Wachstumskritik gleich Kapitalismuskritik?

von Tadzio Müller

Willkommen im Anthropozän, willkommen in einem geologischen Zeitalter, in dem die industriell-kapitalistisch beschleunigte (und durch vielerlei Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zutiefst gespaltene) Menschheit den stärksten aller globalen Veränderungs- und Verschlechterungsfaktoren darstellt. Vom Artensterben zum Klimawandel, vom Übersäuern der Meere zur Vernichtung von Böden - manchmal scheint es, als gäbe es kaum noch Katastrophen, die nicht auf unsere Produktions- und Lebensweisen zurückzuführen sind.


    Beispiel Klimawandel:

Seit Beginn der industriellen Revolution ist die globale Durchschnittstemperatur um fast ein Grad Celsius gestiegen, und angesichts der immer weiter ansteigenden, vom globalen Wirtschaftswachstum verursachten Treibhausgasemissionen steht uns bis zum Ende dieses Jahrhunderts - so die Internationale Energieagentur, aber auch die Wirtschaftsberaterfirma PriceWaterhouseCoopers - vermutlich ein Temperaturanstieg von vier bis sechs Grad Celsius im globalen Durchschnitt bevor. Allerdings bedeutet dies nicht, dass wir bald in Potsdam am Meeresstrand liegen und im Harz Wein anbauen können. Vielmehr erwartet uns möglicherweise das „Umkippen“ des globalen Klimasystems von seinem momentanen stabilen in einen „chaotischen“ Zustand.

Um diese doch ziemlich abstrakten Aussagen zu veranschaulichen, sei daran erinnert, dass all das, was wir als „menschliche Zivilisation“ bezeichnen, sich erst in den letzten rund 10.000 Jahren im sogenannten Holozän entwickelte - also in einer Periode unüblicher klimatischer Stabilität, in der globale Durchschnittstemperaturen sich kaum mehr als zwei Grad um den Mittelwert herum bewegten. Ohne diese Stabilität hätte sich keine sesshafte Landwirtschaft entwickeln können, und eine Welt ohne sesshafte Landwirtschaft wird kaum eine sein, die mehrere Milliarden Menschen ernähren kann. Sie wäre eine Welt, die noch mehr als die heutige geprägt wäre von eskalierenden Ressourcenkonflikten und darauf folgenden Migrationsbewegungen; Bewegungen, die wiederum mit massiver rassistischer Hetze und zunehmend autoritären Regimen in den für den Klimawandel historisch verantwortlichen kapitalistischen Kernländern konfrontiert wären. Diese explosive Mischung würde dann noch zusätzlich angeheizt werden durch immer stärker werdende „extreme Wetterevents“, von Fluten bis zu Wirbelstürmen.

Kurz, wer das Problem der Wachstumskritik von der Klimaseite her betrachtet, kann nicht umhinkommen, zu konstatieren: Auf einem endlichen Planeten kann es kein unendliches Wachstum geben.

    Kernprobleme

So viel zum einfachen Teil des Arguments. Jetzt aber wird‘s kompliziert, weil sich eine Frage vor allen anderen stellt: Wie kommen wir aus dem, was in der öffentlichen Diskussion gern „Wachstumsspirale“, „Wachstumszwang“, gar „Wachstumssucht“ genannt wird, wieder heraus - und woher kommt der Zwang zum Wachstum eigentlich? Hier differenziert sich die Wachstumskritik - ähnlich wie die Kapitalismuskritik - in verschiedene Spielarten und Unterabteilungen aus. Während die einen den überbordenden Konsumismus vor allem, aber nicht nur der Gesellschaften des globalen Nordens kritisieren, lenken andere die Aufmerksamkeit auf die wachsenden Kosten staatlicher Sozialversicherungssysteme, die wir „uns“ vermeintlich nicht mehr leisten können - und verfehlen damit, meinen wir, den Kern des Problems.

Dieser kann zuerst historisch erfasst werden: Die (landläufig als „Hockeystickgrafik“ bekannte) Kurve, welche die zunehmende Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre abbildet, hat zwei sogenannte Inflektionspunkte, also Punkte, an denen sich die Steigung der Kurve deutlich ändert. Der erste dieser Punkte befindet sich am Beginn der kapitalistischen Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts. Der zweite liegt zwischen 1930 und 1950, dem Beginn der Globalisierung der fordistischen Massenproduktion.

Anders ausgedrückt, der ständige Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre korreliert stark mit der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft: Wächst die eine, steigt die andere; schrumpft die eine (wie zum Beispiel in der kurzen Stagnationsphase auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 ff.), wächst die andere auch nicht.

Warum aber muss eine kapitalistische Wirtschaft immer wachsen, bei Strafe einer sonst eintretenden Wirtschaftskrise?

Hier verläuft sich die Debatte manchmal: Anstatt das Warum zu diskutieren, wird darüber gestritten, wie dieses Wachstum zu messen sei. Dabei wird implizit davon ausgegangen, dass der Grund des ewigen Wachstums in politischen Entscheidungen liegt, die am Ziel eines ständig steigenden Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausgerichtet sind.

Klar, aus ökologischer, ethischer und sozialer Sicht ist das BIP ein denkbar nutzloser Indikator. Gemessen wird das Gesamtvolumen aller Ausgaben für Waren (also Güter und Dienstleistungen) in einem Wirtschaftsraum, was wiederum zu einer Reihe radikal verengter und damit falscher Messungen beziehungsweise Bewertungen führt. So ist das BIP ökologisch blind, insofern es keine „Externalitäten“, also keine Folgekosten unserer Produktionsweise für Natur und Gesellschaft misst. Es ist sozial blind, insofern es zum Beispiel steigende Ungleichheit ignoriert. Gleichwohl sind diese Indikatoren makroökonomische Messgrößen; wer denkt, dass PolitikerInnen wirklich das Bruttosozialprodukt steigern können, sitzt einem Denkfehler auf. Während die Idee der ökonomischen Globalsteuerung eigentlich erst seit gut 80 Jahren besteht, erst durch Keynes‘ Konzeptualisierung makroökonomischer Zusammenhänge möglich wurde, begann die zerstörerische Dynamik kapitalistischer Akkumulation natürlich schon lange davor. Die ewige Wachstumsdynamik kapitalistischer Produktion erklärt sich nämlich aus dem mikroökonomischen Verhalten einzelner Unternehmen, die vom Marktzwang getrieben werden, heute Geld investieren zu müssen, um morgen mehr Geld wieder herauszubekommen - wer das nicht schafft, geht als Unternehmen unter. Und wenn das nicht bloße Spekulation ist, dann sieht das so aus:

Geld => Warenproduktion => Verkauf => mehr Geld, gefolgt von der Reinvestition zumindest eines Teils dieses Geldes. Oder in der Kurzfassung: G - W - G‘.

Diese mikroökonomische Gleichung stellt die allgemeine Formel des Kapitals dar; sie drückt den Handlungszwang aus, in dem jede Unternehmerin jeden Tag steckt. Ökologisch betrachtet bedeutet dies, dass der zusätzliche Profit, der jeden Tag erwirtschaftet werden muss, irgendwoher aus „der Natur“ kommen muss. Wenn jeden Tag mehr Arbeitskraft mithilfe von mehr Energie mehr Rohmaterialien in Waren verwandelt, dann bedeutet G - W - G‘ auch einen stetigen Anstieg des globalen Ressourcenverbrauchs (wenngleich dieser nicht linear ist; es macht einen Unterscheid, ob man Aluminium oder Pflegedienstleistungen produziert). Dieses ökonomisch durchaus rationale Verhalten Einzelner führt zur größtmöglichen ökologischen Irrationalität, nämlich der Tendenz zur Überschreitung sogenannter planetarischer Grenzen.

    Kapitalismus, grün?

Historisch hängt das eskalierende Klimachaos also eng mit der Entwicklung des kapitalistischen Wachstums zusammen (wobei der Verweis nicht fehlen darf, dass die staatskommunistischen Wirtschaften des Ostblocks mitnichten sorgsamer und ressourcenschonender mit der Natur umgegangen sind; oft waren sie gar noch umweltschädlicher als die des Westens - was aber eher in ihrem Projekt der nachholenden industriellen Entwicklung begründet liegt als in einem inhärenten Wachstumszwang wie in kapitalistischen Wirtschaften). Und warum dieser Zusammenhang bisher immer Bestand hatte, lässt sich theoretisch leicht erklären und wird im Allgemeinen nur von den Verbohrtesten unter den KlimaskeptikerInnen angezweifelt. Doch mündet die Akzeptanz der hier dargelegten Argumente nicht notwendigerweise in eine ökologisch begründete Ablehnung des Kapitalismus, denn neben der Verneinung dieser Zusammenhänge gibt es noch eine weitere mögliche Reaktion. Diese Position würde lauten: „Sicher, historisch ist das bisher der Fall gewesen, aber es muss nicht auf ewig so sein, dass der Kapitalismus die Umwelt zerstört - wir sind der Meinung, dass es eine Art grüner Marktwirtschaft geben kann, welche die Dynamik des Kapitalismus produktiv wendet und sie zum Schutz, nicht zur Zerstörung der Umwelt nutzt.“

Diese Position wird zum Beispiel von Ralf Fücks vertreten und inspirierte, in abgeschwächter Form, auch die in vielerlei Hinsicht löblichen Konzepte des linken Flügels der Grünen für einen Green New Deal.

Das Zauberwort in diesem Zusammenhang lautet „Entkopplung“, nämlich die des wirtschaftlichen Wachstums vom absoluten Ressourcenverbrauch.

Die Bewegung G - W- G‘ würde weiter vollzogen, es würde also immer mehr produziert werden (denn ein einfaches Weniger ist im Kapitalismus nicht zu haben), aber diese sich ausweitende Produktion würde nicht immer mehr Ressourcen verbrauchen, sondern - durch massive Effizienzgewinne und clevere Rahmensetzungen - zur Schonung der Natur beitragen. Und hierin liegt das Problem dieser Agenda, dieses „Projekts“ grüner Marktwirtschaft: Während wir jeden Tag Beispiele relativer Entkopplung erleben - mehr Rechenleistung in einem kleineren Computer, weniger Benzinverbrauch pro gefahrenem Kilometer etc. -, müsste es eine absolute Entkopplung geben, zum Beispiel einen absolut sinkenden Benzinverbrauch trotz immer zahlreicherer Autos auf den Straßen. Die Weltwirtschaft müsste wachsen, aber der Gesamtressourcenverbrauch sinken. Doch solch eine Entwicklung hat es historisch bisher noch nie gegeben, was die Überzeugungskraft der Position deutlich schwächen sollte. Und wem das nicht ausreicht - zugegebenermaßen ist das Argument „hat‘s noch nie gegeben“ kein guter Grund, um nicht für etwas zu kämpfen, zum Beispiel für „echte Demokratie jetzt!“ -, dem sei gesagt, dass es in der Geschichte des Kapitalismus immer wieder massive Effizienzsteigerungen gegeben hat, diese aber nie zu weniger, sondern immer zu noch mehr Ressourcenverbrauch geführt haben, weil sie die Produktion neuer Waren ermöglichten und die Produktion existierender Waren billiger machten. Laptops sind ungleich effizienter als die Großrechner der 1950er und 1960er Jahre.

Aber verbraucht die globale Computerflotte deswegen heute weniger Energie, als Computer dies vor 50 Jahren taten? Auf der individuellen Ebene sieht das dann so aus, dass wir zwar weniger Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen, deswegen aber mehr Auto fahren, oder dass wir zwar einen effizienteren neuen Kühlschrank haben, den alten aber im Keller weiterlaufen lassen. Denn der Zweck des auch mit weniger Ressourceneinsatz erzielten Profits ist es, ihn zu reinvestieren, um mehr Profit zu erwirtschaften.

    Und jetzt?

Festzuhalten wäre also: Erstens, auf einem endlichen Planeten kann es kein unendliches Wachstum des Ressourcenverbrauchs geben, und wir sind schon ziemlich nahe dran an einigen planetarischen Grenzen (zum Beispiel im Klimasystem). Zweitens, die kapitalistische Produktionsweise zwingt Unternehmen, bei Strafe des Untergangs, zu ständiger Akkumulation, was auch ständiges Wachstum des Ressourcenverbrauchs beinhaltet. Drittens kann dieses Problem im Rahmen der herrschenden Produktionsweise nicht gelöst werden, weil massive Effizienzsteigerungen eben nicht zur absoluten Entkopplung führen können. Das bedeutet, viertens, dass jede ökologische Wachstumskritik auch Kapitalismuskritik ist oder zumindest sein sollte.

Es gibt eine Vielzahl von Projekten und Kämpfen, in denen sich interessante Überschneidungen zwischen den Agenden kapitalismuskritischer und wachstumskritischer Bewegungen ergeben könnten. Beispielsweise im Kampf gegen die ständige Ausweitung von Arbeitszeit in unser Alltagsleben hinein und für begrenzte Arbeitszeiten; für den Ausbau der Care-Ökonomie, gegen den Ausbau des industriellen Exportmodells; für den Ausbau des öffentlichen Sektors im Allgemeinen, denn Letzterer steht, trotz allerlei Schwächen, die sich historisch gezeigt haben, nicht unter demselben Wachstumszwang, wie der private Sektor es tut; für einen sozialökologischen Umbau, angefangen etwa mit einem gerechten Kohleausstieg hierzulande; oder für die Vergesellschaftung der Energieversorgung.

Wenn die Wachstumskritik praktisch werden will, findet sie in kapitalismuskritischen Bewegungen mit Sicherheit viele MitstreiterInnen.Allerdings bräuchte es für ein solches Bündnis deutlich mehr als die „Einsicht“ innerhalb wachstumskritischer Zusammenhänge, dass der Kapitalismus aus strukturellen Gründen keine Veränderungsperspektiven aus sich heraus entwickeln kann und wird. Es bräuchte eine analoge Einsicht innerhalb linker, antikapitalistischer Zusammenhänge, dass im Kontext der Ressourcenknappheit des Anthropozäns die Wachstumsfixierung einiger linker Gruppen bzw. die Behandlung der ökologischen Frage als Nebenwiderspruch aufhören muss.

Wenn Wachstumskritik notwendigerweise Kapitalismuskritik sein muss, dann muss eine Kapitalismuskritik, die ihren globalen, ihren Gerechtigkeitsanspruch ernst nimmt, ebenso wachstumskritisch sein. Erst dann stehen „Umweltfragen“ nicht mehr hinter Arbeitsplätzen zurück. Dann darf das kleine Dorf Proschim in Brandenburg nicht dem Koalitionsfrieden geopfert und für die Braunkohle abgebaggert werden. Dann muss endlich, auch von Linken, eingesehen werden, dass es nun einmal auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum geben kann.@

aus: rosalux
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