Ein Überblick

Endlagerung weltweit

von Dieter Kaufmann

Die Aufgabe der Entsorgung radioaktiver Abfälle besteht seit dem Beginn der Nutzung der Atomspaltung für militärische Zwecke in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts bzw. der „friedlichen“ Nutzung der Atom-energie ab 1950. Der größte Teil der bisher produzierten Abfälle wird gegenwärtig noch zwischengelagert und befindet sich somit in der Biosphäre. Erste Konzepte zur Entsorgung radioaktiver Abfälle wurden bereits in den fünfziger Jahren entwickelt. Für wärme- entwickelnde Abfälle wird international das Konzept der Endlagerung in tiefen geologischen Formationen der kontinentalen Erdkruste favorisiert. Radioaktive Abfälle mit „vernachlässigbarer“ Wärmeentwicklung, also schwach- und mittelaktiver Atommüll werden in fast allen Ländern in oberflächennahen Endlagern deponiert. Gegenwärtige Arbeitsschwerpunkte sind die Standortauswahl und Sicherheitsbetrachtungen zur Langzeitsicherheit von Endlagern sowie die Erforschung der Barrieren zur Abfallisolierung.


Schwach- und mittelaktiver Atommüll:

Diese werden überwiegend in oberflächennahen Atommüllendlagern abgekippt. Oberflächennah bedeutet im allgemeinen, dass sich die Lagerstätten an der Erdoberfläche befinden und nach Abschluss der Einlagerung abgedeckt werden. Einige Länder sehen auch die Lagerung unmittelbar unter der Oberfläche, d.h. in wenigen Metern Tiefe oder wie Deutschland sogar in tiefen geologischen Formationen vor (Schacht Konrad). Im allgemeinen ist keine Rückholbarkeit beabsichtigt.

Australien suchte einen Standort für ein Endlager, von acht potentiellen Standorten soll ein Standort näher untersucht werden. Nach sehr heftigen Protesten der Aborigenes und UmweltschützerInnen wurde die atomare Endlagersuche im Jahre 2004 erst einmal beerdigt.

Bulgarien hat seit 1964 ein Endlager für schwachradioaktiven Atommüll in Novi Han 30 km von Sofia entfernt. Dort wird der Atommüll in sechs Meter Tiefe vermutlich unbehandelt gelagert. Die Stoffe kommen aus der Medizin, Industrie, Forschung und AKW.

In England ist ein oberflächennahes Endlager seit 1950 bei Sellafield in Betrieb. In der Nähe war ein Endla-ger in einer tiefen geologischen Formation geplant. Da jetzt zuerst Alternativen betrachtet werden sollen, wurden die Arbeiten vor einiger Zeit gestoppt.

Frankreich betrieb von 1969 bis 1994 mit Centre de la Manche in der Nähe der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ein oberflächennahes Endlager mit einer Kapazität von 50.000m³. Mit Centre de l\’Aube wurde 1992 ein Endlager für ca. 1.000.000 m³ schwachradioaktive Abfälle in Betrieb genommen, dessen Kapazität für mehr als 50 Jahre ausreichend sein wird.

Norwegen hat keine AKW, das Atomprogramm wurde dort von der Anti AKW Bewegung in den 80er Jahren gestoppt. Ein Endlager gibt es für schwachaktiven Abfall aus Medizin und Forschung.

Russland lagert seine Abfälle in oberflächennahen Endlagern, flüssige Abfälle werden in permeables Gestein in einer Tiefe von 1.200 m bis 1.500 m injiziert (bisher ca. 2.2 Mio. m³).

So hat Schweden seit 1988 mit Forsmark 50 m unter dem Meeresboden der Ostsee ein Endlager in einer Granitformation in Betrieb. Die Kapazität beträgt 60.000 m³, hauptsächlich für Abfälle aus Atomkraftwerken.

Kanada. Keine Infos über die Endlagerung von Atommüll.

In den USA wurden seit den 40er bis 60er Jahren des 20. Jahrhunderts kleine oberflächennahe Atommüllendlager an den jeweiligen Standorten errichtet oder der Atommüll wurde einfach planlos irgendwo in der Landschaft verbuddelt. Die US Behörden können heute nur raten, wo das atomare Zeug liegt. Von den „wilden“ Atommülldeponien, geht zehnmal so viel Radioaktivität aus wie erwartet. Das sind Reste aus der Pluto-niumproduktion für das Atombombenprogramm der USA.

Japan betreibt seit 1992 ein oberflächennahes Endlager, das hauptsächlich für Abfälle aus AKW vorgesehen ist.

In China sind zwei oberflächennahe Endlager geplant.


Hochradioaktiver Abfall:

Grundsätzlich besteht „Konsens“, dass diese Abfälle nur in tiefen geologischen Formationen sicher gelagert werden können. Zur Zeit ist kein tiefgeologisches Endlager in Betrieb. Für die kommenden 10 bis 20 Jahre ist dieses auch nicht zu erwarten. Die Einlagerung in tiefen geologischen Formationen ist ursprünglich als echte Endlagerung konzipiert worden. Seit einigen Jahren wird auch über Alternativen zur Endlagerung diskutiert. U. a. wird darüber nachgedacht, eine Demonstrations- bzw. Testphase vorzuschalten und evtl. eine Phase erleichterter Rückholbarkeit vor dem endgültigen Verschluss des Endlagers vorzusehen.

In Argentinien wurde 1977 mit der Suche nach einem atomaren Endlager begonnen. 1986 entschied die Bundesregierung mit der Erkundung in der Sierra del Media in der Provinz Chubut in Patagonien zu beginnen. Die örtliche Bevölkerung wurde nicht informiert. Es folgten sehr heftige Widerstandsaktionen der Menschen vor Ort. Die nationale Atombehörde CNEA stellte das atomare Endlagerprojekt bis 2030 zurück.

Brasilien. Infos über eine atomare Endlagerung sind nicht bekannt.

In Belgien wird Ton auf seine Eignung als Wirtsgestein untersucht. Seit Anfang der 80er Jahre wird in einer Tiefe von 220 m ein Forschungslabor betrieben. Die Inbetriebnahme eines Endlagers ist für 2035 geplant.

Finnland hat sich für einen Endlagerstandort für ausgediente Brennelemente im Granit entschieden

Frankreich betrachtet als Wirtsgesteinoptionen Ton und Granit. Bis 2005 sollen Untertage Labors zur untertägigen Erkundung an zwei Standorten gebaut werden. Mit dem Bau eines Labors in Ton in der Nähe von Bure / Ostfrankreich wurde begonnen.

Großbritannien will seine wärmeentwickelnden radioaktiven Abfälle für 50 Jahre zwischenlagern und zu einem späteren Zeitpunkt über die Endlagerung entscheiden. Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hat das Land den Atommüll ins Meer gekippt. In der Vergangenheit kippen die Engländer ihren Atommüll seit den 40iger Jahren an 50 verschiedenen Stellen in die Meere. Damit führt Großbritannien die Liste der Atom-sünder an. Die USA, die Schweiz und Belgien folgen mit weitem Abstand.

Allein zwischen 1946 und 1982 wurde Atommüll von insgesamt 46 Petabecquerel in die Ozeane abgekippt. Das ist eine Zahl von 46 000 000 000 000 Becquerel. Der größte Teil landete an den europäischen Westküsten und in der Irischen See.

In den 80er Jahren wurden die Atommüllversenkung durch weltweite Vereinbarungen durch einen Vertrag in London aufgegeben.

Der Atommüll von England ist so schlecht gelagert, dass er jederzeit explodieren oder auslaufen kann. In vierundzwanzig zum großen Teil veralteten Atommülllagerstätten liegen 88 Prozent des landesweit zwischengelagerten Atommülls mittlerer Gefahrenstufe, der vor sich hin tickt. 65.208 der 74.100 Kubikmeter des potentiell flüchtigen Atommülls können jederzeit auslaufen oder sich spontan entzünden.

Italien. Ein atomares Endlager konnte durch heftigen Widerstand in der Bevölkerung Ende 2004 verhindert werden.

Schweden plant ein Endlager in Granit, mit der Aufnahme des Einlagerungsbetriebes wird frühestens 2010 gerechnet. 2001 wurden zwei Standorte zur weiteren Erkundung ausgewählt. Derzeit laufen übertägige Explorationsarbeiten. Die Behälter sollen mit Kupfer ummantelt werden. Die Endlagerstätte soll luftdicht abgeschlossen werden.

Die Schweiz hat in Würenlingen ein atomares Zwischenlager gebaut. Dort soll der radioaktive Müll erst einmal abkühlen bis 2020, dann soll er in ein Endlager gebracht werden. 2004 wollte der schweizerische Bundesrat über ein atomares Endlager entscheiden. Entscheidung steht noch aus. Wie es sich gehört, vermutlich an der Grenze zu Deutschland. Die Stadt Benken ist im Gespräch. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktive Abfälle (Nagra) schätz das insgesamt 160.000 Kubikmeter strahlender Atommüll aus den fünf AKW in der Schweiz anfallen werden. Auch in der Schweiz werden Atomanlagen diskutiert.

Die Endlagerung in Litauen (2), Ukraine (13/2), Tschechien (6), Slowakei (6/2), Ungarn (4) und Bulgarien (4) wird wohl an den AKW Standorten als atomare Zwischenlagerung erfolgen.

Russland plant ein Endlager nach westlichen Standart auf der Insel Nowa Semija in der Karasee. Dort hatte schon die Sowjetunion massenhaft strahlenden Atommüll abgekippt. Vermutlich wird das Endlager erst gebaut, wenn die EU das im Rahmen von Euratom bezahlt.

Südafrika hat AKW, aber kein Endlager und will die Atomenergie, den HTR aus Deutschland weiterentwickeln und ihn dann weltweit vermarkten und im eigenen Land den Ausbau von AKW vorantreiben

Südkorea befasst sich mit der Standortauswahl; alternativ werden tiefe geologische Formationen und oberflächennahe Endlagerstandorte betrachtet. In Südkorea wurde die Planung der Endlagerung Ende 2004 durch heftige Proteste vor Ort verhindert. Der zuständige Energieminister trat 2004 zurück. Die Regierung überlegt, wie es jetzt weitergeht.

Kirgisistan/Bischkek/Kaji-Say. Die kirgisische Regierung hat im Jahr 2004 rund 560.000 US - Dollar von Russland (160.000 US – Dollar) und den USA (400.000 US – Dollar) zur Sicherung radioaktiver Atommülllager aus der Sowjetzeit erhalten. In den atomaren Abfallhalden befinden sich nach seinen Aussagen insgesamt 170.000 cbm radioaktive Reststoffe. Die Arbeiten sollen im August 2004 beginnen. Die Weltbank hatte im Juni 2004 rund 8,9 Millionen US - Dollar zur Sanierung der Areale im Süden des Landes bereitgestellt. Die Trinkwasserversorgung in dem bevölkerungsreichen Fergana - Tal an der Grenze zu Tadschikistan und Usbekistan ist durch das atomare Endlager bedroht.

Taiwan. Ein Atommüllendlager auf einer Insel mit der Urbevölkerung konnte verhindert werden.

China hat 1985 mit der geologischen Erkundung eines Endlagers in tiefen geologischen Formationen begonnen, die Inbetriebnahme eines Endlagers ist für 2040 bis 2050 geplant. Die DBE wurde von der Bundesregierung im Mai 2005 damit beauftragt in China in der Wüste Gobi Granit auf seine Eignung für die Einlagerung hochradioaktiver Stoffe zu untersuchen. Die dort gewonnenen Erkenntnisse könnten auch für die Endlagersuche in Deutschland wichtig sein.

In den USA wird als Standort für ein tiefes geologisches Endlager Yucca Mountain (vulkanisches Tuff-Gestein) untersucht. Die Einlagerung wird frühestens 2010 beginnen. Ein Gericht hat 2004 den Weiterbau gestoppt und gefordert, dass der Atommüll über 10.000 Jahre „sicher“ aufbewahrt werden muss.

1999 ging in den USA in New Mexico ein Endlager in einer Salzformation, 655 Meter tief in Betrieb. Dort sollen bis 2035 rund 850.000 Fässer mit Transuranabfälle deponiert werden. Geplant ist die Einlagerung mindestens 15 Jahre früher zu erreichen. Damit sollen etwa acht Milliarden US Dollar Einsparungen erzielt werden. Das atomare Endlager wird wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt.

Die Zustände der atomaren Endlagerung in Pakistan, Indien, und Nordkorea also in Ländern, die Atomanlagen und oder die Atombombe schon haben ist unbekannt.

Friedrich Dürrenmatt schrieb: Atommülldeponien werden als einzigen Zeugen und Hinterlassenschaften sein, die darauf hinweisen, „dass es den Raubaffen Mensch einmal gab“.

Dieter Kaufmann,
Mitglied im Arbeitskreis
gegen Atomanlagen Frankfurt am Main

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