Aber mal abgesehen von der Häufigkeit hat uns auch die Reichweite der Transporte überrascht.Uranerz wird beispielsweise von Namibia oder Kanada nach Frankreich transportiert über Hamburg. Mit dem Schiff von Namibia oder Kanada zum Hamburger Hafen, dann per Bahn nach Frankreich, Hunderte von Kilometer durch das Binnenland. Uranhexafluorid wird von Hamburg aus in die USA verschifft. Es kommt umgekehrt aber auch im Hafen an und wird per LKW weiter verschickt. Andere Transporte gehen nach Belgien, in die Schweiz, Niederlande, Schweden, Norwegen, Großbritannien, Spanien, Argentinien, Australien, Süd-Korea, Russland oder Kasachstan oder kommen dort her.

Das klingt nach einem gigantischen internationalen Geschäft?

Ja, es ist ein extrem gut florierender weltweiter Handel. Ein undurchschaubarer zudem, es gibt einige Kuriositäten, die wir noch nicht verstanden haben: Uranhexafluorid wird von der BRD aus in die USA und nach Korea geliefert. Aber auch umgekehrt, aus den USA und Korea in die BRD. Warum werden so hochgiftige Stoffe hin und her geschippert?

aus Neues Deutschland vom 10.7.09

 

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