von Utopie

und Wahl-Quaak


von Ilona Joerden

Einmal hörte ich dieses Gedicht.
(Es ist von Wislawa Szymborska):


„Insel, auf der sich alles klärt.
Hier steht man auf dem Boden der Beweise.

Hier gibt es keinen anderen Weg außer dem Weg des Zugangs.
Die Sträucher sind brechend voll Antwort.
Hier wächst der Baum der richtigen Aussicht
mit den für ewig entworrenen Zweigen.

Der blendend einfache Baum der Einsicht
am Quell, genannt Ach So Ist Das Also.

Je tiefer waldeinwärts, um so breiter liegt
das Tal der Selbstverständlichkeit offen.

Und gibt es einen Zweifel, dann
wird er vom Winde verweht.

Das Echo meldet sich ungerufen
und kärt die Weltgeheimnisse willig.

Rechts ist die Höhle, dort lagert der Sinn.
Links liegt der See der tiefen Überzeugung.
Vom Boden löst sich die Wahrheit und schwimmt mühelos
nach oben.

Über das Tal erhebt sich die Unbeugsame Gewißheit.
Von ihrem Gipfel breitet sich aus der Sinn der Dinge.

Die Insel ist leer, allen Reizen zum Trotz.
Die an den Ufern sichtbaren kleinen Spuren
von Füßen führen ausnahmslos hin zum Meer,
als g+inge man hier nur fort
und tauchte in den Fluten unter
ohne Rückkehr.

In Wirklichkeit gar nicht zu fassen.“


Später fand ich heraus, daß dieses Gedicht die Überschrift trug: „UTOPIA“. Wäre diese Insel die lebbare Utopie, so könnten wir doch einpacken: Einen Zustand auf dem Boden der Beweise, wo jedes Wissen erreichbar ist, alle Weltgeheimnisse offenbart werden, ja die Wahrheit mühelos nach oben schwimmt, wie sollten wir Menschen ihn je erreichen? In Wirklichkeit gar nicht zu fassen!

Also den Gedanken von einer lebbaren Utopie aufgeben: Das Gedicht als Absage, als Entmutigung begreifen, als falsch? Ab damit in den Papierkorb? Oder es als Provokation (latein. provocare = hervorufen) verstehen? Hier gibt es keinen anderen Weg außer dem des Zugangs: Wäre die erstrebte Utopie eine INSEL seliger Gewißheit, dann dürften die, welche sie betreten, in den Fluten der Gewißheit doch nicht untergehen? Sondern müßten auf ihr leben können. Dann wäre die Insel nicht leer.

Utopie ist keine Insel seliger Gewißheit. Sie ist in ihrem tiefsten Sinn immer nur ein sich annähern an Welterkenntnis und Wahrheit. Zu begreifen, was geht und was kommt, die eigenen Fehler zu erkennen, Rückschläge zu verkraften, auch auszuhalten, das, was immer ich tue, sich ein für alle Mal in das verwandelt, was ich tat, und sich bewußt bleiben, nie siegesgewiß, oder gar triumphierend ankommen zu können „in der Utopie“ - das ist die eigentliche Provokation jeglicher Utopie. Und ohne Solidarität mit und von anderen Menschen in Wirklichkeit gar nicht zu ertragen. So ist die gelebte Annäherung an eine dem Menschen gemäße Utopie untrennbar mit Solidarität verbunden.@

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Ende