Antrag auf Betriebsverlängerung für Neckarwestheim wird vorbereitet
Gnadenfrist für alten Reaktor

von Wieland Schmid

Der baden-württembergische Stromkonzern EnBW will den dreißig Jahre alten Block I im Kernkraftwerk Neckarwestheim über das Jahr 2009 hinaus betreiben. Noch dieses Jahr soll der entsprechende Antrag nach Berlin geschickt werden.

Dass die EnBW den älteren der beiden Reaktoren in Neckarwestheim nicht, wie im so genannten Atomkonsens vorgesehen, schon in drei Jahren abschalten möchte, ist bekannt. Aber jetzt will der Konzern Fakten schaffen. Ein offizieller Antrag auf eine Laufzeitverlängerung für Block I des Gemeinschaftskernkraftwerks Neckar (GKN) werde derzeit vorbereitet, sagte gestern der EnBW-Manager Hans-Josef Zimmer. Der Antrag soll noch in diesem Jahr dem Bundeskanzleramt, dem Bundesumweltministerium und dem Bundeswirtschaftsministerium zur Entscheidung vorgelegt werden.

Es gehe um eine „Modernisierung des Atomkonsenses“, sagte Zimmer, der auch Vorsitzender der Geschäftsleitung der Energie Baden-Württemberg Kernkraft GmbH ist. „Wir sollten über die Abschaltzeiten noch mal nachdenken, weil wir Zeit brauchen, um Technologien für regenerative Energiegewinnung zu entwickeln.“ Das ist auch die Ansicht von Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU). Der Regierungschef hat schon Ende vergangenen Jahres vorgeschlagen, die Restlaufzeiten des 18 Jahre alten zweiten Reaktors in Neckarwestheim auf Block I zu übertragen, um dessen Laufzeit zu verlängern.

Ob die EnBW diesem Vorschlag folgt und wie lange die geforderte Gnadenfrist für den alten Reaktor dauern soll, mochte Zimmer gestern nicht sagen. Nach seinen Worten sind diese Details „zur Zeit noch in der Prüfung“. Gleichzeitig versicherte er jedoch, dass die EnBW im Allgemeinen die politischen Vereinbarungen zum Ausstieg aus der Kernkraft erfüllen wolle. In diesem Zusammenhang betonte Zimmer, dass die Abschaltung des Kernkraftwerks Obrigheim vor genau einem Jahr endgültig sei: „Es gibt keine Überlegungen zur Wiederaufnahme.“

Die Belegschaft ist von 300 auf 190 Mitarbeiter reduziert worden, die inzwischen mit den Vorbereitungen für den noch mehr als 14 Jahre dauernden Abbau der Anlage beschäftigt sind. Noch im Sommer soll das Öffentlichkeitsbeteiligungsverfahren für die Stilllegung mit der Auslegung der Unterlagen beginnen. Fürs vierte Quartal dieses Jahres ist die öffentliche Erörterung vorgesehen. Die endgültige amtliche Genehmigung für den Abbruch des Atomkraftwerks wird jedoch erst für nächstes Jahr erwartet, obwohl sie bereits im Dezember 2004 beantragt wurde.

Bevor die Abrissbirnen tätig werden können, müssen in Obrigheim allerdings rund 100 Tonnen hoch radioaktiven Materials in betonumhüllten Castoren sowie 2500 Tonnen weniger verstrahlten Mülls in Containern gelagert werden. Die Genehmigung dafür wird erst für Ende 2007 erwartet. Einen Zeitplan für die Beseitigung der gefährlichen Stoffe in Endlagern gibt es bis jetzt nicht.@

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