Die Katastrophe von Majak vor 50 Jahren war einer der schlimmsten Atomunfälle des 20. Jahrhunderts. Nur redet keiner darüber.
Der bestverschwiegene GAU der Geschichte

von aaa-Redaktion

Foto: Robert Knoth/Greenpeace
Foto: Robert Knoth/Greenpeace

Es spielten sich apokalyptische Szenen ab: Am 29.September 1957 explodierte an der Südostseite des Urals in der russischen Kleinstadt Kyschtym ein riesiger Betontank mit hochradioaktiver Flüssigkeit. Unbemerkt vom Rest der Welt ereignete sich eine der größten, wenn nicht die größte Atomkatastrophe der Geschichte. Bis heute gilt die Region bei Tscheljabinsk als einer der verseuchtesten Flecken der Erde.

Die Atomanalage Majak - das übersetzt „Leuchtturm“ bedeutet - steht für mehr als ein halbes Jahrhundert atomaren Wahnsinns. Und es scheint noch eine weitere Fortsetzung der Geschichte zu geben, denn man hat eine neue gewinnbringende Verwendung für das ca. 1.000km² große verseuchte Areal gefunden: Endlager für internationalen nuklearen Abfall.

Das Bild der Katastrophe hat Wadim Guschtschin noch immer vor Augen. Auch fünfzig Jahre danach lässt es ihn nicht los. „Die radioaktive Wolke erhob sich etwa einen Kilometer hoch über der Explosionsstelle, sie leuchtete in klarer roter Farbe. Die Blätter der Birken wurden sofort gelb und fielen zu Boden. Der Wald bot innerhalb kurzer Zeit einen fürchterlichen Anblick.“

Guschtschin war an jenem 29. September 1957 als Mechaniker in einem der geheimsten Waffenlabore der Sowjetunion beschäftigt, in der Plutoniumfabrik „Majak“. Er hat die schwerste atomare Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts, die in Russland auch heute noch immer mit einer verblüffenden Hartnäckigkeit „Havarie“ genannt wird, überlebt, wenn auch mit schweren gesundheitlichen Schäden.


Produktionsstätte für die erste sowjetische Atombombe

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gaben seinerzeit das Startsignal für das sowjetische Atomprogramm und damit für den Bau der größten Atomanlage der Welt: Am 1. Dezember 1945 beschloss die Führung in Moskau, ein Gebiet von 980 Quadratkilometern zwischen Tscheljabinsk und Jekaterinburg, das damals zwischenzeitlich Swerdlowsk hieß, zur Sperrzone zu erklären. Dort, abgeschottetvon der Außenwelt, entstanden unter Leitung des Atomphysikers Igor Kurtschatow die Produktionsstätten für die erste sowjetische Atombombe, darunter die Fabrik „Majak“ zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium. Wissenschaftler und Spezialisten wurden teils mit besseren Löhnen angelockt, teils zwangsverpflichtet. Viele hielten es allerdings auch für ihre patriotische Pflicht, am Bau der Bombe mitzuwirken.


Gulag-Sklaven erbauen Atomanlage

Die etwa 20.000 Majak-Arbeiter lebten in einem Städtchen, einem „Briefkasten“, der auf keiner Landkarte zu finden war. Er hieß zunächst Tscheljabinsk-40, dann Tscheljabinsk-65, seit den 90er-Jahren Osjorsk. Diese „geschlossenen Städte“ - es gab in der ehemaligen Sowjetunion mehrere - waren Städte oder Gebiete der Rüstungsindustrie, in denen strengste Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen galten. Sie waren auf keiner Karte verzeichnet und bekamen ihren Namen meist von der nächstgelegenen großen Stadt, ergänzt mit einer Zahl, welche die ungefähre Entfernung zu dieser angab. Jeder der Bewohner braucht einen speziellen Ausweis, um die Stadt betreten oder verlassen zu dürfen. Und noch heute gleicht Ozyorsk einer Festung: Meterhohe Zäune, schwere Stahltore, strengste Bewachung. Für die Knochenarbeit wurden Häftlinge aus den Gulags eingesetzt. Die Zahl derer, die den mörderischen Aufbau von „Majak“, ausgelaugt von der sommerlichen Hitze und der klirrenden Kälte des kontinentalen Winters, nicht überlebt haben, ist unbekannt.

Die Arbeiten kamen gut voran, schon im Juni 1948 konnte der erste Reaktor eingeschaltet werden, in dem Uran in das dringend benötigte Plutonium umgewandelt wurde. Im Dezember des gleichen Jahres begann das radiochemische Werk zu arbeiten. Dort wurde in einem komplizierten chemischen Prozess das waffenfähige Plutonium aus dem Uran-Plutonium-Gemisch getrennt. Die Abfälle, die dabei anfallen und später zur Katastrophe führen sollten, sind hoch radioaktiv.

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Atomarer Genozid an den Tataren

Im Frühjahr 1949 rapportierte Kurtschatow nach Moskau, dass eine für die erste Bombe ausreichende Menge Plutonium hergestellt sei. Am 29. August 1949 wurde die erste sowjetische Atombombe in der kasachischen Steppe bei Semipalatinsk gezündet. Kurtschatow war die Erleichterung anzusehen, berichteten Augenzeugen. Er hatte damit gerechnet, dass man ihn im Falle eines Fehlschlags erschießen würde. Aber nun hatte Stalin die Bombe und kostete den Triumph aus, mit den Vereinigten Staaten gleichgezogen zu haben.

Nach dem ersten erfolgreichen Atombombentest wurden die Produktionsstätten zügig erweitert, neue Reaktoren gingen in Betrieb. Es herrschten Zeitdruck und eine permanente Atmosphäre der Angst. So sehr die sowjetische Führung um die Sicherheit und Geheimhaltung der Anlage bemüht war, so wenig gab sie auf Sicherheitsvorschriften im Umgang mit radioaktivem Material. Ständig gab es Havarien. „Alleine in der radiochemischen Fabrik gab es 235 radioaktive Zwischenfälle mit schwerwiegenden Folgen“, zitiert die tatarische Schriftstellerin Fausija Bairamowa einen Veteranen aus jener Zeit. Nach jeder Havarie wurden Diversionsakte vermutet, Unschuldige ins Gefängnis geworfen, schreibt Bairamowa in ihrem Buch „Der nukleare Archipel oder der atomare Genozid an den Tataren“. Im Katastrophengebiet gab es zahlreiche tatarische Dörfer, die besonders von der bedenkenlosen Verseuchung der Umwelt betroffen waren.


Der Fluss, der krank wurde

Zwischen 1949 und 1951 wurde der gesamte anfallende Abfall an flüssigen radioaktiven Stoffen der Plutoniumproduktion in den nahe gelegenen Fluss Tetscha, wenige Kilometer von seiner Quelle, eingeleitet. Das Kühlwasser für die Reaktoren wurde aus dem Fluss direkt durch den Reaktorkern geleitet und danach hochkontaminiert in den Fluss zurück gegeben, obwohl er Trinkwasserquelle für 120.000 Bewohner der Region ist.

Die Bevölkerung wusste davon nichts. Da es nur wenige Brunnen gab, nutzten die meisten Bauern den Fluss nicht nur als Viehtränke, sondern auch zur Trinkwasserversorgung.

„Meine ersten Kindheitserinnerungen, die mit dem Flüsschen Tetscha verbunden sind – das ist Stacheldraht“, berichtet Gulfira Chajatowa aus dem Dorf Musljumowo. „Wir sahen den Fluss nur durch den Stacheldraht oder von der kleinen Holzbrücke aus.“ Warum das so war, wusste niemand so genau, ihre Eltern hätten nur gesagt, der Fluss sei „atomar“. Auch über die Strahlenkrankheit wusste die örtliche Bevölkerung nichts, sie sprachen von der „Flusskrankheit“, wenn wieder mal jemand in der Blüte seiner Jahre gestorben war.

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Die höchste Belastung für die Zivilbevölkerung gab es im Dorf Metlino, wo die Gammadosis stellenweise 5 Centigray pro Stunde direkt am Fluß und 3,5 Centigray pro Stunde bei einigen Häusern am Fluß betrug. Die Hintergrundstrahlungendosis betrug auf den Straßen und Wegen etwa 10 bis 20 Mikroröntgen pro Stunde (0,10 bis 0,15 Mikrogray pro Stunde).


Die Kyschtym Katastrophe

In der Wiederaufbereitungsanlage, in der Plutonium für den Bau von Atomwaffen gewonnen wurde, wurden Brennstäbe in Salpetersäure gelöst und so das darin enthaltene Plutonium auf chemischem Wege extrahiert.

Dabei verblieb eine Flüssigkeit, in der eine ganze Reihe von langlebigen Radionukliden in sehr hohen Konzentrationen gelöst waren, welche in großen unterirdischen Betontanks mit ca. 250 Kubikmeter zwischengelagert wurden.

Die Tanks mussten mit Hilfe von Wasserleitungen, welche sich im Inneren eines jeden Tanks entlang zogen, gekühlt werden, da beim radioaktiven Zerfall der Nuklide eine enorme Wärme entstand und sich die Lösung sehr stark erhitzte.

1956 wurde innerhalb eines der Tanks dieses Leitungssystem undicht und deshalb abgesperrt. Im folgenden Jahr bemühte man sich eher halbherzig darum, Möglichkeiten für Reparaturmaßnahmen zu finden. So begannen durch die Hitze die flüssigen Abfälle zu trocknen und es sammelten sich Acetate sowie hochexplosive Nitratsalze - ähnlich jenen, die auch in Sprengstoffen verwendet werden - an der inneren Wandung des Tanks. Vermutlich durch einen Funken, den ein Kontrollgerät im Tank erzeugte, wurden dann im September 1957 die Salze zur Explosion gebracht.

Die Detonation war so gewaltig, dass Trümmerstücke noch in über zwei Kilometer Entfernung gefunden wurden. Experten vergleichen sie mit der Kraft von 70 bis 100 Tonnen TNT. Dabei wurden 80 Tonnen Atommüll, zumeist Strontium- 90 und Caesium-137 wurden mit einem Schlag in die Umwelt freigesetzt. Zeugen berichteten, dass noch hunderte Kilometer entfernt ein leuchtender Schein zu sehen war. Sowjetische Zeitungen erklärten dies mit Wetterleuchten und Nordlichtern.


Die Explosion: Niemand wusste, „was da herunterrieselte“
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Es ist der 29. September 1957. Der Herbst beginnt, und doch ist der Sonntag in Osjorsk, etwa 100 Kilometer nordwestlich der Ural-Metropole Tscheljabinsk, sonnig und warm. Männer und Frauen genießen den freien Tag vor der nächsten harten Woche, Kinder baden im Fluss. Ein lauter Knall zerstört die Idylle. „Nach der Explosion erhob sich eine einen Kilometer hohe Säule von Rauch und Staub, der Staub flimmerte orange-rot und setzte sich auf Häusern und Menschen ab“, erinnert sich ein Augenzeuge.

Unmittelbar nach der gewaltigen Explosion an jenem sonnigen 29. September 1957 herrschte in der Atom-Anlage totale Verwirrung. Niemand wusste, was los war, niemand wusste, wie mit derlei Atomunfällen umgegangen werden musste. „Wir wussten nicht, dass man das, was auf uns herunterrieselte, auf keinen Fall mit heißem Wasser abspielen durfte. Wir taten es dennoch, und die Strahlung drang noch tiefer in unsere Körper ein“, erinnert sich der pensionierte Mechaniker Guschtschin.

Er ist der Überzeugung, dass die Zahl der Strahlenopfer deutlich geringer gewesen wäre, hätten die Verantwortlichen unmittelbar nach der Katastrophe selbstständig und zügig gehandelt. Eine umständliche Befehlskette verhinderte das. Um beispielsweise die militärischen Wachmannschaften aus der Gefahrenzone zu schaffen, „war eine Erlaubnis aus Moskau erforderlich, alles wurde mit sehr großer Verspätung getan“, erzählt der ehemalige Mechaniker. Tatsächlich wurde erst zehn Stunden nach der Eruption mit der Beseitigung der Unglücksschäden begonnen. Die örtliche „Nataschalstwo“, die Verwaltung, hatte auf ein Signal aus der Hauptstadt gewartet. Die Folgen waren katastrophal.

„Mein Vater war 17 Jahre alt. Zusammen mit seinen Mitstudenten vom Technikum in Swerdlowsk wurde er am 30. September 1957 direkt nach dem Unterricht auf einen Lastwagen verladen und zu Majak transportiert“, erzählt Nadeschda Kutepowa in einem Bericht von Augenzeugen, den die russische Umweltschutzorganisation Ecodefens gesammelt hat. „Über die ernsten Gefahren der Radioaktivität sagte man ihnen nichts. Sie arbeiteten tagelang rund um die Uhr. Man gab ihnen individuelle Dosimeter, aber wenn die erhöhte Werte anzeigten, wurden ihre Träger bestraft. Also ließen viele die Geräte im Kleiderschrank, um nicht durch eine erhöhte Strahlendosis aufzufallen.“


Fürchterliche Panik in der Stadt

Ihr Vater erkrankte 1983 an Krebs und starb drei Jahre später. Ihre Großmutter, die ebenfalls an den Aufräumungsarbeiten bei „Majak“ beteiligt war, starb schon acht Jahre nach der Havarie, ebenfalls an Krebs. Auch in der Stadt „herrschte eine fürchterliche Panik“, erinnert sich Natalja Smirnowa aus Osjorsk. „Autos fuhren durch die Straßen und wuschen die Wege. Im Radio sagten sie uns, wir sollten alles wegwerfen, was sich an dem Tag im Hause befunden hat. Viele Arbeiter von Majak bekamen die Strahlenkrankheit, aber alle hatten Angst, darüber zu sprechen oder um etwas zu bitte. Sie fürchteten Entlassung oder sogar Verhaftung.“

Gulschara Ismagilowa aus dem Dorf Tatarisches Karabolka wurde, damals neunjährig, mit den anderen Kindern aufs Feld geschickt, angeblich, um bei der Ernte zu helfen. „Aber es kam uns sehr sonderbar vor, dass wir die Ernte vergraben sollten, statt sie einzubringen. Milizionäre bewachten uns, damit niemand weglaufen konnte. Die meisten Schüler meiner Klasse starben an Krebs. Die Übriggebliebenen, sind sehr krank, die Frauen leiden an Unfruchtbarkeit.“


Der sonderbare Nebel auf den Feldern
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Riswan Chabibullin aus Karabolka war an jenem Tag auch auf dem Feld. „Gegen 16 Uhr hörten wir im Westen einen heftigen Knall und fühlten einen Windstoß. Gegen Abend erhob sich über den Feldern ein sonderbarer Nebel. Wir argwöhnten natürlich nichts, auch an den folgenden Tagen setzten wir die Arbeit fort. Nach ein paar Tagen wiesen sie uns aus irgendeinem Grund an, das Getreide zu vernichten. Im Winter bekam ich schreckliche Kopfschmerzen, die Nase fing an zubluten, ich wurde praktisch blind.“

„Etwa 20 Millionen Curie, halb soviel wie bei der Katastrophe von Tschernobyl, wurden in Osjorsk freigesetzt“, glaubt der russische Atomexperte Wladimir Kusnezow. Andere Quellen sprechen indes davon, dass erheblich mehr Strahlung frei wurde, als es in Tschernobyl der Fall war, wo ein Reaktor nach einer Kernschmelze explodiert war. 1957 jedenfalls zog eine radioaktive Wolke mehrere Hundert Kilometer in den Ural und hinterließ eine Schneise der Verseuchung. Auf einer Fläche so groß wie Mecklenburg-Vorpommern rieselte radioaktives Material zu Boden. Dabei handelte es sich vor allem um Strontium-90 und Cäsium-137.


Und der Rest war: Schweigen

Doch das alles wurde verschwiegen. Niemand, vor allem das Ausland nicht, sollte wissen, was vorgefallen war im Südural.

Trotz des Unfalls lief die Produktion von Majak weiter. Die hohe Strahlenbelastung des Betriebsgeländes und der Umgebung erforderten dringende Dekontaminations- und Schutzmaßnahmen sowohl für die Angestellten von Majak und die Soldaten zur Sicherung der Anlage als auch für die Bevölkerung innerhalb und außerhalb der Stadt. Am stärksten gefährdet waren rund 300 Soldaten, die sich in unmittelbarer Nähe des Unfallortes aufgehalten hatten. In den ersten Tagen wurden die Häuser, Straßen, Autos und vieles mehr in Majak dekontaminiert.

Das erledigte das Personal des Betriebs zusammen mit Soldaten. Im Frühjahr 1958 waren sie fertig. Die nach Osjorsk gebrachten Lebensmittel wurden auf Radioaktivität überprüft, die Nahrungsmittel aus der „Spur“ vernichtet. Die an den Dekontaminationsarbeiten beteiligten Soldaten mussten unterschreiben, dass sie niemanden von dem Unfall informieren würden.

Außerhalb von Osjorsk wurden 1100 Menschen, deren Wohnorte bis zu 25 Kilometer von der Unfallstelle entfernt waren, innerhalb von 14 Tagen umgesiedelt, beginnend am zweiten Tag nach der Explosion. Über den Grund der Evakuierung wurden sie nicht informiert. Die geräumten Orte wurden sofort zerstört. Vom Frühjahr 1958 bis Herbst 1959 wurden 24 weitere Orte mit rund 13.000 Bewohnern evakuiert. Bei der neuen Ernte im Frühjahr 1958 stellte man fest, dass die Lebensmittel stark mit Strontium belastet waren. Insgesamt wurde ein etwa tausend Quadratkilometer großes Sperrgebiet ausgewiesen. Heute besteht noch eine rund 165 Quadratkilometer große Sperrzone, die von Soldaten abgeriegelt wird.

Durch die örtliche Begrenzung des Fallouts schlugen Messgeräte in Europa nicht Alarm und so erfuhr man im Westen erst viele Jahre später, was nahe der Stadt Kyshtym passierte. Der eiserne Vorhang und der Kalte Krieg sorgten für strikte Geheimhaltung.

Die Geheimdienste jedoch haben mit höchster Wahrscheinlichkeit schon lange vorher Kenntnis von der Katastrophe gehabt, denn um die betroffenen Region von ca. 1000 km² wurde kurz nach dem Unglück ein gewaltiges System aus Kanälen und Dämmen errichtet, welche die Ausbreitung der kontaminierten Stoffe eindämmen sollte. Dies ist auf Bildern von Spionagesatelliten deutlich zu erkennen. Und dieses Gebiet wurde im Hinblick darauf, dass es eines der wichtigsten Industriezentren der UdSSR im Bereich der Atomkraft war, ziemlich sicher sorgfälltig vom Westen aus beobachtet.

Erst viele Jahre später stieß der russische Biologe Schores Medwedjew auf erste Hinweise auf die Atomkatastrophe. Doch wegen eines sowjetkritischen Buchs steckten ihn die Machthaber 1970 in eine psychiatrische Klinik. Mit Hilfe seines Bruders kam er frei, reiste 1973 zu einem Forschungsaufenthalt nach Großbritannien. Nach seiner Ankunft wurde ihm in Moskau umgehend die sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt.

Medwedjew ging von London aus allen Spuren und Indizien nach, derer er habhaft werden konnte. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er 1979 in seinem Buch „Nuclear Disaster in the Ural“. Darin wies er nach, dass es im Jahr 1957 in der Gegend von Tscheljabinsk eine Atomkatastrophe gegeben haben musste.

Er ging allerdings von einer absichtlich oder unfreiwillig in Gang gesetzten nuklearen Kettenreaktion aus, von einer Atomexplosion also, was ihn in den Augen der Experten im Westen als unglaubwürdig erscheinen ließ. Auch wollte dort zu der Zeit niemand etwas von nuklearen Gefahren hören. Unfälle in Großbritannien und den USA hatten ohnehin schon am Image dieser Technologie gekratzt.

Deshalb wurde erst 32 Jahre später bekannt, was sich über dreißig Jahre früher im Südural abgespielt hat. Offiziell informierte die Sowjetunion im Juli 1989 - durch das nach der Tschernobyl- Katastrophe entstandene Ministerium für Atomenergie, die Internationale Atomenergie- Organisation (IAEO) über die Vorgänge in Majak. Man kann wohl davon ausgehen, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist.

Der offizielle Bericht des Ministeriums für Atomenergie beziffert zwei Millionen Curie ausgetretener radioaktiver Substanzen. Unabhängige Wissenschaftler dagegen halten 120 Millionen Curie an radioaktiven Substanzen allein in Hinblick auf den Inhalt des explodierten Tanks für angemessener. In Tschernobyl z.B. gelangten dagegen „nur“ ca. 20 Millionen Curie in die Umwelt.

Ebenso wird im Bericht erwähnt, dass auch 30 Jahre nach der Kyschtym Katastrophe keinerlei erhöhte Raten an Krebs, Leukämie, genetischen Veränderungen oder anderen Krankheiten unter den Betroffenen aufgetreten seien, was in Anbetracht dessen, dass viele dieser Menschen erst anderthalb Jahre nach der Katastrophe umgesiedelt wurden, höchst unwahrscheinlich klingt.

Genauere Informationen könnte jedoch das Projekt „Southern Urals Radiation Risk Research (SOUL)“ bringen:

2005 begannen Wissenschaftler aus Deutschland, England, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Schweden und Russland beim GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München mit den Vorarbeiten des vierjährigen Projektes. Mit diesem Projekt, das von der Europäischen Kommission mit 6,8 Millionen Euro gefördert wird, sollen neue Erkenntnisse zum Gesundheitsrisiko durch andauernde Strahlenexpositionen gewonnen werden, welche man bis jetzt nur aus den Daten der Atombombenüberlebenden von Hiroshima und Nagasaki erhielt.

Untersucht werden 20.000 Arbeiter von Mayak. Erste Ergebnisse zeigten bei ihnen erhöhte Mortalitätsraten durch soliden Krebs und Leukämien, insbesondere in Leber, Lunge und Knochen. Weiterhin werden auch 29.000 Anwohner des Flusses Techa innerhalb dieses Projektes untersucht, deren Eltern strahlenexponiert waren oder die im Mutterleib bzw. während ihrer Kindheit exponiert wurden.


Die Austrocknung des Sees Karatschai.

1967 ereignete sich eine weitere Katastrophe, deren Auswirkungen uns vermutlich noch bevorstehen:Seit 1951 wurden in den See Karatschai hochradioaktiver flüssiger Müll eingeleitet. Durch eine Dürreperiode trocknete der See 1967 teilweise aus. Bereiche des kontaminierten Seebodens wurden freigelegt und mit bis zu 600 Curie beladener Staub, welcher hauptsächlich die Spaltprodukte Strontium-90 und Cäsium- 137 enthielt, wurde durch Wind auf eine Fläche von 1.800 bis 2.700 Quadratkilometern verteilt.

Als Gegenmaßnahme wurden weitere Teile des Sees zugeschüttet. Doch die Verklappung der Abfälle wurde nicht eingestellt. In den 80er Jahren begann man mit dem Bau schneller Brüter, in denen das radioaktive Wasser mit Hilfe von Ionentauschern gereinigt werden soll. Jedoch fehlten die finanziellen Mittel, um die Reaktoren fertig zu stellen. So hat sich unter dem heute noch 13 Hektar großen Karatschai-See im Laufe der Jahrzehnte eine „Linse“ mit radioaktiven Salzen gebildet. Diese bewegt sich nun mit ca. 80 Metern jährlich in Richtung regionaler Grundwasserströme. Durch die Flüsse Ob und Tetscha könnten die Reste der strahlenden Abfälle dann bis ins Eismeer gelangen. Die Folgen wären nicht absehbar.


Noch heute wird in Majak Atommüll gelagert –
mit hohem Risiko

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Die Arbeit in Majak hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert. Die Produktion von Bombenplutonium wurde 1988 eingestellt, 1990 der letzte der fünf zur Plutoniumproduktion bestimmten Reaktoren stillgelegt. In der Hochphase der Produktion des Bombenmaterials waren bei Majak, dem damals einzigen Arbeitgeber von Osjorsk, rund 25.000 Menschen beschäftigt. Heute hat das Unternehmen noch rund 14.000 Mitarbeiter, die angeblich nur noch in sehr kleinem Umfang militärische Arbeiten durchführen.

Neben den sechs Reaktoren, von denen heute noch einer betrieben wird, befinden sich auf dem Gelände unter anderem eine Wiederaufarbeitungsanlage und etwa 100 Lagertanks für radioaktive Abfälle. Durch die Wiederaufbereitung entstehender flüssiger mittel- und schwach-radioaktiver Abfall wird immer noch in offene Reservoirs geleitet. Genaue Information dazu gibt es nicht. Im chemischen Betrieb werden Brennelemente russischer Kernkraftwerke, aus Forschungs- und U-Boot-Reaktoren aufgearbeitet. Die Anlage ist zu weniger als 25 Prozent ausgelastet. Mit Hilfe der Wiederaufarbeitung und des noch verbliebenen Reaktors werden Isotope für Industrie, Medizin und Wissenschaft hergestellt, die international angeboten und verkauft werden. Majak gehört auf diesem Gebiet zu den größten Anbietern weltweit. Gemeinsam mit den USA haben Ingenieure hier Techniken entwickelt, um Waffenplutonium so zu verarbeiten, dass es als Brennstoff für Kernreaktoren taugt. So wird es auch an die USA verkauft. Ein weiteres gemeinsames Projekt behandelt die Lagerung von Spaltmaterial. Die Kosten beider Programme liegen bei mehreren Milliarden Dollar und werden von den USA getragen. Eine eigene Entwicklung von Majak ist dagegen die Verglasung hochradioaktiver Abfälle. Der fünfte Ofen, um Atommüll in Glas einzubetten, ist im Bau. Insgesamt befinden sich auf dem Gelände von Majak laut offiziellen Angaben radioaktive Abfälle, die das Vielfache der in Tschernobyl freigesetzten Menge ausmachen. Dort gelangten etwa zwölf Exabecquerel in die Umwelt, also Material, das jede Sekunde zwölf Milliarden Milliarden radioaktive Zerfälle erzeugte. In Majak lagern 17 Exabecquerel verglaster Abfälle, neun Exabecquerel flüssige Abfälle und vier Exabecquerel in Eisen- und Aluminiumgemischen, die sicher entsorgt werden müssen.


Aus der Majak-Katastrophe gelernt?

Der Atomexperte Kusnezow bezweifelt, dass aus der Majak-Katastrophe gelernt wurde. Das letzte föderale Sicherheitsprogramm sei 2006 ausgelaufen. „Finanziert hat der Staat das Programm nur zu zwölf Prozent“, berichtet er. Viele Kontrollen seien daher ausgefallen.

Es bleibt die bange Frage, ob sich dergleichen heute wiederholen könnte. Wladimir Sliwak, Leiter der Ökologie-Organisation Ekodefens, ist wenig optimistisch. In den Zwischenlagern von „Majak“ wurde seiner Erkenntnis zufolge radioaktiver Müll angesammelt, dessen Strahlungskraft der in Tschernobyl freigesetzten Dosis um das Zwanzigfache übertrifft. Eingedenk der Tatsache, dass man bei „Majak“ seiner Meinung nach recht lax mit der Sicherheit umgeht, hält Sliwak eine Wiederholung der Katastrophe von 1957 durchaus für möglich. 60 Prozent der Ausrüstungen haben ihre vorgeschriebene Lebensdauer längst überschritten. „Die Anlage muss geschlossen werden“, fordert er.@

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