Ein paar hingeschriebene Gedanken, kein Textentwurf

Der unbeirrbare Versuch, negativ zu bleiben

aus einem Brief von den42

(...) Zum Thema des Heftes: An „Utopie“ finde ich zur Zeit so etwas wie die doppelte Verweigerung wichtig und interessant: Daß man einerseits sich nicht vereidigen läßt auf das, was ist, nur weil es eben Macht hat und sagt, daß es anders nicht geht. In dem Moment, wo der Menschheitstraum des Überflüßigwerdens von Arbeit sich zum Albtraum des Überflüßigseins von Menschen realisiert, ist das Verschwinden utopischen Bewußtseins eine Katastrophe und vielleicht das schwerwiegendste Hindernis jeder Veränderung zum Guten; mehr als Staatsgewalt oder Zensur. Marx‘ Kritik am Anarchismus und den Utopisten hatte recht - aber in einer Situation, die heute nicht mehr ist. Soviel für die Utopie.

Aber andererseits muß man sich jedem positiven Auspinseln verweigern, dem Plan für später, dem Pseudo-Wissen, wie es denn sein soll. Genau der Zwang zum positiven Entwurf - wenn man kritisiert, solle man doch bitte sagen, wie es anders ginge - ist das deutsche Vorurteil und antikritisch, ja antiaufklärerisch, meist bloße Reklame für die eigene peer-group als Avantgarde. Daß die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung noch jede erkennbare Alternative zu ihr abgeschafft hat - es läßt sich das Bessere aus ihr nicht mehr ablesen - ist doch gerade das Böse dieser Gesellschaft und nicht ihre Rechtfertigung. Wenn es viele Alternativen zur sozialen Barbarisierung gäbe, wären die Verhältnisse nicht so schlimm, daß wir Alternativen bräuchten. Dagegen ist jedes Vorlegen von Gegenentwürfen verdammt, sich zum „Konzept“ zu verraten, in Klarsichtfolie mit powerpoint oder mit Zwiebeltofu und Hippiegetrommel zum Frühstück; und in solchen Reklame-Utopien wütet dann die Schwerkraft der Verhältnisse viel mehr als in der bloß negativen Kritik. Soviel gegen die Utopie.

Utopisch ist heute eher der unbeirrbare Versuch, negativ zu bleiben - nicht der radikale Gegenentwurf, die manifeste Utopie. Vermeintliche Utopien sind jeden Tag längst Mittel geworden, um die Menschen und die Verhältnisse zu konservieren: Schon im Möbelhaus gibts nämlich das Kinderparadies, und jeder Werbespot, der doch nur Profit will, verheißt mehr Glück, Sex, Güterfülle, als ein paar kettenrauchende Linke es je könnten. Da können wir nicht mitbieten; und vor allem wir glauben uns selbst nicht, wenn wir es tun. Rein negativ aber wiederum bleibt man machtlos: es hört niemand zu, und daß jemand unsere Zeit wenigstens für die wenigen Zuhörer theoretisch auf den Begriff bringen könnte, ist auch nicht absehbar.

Eine andere Welt ist unmöglich, und nur wenn viele Menschen dies als den Skandal erfahren, der es ist, wird sich das ändern. Das aber ist nicht zu erwarten; die dumme Müntefering-Rede wurde von Hans-Werner Sinn gekontert mit dem Hinweis, jener hätte genauso aussichtsreich auch die Gesetze der Schwerkraft kritisieren können. Kapitalismus rechtfertigt sich nicht mehr als das Richtige, sondern als unabwendbare Natur: die marxsche Ironie von den „gesellschaftlichen Naturgesetzen“ wird heute von Wirtschaftsverbänden, ohne, daß sie wüßten, was sie tun, fast im Wortlaut zur Apologie gedreht. Utopisch wäre, vielen Menschen die Einsicht zu ermöglichen, wie es kommen konnte, daß es nun so scheint, daß es als „Natur“ alles so kommen mußte. Bloß, ich weiß nicht wie.

Utopisch ist sicher heute mehr denn je auch das Gefühl oder die blitzhafte Erfahrung des „das, was ist, kann doch nicht alles sein“. Das ist aber ohne Verrat nicht in Worten dingfest zu machen, schon gar nicht in politischen Texten. Es geht ein in die Kunst und die Musik, die Liebe, die Sexualität, die Trauer, die Angst, die Krankheit. Überall dort hinein, wo Impulse und Regungen nicht in Gesellschaft aufgehen wollen und einen Ausdruck suchen, der sich der Kommunikation und dem bloßen Funktionieren entzieht.

In so eine Richtung würde ich gerade diskutieren wollen - und das hat sicher durchaus mit der Atompolitik zu tun, viel mit Hartz, (...) .

Ich halte es im Sinne eines aufgeklärten Reformismus - und der wäre ein hohes Ziel - schon für richtig, den drohenden backlash in der Energiepolitik auch mit den „Heimkehrern“ von den Grünen zusammen zu verhindern. Ganz im Gegensatz zu 2002, als die EVU Stoiber zurückpfiffen, als dieser den Atomkonsens kündigen wollte, scheint mir in den kommenden Jahren eine faktisch unbegrenzte Verlängerung der Laufzeiten zu drohen, wenn nicht gar der Neubau von Anlagen. Zumindest bei der Diskussion um Neubau, die kommen könnte, wenn wir ganz schwach sind, spielt die Sichtbarkeit regenerativer Alternativen eine große Rolle, denke ich. Ich lese gerade keine atom-mails oder Pressespiegel, nur Zeitung und Euer Heft; korrigiere mich, wenn ich falsch liege. Zu Verhindern wäre dabei aber, daß das grandiose Scheitern grüner Ausstiegspolitik an der Regierung in Vergessenheit gerät. Eigentlich sollten wir alle von parlamentarischen Illusionen auf Jahre kuriert sein. Ich fürchte, es kommt anders.

Zweitens: tut mir leid, ich weiß einfach nicht, was das Castor-Stoppen zum jetzigen Zeitpunkt jenseits der subjektiven Motivationslage der Aktiven mit dem Sozialen Umbruch zu tun haben sollte.(Außer der Tatsache, daß wenige kommen, weil vielen Castor-Gegnern gerade die sozialen Nischen genommen werden und man deshalb zeigen will, daß trotzdem viele kommen ?) Daß man es ehrlich will und in Flugblätter reinschreibt ist das Eine - aber der objektive Link Castor und Soziales ist mir völlig unklar.

Ich komme trotzdem im November - meinem fortgeschrittenen Alter und der Gesundheit des Stubenhockers angemessen aber eher zum Latschdemo-Gehen, denn zum Wald-Hopsen. Beste Grüße@

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Ende