Die Türkei baut ihr erstes AKW :

Atomkraft aus dem Badeparadies

von Marco Kauffmann Bossart, Mersin

Ankara setzt auf Nuklearenergie, um den rasant steigenden Strombedarf zu decken. Die russisch-türkischen Betreiber stoßen bei der Lokalbevölkerung auf wenig Sympathien.

Eyyüp Sarici, 69 Jahre alt, hat einen grossen Wunsch: erleben, wie in der Türkei der erste Atomreaktor hochgefahren wird. Der Physiker verbrachte seine ganze Berufskarriere mit Nukleartechnologie, zuletzt in einem amerikanischen Atommeiler. Den Ruhestand unterbrach Sarici, um die Bevölkerung über die Vorzüge der Atomkraft aufzuklären.

Mit leuchtenden Augen steht der Physiker in Diensten der türkisch-russischen Betreibergesellschaft Nuklearkraftwerk Akkuyu vor einem Modell der vier Reaktoren. Bis 2020 sollte der russische Staatskonzern Rosatom den ersten Reaktor fertigstellen. Im Informationszentrum Mersin glänzen Fotos von russischen Atommeilern; moderne Industriebauten, umgeben von tiefblauen Seen, in denen Kinder baden. Die unterschwellige Botschaft: Atomenergie ist sicher und sauber.

Ein Schaukasten erläutert, dass die türkische Anlage Akkuyu dem japanischen Katastrophenreaktor Fukushima technologisch überlegen sei. Ob Erdbeben, Flugzeugabsturz oder Überschwemmung - Akkuyu würde allen Verheerungen standhalten, versichert Sarici mit grossväterlichem Charme. Die Bucht, 140 Kilometer westlich der Hafenstadt Mersin, sei der idealste aller möglichen Standorte, zumal das Werk die Industriezentren Kayseri und Konya versorgen werde. "Und vergessen wir nicht: Praktisch alle zehn Jahre verdoppelt sich in der Türkei der Energiebedarf."

    Beeren und "Märtyrer-Wälder"

Von Mersin sind es zwei Autostunden bis nach Akkuyu, vorbei an Plantagen mit Erdbeeren, Orangen, Tomaten und an malerischen Buchten, wo sich vom Aussterben bedrohte Mönchsrobben in Höhlen verkriechen. Die Hotels in dieser Gegend, Kästen aus den Siebzigern, aber auch familiäre Pensionen, ziehen primär ein türkisches Publikum an. Die Strasse windet sich wuchtigen Felswänden entlang; bis man eine Baumschule erblickt, die den Opfern des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 gewidmet ist. Ein zweiter "Märtyrer-Wald" trägt den Namen eines türkischen Staatsanwalts, der von Linksextremisten ermordet wurde. Wenig später biegt eine Strasse zur "Akkuyu Nükleer Santrali" ab, bis ein stacheldrahtbewehrter Zaun den Anfang des von Pinienhainen umgebenen Sperrgebiets markiert.

Nach dem offiziellen Spatenstich im Frühjahr 2015 wurde in der Bucht von Akkuyu zuerst ein Hafen errichtet, wo Bauteile aus Russland angeliefert werden. Verzögert wurden die Arbeiten durch die achtmonatige Eiszeit zwischen Ankara und Moskau, die auf den Abschuss eines russischen Kampfjets im November 2015 folgte.

In der nächsten grösseren Siedlung, Silifke, hofft Stadtpräsident Mustafa Turgut, dass die Atomanlage nie fertig wird. Turgut, vor seiner Wahl Hirnchirurg im staatlichen Spital, lehnt wegen der Risiken für Mensch und Natur die Atomenergie grundsätzlich ab. "Kommt hinzu, dass Akkuyu ein denkbar schlechter Standort ist."

Der Gemeindepolitiker von der oppositionellen CHP-Partei warnt vor den Folgen für die Landwirtschaft und den Tourismus. Wer würde nach einem Störfall noch Erdbeeren aus der Gegend kaufen? Und selbst wenn der Betrieb störungsfrei verlaufen würde, werde der Tourismus leiden, befürchtet Turgut. Kernreaktoren passten schlecht zum Image eines Badeparadieses. In einer Umfrage sprachen sich 87 Prozent der lokalen Bevölkerung gegen das Kraftwerk aus. Auf die Frage, ob er dereinst einer Einladung für die Eröffnung Folge leisten würde, entgegnet der sonst sanftmütige Stadtpräsident trotzig, er nehme an Protestaktionen teil.

Akkuyu war bereits 1976 als Standort bestimmt worden. Doch erst die islamisch-konservative Regierung von Recep Tayyip Erdogan trieb das Projekt voran. Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum nach der Jahrtausendwende stieg auch der Stromkonsum rasant, wobei Gas den bedeutendsten Energieträger darstellt. Bis 2023 soll heimische Nuklearenergie mindestens 10 Prozent des Strombedarfs decken.

    Geologische Bedenken

Bedenken wegen eines AKWs an der Mittelmeerküste meldeten Geologen an; zumal die Türkei wie Japan über aneinanderstossenden Kontinentalplatten liegt und daher regelmässig die Erde bebt. Biologen warnen überdies vor einem Anstieg der Meerestemperatur von bis zu 4 Grad, da Wasser aus dem Reaktor im Meer gekühlt werden soll. Zum einen sei mit einer Zunahme von Quallen zu rechnen, zum anderen würden einige Fischarten die Erwärmung nicht überleben.

Ankara konterte die Einwände mit Gegenstudien, und Erdogan fertigte Kritiker mit flapsigen Sprüchen ab. Wer ein Leben ohne Risiko wolle, brauche sich auch keine Propangasflasche für die Küche zu kaufen, meinte Erdogan im März 2011; sechs Tage nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Und als in Japan schon die Hülle des ersten Reaktorblocks explodierte, gab Erdogans damaliger Energieminister Taner Yildiz zum Besten, das Problem sei nicht die radioaktive Verschmutzung, sondern jene der Information. Manche erinnerten sich, wie Ministerpräsident Turgut Özal nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor laufenden Kameras Tee von der türkischen Schwarzmeerküste kostete und meinte, radioaktiver Tee schmecke eigentlich noch besser. Das Vertrauen einer verunsicherten Bevölkerung lässt sich mit solchem Gerede allerdings kaum gewinnen.

    Sitzstreiks vor dem Baugelände

Auf eine grundsätzlichere Problematik verweist der Politologe Izak Atiyas von der Sabanci-Universität in Istanbul. Er vermisst eine kohärente und transparente Energiepolitik, die Kosten und Nutzen verschiedener Energiequellen abwägt und die Öffentlichkeit einbezieht. Entgegen international akzeptierten Standards sei überdies die Unabhängigkeit der Türkischen Atomenergiebehörde (TAEK) nicht gewährleistet.

n Mersin und Umgebung äussert sich der Unmut in kleineren Protestaktionen - von Sitzstreiks vor dem Baugelände bis zu einer Blockade des Informationszentrums, das nach Ansicht der Gegner bloss Propaganda verbreitet. Beinahe immer dabei ist Sabahat Aslan, eine ruhig argumentierende Ingenieurin mit gerüschter gelber Bluse, hauptberuflich in der Stadtverwaltung von Mersin für Bauabnahmen verantwortlich und in der Freizeit Freiwillige einer lokalen Umweltorganisation. Eines ihrer Hauptargumente: Mit dem vorgesehenen Reaktortyp VVER 1200 betrete die Türkei riskantes Neuland. "Man benutzt uns als Versuchskaninchen."

Im Informationszentrum, das Aslan noch nie betreten hat, heisst es, das russische AKW Nowoworonesch, das im August 2016 ans Netz ging, verwende dieselbe Technologie wie Akkuyu.

Eine zweite Reaktoranlage soll mit japanischem Know-how in dem Städtchen Sinop an der Schwarzmeerküste entstehen. Die Türkei komme ausgerechnet mit den Heimatländern der beiden grössten Katastrophen in der Geschichte der Atomkraft ins Geschäft, stellte der Naturschutzbund Doga Dernegi fest.

    Angetrieben von einer Mission

Ein produktiver Dialog zwischen Befürwortern und Gegnern scheint im von Misstrauen geprägten Klima schwer zu führen. Bei seiner Präsentation berichtete Sarici, der Physiker im Informationszentrum, enthusiastisch von einem fruchtbaren Austausch mit der Bevölkerung. Doch schimmern auch Zwischentöne durch; wenn er etwa von einer Begegnung mit einer Lehrerin erzählt, die ihm einen Handschlag verweigerte. Während unseres eineinhalbstündigen Besuchs im Informationszentrum bleibt der Ausstellungsraum an bester Passantenlage auffallend leer.

Sarici, aufgewachsen in einem Dorf ohne Elektrizität und angetrieben von der Mission, das Land mit Atomkraft zu modernisieren, bringt die ablehnende Haltung von Einheimischen nicht ins Grübeln. Gebaut wird in Akkuyu so oder so.

    Stark von Russland abhängig

In einem bilateralen Regierungsabkommen zwischen Ankara und Moskau hat sich der russische Staatskonzern Rosatom zum Bau und zum Unterhalt des erstens Kernkraftwerks in der Türkei verpflichtet. Die Investitionskosten für den Standort Akkuyu belaufen sich auf rund 20 Milliarden Dollar. Nach einer Laufzeit von sechzig Jahren ist die russische Seite auch für die Stilllegung der vier Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 4800 MW verantwortlich. Die türkischen Partner stellen derweil die Netzverbindung her und leisten Abnahmegarantien für die produzierte Energie.

Das von Russland propagierte Build-Own-Operate-Modell (BOO) ist für die Türkei finanziell attraktiv. Allerdings begibt sich das Schwellenland damit in grosse Abhängigkeit von Russland. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges im türkisch-syrischen Grenzgebiet schien die Fortführung des Atomabkommens infrage gestellt. Erst eine Entschuldigung Ankaras führte zu einer Entspannung. Bereits vor diesem Zwischenfall hat die Türkei den Auftrag für ein zweites AKW an ein japanisch-französisches Konsortium vergeben. Als Standort wurde Sinop an der Schwarzmeerküste bestimmt. @

externer Link nzz.ch26.2.17
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