„Warum geht es mir so dreckig...“

fragten Ton Steine Scherben bereits Anfang der Siebziger Jahre und brachten mit dem gleichnamigen Album die Sicht einer revoltierendenGenerationauf die erstarrten Verhältnisse auf den Punkt.„Sieben Uhr aufstehn, Kaffee trinken, zur Arbeit fahrn, freundlich sein, den Chef grüßen, Nicht sagen was ich denke, nicht denken was ich sage...“

klingt heute zwar ein bisschen verstaubt, aber immer noch bissiger als der Ruf nach „Arbeit, Arbeit, Arbeit“. Alles verändert sich und so mancheR, der nicht so werden wollte wie die eigenen Eltern, ist mittlerweile mit brutalstmöglichem Reformeifer bei der Modernisierung des Kapitalismus angelangt. Ist damit das Ende der Geschichte erreicht?

Alles wird schlechter und prekär, oder was?

An der üblichen Feststellung des drastischen Abbaus an sozialstaatlichen Sicherungssystemen, dem massiven Zurückdrängen von ArbeitnehmerInnenrechten und sozialpolitischer Solidarität kommt auch dieser Aufruf nicht vorbei. Zu nennen sind sicherlich die sogenannten Hartz-Gesetze und die Agenda 2010, die einen weiteren Zwischenschritt des Drucks auf die Arbeitslosen darstellt, sich zu Niedriglöhnen zu verkaufen. Das übliche Jammern darüber hilft so wenig wie das fröhliche Leugnen auf globalem Niveau.

Prekäre Verhältnisse, damit sind ent-garantierte und materiell verunsichernde Formen der Arbeit und Reproduktion des eigenen Lebens gemeint, sind als solche keineswegs neu. Denn wer sich durch eigene Arbeit reproduzieren muss, der oder die lebte im Kapitalismus immer schon unsicher. Weniger unsicher, wenn mensch über ein regelmäßig entlohntes und verrechtlichtes garantiertes Arbeitsverhältnis verfügte.

Dabei ist der sorgsame Umgang mit dem Begriff „prekär“ notwendig, der gerade durch seine Allgemeinheit soziale Grenzen zu verschleiern und damit zu verstärken droht. Das prekäre Doppelspiel von Drohung und Verheißung betrifft immer mehr Menschen, dennoch meint Prekarisierung im Konkreten nie dasselbe.

Die Bedingungen im Norden Europas sind nicht die im Süden, die von Menschen mit Papieren nicht die von Papierlosen, die von un- oder schlecht bezahlten Reproduktionsarbeiterinnen nicht die der vom sozialen Abstieg bedrohten Kernbelegschaften mit noch garantierten Beschäftigungsverhältnissen und kleinen Selbstständigen und die Selbstentwürfe prekärer AkademikerInnen sind nicht dieselben, wie die der working poor.

Das Campen in prekären Zeiten

versucht dem durch Mobilisierungen, Debatten und Kongresse geisternden Begriff der Prekarisierung nachzugehen. Dabei geht es nicht nur um Definitionen und Begriffe, sondern um strategische und (alltags-) praktische Möglichkeiten, Kämpfe um Arbeits- und Lebensverhältnisse zu führen - bzw. bestehende Widerborstigkeiten und soziale Auseinandersetzungen in Beziehung zu setzen.

Wenn Prekarität einerseits viele unmittelbar betrifft und sich andererseits als umkämpftes Klassenverhältnis („soziale Frage“) darstellt, welches auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Ganzen zielt, dann öffnet sich die Möglichkeit einer gesellschaftsbezogenen Politik in der ersten Person.

Eine prekäre Lebenssituation ist nicht nur eine Folge von auf gesellschaftlichem Ausschluss und Entrechtung. Im prekären Leben liegt auch das Begehren nach einem nicht normalisierten, nicht eindimensionalisierten Alltag, wider den Normalarbeitstag und das gewöhnliche entfremdete Leben.

Doch ist das Freiheitsversprechen gewollter Prekarität ausgesprochen zweischneidig, weil es zugleich ständige Unsicherheit beinhaltet. Doch betreffen ent-garantierte Existenzgrundlagen nicht nur arbeitende Menschen, sondern auch jene, die nicht Lohnarbeiten wollen und erst recht die, die das nicht (mehr) können.

...was kann ich allein dagegen tun?

Die Sache mit der Anarchie oder dem Kommunismus erscheint mehr als Farce und Gerede denn als reale Utopie.

Dennoch: Keine Panik!
Auf einem Prekärcamp im August soll es um den solidarisch-politischen Gehalt von Aneignung und Alltagspraxen, von „prekären und normalen“ Arbeitsverhältnissen und um soziale Interventionen in hartzigen Zeiten gehen. Eine feine Aktions- und Ideenschmiede, die keine Angst davor hat, das Gestammel der Akteure zum Ausgangspunkt von eigenen und gesellschaftlichen Veränderungen zu nehmen. Das Camp als Ort von Debatten, die den je eigenen Horizont nicht als End-, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als Ausgangspunkt nehmen.

Ein Zwischenraum im Lattenzaun um durchzuschauen. Die Verhältnisse scheinen festgefügt, die Möglichkeiten gering. Im alltäglichen Leben wirkt manche Widerständigkeit gegen die Einhegungen und Zumutungen ganz banal. Aber wer sagt, dass die Verhältnisse von heute auf morgen einstürzen?

Und wer sagt, dass sie das übermorgen nicht tun?
Es lohnt sich, für ein ganz anderes, glückliches, schönes und von allen Diskriminierungen freies Leben zu kämpfen – für globale Rechte !

Prekär-Camp
vom 5. bis 12. August 05


Campdaten:
Aufbau und Eröffnungsversammlung am Freitag, dem 5. August 2005
Auftakt am Samstag, 6. August 2005 – Workshops
Veranstaltungen und Aktionen bis Freitag 12. August 2005
Abbau am Samstag, 13. August 2005

Camport:
Zwischen Lüchow (Wendland) und Salzwedel. Von Salzwedel aus per Fahrrad oder Buszu erreichen. Campbeitrag 20 Euro.
Weiteres ab Mitte Juni unter: prekaer-camp.org
Infotelefon ab August: 0162/ 8863594

Praktische Theorie und intervenierende Aktionen zu: Aneignung und Umsonst-Kampagnen, HartzIV, ALG2 und Prekarität, Ein-Euro-Jobs, Ich-AGs, globalem Klassenkampf, Basisgewerkschaften, Utopien und die reale Situation dissidenter Alltagspraxen. Das Camp ist dazu da, die ganzen kleinteiligen Aktivitäten, wie Ein-Euro-Spaziergänge, Demos, Lidl- und Sozialamtsaktionen, Umsonstkampagnen, etc nicht nur theoretisch zu reflektieren, sondern auch mal praktisch durchzubuchstabieren und weiterzuentwickeln.

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