Die dunkle Seite der Energiewende

Kohle aus Kolumbien

aus La Guajira berichtet Till Mayer

In Deutschland wird die Steinkohleproduktion bald eingestellt, der Strom soll ja sauber werden. Doch die Kraftwerke sollen weiterlaufen - mit Importkohle. Länder wie Kolumbien baden die Energiewende aus.

Provinz La Guajira. Moisés hält kurz inne. Schluckt nach dem Husten, räuspert sich. Dann schiebt er wieder seine ältere Schwester Mildreth an. Die Zehnjährige thront auf dem Fahrrad. Ein Stück blau lackiertes Eisen, das auf verbeulten Blechfelgen über den Lehmboden quietscht. Dann kommt es wieder: cccch-chhhh-chh. Moisés muss das Rad loslassen. Der Dreijährige schüttelt sich. Es beißt und kratzt in der Brust. Moisés bekommt den Husten nicht los. Während sich sein Gesicht verzieht, ist Mildreth abgestiegen und nimmt ihn in den Arm. "Moisés, mach langsam", ruft die Mutter der beiden, als sie um die Eckes des Lehmhauses gebogen kommt.

Luz Ángela Uriana hat ein rundes, gütiges Gesicht. Aber einen festen Blick. Unter dem rosa geblümten Kittel wölbt sich der Bauch. Das siebte Kind kündigt sich an. "Jedes Mal, wenn Moisés hustet, ist es wie ein Stich für mich. Und er hustet, hustet und hustet", sagt sie.

Der Grund für den Husten, das glaubt die Mutter, türmt sich keine zwei Kilometer hinter den beiden Hütten der Familie auf. Dort ragen die Halden der Steinkohlemine des multinationalen Unternehmens Cerrejón empor - übereinandergeschichtet in Schwarz-, Grau-, Rot- und Gelbtönen.

Es ist die größte Mine Lateinamerikas. Eine gigantische Fläche von 69.000 Hektar Erde. Bagger graben nach der Kohle in die Tiefe. Unaufhaltsam, dröhnend. Mit gewaltigen Schaufeln, in die die beiden Hütten der Urianas passen würden - und die ihrer Nachbarn dazu.

33,4 Millionen Tonnen förderte der Kohleproduzent Cerrejón im Jahr 2015 in der Guajira. Damit die Mine weiter wachsen kann, soll der Fluss Arroyo Bruno verlegt werden, der die wichtigste Wasserader der Halbinsel versorgt. Die Kohle bringt Geld, sie wird bis nach Europa verschifft. Dort befeuert die schwefelarme Steinkohle aus den beiden kolumbianischen Förderregionen Cesar und Guajira unter anderem deutsche und niederländische Kraftwerke.

9,9 Millionen Tonnen Steinkohle aus Kolumbien waren es vergangenes Jahr. Tendenz steigend. Abnehmer kolumbianischer Kohle sind Firmen wie EnBW, RWE, E.on, Steag und Vattenfall. Der baden-württembergische Energieversorger EnBW verbrannte 2015 nach eigenen Auskünften 517 Tausend Tonnen von Cerrejón und insgesamt 1,94 Millionen Tonnen aus Kolumbien.

Europa, Deutschland - von der kleinen indigenen Wajuu-Gemeinde Provincial, in der Moisés lebt, scheint das eine Mondreise entfernt zu liegen. Die Siedlung besteht aus ein paar verstreuten Hütten. Agaven, Kakteen, Dornengestrüpp, Felsen, das trotzige Grün einiger Bäume liegen dazwischen.

Fast jeden Mittag bebt es bei den Urianas. In der Mine wird gesprengt. Luz Ángela Uriana zeigt mit dem Finger auf den langen Riss im Mauerwerk. "Wenn das mit den Sprengungen so weitergeht, fällt irgendwann das Haus zusammen."

In Deutschland ist die indigene Gruppe der Wayuu wohl nur Ethnologen und Kolumbieninteressierten bekannt. Doch Luz Ángela Uriana weiß von der Energiewende in Deutschland. Davon, dass dort nicht zuletzt aus Umweltschutzgründen bis 2018 die Steinkohleproduktion eingestellt wird. Die Kraftwerke, die aus Kohle Strom machen, sollen aber weiter befeuert werden. Schließlich soll Deutschland bald ohne Atomkraft auskommen. Und alternative Energieträger wie Sonne oder Wind können den Bedarf noch nicht allein decken.

Luz Ángela Uriana zeigt die schmutzige Seite der deutschen Energiewende. Sie musste zusehen, wie das Baby ihrer Cousine starb. Es litt an einer Atemwegserkrankung. Nacht für Nacht hört sie ihr eigenes Kind husten. Medikamente für den Jungen kann sich die Familie nicht leisten. Mit Mühe ernährt ihr Mann die Familie mit seinem mehr als 30 Jahre alten Renault als Transport- und Taxifahrer.

Die Risse am Haus wachsen. So wie die Wut von Luz Ángela Uriana wächst. Sie wagt, was sich sonst keiner im Nest Provincial traut. Im vergangenen Jahr hat sie gegen die "Carbones de Cerrejón Limited" geklagt, die zu gleichen Teilen den internationalen Konzernen Anglo-American, BHP Billiton und Glencore gehört, sowie gegen die Umweltbehörden, die zusehen, wie die indigenen Gemeinden unter der Umweltverschmutzung leiden. Und gegen die Mine, die in der verarmten Provinz Guajira so übermächtig ist.

"Eine Kinderärztin empfahl uns, von der Mine wegzuziehen. Aber wohin? In eine dieser trostlosen Schachteln, die es für Umsiedler gibt? Wo sich jeder auf die Füße tritt, alles von Cerrejón abhängt. Nein danke. Das hier ist unser Land", sagt Luz Ángela Uriana. Das Anwaltskollektiv CAJAR ("Colectivo de Abogados José Alvear Restrepo") aus der Hauptstadt Bogotá, das vom deutschen Hilfswerk MISEREOR finanziell unterstützt wird, vertritt die indigene Familie und legte für sie eine Verfassungsklage ein.

"Eine Richterin kam zu uns", sagt Uriana. "Eine strenge Frau war das. Aber als sie da im Stuhl auf unserer Veranda saß, hörte und fühlte sie die Sprengung. Sie sah, wie sich mein Moisés die Lunge aus dem Leib hustete." In zwei Instanzen hat Moisés' Familie gewonnen. "Die Umweltbehörden wurden im Februar 2016 erneut aufgefordert, innerhalb von zwei Monaten einen Aktionsplan aufzustellen, um die Staub- und Gasemissionen zu reduzieren", erzählt die deutsche Juristin Annelen Micus, die als Anwältin für die Bürgerrechtler von CAJAR arbeitet. "Cerrejón sollte klären, ob die Schäden an den Häusern der Familie von den Sprengungen herrühren. Den zuständigen Gesundheitsdienstleister EPS forderte das Gericht auf, dem Patienten den Zugang zu den notwendigen und von Cerrejón unabhängigen medizinischen Spezialisten zu garantieren."

Doch bislang hat sich nicht viel geändert. Der Kohleabbau mit seinen Sprengungen und Staubwolken geht weiter wie gehabt und auch die Medikamente muss die Familie weiterhin selbst kaufen. "Passiert ist nichts, rein gar nichts", sagt Luz Ángela Uriana. "Es geht um so viel. Nicht nur meinen Moisés, sondern viele andere Kinder. Es geht um meine Leute von den Wajuu, die Arbeiter und ihre Familien." In der benachbarten Gemeinde Barrancas, nahe der Cerrejón-Mine, waren im Jahr 2014 für 48 Prozent aller registrierten Arztbesuche akute Atemwegserkrankungen die Ursache.

Nicht immer können Ärzte noch helfen. Aixta Tulia Marques sitzt vor ihrem Frisörsalon in Barrancas und kämpft gegen die Tränen an. Es gelingt ihr nicht einmal, wütend zu sein. Im Juni starb ihr Mann Alois Rodolfo Amaya Mejia mit 45 Jahren - vermutlich an der Staublunge. "Es kam so überraschend", sagt die Witwe. "Zuerst dachten sie, es wäre eine Lungenentzündung. Er fieberte. Dann haben sie ihn aufgeschnitten, um den Schleim abzusaugen. 20 Jahre eingeatmeter Kohlenstaub lagen da auf seiner Lunge." Einige Wochen vor seinem Tod hatte der Mann noch sein Arbeitsjubiläum gefeiert. Zwei Jahrzehnte fuhr er die riesigen Transporter, auf die Bagger die Kohle schaufeln. Der Chef gratulierte seinem verdienten Mitarbeiter. Aixta Tulia Marques zeigt das Foto von der Urkundenübergabe.

Sie hat noch ein anderes Bild auf ihrem Handy. Das letzte, das sie von ihrem Mann machte. Ein Mann mit Sauerstoffmaske ist darauf zu sehen. Ein Schlauch, der zur Beatmungsmaschine führt. Alois Rodolfo Amaya Mejia hatte da schon die Besinnung verloren. "Er ist nie wieder aufgewacht", flüstert Aixta Julia Marques. "Er hatte ein festes Gehalt, unsere Kinder können eine Ausbildung machen. Das hat uns die Mine gegeben. Aber das war seinen Tod nicht wert", sagt die 49-Jährige. Bis heute ist nicht klar, ob seine Familie eine faire Entschädigung bekommt.

Der Tod des Arbeiters Alois Rodolfo Amaya Mejia ist kein Einzelfall. Aber es wird schwer sein, die Zahl der Todesopfer zu ermitteln, die die Mine fordert. Schon allein deshalb, weil die privat betriebenen Gesundheitseinrichtungen von Cerrejón finanziell abhängig sind. 32 Tage streikten die organisierten Minenarbeiter der Gewerkschaft Sintracarbon im Jahr 2013 für ihr Recht: den Erhalt ihrer Gesundheit. "Wir haben erfolgreich für eine unabhängige Studie gekämpft, die Ursachen von Erkrankungen unserer Mitglieder und ihre Wirkung erforscht", sagt Jairo Quiroz, Vorstandsmitglied von Sintracarbon. Jetzt geht es an die Auswertung.

"Natürlich sichert eine erfolgreiche Mine die Arbeitsplätze unserer Mitglieder", sagt der Gewerkschafter. "Aber Grenzen müssen da sein, wo Mensch und Umwelt leiden." Sintracarbon hat Moisés mit Medikamenten unterstützt.Ein anderer Gewerkschafter, Heli Arregoces, berichtet von massiven Einschüchterungsversuchen. Sogar geschossen habe man schon auf ihn. "Die Arbeiter", sagt der 50-Jährige, "tauschen ihre Gesundheit wenigstens gegen Geld ein. Die anderen sterben für nichts." Die Arbeitervertreter wehren sich auch vehement gegen die Umleitung des Arroyo Bruno. "Das wäre eine ökologische Katastrophe für die Menschen hier", ist sich Jairo Quiroz sicher.

Cerrejón versucht sich den Medien als verantwortungsvoller Minenbetreiber zu verkaufen. Das Unternehmen erklärt immer wieder, dass die kolumbianischen Grenzwerte bei Staubpartikeln und allen Emissionen eingehalten würden und bekennt sich beispielsweise zu den Menschenrechtsstandards der Vereinten Nationen, zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.

Die deutschen Kunden schenken dem offenbar Glauben. Spiegel online hat die Energiekonzerne mit den Vorwürfen gegen Cerrejón konfrontiert: Vattenfall teilt auf Anfrage mit, man setze sich "für die Verbesserung von Arbeits- und Umweltbedingungen vor Ort ein und nehme diesbezügliche Vorwürfe sehr ernst". Alle Kohlelieferanten würden verschiedenen Prüfprozessen unterzogen. 2017 werde deshalb eine Konzerndelegation nach Kolumbien reisen, um Informationen aus erster Hand zu erhalten.

RWE erklärt, man überprüfe "alle potenziellen Handelspartner für Energierohstoffe, bevor wir mit ihnen Geschäftsbeziehungen aufnehmen". Zudem sei es dem Unternehmen "besonders wichtig, in den Lieferländern einen breit angelegten Verbesserungsprozess auf den Weg zu bringen".

Bei EnBW heißt es, man sei sich "bewusst, dass es bei der Gewinnung von Rohstoffen in der gesamten Lieferkette zu Auswirkungen auf Menschen und Umwelt kommt. Deshalb ist es uns wichtig, mit den Lieferanten und Produzenten zusammenzuarbeiten, die vor Ort für die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihres Handelns Verantwortung tragen, um die Lebensbedingungen aller Beteiligten vor Ort kontinuierlich zu verbessern." Eine EnBW-Delgation habe kürzlich Kolumbien besucht.

Steag verweist auf eine Pressemitteilung, in der ein Konzernmitarbeiter nach einer Kolumbienreise die "hohen Arbeits- und Sozialstandards bei Cerrejón" lobt.E.on bezog 2015 ebenfalls Kohle aus Kolumbien. Kurz heißt es auf die Anfrage: "E.on hat zum 1. Januar 2016 die inzwischen auch rechtlich eigenständige Uniper SE abgespalten. Mit ihr auch sämtliche Kohlekraftwerke. Wir haben daher in diesem Jahr keine Kohle mehr bezogen."

Bei Uniper verweist man auf die Mitgliedschaft in der sogenannten Bettercoal-Initiative für Umwelt- und Sozialstandards. "Wir sehen positive Signale, dass der Betreiber von Cerrejon auf eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit mit Bettercoal setzt."

Die Vertreter der Anwohner sehen das anders. "Die kolumbianischen Grenzwerte sind lax, weit von den Standards der WHO entfernt", sagt Anwältin Micus. "Alle sieben Messstationen von Cerrejon lieferten 2015 Ergebnisse, die weit über den Standards von der WHO und der EU für Feinstaub lagen." Die Messstation Patilla-Chancleta habe gezeigt, dass selbst die kolumbianischen Normen nicht eingehalten würden. "Angeblich kam es zu Vandalismus", sagt die deutsche Rechtsanwältin. "Die Station wurde verlegt - und lieferte von da an Messwerte im geforderten Bereich."

Zusammengefasst: In Deutschland wird die Steinkohleproduktion bis 2018 eingestellt. Die Kohlekraftwerke sollen jedoch weiter befeuert werden, weil die erneuerbaren Energien noch nicht genug Strom liefern. Die Kohle muss also importiert werden - unter anderem aus Kolumbien. Die sozialen und ökologischen Kosten der Energiewende werden ins Ausland verlagert: Minenarbeiter werden ausgebeutet, Anwohner werden krank oder zwangsumgesiedelt.@

aus: Spiegel online am 03. Januar 2017

 

- zurück




      anti-atom-aktuell.de