Wer „Ja, aber“ sagt, begibt sich stets in Geiselhaft und endet gesundbeterisch wie jeder dritte Weg in der Kapitulation vor den Verhältnissen

Die Welt sich vorstellen ohne Geld und Markt

Gibt es in Marx´ und Gottes Namen nirgends brauchbare Ideen, die nicht nur die Politik, sondern auch die ökonomische Welt verändern? Wo sind die konkreten Utopien für jene Sphäre, die nach wie vor das Leben prägt? In der bisherigen Debatte stand der geldvermittelte Austausch von Waren zwar in seiner heutigen Gestalt, aber nicht prinzipiell zur Disposition. Zur kurz gesprungen, meint Franz Schandl. Wer über den Kapitalismus hinaus will, muss auch bereit sein, alte Fundamente zu zertrümmern.

von Franz Schandl

Wenn nichts mehr geht, ist eine entscheidende Frage die, was nicht mehr geht. Um welche Krise es sich also gegenwärtig handelt. Meine Antwort ist, dass wir es mit einer fundamentalen Krise der Verwertung zu tun haben, die nach radikalen Lösungen heischt. Kein Herumdoktern wird mehr helfen. Bei den bisherigen Beiträgen der Freitag-Debatte hingegen hat man den Eindruck, dass es schon so weiterginge, würde man nur die richtigen politischen Maßnahmen setzen und das Geld anders positionieren.


Was kann Politik?

Hans Thie etwa spricht zwar im Vorspann seines Beitrags (im Freitag vom 14. Mai 2004) von der Notwendigkeit einer Revolution, verfällt dann aber im ersten Absatz seines Artikels sofort in Rechenbeispiele, was ja nur bedeutet, dass er die Kategorie Geld (und mit ihr Verwertung und Arbeit) nicht in Frage stellen will. Wäre nur richtig verteilt, dann könnte es wieder voran gehen, so die frohe Botschaft. Aber ist dem so? Was kann eine alternative Politik und - allgemeiner gefragt - was kann Politik überhaupt?

Politik (und mit ihr Demokratie und Staat) sind groß geworden an der Seite des aufsteigenden Kapitals. Sie sind ehern an es gebunden, keine Prinzipien, die irgendwo über seine Möglichkeiten hinausreichen. Schon dass Politik sich des ökonomischen Mediums, das heißt, des Geldes, bedienen muss, zeigt deutlich, dass sie ohne gelingende Akkumulation und deren Besteuerung gar nichts ist. Politik ist das auf Geld aufbauende und angewiesene Regulationssystem eines Staates.

Mehr als eine Verwaltung der „ehernen Gesetze“ der Marktwirtschaft, gemeinhin Sachzwänge genannt, ist auf politischer Ebene nicht drinnen. Wohin wir auch blicken, überall wird, was die substanziellen Vorhaben betrifft, gegenwärtig die gleiche Politik betrieben. Was trennt Blair von Thatcher? Lula von Cardoso? Japan von den USA? Polen von Spanien? Was unterscheidet Schwarz-Blau in Österreich von Rot-Grün in Deutschland? Die Richtung ist dieselbe. Was den Kahlschlag betrifft, geht die rechtskonservative Regierung in Österreich sogar behutsamer vor als die ökosozial­demo­kra­ti­sche in Deutschland. Doch auch das hat objektive Gründe, zeugt nicht von irgendeiner sozialeren Gesinnung, sondern nur von größeren Spielräumen eines Standorts.


Wozu Geld?

Blanker Zynismus des Marktes liest sich so: „Der Transkapitalismus ist eine Geldwirtschaft. Die Segnungen des Geldes sind zu wichtig, als dass der Bohème darauf verzichten könnte. Denn erst Geld ermöglicht ihm Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Die wahre Emanzipation der Frauen begann, als diese selbst Geld verdienten und sich nicht mehr dem Patriarchen unterordnen mussten. Und auch das bedingungslose (sic!, Anmerkung, F.S.) Ausleben der Neigungen ist nur in einer Geldwirtschaft möglich ... Darüber hinaus werden in keinem System die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ernster genommen. Dafür sorgt der unschlagbare Preismechanismus der Geldwirtschaft.“ (Niels Boeing und die Gruppe „km21.0“, im Freitag von 21. Mai 2004)

Wenn das keine gefährliche Drohung ist! Nur weil es im Kapitalismus Leuten mit Geld besser geht als Leuten ohne Geld, ist nicht zu folgern, dass Geld unverzichtbar ist, sondern bloß, dass es ein Medium ist, das eben nicht zur sozialen Sicherstellung aller taugt. Der Preismechanismus nimmt Wünsche und Bedürfnisse lediglich wahr, wenn sie vermarktbar sind. Produkte und Leistungen werden nur hergegeben, wenn sie käuflich erworben werden können, sei es direkt oder indirekt durch Versicherungen. Wer nicht zahlungsfähig ist, ist eine Geldmonade ohne Geld. Also ein Nichts. Um in den Genuss der Genüsse zu gelangen, muss man und frau zahlen. Ansonsten können sie auch bei voller Schüssel verhungern. Global läuft ja nichts anderes ab. Geld teilt Menschen in Flüssige und Überflüssige. Der unschlagbare Preismechanismus ist wahrlich einer der größten Totschläger der Geschichte.

Was die Perspektiven der Menschheit betrifft, ist der Kapitalismus am Ende. Außer Krieg und Terror, Verelendung und ökologische Katastrophen hat er wenig zu bieten. Zur Zeit läuft fast alles in die falsche Richtung, vor allem die Leute selbst, die glauben, sie werden schon irgendwie davonkommen. Je länger dieser Zustand verlängert wird, desto schlimmer werden sich die Verhältnisse auch in den Zentren des Kapitals gestalten.

Man und frau muss aufhören, die Geschichte des Kapitals als eine Erfolgsstory zu erzählen. Mitnichten. Als diese kann sie nur beschrieben werden, wenn mensch so ziemlich alles, was die Moderne lieferte, vergisst und verdrängt: von der Hexenverbrennung bis zum Dreißigjährigen Krieg, vom Kolonialismus bis zum Völkermord, von Auschwitz bis Hiroshima; und ebenso selbstverständlich die Abermillionen, die durch Arbeit für die Verwertungsmaschine (vorzeitig) umgekommen sind und die, die tagtäglich verhungern. Das sind keine abgeschmackten Wahrheiten, die der trägen Langeweile überlassen werden dürfen. Das sind nicht bloß Betriebsunfälle, nein, so läuft das Betriebssystem von Fortschritt und Zivilisation, da mag die Benutzeroberfläche noch so bunt erscheinen. Die zivilisatorische Mission des Kapitals, der auch noch Marx anhing, ist die aufklärerische Illusion schlechthin. Heute wiederholt, kann sie nur noch als gemeingefährliche Behauptung bezeichnet werden. Dieser Erfolg misst sich nicht am guten Leben für alle, sondern an vernutzten Arbeitseinheiten zum Selbstzweck der Verwertung. Die Marktwirtschaft ist die effizienteste Maschine, was die Vernichtung von Mensch und Umwelt angeht.


Raus aus den Schützengräben

Und was tun? Tja, wenn jemand im Schützengraben liegt und mich fragt, was er machen soll, wenn die feindlichen Truppen ihn zu vernichten drohen, werde ich empfehlen zurückzuschießen. Aber mir würde nie einfallen, aus dieser Extremsituation auf das gesellschaftliche Konzept des Schießens und Zurückschießens zu schließen. Genau das offenbart sich aber in der Konkurrenz. Hier wird die Notwendigkeit geradezu zum Glaubenssatz, und nicht nur bei den Liberalen. Alle sprechen unreflektiert von Interessensdurchsetzung, was in letzter Konsequenz nur heißen kann: Wie setze ich mich in Wert und wie entwerte ich andere? Sei es solo oder in irgendeinem Kollektiv. Diese Inklusion ist nur durch Exklusion zu haben.

Natürlich ist die Frage berechtigt, was denn jetzt die Leute unmittelbar tun sollen. Darauf kann ich keine besondere Antwort geben. Sie werden halt recht oder schlecht ihre Interessen vertreten. Wichtig wäre indes, dass sie dabei nicht stehen bleiben. Denn die gegenseitige Konkurrenz wird sich immens verschärfen, bis hin zur tätlichen Auseinandersetzung, ja bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, wo marodierende Banden sich ihre Beute holen. Insgesamt geht es darum, die Schützengräben des Kapitals zu verlassen, Leben anders zu definieren und zu gestalten, als dies der jetzige Überlebenskampf erzwingt. So gilt es keine Interessen mehr durchzusetzen, sondern sich von den Interessen der aufgezwungenen Charaktermasken zu lösen und diese zu überwinden.

Die „Sein oder Nichtsein“-Frage ist aufzuheben, zumindest was deren soziale Seite betrifft. Das ist möglich. Das Leben der Menschen auf diesem Planeten ist von der sozialen Existenzangst zu befreien. Ganz kategorisch hat zu gelten: Niemand soll unter die Räder kommen. Es bleiben sowieso noch genug andere Ängste übrig. Die zentrale Frage ist die ganz schlichte nach dem guten Leben. Dieses ist nicht mit der materiellen Absicherung zu verwechseln, aber es ist ohne diese nicht zu haben.

Aufforderungen, realistisch, sachlich und konstruktiv zu sein, sind hingegen zu verlachen. Die Linke muss aufhören, „Ja, aber...“ zu sagen. Damit begibt sie sich stets in Geiselhaft und endet gesundbeterisch wie jeder dritte Weg in der Kapitulation vor den Verhältnissen. Das hatten wir zur Genüge. Wir werden um die „große Weigerung“ (Marcuse) und um den Bruch nicht herumkommen. Der Kapitalismus ist abzuschaffen. Es gilt ein kategorisches NEIN.

Selbstverständlich darf man beim NEIN nicht stehen bleiben, die Negation hat eine bestimmte zu sein, das heißt, sie hat nicht nur zu sagen, was sie nicht will, sondern auch, was sie will. Und man sollte solches Denken auch nicht mit einem Bilderverbot belegen. „Wenn es wahr ist, dass ein Leben in Freiheit und Glück heute möglich wäre, dann wäre die eine der theoretischen Gestalten der Utopie, für die ich sicher nicht zuständig bin und du, soweit ich es übersehen kann, auch nicht, dass man konkret sagen würde, was bei dem gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte der Menschheit möglich wäre - das lässt sich konkret und das lässt sich ohne Ausmalen und das lässt sich ohne Willkür sagen. Wenn das nicht gesagt wird, wenn dieses Bild nicht auch, fast möchte ich sagen: handgreiflich erscheint, dann weiß man im Grunde gar nicht, wozu das Ganze eigentlich da ist, wozu die Apparatur in Bewegung gebracht wird. Verzeihe, wenn ich mich in die unerwartete Rolle des Anwalts des Positiven begebe, aber ich glaube, ohne dieses Moment käme man doch in einer Phänomenologie des utopischen Bewusstseins nicht aus.“ Das sagt übrigens ein gewisser Adorno in einem Gespräch mit Ernst Bloch.

Fällig wäre die Eroberung der Fragen, derer wir bedürfen. Wir sind nämlich nicht nur unserer Antworten enteignet, sondern auch der Fragen. Die Frage ist nicht „Wie sind die Renten finanzierbar?“, sondern „Wie können alte Menschen in Wohlversorgtheit und relativer Gesundheit ihren Lebensabend verbringen? Was brauchen sie dafür und wie schaffen wir es an?“ Nicht das Geld gilt es bereit zu stellen, sondern die notwendigen Produkte und Leistungen, Apparaturen und Zusprüche sind aufzutreiben und anzueignen. Und es sage niemand, das sei das Gleiche. Nur im Kapitalismus ist dieser Zusammenhang zwischen Geld und Vermögen als allmächtiger (könnte man auch groß schreiben) bestimmend.


Warum soll mensch kaufen müssen?

Die ketzerische Frage lautet: Warum soll man und frau kaufen müssen? Ich begebe mich hier in die Rolle des hartnäckigen Kindes und will es wissen: Warum? Warum? Warum? Warum soll die freie Entnahme nicht für reelle Produkte ebenso gelten wie für virtuelle? Warum soll Mehl gekauft werden? Und Papier? Und Limonade? Und Mähdrescher? Warum? Wer kann einen wirklich plausiblen Grund nennen? Es ist von alledem genug da beziehungsweise aufbringbar. Mehl muss produziert werden und konsumiert werden, aber zirkuliert werden muss es wahrhaftig nicht. Die Warenzirkulation ist durch eine einfache Distribution von Gütern zu ersetzen. Heute wird Mehl hergestellt, nicht um Kuchen und Brot zu backen, sondern um ein Geschäft zu tätigen. Das ist doch obszön.

Das entscheidende Problem ist also nicht, wie wir Verwertung und Wachstum wieder in Schwung bringen (das wird sowieso nicht gelingen, auch wenn die Frontpropaganda jeweils für morgen den Aufschwung verspricht), sondern wie wir sie endgültig abstellen. Das bedeutet Stoffwechsel und Kommunikation der Gesellschaft auf ganz neue Beine zu stellen. Reicht denn nicht haben zu wollen, was da ist oder was machbar ist? Entschieden ist mit den eingeherrschten gegenwärtigen Tabus zu brechen: Geld kann nicht nicht gedacht werden. Politik kann nicht nicht gedacht werden. - Das ist doch nicht wahr! Sollen wir wie die Lemminge ewig an Politik und Geld glauben und ihnen nachlaufen, selbst noch in Zeiten, wo ihre Ohnmacht hinsichtlich gesellschaftlicher Regelungen so offensichtlich sind? - Das Leben ist anderswo. Imagine!

Die Menschen müssen sich direkt aufeinander beziehen, nicht sich, ihre Produkte und Leistungen als abstrakte Arbeitsquanta austauschen. Stoffliche Rechnungen statt monetären stehen an. Wenn mensch nur denkt, was die Umrechnerei (jeder Kassenbon demonstriert das) von allem und jedem in Wert und Geld an menschlicher Lebenszeit auffrisst, dann ist bereits eine ganze Spezies verrückt geworden. Hierzulande dürften wohl an die 90 Prozent aller Verausgabung von Arbeitszeit direkt oder indirekt dem kapitalistischen Rechnungswesen (Buchhaltung, Verkauf, Auspreisung, Kalkulation, Abrechnung, Werbung, Versicherung, Banken, Mahnwesen, Münzprägung, Gelddruck) geschuldet sein. Emanzipation meint ein Arbeitsentsorgungsprogramm ungeheuren Ausmaßes. Dieses Potenzial wird frei und steht anderweitig zur Verfügung. Imagine!

Die Leute müssen aufhören, ideell (und irgendwann auch reell) jene Verhältnisse zu reproduzieren, die sie als Individuen entschieden bedrohen, sie um das Leben im Leben betrügen. Warum sollen wir uns akkurat nur vorstellen, was uns vorgestellt wird? Es gilt diese eherne Befangenheit zu durchbrechen, Gesell­schaft­lich­keit bloß in den Kategorien und Formprinzipien des Kapitals zu denken. Die größte Barriere sehe ich zur Zeit in der Trägheit unserer, der bürgerlichen Köpfe. Sie hindert die Produktivkraft Mensch, ihre Energien freizumachen. Mal probieren: Die Welt sich vorzustellen ohne Geld und Markt, ohne Arbeit und Wert. Denken wir sie uns weg! Das ist eine Zumutung? Mag sein, nur, wir sollten sie uns wirklich zumuten. Denn alles andere wird schön langsam, nein eigentlich: unschön schnell unzumutbar. Imagine!

Franz Schandl ist Redakteur der Zeitschriften Streifzüge (Wien) und Krisis (Nürnberg)
aus: Freitag vom 11.06.2004

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