Widerstand mit Perspektive: Die solare Revolution des globalen Energiesystems
Globale Energieprobleme

von Heiko Balsmeyer

Wie lassen sich die drängendsten aktuellen Probleme im Energiebereich grob skizzieren?

Grundlegend ist die Spaltung der Menschheit, entsprechend der Verteilung des materiellen Reichtums, in Energiereiche und -lose. Die einen jetten mit ihren Kommunikationsmaschinen flat permanent online durch die Welt und gestehen gleichzeitig den anderen nicht einmal genug Energie zu Erhaltung ihres Körpers in Form von Nahrungsmitteln zu. Die Verfügung über Energieressourcen alleine bringt den Menschen allerdings keinen Fortschritt. Sie müssen über die entsprechenden Wandlungstechniken verfügen. So kann den Menschen der Brennstoff zum Kochen fehlen, während gleichzeitig nebenan das Öl für die Aliens des Nordens abgezapft wird.

In den kapitalistischen Zentren kommt den Herrschenden langsam zu Bewußtsein, dass die Zeit des Öls zu Ende geht. Die Welt nähert sich dem sogenannten „peak Oil“, d.h. dem Höhepunkt des geförderten Öls. Ab diesem Zeitpunkt wird die Masse der Ölförderung abnehmen. Preisbewegungen nach oben und die zunehmende Spannung um die Sicherung von fossilen Energiequellen machen praktisch erlebbar, dass Öl tatsächlich eine endliche Ressource ist.

Vor der Verbrennung des letzten Tropfen Öls für die kapitalistische Verwertung wird sich allerdings eine Folge der massenhaften Verbrennung der fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle immer stärker bemerkbar machen und die Krise der kapitalistischen Globalisierung verstärken. Der Klimawandel ist bereits science fact. Die menschlichen Lebensgrundlagen sind bedroht, auch wenn die Mittel zur vorrübergehenden Anpassung ungleich verteilt sind. Die Niederländer präsentieren die Ingenieurkunst ihrer Deichbauten, während das Versinken der kleinen Inselstaaten vermutlich nicht mehr als den Rausschmeißer in den Nachrichten abgeben wird. „Wie ist denn morgen das Wetter an unseren Küsten, Jörg?“ „So nass wird es sicherlich bei uns morgen nicht, Uli.“

Aus diesen Gründen - und noch vielen anderen - ist das vollständige Umstellen der Energiebasis auf erneuerbare Energien notwendig. Dies ist ein wichtiger Teil der solaren Revolution und auch ein nicht mehr zu vernachlässigender Teil sozialer Revolutionen, die auf dauerhafte Ergebnisse zielen.


Energie - Untersuchung mit System

Zur Untersuchung der Zusammenhänge und Widersprüche im Energiebereich haben wir auf dem BUKO ein Spielen mit einigen theoretische Versatzstücken vorgeschlagen. Dazu gehört zentral der Begriff „Energiesystem“, mit dem die marxistisch orientierten Forscher Jean-Claude Debeir, Jean-Paul Deléage und Daniel Hémery in /Proemtheus auf der Titanic/ den Versuch gestartet haben, nichts weniger als eine Geschichte der Energiesystem zu schreiben. Wie beschreiben sie ihren Untersuchungsgegenstand? „Ein Energiesystem besteht in der jeweils besonderen Kombination verschiedener, durch Nutzung betimmter Energiequellen gekennzeichneter, in Wechselbeziehung stehender Umwandler; die Initiative und Kontrolle liegt bei bestimmten Gesellschaftsklassen oder -gruppen, die sich auf der Basis dieser Kontrolle entfalten und festigen“.

Hier offenbart sich bereits die besondere Qualität dieses Ansatzes. Es handelt sich um ein sehr nützliches Analyseinstrument, welches den Blick insbesondere auf die sozialen Verhältnisse eines Energiesystems lenkt. Damit wird eine eine ganzheitliche Sicht geschärft, d.h. es geht nicht nur um technisch-ökonomische sondern auch um soziale sowie kulturelle Analysen der Energienutzung. Dabei kommt im Erfolgsfall die energetische Basis von Herrschaft zum Vorschein. Die Geschichte ist auch eine Geschichte energetischer Klassenkämpfe.

Uns scheint dabei die stärkere Betonung der Umweltaspekte von Energiesystemen notwendig. Dafür könnte die Einbeziehung der Kategorie „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ dienen.


Wir sind die solare Revolution!

Die theoretische Arbeit soll dem Ziel einer weltweiten solaren Revolution dienen. Was könnte damit gemeint sein? Eine solare Revolution vereint die solare Vollversorgung der Gesellschaft mit der Überwindung des Kapitalismus. Es geht also zum einen auf der Energieseite darum, für die ausschließliche Nutzung erneuerbarer Energien, gegen Atomenergie und gegen die Verbrennung fossiler Energien zu kämpfen. Zum anderen sehen wir als Ziel einer solaren Revolution eine von Ausbeutungsverhältnissen befreite Gesellschaft. Nur um der verbreiteten Verwechslung deutlich entgegenzutreten: Mit einem solaren Kapitalismus hat die Utopie einer solaren Revolution nichts gemein.

Karl Marx schreibt im Vorwort von /Zur Kritik der Politischen Ökonomie/: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräft der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ (MEW 13: 9) So ist es auch bezogen auf die Nutzung erneuerbarer Energien. Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Als MieterIn habe ich nur einen eingeschränkten Einfluß auf die Energieversorgung des Hauses. Setze ich mich für die Heizung und Stromerzeugung mit Solarenergie ein, so könnte es um die Nutzung der Dachfläche zur Wärme- und Stromerzeugung mit Solarkollektoren und Fotovoltaik gehen. Über die Dachflächen - wie über das gesamte Haus - verfügt aber der Eigentümer. Stelle ich das Nutzungsrecht an den Dachflächen aus Gründen des Gemeinwohls in Frage, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Forderung: Die Häuser denen, die drin wohnen.

Die oben angedeuteten Theoreme befördern bisher vernachlässigte Kritiken. So geht es selbstverständlich auch in den (Klassen)kämpfen um die Nutzung von Energie um soziale Fragen. Ein prominentes Beispiel ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Durch die darin geregelte Anschlußpflicht und die garantierte Einspeisevergütung handelt es sich um ein sehr erfolgreiches Instrument. Sozial hat es allerdings erhebliche Schlagseite. Gefördert wird eine mittelständische Industrie wie im Bereich Windkraft sowie die Ausstattung der Häuser von Mittel- und Oberschicht. Es wird schließlich ein gewisses Kapital sowie die Verfügung über Dachflächen oder Räume vorausgesetzt, um die Anlagen installieren und nutzen zu können. MieterInnen und Arme bleiben von der aktiven Nutzung ausgeschlossen, dürfen aber den Häuslebauern ihre Fotovoltaikanlagen über die Umlage auf den Strompreis mitfinanzieren. Von den Ausnahmen für die Industrie ganz zu schweigen.

Ein anderes Beispiel wäre die Nutzung erneuerbare Energien im Süden. Hier stellt sich für uns die Frage, wie die Technologien und das Wissen über Produktion, Montage sowie Instandhaltung verfügbar gemacht werden kann. Für Kapital und Staat geht es hier lediglich um die Erschließung von Exportmärkten. Die Technologien zur Nutzung regenerativer Energien sind in der bürgerlichen Gesellschaft Waren und werden nicht verschenkt. Wie können wir das unterlaufen und den 2 Milliarden Menschen weltweit, die keinen Zugang zu modernen Energieformen haben, diesen mit erneuerbaren Energien schaffen?

Die Diskussion einer solaren Revolution würde auch die Globalisierungskritik in einem zentralen Punkt radikalisieren. Schließlich gibt es ohne Energie keine Produktion, ohne Produktion keine Verwertung des eingesetzten Kapitals. So wäre der Frotalangriff auf die „Energiesicherheit“ notwendig. Was wird denn beispielsweise im Kreise der G8 darunter verstanden? Hierbei geht es doch wohl darum, die kapitalistische Produktionsweise abzusichern, sich Zugang zu energetischen Ressourcen zu verschaffen, die Transportwege abzusichern, Arme und revoltierende Menschen draußen zu halten, sich an den Klimawandel anzupassen usw. Aus unserer Sicht haben alle diese Aspekte mit Sicherheit nichts zu tun. Es geht lediglich um den Versuch die Akkumulation des Kapitals einige Runden weiterzubringen und mögliche Aufstände niederzuhalten.

Nochmal die Frage: Was ist also eine solare Revolution? Es ist ein Angebot für einen neuen Diskursraum, in dem wir uns diesseits der ökonomisch dominierten Einfalt des Mainstreams bewegen. In diesem Raum geht es darum, Spielräume und Handlungsmöglichkeiten zu entdecken und zu nutzen. Sie ist eine Einladung zum denken und handeln.@

Heiko Balsmeyer arbeitete beim BUKO 29
in der Vorbereitungsgruppe Energiesysteme
Kontakt (auch für Marxismus und Energie):
h.balsmeyer@gmx.de

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