Besorgte Mütter aus der Region haben bereits ein HighTech-Labor zur Strahlenmessung eingerichtet. Nun eröffnen sie eine Praxis und engagieren Ärzte für eine bessere medizinische Versorgung.

Die Rebellion der Mütter

von Sonja Blaschke

Hilfe vom Staat - darauf setzen in Ostjapan nur noch Idealisten. Zwar hat die Regierung in Tokio nach der verheerenden Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011, als ein Megabeben der Stärke 9,0 mit anschließendem Tsunami große Teile Nordostjapans dem Erdboden gleichmachte und zur Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi führte, gigantische Infrastrukturprogramme aufgelegt, und der Wiederaufbau in der Region Tohoku schreitet sichtbar voran. Nur: Für die verbliebenen Einwohner ist eine Besserung der Lage in den kontaminierten Gebieten schon wegen der langen Halbwertszeiten der radioaktiven Isotope nicht in Sicht.

Enttäuscht sind sie auch über die - landestypische - Unwilligkeit der Regierung, die gesundheitlichen Folgen des GAU für die Bevölkerung ernsthaft zu adressieren und dann auch für die bestmögliche medizinische Versorgung zu sorgen. Die politische Aufmüpfigkeit der Bürger gegen untätige Politiker, die nach der Katastrophe aufflammte, ist zwar größtenteils abgeebbt. Das Graswurzeldenken hat die Menschen in Fukushima und den angrenzenden Präfekturen aber geprägt. So haben sich Mütter der Region zusammengetan und eine eigene Messstation ins Leben gerufen, das Mothers Radiation Lab Fukushima. Im April wollen sie mit einer spendenfinanzierten Praxis an den Start gehen, die die medizinische Versorgung der Bevölkerung unterstützt.

    Angst um Zukunft der Kinder

Die Idee, das Labor mit dem Namen Tarachine - in der japanischen Sprache ein altertümliches Wort für Mutter - zu gründen, hatten Kaori Suzuki und weitere Mütter, die Angst um die Gesundheit und die Zukunft ihrer Kinder haben - und von einem tiefen Misstrauen gegenüber Präfekturverwaltung und Zentralregierung in Tokio geprägt sind. Sie bestellten sich Geigerzähler und andere Messgeräte und suchten sich professionelle Unterstützung - denn keine der Frauen hatte Vorkenntnisse, betont die 51-jährige Suzuki aus Iwaki, 40 Kilometer südlich des havarierten Meilers, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Inzwischen hat das Labor zehn Angestellte.

Die Frauen wollen mit ihrer Arbeit verhindern, dass die Folgen des GAU in Vergessenheit geraten oder verharmlost werden. Deswegen messen sie für eine geringe Gebühr von 3000 Yen (etwa 25 Euro) unermüdlich von Mitbürgern vorbeigebrachte Lebensmittel, Gartenabfälle, Meerwasserproben oder sogar den Inhalt von Staubsaugerbeuteln. Die Ergebnisse veröffentlichen sie - auch in englischer Sprache - offen einsehbar im Internet. Üblicherweise würden die Messungen in professionellen Laboren mindestens 200.000 Yen (knapp 1650 Euro) kosten.

    Bessere Instrumente als Greenpeace

Seit Kurzem haben die Frauen in ihrem Labor Instrumente, die sogar Strontium und Tritium nachweisen können. Das mache ihre Einrichtung zum wahrscheinlich weltweit am besten ausgestatteten privat geführten Messlabor für Radioaktivität der Welt. "Ich habe das nachprüfen lassen", sagt Suzuki, die Bürochefin. "Nicht einmal Greenpeace hat solche Instrumente." Sie stellt die Frage in den Raum, ob es in anderen Ländern einfach keinen solchen Bedarf gebe.

In Ostjapan ist der Bedarf groß. Inzwischen betragen die Wartezeiten auf Ergebnisse nicht mehr nur Tage, sondern Wochen. Zwar wird in der Öffentlichkeit wenig darüber gesprochen, aber Suzuki weiß, dass sich viele, vor allem Familien mit kleinen Kindern, ständig fragen, ob es richtig war, zu bleiben, oder ob sie nicht besser hätten wegziehen sollen. In Suzukis Fall entschied sich die Familie fürs Bleiben - ihr Mann führt in Iwaki ein Unternehmen mit 70 Angestellten - und für die Eigeninitiative in Form von Suzukis Engagement.

"Und bald werden die Herzen vieler Menschen ein zweites Mal gebrochen", warnt Suzuki. Denn der Staat streicht Ende März die Wohnungszuschüsse für Menschen aus Fukushima, deren Zuhause außerhalb der Evakuierungszone lag und die "freiwillig" weggezogen sind. Betroffen sind vor allem Familien, bei denen der Ehemann arbeitsbedingt in der alten Heimat in Fukushima blieb und die Frau mit den Kindern etwa nach Tokio oder in andere Regionen zog, um die Kinder vor der Strahlung zu schützen. Weil sie sich mangels staatlicher Unterstützung das Leben in zwei Haushalten nicht mehr werden leisten können, wird nicht wenigen nur die Rückkehr ins alte Zuhause bleiben - ob sicher oder nicht.

Eine Besserung der Lage in der Region ist für Suzuki schon wegen der langen Halbwertszeiten der radioaktiven Isotope nicht in Sicht - "aber das Bewusstsein der Menschen dafür ist gesunken", bedauert sie eine gewisse Abstumpfung der Bewohner. Dabei würden jetzt, sechs Jahre danach, allmählich gesundheitliche Schäden sichtbar, ergänzt sie. Cäsium 134 hat eine Halbwertszeit von zwei Jahren, bei Cäsium 137 beträgt sie 30 Jahre. "Am Grad der Verstrahlung hat sich in den letzten sechs Jahren kaum etwas geändert", so Suzuki. Dazu hätten auch Maßnahmen, wie belasteten Boden abzutragen oder Wohnhäuser zu dekontaminieren, nicht viel beigetragen.

Während Tarachine schon länger kostenlose Schilddrüsenuntersuchungen für Kinder anbietet, soll bald die gesundheitliche Betreuung ausgebaut werden. "Es gibt zwar Krankenhäuser und Arztpraxen in Iwaki", sagt Suzuki, "aber die Ärzte kennen sich oft zu wenig aus mit radioaktiver Strahlung." Diese Lücke wollen sie schließen. Zu diesem Zweck eröffnen die Frauen im April direkt neben ihrem Labor eine eigene kleine Praxis. Die Internistin Misao Fujita soll dort ständig praktizieren - zu einem Jahresgehalt von umgerechnet knapp 40.000 Euro. Hinzu kommen zwei Krankenschwestern, ergänzt durch eine Leitungs- und eine Verwaltungskraft. Die Behandlung für Patienten unter 18 Jahren soll kostenlos erfolgen. Alle anderen Patienten können die Behandlung mit ihrer Krankenversicherung abrechnen - abzüglich des üblichen Selbstbehaltes von 30 Prozent. Zusätzlich sollen auf unregelmäßiger Basis Ärzte verschiedener Fachrichtungen in der Praxis tätig sein, darunter ein Kinderarzt sowie Professorin Hisako Watanabe, eine der angesehensten Kinderpsychiaterinnen in Nippon.

    Eine Frage der Menschenwürde

Für Suzuki ist der richtige Umgang mit den Patienten auch eine Frage der Menschenwürde. "Wir wollen, dass die Patienten wie Menschen behandelt werden." Deswegen sei ihr Ziel, die Praxis nicht "von oben" zu führen, sondern mit den Patienten zusammen. Denn neben den physischen Folgen kämpfen viele Betroffene mit den schwerer quantifizierbaren psychischen Folgen der Katastrophe. Gerade die Menschen, die infolge von Evakuierungsbefehlen ihre Heimat verließen, dieser aber inzwischen aufgehoben ist, stehen vor einem Dilemma: Zurückgehen oder nicht - diese Frage quält viele Betroffene seit Jahren.

Die steigende Zahl an Fällen von Kindern mit Schilddrüsenkrebs in Fukushima mache ihr Sorgen, sagt Suzuki. Inzwischen seien über 160 Fälle oder Verdachtsfälle bekannt. Dabei seien in dieser Zahl Kinder, die seither aus der Präfektur wegzogen, nicht einmal erfasst, moniert sie. Vergleichbare Erhebungen von ganz Japan gebe es nicht - eine Lücke, die sie von staatlicher Seite gefüllt sehen will. Außerdem träten seither bestimmte Erkrankungen, darunter Leukämie, gehäufter auf als vor der Katastrophe, beklagt Suzuki.

Während für viele Betroffene sowie Atomkraftkritiker der Zusammenhang mit der Meilerhavarie klar ist, führen andere Experten die überdurchschnittlich hohe Rate an Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Fukushima auf den Screening-Effekt zurück. Das heißt, durch die flächendeckenden Untersuchungen und sensiblere Geräte würden mehr Fälle entdeckt.

Um die Kinder im Osten von Fukushima, von denen viele kaum unbeschwert draußen herumtoben können, auf andere Gedanken zu bringen, organisiert "Tarachine" regelmäßig Ferienaufenthalte auf der subtropischen Okinawa-Inselgruppe. Solche Aktivitäten sowie Workshops und Messutensilien finanziert die gemeinnützige Organisation mit Spenden aus dem Inland, aber auch aus dem Ausland, vor allem aus den USA. Sie wünsche sich, dass sich landesweit noch mehr Gruppen wie "Tarachine" zusammenfänden, sagt Suzuki "Wir können nicht alles alleine machen." Sie kennt seither kaum einen freien Tag. Auch die Lage am AKW bleibe kritisch: "30, 40, vielleicht sogar 100 Jahre" könnten die Aufräumarbeiten dort noch dauern, prophezeit Suzuki - mit möglichen Folgen für die Gesundheit der Arbeiter und der Bewohner der Region. Auf Angaben zur Gesundheitsgefährdung von Seiten des Staates oder des quasi verstaatlichten Betreibers der Atomruine Fukushima Daiichi, Tokyo Electric Power Company (Tepco), vertraut sie auf jeden Fall nicht mehr - zu oft fühlte sie sich schon von beiden Seiten belogen und im Stich gelassen.

    Weiter Chaos am Meiler

Auch sechs Jahre nach der Katastrophe ist der Unfallhergang noch nicht im Detail rekonstruiert worden. So ist die genaue Ursache, etwa ob das Kühlsystem im AKW schon nach dem Erdbeben oder erst nach dem Tsunami ausfiel, was zur Kernschmelze führte, nicht bekannt. Nicht einmal den geschmolzenen nuklearen Brennstoff konnte Tepco lokalisieren. Zuletzt wurde in der Nähe des Druckbehälters von Reaktor 2, der den Reaktorkern enthält, extrem hohe radioaktive Strahlung in Höhe von 530 Sievert pro Stunde gemessen. Für Menschen ist so eine Belastung in weniger als einer Minute tödlich.

Weiterhin wird versucht, das Erdreich um die Reaktoren eins bis vier herum zu vereisen, damit dort kein Grundwasser mehr eindringen und somit kontaminiert werden kann. Das soll die Menge an kontaminiertem Wasser - zwischenzeitlich flossen bis zu 400 Tonnen Grund- und Regenwasser täglich in die Anlage - verringern, das bisweilen als Notlösung in speziellen Tanks auf dem Gelände gelagert wird. Der Platz für neue Tanks wird allmählich knapp.@

Ärzte Zeitung online, 10.03.2017

 

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