Zur Situation in Bure -

"La été d`urgence" Ein Sommer im Ausnahmezustand

eine Einschätzung von: anonym. 8.1.2017

Im letzten halben Jahr sind mehrere Texte veröffentlicht worden, die sich mit dem wachsenden Widerstand gegen das französische Endlagerprojekt für hochradioaktive Abfälle (CIGEO) vom Konzern ANDRA1 in Bure befassen. Wir sind ein paar Leute aus der autonomen anti-Atom Bewegung in der BRD, die diesen Prozess seit einiger Zeit solidarisch begleiten. Nach unserem letzten Besuch im Dezember 2016 haben wir uns zusammengesetzt, um die vorhandenen Berichte und Aufrufe um ein paar persönliche Eindrücke und Einschätzungen zu ergänzen.

    "La été d`urgence" - Ein Sommer im Ausnahmezustand

Unmittelbar nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015 wurde in Frankreich der Ausnahmezustand ausgerufen. Versammlungsverbote, Hausdurchsuchungen (ohne Beschluss), Verhaftungen und Räumungen... bereits einen Monat später zeigt sich beim Klimagipfel COP21, wie sich der entfesselte Polizeistaat gegen die sozialen Bewegungen in Stellung bringt.

Im Frühjahr 2016 beginnen in Frankreich die Proteste gegen die inzwischen verabschiedete Arbeitsrechtsreform (loi travail). Landesweit kommt es zu (wilden) Streiks und Massendemonstrationen. Aus den Protesten beginnt sich eine soziale Bewegung zu formieren. Autonome kämpfen an der Seite von Gewerkschafter*innen und Ökoaktivist*innen gemeinsam im "Kopf derDemo", um eine antagonistische Alternative zu Staat und Kapital. Ni loi - ni travail! Weder Gesetz noch Arbeit! heißt die Parole. Der Staat reagiert mit äußerster Brutalität auf die junge Bewegung. Den ganzen Sommer über kommt es zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstrant*innen und der Polizei.

Unter dem Eindruck dieser angespannten gesellschaftlichen Situation, aber auch einer kämpferischen Stimmung des sozialen Aufbruchs, blühte im beschaulichen Dörfchen Bure die Saat eines vor über einem Jahrzehnt gesäten Widerstandes auf. Der Kampf um den Wald von Mandres en barrois (bois Lejuc), der in Anspielung auf den Notstandsstaat (etat d`urgence) zum été d`urgence - zum Sommer im Ausnahmezustand wurde.

    Sommes un movement de masse(s) - Eine "Massenbewegung" (mit Vorschlaghammer)

Mit einem Mobilisierungspotential von ca. 500 Menschen während des letzten Sommers, sicherlich noch keine Massenbewegung, zeigen die wachsenden Auseinandersetzungen um CIGEO doch einiges an politischer Perspektive auf. Die seit Malville (1977) marginalisierte Anti-Atombewegung erlebt eine Renaissance und widerständige Menschen aus unterschiedlichen Spektren und gesellschaftlichen Schichten kommen zusammen. Möglich gemacht wird dieses durch die Anerkennung unserer Unterschiedlichkeiten, den Respekt für das Handeln anderer Strömungen in diesem Widerstand und der gemeinsamen Vorstellung von einer Strategie der "Vielfalt der Taktiken".

Feldbesetzungen, Demos, Kletterblockaden, Flugblattaktionen, Sabotage und militante Auseinandersetzungen, aber auch die Ausschöpfung der juristischen Möglichkeiten ("Barrikaden aus Papier") haben eine Situation geschaffen, die seit über 6 Monaten die derzeit wichtigste Baustelle des französischen Atomprogramms stilllegt.

    ANDRA degage - resistance et sabotage!

Eine Chronologie des Sommers und Beschreibungen des Widerstandes sind bereits an mehreren Stellen veröffentlicht worden. Es ist viel passiert: Baustellen wurden zerlegt, Gräben wurden ausgehoben und Straßen zerstört, hinter unzähligen Barrikaden, die den befreiten Wald von Mandres beschützen, sind Hütten, Baumhäuser und kollektive Küchen entstanden.

Momentan ruhen die Bauarbeiten im Wald. Das Projekt wächst aber weiter: der Bau einer Biodieselfabrik, Hochspannungsleitungen und verschiedene weitere Strukturen der ANDRA und der Haupteignerin EDF4 entstehen. 2004 erwarben Freund*innen den Bahnhof von Lumeville (la gare), der direkt auf der geplanten Route des künftigen Castorgleises liegt. Nach vergeblichen Versuchen das Grundstück zurück zu kaufen, plant ANDRA nun die Castorstrecke um das Grundstück herum zu legen.

Auch 2004 wurde das Widerstandshaus "Bure Zone Libre" (BZL) gegründet. Es handelt sich um einen offenen Anlauf- und Infopunkt, der den verschiedenen Spektren des Widerstandes eine permanente Präsenz in unmittelbarer Nähe der Anlage ermöglicht.

Der Widerstand ist in den letzten zwei Jahren stark gewachsen. Das liegt u.a. an der politischen Entwicklung seit dem VMC5 Camp 2015 mit 800 Menschen. Dort kamen nicht nur internationale Aktivist*innen mit dem lokalen Widerstand in Kontakt, sondern auch Teile der autonomen und anarcho-kommunistischen Szene Frankreichs.

    Einschätzung der aktuellen Situation:

Derzeit geht es im Bois Lejuc ruhig zu. Der Wald ist jedoch akut räumungsbedroht und der nächste Angriff auf die Besetzung nur eine Frage der Zeit. ANDRA scheint momentan eher eine ruhigere Strategie zu fahren. Der Plan einen Mauerbau auf dem Rechtsweg zu erstreiten scheint aufgegeben zu sein. Stattdessen machte sich ANDRA Anfang Dezember an die Erfüllung von gerichtlichen Auflagen und begann unter Polizeischutz mit der Wiederaufforstung des noch unbebauten Mauerstreifens.

Es ist davon auszugehen, dass auch der Rückbau der Mauer im südlichen Teil geplant ist. Der Rückbau der Mauer käme einem Angriff auf die Waldbesetzung, die auf den Trümmern der illegalen Baustelle gewachsen ist gleich! Die Hinterlassenschaften der Atommafia sind zu einem Teil des befreiten Waldes geworden. Aus Bauzäunen sind Baumhäuser geworden, der NATO-Draht schmückt unsere Barrikaden. Wir werden es nicht zulassen, dass ANDRA in den befreiten Wald zurückkehrt!

Um das sicherzustellen, wird ihnen die Mauer zur Not auch entgegenkommen - Stein für Stein über die Barrikaden geschleudert!

Die nächste gerichtliche Anhörung von ANDRA in der Sache "Bois Lejuc" findet am 11. Januar in Nancy statt. Danach könnte sich die Situation im Wald innerhalb kurzer Zeit deutlich verschärfen. Generell ist mit einem Räumungsversuch noch während der kalten Jahreszeit und vor den Präsidentschaftswahlen im April zu rechnen.

    Wie könnte Unterstützung aussehen? Hinfahren!

Auch außerhalb der großen Mobilisierungen braucht die Waldbesetzung dringend personelle Unterstützung. Zu Tun gibt es immer etwas, um den kollektiven Alltag zu organisieren, die Infrastruktur der Besetzung weiter auszubauen und die Verteidigung des Waldes gegen den bevorstehenden Angriff vorzubereiten. Gerade solange die Situation noch relativ entspannt ist, bietet sich die Gelegenheit das Terrain zu erkunden und mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen.

Das Widerstandshaus und der Bahnhof sind ganzjährig auf Besucher*innen eingestellt und verfügen über eine begrenzte Anzahl beheizbarer Schlafmöglichkeiten. Auch im besetzten Wald entsteht derzeit eine beheizbare Gemeinschaftsunterkunft. Jeden Sonntag gibt es im Wald um 14.00h ein offenes Plenum zur aktuellen Situation.

Wenn du nicht nach Bure fahren kannst, gibt es andere Möglichkeiten den Kampf gegen CIGEO zu unterstützen. Es werden dringend noch Menschen gebraucht die regelmäßig Übersetzungsarbeit machen könnten. Auch Soliaktionen an anderen Orten können helfen unsere Kämpfe miteinander zu verbinden und weiter Druck auf das Projekt aufzubauen. Im Frühjahr 2017 ist zudem eine Infotour in Planung, die auch in Deutschland Station machen wird und noch Veranstaltungsorte sucht.

Falls du zur Räumung/ Wiederbesetzung fahren willst, hier noch ein paar allgemeine Überlegungen: Anders als bei uns wird direkter polizeilicher Zwang gegen Versammlungen in Frankreich in der Regel über Distanzwaffen ausgeübt (Gummigeschosse, Tränengas- und Schockgranaten). Diese können zu schweren Verletzungen führen und mitunter tödlich sein. Macht euch Gedanken über Schutzausrüstung z.B. Gasmasken, Schutzbrillen, Schoner, Helme (gegen Tränengas hilft auch bis zu einem gewissen Punkt das Arzneimittel "Maaloxan"). Auch existiert in Frankreich kein Vermummungsverbot auf Demonstrationen. Stellt euch darauf ein, dass es zu Fahrzeugkontrollen kommen könnte.

Verteidigen wir gemeinsam mit unseren Freund*innen den befreiten Wald von Mandres! Verhindern wir CIGEO! Es gibt kein sicheres Endlager - Nirgends!

    Tag X:

    im Falle eines Angriffes auf den Wald
    wird für den darauf folgenden Samstag
    um 11.00h zum Widerstandhaus BZL
    zur Wiederbesetzung mobilisiert!

 

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