Marianne Fritzen ist im Alter von 91 Jahren am 6. März 2016 verstorben.

Eine von uns Marianne Fritzen



    Foto: IuW Lowin

Die große Anzahl und die Bewegtheit der Nachrufe auf Marianne zeigt, welche enorme Bedeutung ihr am Aufbau und Verlauf der Anti-AtomBewegung zugeschrieben wird. Nicht nur im Wendland, auch bundesweit und international sind die Beileidsbekundungen an Mariannes Familie und die Nachrufe der Medien und ihrer politischen Mitstreiter_innen reichhaltig.

Marianne ist im Elsass aufgewachsen, Mutter von fünf Kindern, aufgezogen hat sie sieben. Ihr Abitur machte sie in Paris und ging als junge Frau nach Berlin. Ein längerer Aufenthalt in Taiwan aus beruflichen Gründen ihres Mannes ist auch Zeugnis eines weltoffenen Geistes, den sie sich bis in ihr hohes Alter bewahrt hat. Viele internationale Gruppen haben "Gorleben" im Laufe der letzten Jahrzehnte besucht, ihnen war ein Treffen mit Marianne wichtiger Bestandteil ihrer Reise zum Anti-Atom-Mekka. Im kleinen Haus in Kolborn, mit dem wilden Garten, lief meist der "Kasten", ihr Computer, bis tief in die Nacht. Hier kommunizierte sie mit aller Welt.

In den 70-er Jahren gründet Marianne mit weiteren die Bürgerinitiative Umweltschutz LüchowDannenberg. Erste Pläne für ein Atomkraftwerk im Wendland hatten die Protestgruppe auf den Plan gerufen. Später wurde die Absicht eines Nukleares Entsorgungszentrums verkündet, da gründete sich "die BI" als gemeinnütziger Verein, deren Vorsitzende Marianne über lange Jahre war. Parallel engagierte sich Marianne kommunalpolitisch, gründete mit anderen die Grüne Liste Umweltschutz, aus der später die Partei der Grünen hervorging. Bei den Grünen trat sie 2000 aus Protest gegen den so genannten "Atomkonsens" aus.

Das Gorleben Archiv war in den letzten Jahren zur Herzensangelegenheit von Marianne geworden. Nicht nur die Geschichte archivieren, sondern auch das Unrecht, dass den Menschen von Regierungen mit willkürlichen politischen Fehlentscheidungen zugefügt wurde, das war ihr Ansinnen.

Wenn wir uns in die 70-er Jahre zurückversetzen, blicken wir auf einen konservativen Landkreis Lüchow-Dannenberg. CDU, bäuerliche Landwirtschaft, Zonenrandgebiet, hohe Arbeitslosigkeit, dünn besiedelte wunderschöne Landschaft ohne Industrie. Mit der Standortbenennung Gorlebens gab es einen Zusammenprall der Kulturen. Aus den Städten kamen junge, aufgeschlossene, alternative Menschen, die Revolte im Kopf hatten und deren Empörung eine enorme Unterstützung für die hiesigen aufkeimenden Proteste gegen die geplanten Atomfabriken war. Auf diese Unterstützung wollten die einheimischen neu geborenen Atomkraftgegner_innen nicht verzichten. Es war eine Integrationsleistung von beiden Seiten, einander überhaupt erst einmal zuzuhören, einander zu verstehen, zu respektieren und einen gemeinsamen Umgang miteinander zu finden. An diesem Prozess war Marianne maßgeblich moderierend beteiligt.

"Gewalt gegen Menschen kommt überhaupt nicht in Frage. Gewalt gegen Sachen - da ist man ganz geteilter Meinung. Ich hätte nie einen Zaun aufgeschnippelt. Aber ich würde sagen, da tue ich keinem Gewalt an." Marianne hatte, auch was die Formen des Widerstands anging, klare Prinzipien.

Marianne war ein unglaublich fleißige und kluge Frau, an Gradlinigkeit nicht zu überbieten. Von ihr könnte der Satz stammen: "Schlimm ist Feigheit vor dem Feind, schlimmer Feigheit vor dem Freund". Unser Privileg war, nicht immer en détail einer Meinung zu sein.

Mariannes Beisetzung fand am 12. März 2016 auf dem Friedhof Kolborn statt.

In der Traueranzeige bittet die Familie um Spenden für das Gorleben Archiv:
IBAN: DE60 2585 0110 0044 0642 44
BIC: NOLADE21UEL
Stichwort: "Marianne Fritzen"

von Kerstin Rudek

 

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