prekäre Praxis in Polens ehemaligem Kohlerevier
Armenstollen = Biedaszyby

von Ronald Müller

Während Polens Regierung sich in der Weltöffentlichkeit als neoliberaler Musterschüler präsentiert und auf die angeblichen Erfolge ihrer Wirtschafts- und Sozialreformen verweist, die es im Zuge seines EU- Beitritts umsetzen musste, sieht die Lage für die polnische Bevölkerung alles andere als rosig aus.

Hatte es nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der auf die politische Wende 1989 folgte, für einige Branchen noch so etwas wie einen Aufschwung gegeben, der bis etwa 2001 anhielt, so zeichnete sich doch schon Ende der 90er Jahre mit der Krise in Russland und Asien ab, was ein paar Jahre später auch der polnischen Wirtschaft blühen sollte. Mit dem Wegbrechen der Nachfrage aus dem Westen – infolge der Krise in den kapitalistischen Zentren – blieben spätestens Anfang 2002 in ganzen Branchen und im Besonderen in der Schwerindustrie (KFZ- Herstellung, Werften, Hüttenwesen, Bergbau) auch die letzten Aufträge weg. Die Folgen waren schwerwiegend. Löhne konnten nicht mehr ausgezahlt werden, es kam zu Betriebsschließungen und Massenentlassungen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 20%, und auch das Gesundheitssystem litt schwer unter dem allgemeinen Bankrott.


Widerstand

Obwohl in Polen nur ca. 14 Prozent der ArbeiterInnen gewerkschaftlich organisiert sind, kam es in den Jahren 2002 und 2003 in ganz Polen zu einer Protestwelle, die von ihrem Ausmaß wohl nur mit den ArbeiterInnenprotesten 1981/82 zu vergleichen ist. Und so wie damals war es auch jetzt wieder ein Protest, der von unten, von den ArbeiterInnen selbst kam. Die großen staatstragenden Gewerkschaften spielen hier eine so unrühmliche Rolle, das sich Marcel, ein Aktivist der IP (Arbeiterinitiative der Anarchistischen Förderation) aus dem Motorenwerk Cegielski in Poznan, selbst den Ausgang des Opelstreiks in Bochum als positives Beispiel betrachtet.

Viele ArbeiterInnen sahen in dieser Lage keinen anderen Ausweg, als selbst die Kontrolle über ihre Betriebe zu übernehmen und so ihre Arbeitsstelle und letztlich auch ihre Existenz zu sichern. So kam es im ganzen Land zu Streiks, Betriebsbesetzungen und Demonstrationen.

Ein exemplarischer Fall war sicherlich das Kabelwerk in Ozarow. Im November 2002 besetzten die ArbeiterInnen des Werkes die Tore, um so den Abtransport der Maschinen zu verhindern. Als dann private Sicherheitsleute der Firma Impel die Blockade brutal angriffen, kam es zu harten Auseinandersetzungen zwischen ArbeiterInnen – unterstützt von AktivistInnen der IP und Bewohnern Poznans – und der Polizei, die fünf Tage lang dauern sollten. Jarek, ein Aktivist der IP sagt dazu heute: „Auch wenn der Kampf in Ozarow unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung der Arbeitsplätze kein Erfolg war, so hat er der Regierung doch gezeigt, wo ihre Politik hinführen könnte, nämlich zu Blutvergießen.“

Dieser starke Druck von der Straße war es wohl, der die polnische Regierung schließlich zum Einlenken bewegte. Im Ergebnis bedeutete dies die Zahlung von ca. 20 Mrd. Zloty Subventionen an die betroffenen Betriebe. Mit Hilfe dieser Gelder konnte ein Großteil der bedrohten Arbeitsplätze gesichert werden, und in einigen Bereichen wie der Werftindustrie kam es sogar wieder zu Neueinstellungen. Die polnische Regierung behauptet übrigens bis heute, dass diese Besserung nur ihrer konsequenten Liberalisierungspolitik zu verdanken ist.

Welches Fazit lässt sich nun aus dieser Entwicklung ziehen? Gibt es in Polen wieder eine starke ArbeiterInnenbewegung, die im Jahre 2003 ihren ersten großen Sieg errungen hat? Dies zu behaupten wäre wohl etwas naiv. Auch wenn es natürlich optimistisch stimmt, zu beobachten, mit welcher Selbstverständlichkeit und Konsequenz sich die polnischen GenossInnen gegen schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne oder Massenentlassungen organisieren und vor allem, dass sie dies nach basisdemokratischen Prinzipien tun. Mittlerweile auch polenweit durch unabhängige Streikkomitees und Gewerkschaftsgruppen, die sich mehrmals im Jahr bei der Arbeiterkonferenz treffen.

Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrzahl dieser Kämpfe Abwehrkämpfe sind, die aus einer existenziellen Not heraus geführt werden. Im Ergebnis bedeutet dies oft, dass zwar nach wochenlangen Arbeitskämpfen nur wenige entlassen werden aber das Lohnniveau und die Arbeitsbedingungen noch miserabler werden. So liegt der Durchschnittslohn in Polen mittlerweile bei 2,64 Euro in der Stunde, in Deutschland dagegen bei 17 Euro. In Zeiten von steigender Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Krise und einer immer repressiveren Sozialpolitik nach europäischem Vorbild reicht die Aussicht auf den Abstieg in die Armut eben aus, um so manche Zumutung durchzusetzen. Diese Entwicklung dürfte wohl in ganz Europa bekannt sein.

Abseits des organisierten Kampfes der ArbeiterInnen gibt es in Polen auch viel direktere Wege, der eigenen Not zu begegnen und sich der herrschenden Politik zu widersetzen. Es sind verschiedene Formen der Aneignung, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Das fängt an beim Schwarzfahren und Stromanzapfen oder dem Handel mit Metall, das oftmals nicht gesammelt, sondern schlicht nachts von Häusern oder Autos abmontiert wird und geht bis zum Ausrauben von Kohlenzügen oder dem Abbau von Kohle in illegalen Stollen in Handarbeit.


Biedaszyby – die Armenstollen

In Walbrzych, der ehemals bedeutendsten Bergbauregion Polens, herrschen bei einer Bevölkerung von ca. 130.000 Menschen 55-60% Arbeitslosigkeit, nachdem die polnische Regierung auf ein Abkommen mit der WTO hin Anfang der 90er Jahre alle Kohlebergwerke schloss. Nun haben die meisten Menschen gar keine andere Möglichkeit, als ihr Überleben im halblegalen Bereich der Wirtschaft zu sichern. Nach Angaben von polnischen Soziologen gehen hier gerade mal 10% einer normalen, geregelten Arbeit nach.

Der Rest der Bevölkerung lebt von den erbärmlichen Renten der Alten oder muss sich eben auf andere Weise durchschlagen. Besonders stark von der Armut betroffen sind Kinder und Jugendliche. Und so tun die nun arbeitslosen Bergleute – nachdem sich auch das letzte Versprechen der Regierung auf Entschädigung und Aufbau neuer Arbeitsplätze als Lüge herausgestellt Hat – eben wieder das, was sie schon früher taten: sie bauen Kohle ab, jetzt allerdings unter mittelalterlichen Bedingungen in selbst gegrabenen Stollen.

Es ist eine sehr schwere und gefährliche Arbeit, die dort von ganzen Familien (auch den Kindern) gemacht wird, aber sie sichert das Überleben von tausenden Menschen. Und in einem Land wie Polen, in dem jeden Winter Menschen in ihren Wohnungen erfrieren, weil sie die hohen Kohlenpreise nicht bezahlen können, sind das nicht nur die Bergleute und ihre Familien selbst, sondern auch viele, die unter der Armutsgrenze leben. Natürlich führt solcherlei illegale Wirtschaft zu Konflikten mit dem Staat und seinen Sicherheitsorganen.

Im letzten Jahr haben sich deshalb viele der Bergleute – nach eigenen Angaben gibt es fast keinen von ihnen, der nicht vorbestraft ist – in einer eigenen Vereinigung zusammengefunden, um sich gemeinsam den staatlichen Repression entgegenzustellen und für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen. Sie organisierten Protestaktionen und Demonstrationen und begannen auch Verhandlungen mit den Behörden, in denen sie ihren Forderungen nach Entschädigungszahlungen und Rückgabe von beschlagnahmtem Bergbaugerät Nachdruck verliehen. Wie dieser Konflikt ausgehen wird, ist unklar.

Klar ist nach den Aussagen der Bergleute nur eins: sie haben keine andere Chance, als weiterzumachen. Ob nun illegal oder, wie sie es sich wünschen, in einer eigenen, selbstverwalteten Grube. Es wird wohl darauf ankommen, wie viel Druck sie noch auf die Regierung ausüben können und wie viel Solidarität ihnen zuteil wird. Vielleicht wird der Dokumentarfilm mit dem Titel „Wir Kommen alle aus der Kohle“, den sie in Zusammenarbeit mit einem polnischen Regisseur über ihr Leben und Ihre Arbeit gedreht haben, ihnen dabei helfen. Immerhin lief er schon im polnischen Fernsehen.@

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