Die einen sehen in Sébastien Briat ein Opfer der Atommafia, die anderen ein Opfer von fehlgeleitetem Idealismus oder falschen Strategien der Anti-Atom-Bewegung.

Viele deuten ihren eigenen „Sinn“ in das Unglück von Avricourt. Macht das eigentlich Sinn?

Was bedeutet es, wenn einer stirbt?

von Jochen Stay

Im Laufe diesen Jahres wurde im Wendland so gründlich wie kaum zuvor öffentlich über den Tod in all seinen Variationen gesprochen und nachgedacht: künstlerisch und philosophisch, floristisch und soziologisch, historisch und seelsorgerisch. Unterschiedlichste kulturelle Organisationen, soziale Einrichtungen und öffentliche Institutionen haben sich in der Veranstaltungsreihe „…mitten wir im Leben…“ mit dem Thema Tod auf vielfältigste Art und Weise auseinandergesetzt.

Und nun, am Ende des Jahres, packt uns das Thema plötzlich hochbrisant politisch. Der Tod von Sébastien Briat hat nicht nur in den Kreisen der aktiven AtomkraftgegnerInnen tiefe Betroffenheit ausgelöst. Auch mehrere Wochen nach dem Unglück ist das Entsetzen noch greifbar, wenn über diesen schrecklichen Unfall gesprochen wird. Angestoßen durch das Geschehen im lothringischen Avricourt kommen viele Menschen ins Nachdenken, überprüfen eigenes Handeln und es kündigt sich eine neue Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung um Atomkraft und Atommüll an – zumindest von Seiten der Protestbewegung. All dies ist zu begrüßen.

Schwierig wird es allerdings, wenn der Tod auf den Gleisen benutzt wird, um vorhandene Interessen der einen oder anderen Seite zu stärken. Leider geht ein Teil der Debatte in diese Richtung. Viele äußern sich inzwischen öffentlich, interpretieren diesen Tod auf ihre Weise, manche mit Schuldzuweisungen, andere mit mehr oder weniger guten Ratschlägen an die Anti-Atom-Bewegung.

In vielen Stellungnahmen von AtomkraftgegnerInnen wird Sébastien Briat in einem Atemzug mit den Opfern des Uranabbaus oder des Super-GAU von Tschernobyl genannt. Oft lese oder höre ich den Satz: „Sie gehen über Leichen.“ Manche sprechen von Mord. Andere sehen in dem Todesfall eine gute Möglichkeit, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die mit überhöhter Geschwindigkeit und ohne vollständige polizeiliche Absicherung durch die Lande rollenden Atommüllzüge zu lenken. Sie fragen: „Was wäre, wenn im Gleis statt eines Menschen ein festes Hindernis oder gar eine Bombe gelegen hätte?“

Wieder andere halten Ankettaktionen für einen gefährlichen Irrweg. Walter Mossmann schreibt in einem Brief an die Badisch-elsässischen Bürgerinitiativen: „Sébastien Briat ist Opfer einer falschen Strategie geworden. Seine Freunde haben ihn nicht davon abgehalten, eine unsinnige und lebensgefährliche Aktion zu machen. Wenn wir ihn jetzt als einen Märtyrer präsentieren und von der eigenen Schuld ablenken, dann ermutigen wir andere junge Leute, ähnliche Aktionen auf den Schienen zu unternehmen.“

Und der ehemalige Sprecher der BI Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke meint unter der Überschrift „Nichts ist wie zuvor“ in einem Gastbeitrag für die Elbe-Jeetzel-Zeitung: „Die Widerstandsform Schienenblockade gehört auf den Prüfstand. Wie kann jemand, der kein Vertrauen in ‚inhärente Sicherheit’ und multiple Sicherungen bei der Atomtechnologie setzt, bei Aktionsformen Kredit bei der technischen Sicherung durch die ‚Gegenseite’ nehmen?“

Wenn ich etwas von der Veranstaltungsreihe „…mitten wir im Leben…“ gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass der Tod nicht fragt, wann und wo er sich ins Leben einmischt. Menschen sterben, und in den allermeisten Fällen ist es für die Angehörigen und FreundInnen kaum auszuhalten. Immer wirkt es wie eine brutale Zäsur und ist doch Teil des Lebens. Der Tod ist einerseits das außergewöhnlichste und andererseits das zwangsläufigste, was uns Menschen passieren kann.

Bei politischen Demonstrationen sind in der Geschichte – auch in der Bundesrepublik – immer wieder Menschen ums Leben gekommen: Protestierende, Polizisten oder Unbeteiligte. Auch der gesellschaftliche Konflikt um die Atomkraft blieb nicht ohne Todesopfer. 1977 starb Vital Michalon im französischen Malville, getroffen von einer Polizeigranate, und im gleichen Jahr verbrannte Hartmut Gründler sich selbst in Hamburg aus Protest gegen die Atompolitik der SPD. Fernando Pereira, Greenpeace-Fotograf, ertrank 1985 beim Bombenanschlag des französischen Geheimdienstes auf die „Rainbow Warrior“, weil er das sinkende Schiff nicht mehr rechtzeitig verlassen konnte. Und 1986 starben Erna Sielka und Alois Sonnleiter in direkter Folge von Polizeieinsätzen am Bauzaun in Wackersdorf.

Aber auch die „andere Seite“ hatte Tote zu beklagen: Der Polizist Johann Hirschinger kam 1986 bei einem Hubschrauberabsturz in Wackersdorf ums Leben. Beim Streckenschutz für den Castor-Transport nach Ahaus wurde 1998 ein 27-jähriger BGS-Beamter nahe Würzburg von einem Autoreisezug überrollt. Und auf dem Weg vom Castor-Einsatz nach Hause starb vor einigen Jahren ein Polizeibeamter bei einem Autounfall – wahrscheinlich war der Fahrer übermüdet.

Gleiches wäre in diesem Jahr beinahe einem jungen Rettungssanitäter nach seinem Castor-Einsatz passiert – er überlebte schwer verletzt. Wäre auch dieser Unfall tödlich ausgegangen, würde dann heute öffentlich darüber diskutiert? Wahrscheinlich nicht. Obwohl sich nach jedem Tag X unzählige DemonstrantInnen, PolizistInnen, JournalistInnen und andere Beteiligte völlig übermüdet ans Steuer ihres Wagens setzen und damit große Risiken eingehen. Ist der eine Tod wichtiger als der andere? Oder lässt er sich einfach nur besser benutzen?

Der Tod gehört zum Leben. Er findet überall statt, auch und gerade dort, wo viele Menschen zusammenkommen, im Fußballstadion, auf der Autobahn, im Supermarkt und eben auch bei politischen Demonstrationen und Aktionen. Das Leben selbst ist lebensgefährlich und bestimmte Orte, bestimmte Situationen, sind es natürlich umso mehr. Ich fürchte, Sébastien Briat wird nicht der letzte Tote in der Auseinandersetzung um die Atomkraft gewesen sein. Das ist einerseits unfassbar grausam und andererseits grausam normal.

Wenn die aus dem Wendland stammende grüne Europaabgeordnete Rebecca Harms sagt, es gibt kein politisches Ziel, für das es wert ist zu sterben, dann werden dem viele spontan zustimmen. Aber in der Aussage sind einige Missverständnisse versteckt: Denn natürlich wollte der junge französische Atomkraftgegner nicht sterben. Und darüber hinaus: Gibt es wirklich keine politischen Ziele, die es wert sind, Risiken für Leib und Leben einzugehen? Viele direkte gewaltfreie Aktionen sind riskant: Ob nun AntimilitaristInnen zu Pflugscharaktionen in Raketenbasen eindringen, Greenpeace mit Schlauchbooten Walfangschiffe aufhalten will oder AntifaschistInnen die Demoroute eines Naziaufmarsches blockieren, all dies birgt teils beträchtliche Gefahren. Auch gibt es viele Länder, in denen es schon lebensgefährlich ist, einfach nur seine Meinung zu äußern. Sollen wir allen Menschen dort raten, künftig zu schweigen? Nein. Wir können ihnen keinen Rat geben. Sie müssen selbst entscheiden, welches Risiko sie für sich eingehen wollen.

Ich kenne viele AtomkraftgegnerInnen, die sich bereits an Ankettaktionen beteiligt haben. Sie lieben das Leben, wollen keine Märtyrer sein. Sie taten alles dafür, um die Aktionen möglichst perfekt abzusichern und das hat funktioniert. Aber sie wussten, dass ein Risiko bleibt. Es kann immer eine Verkettung unglücklichster Umstände geben. Sie haben es trotzdem getan.

Genauso wie immer noch tausende sich an Anti-Atom-Demonstrationen im Wendland beteiligen, obwohl vor einigen Jahren in Dannenberg ein Verrückter mit seinem PKW in eine demonstrierende Menschenmenge gefahren ist und nur eine Verkettung glücklicher Umstände dazu führte, dass es keine Toten gab. Wer kann allgemeingültige Kriterien dafür aufstellen, welches Risiko noch hinnehmbar ist?

Es gibt Fragen, die sich bei vielen tödlichen Unfällen aufdrängen: Hätte das vermieden werden können? Oder gar: Gibt es einen Schuldigen? Im Falle des Unglücks bei Avricourt lassen sich diese Fragen nicht völlig eindeutig beantworten. Schließlich kamen mehrere Fehler unterschiedlicher Beteiligter zusammen. So kann dieser Tote nicht so leicht von der einen oder anderen Seite instrumentalisiert werden oder jedenfalls nur von denjenigen, die es sehr plakativ anstellen: Opfer des Atomstaats versus Opfer von fehlgeleitetem Idealismus.

Sätze, die mit „Der Tod von Sébastien Briat zeigt...“ oder „Der Unfall macht deutlich...“ anfangen, enden meist mit Argumenten, die nicht neu sind. Klar fahren die Atommüllzüge viel zu schnell und sind skandalös schlecht gesichert. Und ja, die Politik hat sich aus dem Gorleben-Konflikt weggeduckt und überlässt das Geschäft der Polizei. All dies ist brisant und gehört auf die Agenda. Aber diese Probleme gab es vorher schon und zu ihrem Beleg braucht es nichts weniger als diesen Toten. Es wäre auch eine absurde Umkehrung des eigentlichen Ziels der geplanten Ankettaktion: Sébastien hatte sich schließlich nicht auf die Schienen begeben, um zu beweisen, dass dieser Zug nicht rechtzeitig bremsen kann. Und auch die mit dem schrecklichen Geschehen begründeten Forderungen in die andere Richtung schmecken nach „günstige Gelegenheit“. Es hat schon vor diesem 7. November 2004 in der Anti-Atom-Bewegung gründliche Debatten über Strategien gegeben, und jede Aktionsform gehört so oder so von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand. Aber auch diese Diskussion braucht kein Unfallopfer, um ernsthaft geführt zu werden.

Der Zeitpunkt dieses Unglücks war zufällig, es hätte genauso im letzten oder im übernächsten November oder nie geschehen können. Deshalb liegen auch diejenigen falsch, die aus diesem Todesfall nun ein Symbol für den aktuellen Zustand der Protestbewegung machen wollen.

Sébastien Briat ist kein Märtyrer und er ist kein Opfer. Letzteres unterscheidet ihn auch von den Toten von Tschernobyl, Sellafield, Wismut oder Krümmel. Vieles, zu vieles wird in ihn hineinprojiziert. Keine politische Aktion sollte in Zukunft mit seinem Tod begründet werden. Es macht auch keinen Sinn, irgendetwas zu finden, „wofür“ er gestorben ist, oder dafür sorgen zu wollen, dass sein Tod nicht sinnlos war, ja dass er irgendetwas „nützt“. Dieser Tod war so sinnlos wie es letztlich jeder Tod eines Menschen ist. Da gibt es keine Unterschiede.

Natürlich werden aus der Trauer auch Zweifel und Denkprozesse bei Einzelnen angestoßen, und die ergeben im besten Fall auch Produktives – nicht anders ist dieser Diskussionsbeitrag entstanden. Aber das ist eine Folge, kein „Sinn“ dieses Unfalls.

Ob der Zug und/oder die Aktion nicht genug abgesichert waren, muss sicher ausführlich erörtert werden, auch um für die Zukunft Risiken zu minimieren. Aber es ist nicht wirklich wichtig, einen Schuldigen zu finden. Wichtiger ist für uns AtomkraftgegnerInnen, unserem Entsetzen Raum und Zeit zu lassen und um einen Mitstreiter zu trauern.

Wir werden auf unterschiedliche Weise weiter Widerstand leisten, denn es gibt weiterhin viele stichhaltige Gründe, gegen Atomkraft und Atomtransporte anzugehen. Sébastien Briats Tod gehört nicht zu diesen Gründen. Die Anti-Atom-Bewegung braucht diesen Toten nicht als Argument. Genauso wenig wie andere diesen Toten als Mittel zur Diskreditierung des Widerstandes benutzen sollten. Lassen wir ihn ruhen.@

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Ende