Ein Generator lief jahrelang am Limit und löste den größten Störfall inder geschichte der Schweizer Atomindustrie aus.

Störfall – und keinen störts

von Thomas Grether

Der Generator lief jahrelang am Limit – dann brannte er durch. Seither steht das AKW in Leibstadt still. Jetzt zeigt sich: Der Generator wurde ungenügend überwacht. Doch die Kontrollbehörden sehen keinen Anlass, den Unfall zu untersuchen.

Besuch im Atomkraftwerk Leibstadt: Der Reporter wird mehrmals auf Radioaktivität untersucht, beim Eintritt mit orangefarbener Spezialunterwäsche und Overall ausgerüstet. Ein Dosimeter auf der Brust misst die Strahlung. Dann steht er da, der Generator: insgesamt 100 Tonnen Eisen auf einer Länge von 15 Metern. Der Rotor ist ausgebaut. Gewöhnlich ist diese Zone radioaktiv belastet. Doch das AKW steht seit dem 28. März still. Eine Eisenplatte war plötzlich durchgeschmolzen und beschädigte den Generator – der grösste Störfall in der Geschichte der Schweizer Atomindustrie.

Vor Ort in Leibstadt bekommt das Klischee vom klinisch sauberen Atomkraftwerk Risse. Es riecht nach Schmierfett und Stahl. Mechaniker bohren, hämmern und schrauben, und beim Rundgang ist ein Helm Pflicht. Ohne die Brennstäbe ist ein AKW letztlich nichts anderes als eine riesige Dampfmaschine.

Leibstadt-Pressesprecher Leo Erne legt als Erstes ein Papier vor, auf dem in dicken Lettern steht: «Nie eine Frage der Sicherheit.» Dieser Satz ist Programm. Im Gespräch doppelt Erne nach und sagt: «Es hat zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für das Kraftwerk, Menschen und die Umwelt bestanden. Radioaktivität trat keine aus.» Doch Tatsache ist: Die in Leibstadt eingeleitete Schnellabschaltung hatte im nuklearen Reaktorkern zu einem Hitzeschock geführt. Hätten die Notsysteme versagt und wäre die Hitze nicht durch Kühlwasserpumpen abgeführt worden, hätte es ein zweites Tschernobyl gegeben.

«Nicht auf dem neusten Stand»

Über mögliche Ursachen schweigt sich das AKW weitgehend aus. Einzig Fahrlässigkeit und die «Einwirkung eines Fremdkörpers» könnten ausgeschlossen werden. Erst am 21. Juni will die AKW-Leitung einen verbindlichen Bericht vorlegen und über die Ursache informieren.

Doch Recherchen des Beobachters zeigen heute schon: Leibstadt hat den Generator ungenügend überwacht. «Das Atomkraftwerk war nicht auf dem neusten Stand der Technik. Moderne Überwachungssysteme fehlten», sagt Leo Scherer, Jurist und Leiter der Atomkampagne bei Greenpeace. Konkret fehlte ein System, das frühzeitig kleinste Partikel im Generator erkennt und Alarm schlägt, bevor er überhitzt. In anderen Kraftwerken ist diese Überwachung längst Standard. Das AKW Gösgen etwa betreibt seit 20 Jahren das so genannte Generator Condition Monitoring (GCM).

Hersteller dieses «Rauchmelders» ist die US-Firma E/One. Hans G. Trosch, Geschäftsführer der Schweizer Niederlassung in Rheinfelden, sagt: «GCM reagiert, noch bevor die Isolation verkohlt.» In Leibstadt brannte sie durch, dahinter schmolz eine Eisenplatte auf einer Länge von 30 Zentimetern. Erst jetzt merkten die Männer in der Leitstelle, dass etwas nicht stimmte.

Vom Beobachter auf GCM angesprochen, gibt sich Peter Bürgy, Chefingenieur der Abteilung Elektrotechnik in Leibstadt, zuerst unwissend. Er kenne GCM «nicht im Detail», und Kontakt mit Anbietern habe er keinen gehabt. Eigentlich seltsam, denn das Überwachungssystem GCM ist in der Branche laut Fachleuten «bestens bekannt». Als der Beobachter Bürgy seine Aussagen schriftlich vorlegt, erinnert sich dieser plötzlich «an eine Veranstaltung, an der verschiedene Überwachungssysteme vorgestellt wurden».

70000 Franken: zu viel für Sicherheit?

Tatsache ist: Hans G. Trosch von GCM-Hersteller E/One war kurz vor dem Störfall zweimal in Leibstadt. Dort traf er sich mit Mitarbeitern von Bürgy, um sie von GCM zu überzeugen. Doch laut Trosch ist die Anschaffung wiederholt «auf die lange Bank geschoben» worden. Dies, obwohl man mit einer Überhitzung des Generators rechnen musste. Denn im Jahr 2002 wurde die Leistung des AKW erhöht. Der Generator lief bis zum Störfall drei Jahre am Limit. Die geschmolzene Platte sei durch Hitze bereits «höchst belastet» gewesen, räumt Chefingenieur Peter Bürgy ein.

Jetzt, nach dem Störfall, besinnen sich die Verantwortlichen plötzlich eines anderen: Laut Bürgy soll eine zusätzliche Überwachung eingebaut werden. Kostenpunkt für GCM: rund 70000 Franken, Montage inbegriffen. Ein Klacks im Vergleich zu den 500 Millionen Franken, die der Betrieb des AKW jährlich kostet.

Leibstadt kommt nicht gross an die Kasse: Das AKW ist gegen den Schaden mit einem Selbstbehalt von 500000 Franken versichert. Hart trifft es dagegen die Stromkonsumenten. Weil aus Leibstadt kein Strom mehr fliesst, müssen ihn die Betreiber auf dem freien Markt einkaufen. Das kostet sie täglich laut eigenen Angaben über eine Million Franken. Frühestens im September ist der Generator geflickt. Das ergibt einen Verlust von 200 Millionen Franken. «Früher oder später wälzen die Betreiber diese Kosten auf die Konsumenten ab», sagt Leo Scherer von Greenpeace.

Jetzt wären die Behörden gefordert. Doch weder die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen (KSA) noch die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) untersuchen den Vorfall. Man überwache nur den nuklearen Teil der AKWs. Dazu gehöre der Generator nicht, heisst es auf Anfrage.

Politiker fordern daher rasche Massnahmen. Die Haltung der Aufsichtsbehörden sei inakzeptabel, sagt SP-Präsident Hans-Jürg Fehr. «Es kommt da eine Verantwortungslosigkeit zum Vorschein, die nicht hingenommen werden kann.» Der Basler SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner: «Die HSK nimmt ihre Aufgaben nicht sachgerecht wahr. Der Fall zeigt, dass wir in der Schweiz keine Aufsichtsbehörde haben, die diesen Namen verdient.»

«Filz bei den Untersuchungsbehörden»

Nicht nur das Management, sondern auch die HSK hätte laut Rechsteiner für ein Überwachungssystem sorgen müssen. «Leibstadt stand unter Kostendruck, man hat das Werk deshalb jahrelang von Investitionen in die Sicherheit verschont.» Jetzt sind im «Pannenreaktor», wie Rechsteiner ihn nennt, schon seit zwei Monaten Ingenieure, Betreiber sowie der Generatorlieferant Alstom daran, den Schaden zu inspizieren. Das heisst: Die Verantwortlichen untersuchen sich selbst.

Rechsteiner und SP-Präsident Fehr fordern deshalb eine «sofortige externe und unabhängige Untersuchung der Vorgänge», etwa durch die deutsche Störfall-Kommission. Dies sei nötig, weil die Untersuchungsbehörden in der Schweiz verfilzt seien. «Sie bestehen aus Mitarbeitern, die ehemals im Sold der Atomindustrie standen.» Fehr will seiner Forderung mit einem parlamentarischen Vorstoss Nachdruck verleihen. «Eine sichere Lösung bringt letztlich nur die Stilllegung aller Atomkraftwerke.»@

aus Beobachter vom 8.Juni 2005

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