Indien
Die Mithivirdi-Bewegung: nicht hier ...


...und auch nicht anderswo!

Die nichterzählte Geschichte eines Kampfes gegen ein AKW in Gujarat

von Damayantee Dhar 30.06.2017

Aktivisten haben viel Zeit damit verbracht, DorfbewohnerInnen das Problem der Atomenergie nahezubringen. Sie haben von Tschernobyl und Fukushima erzählt, um ihnen so die Gefahren eines Atomkraftwerks in ihrer Nähe bewußt zu machen.

Der geplante Bau eines 6000 Megawatt (MWe) AKW in Mithivirdi im Bhavnagar Distrikt von Gujarat wurde aufgegeben und wird nun offiziell für Kovada (Andhra Pradesh) geplant. Ein jahrzehntelanger Kampf endete mit dem Sieg der DorfbewohnerInnen in der Region. Das Umweltministerium der Union hat am 18. Mai 2017 das Nationale Grüne Tribunal (NGT) von der Entscheidung unterrichtet, den Standort des geplanten AKW "aufgrund der Verzögerung des Landerwerbs am Standort Chhaya-Mithivirdi" zu verlegen. Dies wäre das erste AKW im Rahmen des Indien-US-Atompaktes von 2008 gewesen, bei dem eine Anlage von der staatlichen Nuclear Power Corporation of India Ltd. (NPCIL) mit technischer Unterstützung der Westinghouse Electric Company errichtet werden sollte.

Hinter einer solchen Entscheidung des MoEF steht die Geschichte einer beharrlichen sozialen Bewegung, für die Chunnibhai Vaidya den Weg bereitet hat. Chunnibdhai Vaidya, ein bekannter Anhänger Gandis, hat sich in vielen landbezogenen Kämpfen in Gujarat engagiert. Ende 2008 begannen Chunni Kaka, wie er im Volksmund bekannt wurde, und seine MitstreiterInnen von Gujarat Loksamiti, einer von Jai Prakash Narayan gegründeten Partei, ihre Stimme gegen das geplante AKW zu erheben. "Die Dorfbewohner glaubten, dass die Atomanlage Arbeitsplätze schaffen wird. Aber sie waren sich nicht der damit verbundenen Gefahren bewusst.

"Anfangs haben die DorfbewohnerInnen unseren Versuch abgewehrt, ihnen von den Gefahren eines AKWs zu erzählen. Wir reisten wochenlang ohne Glück weiter. Es gab sogar Tage, die wir ohne Essen verbrachten", erinnert sich Anirudhsinh Jadeja, ein sozialer Aktivist, ein Mitglied von Lok Samiti und Mitstreiter von Chunni Kaka. "Das erste Dorf, das bereit war, uns zuzuhören, war Kukar bei Mithivirdi. Ich habe Angehörige, die aus dem Dorf kommen, und deshalb haben die Dorfbewohner uns höflich zugesagt, sich zu versammeln und uns zuzuhören. Aber das Treffen war erfolgreich, da wir die DorfbewohnerInnen von Kukar überzeugen konnten. Sie haben uns später dabei geholfen , unser Anliegen in andere Dörfer zu tragen. So hat alles angefangen", sagt Jadeja.

Die Bewegung gewann 2013 an Fahrt, als Umweltaktivisten von Paryavaran Suraksha Samiti, einer 1994 gegründet en und in Gujarat ansässigen Organisation, sich der Bewegung gegen das geplante AKW anschlossen. Es ist jedoch der Ausdauer der DorfbewohnerInnen zu verdanken, dass die Bewegung erfolgreich war. Sie widersetzten sich dem psychologischen Druck, der administrativen Einschüchterung und verschiedenen anderen Taktiken und setzten ihren Protest fort.

"Als wir zum ersten Mal informiert wurden, sollten uns für den geplanten Standort des AKW rund 1000 Hektar Land in Mithivirdi, Khadarpar, Mandwa, Jaspara und Sosia für das geplante AKW weggenommen werden. Nach anfänglichem Widerstand der DorfbewohnerInnen wurde erklärt, dass nur 777 Hektar Land in Beschlag genommen würden und das Dorf Sosia ausgenommen werde," sagte Shaktisinh Gohil, der Bürgermeister von Jaspara, der entscheidend dazu beigetragen hat, die Bürgermeister verschiedener Dörfer zusammenzubringen. "Das Gebiet, das für den Bau des AKW geplant war, ist extrem fruchtbares Ackerland mit 3 Ernten. Natürlich waren die Bauern zuerst besorgt", fügte Gohil hinzu.

In seinem Bericht, in dem die Gründe für die Eignung des vorgeschlagenen Standortes dargelegt wurden, schrieb NPCIL, dass es in der Nähe keine Industrie gäbe, sehr wenig Menschen dort wohnen, der vorgeschlagene Standort ein brachliegendes Stück Land mit einer soliden Grundgesteinsschicht sei und das Wasser leicht verfügbar sei wegen der Nähe zum Meer.

"Keiner der Gründe, die der NPCIL angegeben hat, ist richtig, außer dass das Land in dieser Region eine solide Grundgesteinsschicht hat. Die Landwirtschaft ist die Hauptbeschäftigung der Menschen in der Region. Vor einem Jahrzehnt war das Land in der Region nicht so fruchtbar. Generationen von Landwirten haben hart gearbeitet, um die Region in ein Ackerland mit 3 Ernten zu verwandeln, das es heute ist. Im Laufe der Zeit ist der Grundwasserspiegel der Region gestiegen. Zurzeit sorgt der reiche Auenboden des Gebiets für Ernten wie Erdnuss, Bajra, Baumwolle und auch Früchte wie Mangos, die auch exportiert werden. In dieser Gegend gedeihen auch verschiedene Gemüsepflanzen", sagte Rohit Prajapati, Umweltaktivist, Mitglied von Paryavaran Suraksha Samiti und einer der Aktivisten, die unermüdlich für die Sache arbeiteten.

"Neben dem Braunkohlebergbau wird in einer Entfernung von 5 Kilometern Richtung Süden und in einer Entfernung von 20 Kilometern das Alang-Schiffabwrackunternehmen betrieben. Das geplante AKW ist etwa 30 Kilometer von Bhavnagar Stadt entfernt. Nur 24 Dörfer im Umkreis von 10 Kilometern des Projekts wurden als Betroffene betrachtet . Etwa 128 Dörfer im Umkreis von 10 bis 30 Kilometern wurden nicht berücksichtigt", fügt Prajapati hinzu.

AktivistInnen verbrachten Tage und Nächte, um die DorfbewohneInnenr zu sensibilisieren. Sie wurden informiert über Tschernobyl und Fukushima und verstanden die Gefahren eines AKWs in ihrer Nähe. Der Weg zum Aufbau einer sozialen Bewegung war jedoch nicht einfach. "Einige Leute im Dorf dachten, wenn ein AKW in der Region gebaut wird, wird es sich auch für sie lohnen. Diese Leute waren zunächst für das AKW und als Einheimische hatten sie Zugang zu den DorfbewohnerInnen. Es gab Zeiten, in denen NPCIL Angebote zum Bau von Schulen und Krankenhäusern machte. Da diese Einheimischen als Befürworter dieser Angebote zu uns kamen, wurden die DorfbewohnerInnen überzeugt", sagt Gohil.

An einen solchen Vorfall erinnernd, sagt Krishnakant Chauhan, Umweltaktivist und Mitglied von Paryavaran Sanrakshan Samiti: "Die Bewegung hat schlechte Zeiten gesehen. Es gab eine solche Situation vor etwa sechs Jahren. Dorfbewohner legten eine Charta von achtzehn Forderungen fest, die NPCIL versicherte, sie zu erfüllen, und die Liste wurde dem Bezirksrichter von Bhavnagar vorgelegt. Doch am nächsten Tag verstanden die Dorfbewohner die Auswirkungen, die ihre Aktion bringen wird. Die Dorfbewohner selbst gingen zum Büro des Bezirksrichters und nahmen die Charta der Forderungen zurück und zerrissen das Papier im Büro des Bezirksrichters, das erklärte, dass sie ihr Land nicht abgeben würden."

"Die Bewegung hat auf drei Ebenen gekämpft - gerichtlich, ideologisch und vor Ort Mobilisierung und Bewusstseinschaffen unter den Dorfbewohnern, um sie in die Lage zu versetzen, selbst für ihr Land zu kämpfen", sagt Prajapati.

Als die Bewegung an Schwung gewann, sahen sich die AktivistInnn auch Angriffen der Staatsmacht ausgesetzt.. "In den zwei Jahren zwischen 2013 und 2015 hat die Polizei meine Familie belästigt. Während ich in den Dörfern unterwegs wäre, ist die Polizei in mein Haus gekommen und hat meine meine Frau gedrängt, mich davon zu überzeugen, mich nicht gegen das AKW zu engagieren.", sagte Jadeja.

Inmitten solcher Ereignisse kam der größte Moment der Bewegung. Im März 2013 wurde bei Mithivirdi eine öffentliche Anhörung (Environmental Public Hearing (EPH)) zu dem geplanten AKW organisiert. Teams von DorfbewohnerInnen zusammen mit Aktivisten hatten sich für zwei Wochen auf das Ereignis vorbereitet. Treffen wurden von AktivistInnen in 30 Dörfern durchgeführt, um die Wichtigkeit der Teilnahme an der öffentlichen Anhörung und die Auswirkungen eines AKWss zu erklären - eine Aufgabe, die eigentlich die Behörden von NPCIL laut Protokoll leisten sollen.

Tausende DorfbewohnerInnen, die Hälfte davon Frauen, nahmen an der öffentlichen Anhörung teil. Polizeikräfte wurde in großer Zahl eingesetzt, Ein Stacheldraht-Zaun wurde um das Podium errichtet, wo der Bezirksrichter sitzen sollte. Metalldetektoren wurden aufgestellt und jeder Dorfbewohner wurde am Eingang des riesigen Zeltes durchsucht.

Der Bezirksrichter von Bhavnagar, der zu Beginn der Veranstaltung die öffentliche Anhörung leitete, hinderte die Bürgermeister der Dörfer daran, ihre Beschwerden vorzubringen. Die Gemeindevorsteher verkündeten dann, dass sie die öffentliche Anhörung boykottieren würden. Daraufhin verließen die Dorfbewohner friedlich das Zelt, ohne irgendwelche Parolen zu rufen.

Im Juli 2013 schrieb der Taluka-Entwicklungsbeauftragte (TDO) an den Bürgermeister von Jaspara, und ordnete an, eine Resolution zu verabschieden,, in der der Transfer von 81 Hektar Waldland genehmigt wurde, das NPCIL zusätzlich zu dem Land, das für das AKW benötigte. Anstatt -wie es das Gesetz des Landtransfers vorschreibt- die Meinung der Dorfvertreter (Grammsabha) einzuholen, hat TDO den Bürgermeister aufgefordert seine Anordnung zu befolgen. Die Dorfvertreter von Jaspara beschlossen einstimmig, das Waldland nicht an NPCIL zu übergeben.

Nach diesem Vorfall organisierten Dorfbewohner aus Jaspara im September 2013 eine grosse Kundgebung gegen das AKW. Trotz starker Regenfälle waren an dem Demozug 2500 DorfbewohnerInnen, darunter Männer, Frauen und Kinder, 69 Traktoren, 50 Motorräder und Tempi beteiligt. Slogans wie maut nu karkhano band karo (die Fabrik des Todes stilllegen), "anu bijli sasti nathi salamat nathi" (aus Atomenergie erzeugter Strom ist weder billig noch sicher), "wir werden unser Leben geben, nicht Land" und " nicht hier und nicht in unserem Land" wurden an diesem Tag immer wieder laut.

"Ohne die Frauen von den Dörfern wäre die Bewegung nicht erfolgreich gewesen. In einer ländlichen Umgebung veränderte die Bewegung auch ihre Kastendynamik. Frauen bestimmter Kasten waren nie aus ihren Häusern getreten und hatten ihre Felder gesehen. Aber sie hatten so viel Bindung an ihr Land wie Männer ", sagt Chauhan.

"Einmal entschied NPCIL, Bodenproben zu nehmen. Einige Vertreter der Firma trafen sich mit den Bürgermeistern der Dörfer und warnten sie vor jeglichem Widerstand. Trotz drohender Konsequenzen kamen etwa 5000 Dorfbewohner, meistens Frauen, zu diesem Ort, etwa 2 Kilometer von der bewohnten Region entfernt. Es gab schwere Polizeieinsätze, aber die DorfbewohnerInnen blieben auf dem Boden stehen und es wurde keine Erde entnommen. Nach etwa fünf Stunden musste sich die Polizei zurückziehen ", fügt er hinzu.

"Niemand kann uns heute täuschen. Die Dorfbewohner sind sich der Gefahren bewusst und sie wissen, was ein AKW ist, und kennen seine Vor- und Nachteile. Das Bewusstsein über und die Aufmerksamkeit für das Problem mit der Atomenergie sind unser größter Erfolg", sagt Gohil.

Die DorfbewohnerInnen sind jetzt bereit, auch im Kampf gegen das AKW in Kovada zu helfen, wenn sie aufgerufen werden, sagt Gohil. Der Slogan "nicht hier, nicht in unserem Land" ist jetzt "nicht hier, nicht überall". @

https://thewire.in/152914/mithivirdi-movement-gujarat/ 30.6.17

Übersetzung aaared

 

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