Nr. 97
(Wie) funktioniert ein AKW?

aaa Nr. 97

52 Seiten
Dezember 1998
Preis: 3,00 EUR

Inhaltsverzeichnis:

  • (Wie) funktioniert ein AKW?
    Einleitung
    Unsicher und rechtswidrig
    Das ist schon fast alles: so gehts
    Funktionsweise von Siedewasserreaktoren
    Funktionsweise von Druckwasserreaktoren
    Störfälle und Sicherheitsdefizite
    Radioaktivität torpediert das Immunsystem
    Unter Feuer
  • Poli-Ticks
    Was treiben die anderen?
    Unseriös (zur VDEW-Studie); Betriebsblind zur VDEW-Studie); Konsens ist Nonsens; Was die Bewegung so plant; Tröpchen in der Deckeldichtung; Kommentar zum BAM-Fax; Dezentrale Zwischenlagerung; Notizen aus der Atomwirtschaft
  • Standorte
    Im Norden: AKW-Krümmel kurz vor Ende der Revision
    In der Mitte: Schacht Konrad nicht erwähnt
    Im Süden: Biblis Stillegungsbemühnungen von Hinz und HeBaPle; leere Bhälter in Neckarwestheim; Plutonium in Hanau; Leiharbeit in Ohu; Lecjkagen in Gundremmingen
    Im Westen: Antrag auf Castor-Lager und Polizeiübung in Lingen; weiße Flecken in Jülich; Transport im Januar nach Ahaus; Änderung in Hamm-Uentrop; Erweiterung in Gronau
  • Internationales
    Meldungen aus Osteuropa, Temelin, Jabiluka und Kanada
  • Diskussion
    Lanzenbruch für den BBU
    Vorverlagerte Selektion
    Ahaus ist nicht Auschwitz, so oder so
    Mit zweierlei Elle gemessen
  • dies & das
    Flugi: Stopp von Anfang an; erste Schritte; Kleinanzeigen
  • Kriminalisierung
    § 125 Landfriedensbruch; 126901,10 DM plus Zinsen (TurmbesetzerInnen); Meldungen; Prozessberich aus Dülmen
  • Kalenda
    Wichtige Termine auf einen Blick

Wenn sich Leserinnen und Leser einer Zeitschrift namens anti atom aktuell mit der Frage "wie funktioniert ein AKW?" beschäftigen, dann, so ist zu vermuten, geschieht das nicht aus Begeisterung für Technologie. Die wenigsten werden den Ehrgeiz haben, das bessere Reaktorkonzept, die sicherere Kühlung, die effizientere Energienutzung zu entwickeln. Es geht vielmehr darum, ein irgendwie ungutes Gefühl zu präzisieren:

"Am vergangenen Dienstag kam es im Kernkraftwerk Unterweser zu einem schwerwiegenden Störfall. Radioaktivität wurde nach Betreiberangaben praktisch nicht freigesetzt, Gefahr für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt bestanden, sagte der blabla." Solche Meldungen haben wir alle schon einmal gehört; sich ein Bild davon machen zu können, was tatsächlich los war im AKW xy,  ist das eine Ziel dieser Ausgabe.

Es geht aber auch um etwas zweites: Ran an die laufenden Anlagen! hieß es schon in früheren Jahren. Dieses für die Anti-AKW-Bewegung nicht neue Motto wollen wir ein bißchen abstauben. Die Gegenseite, in dem Fall die neue Regierungskoalition, behandelt uns so, als wären wir eine Anti-Castor-Bewegung. Mit einer Transportpause glaubt sie, Ruhe im Karton zu haben. Als wäre dann alles gut, wenn kein Lagerbehälter mehr von A nach B rollt. Aber wenn wir mal nicht reden vom Atommüll, und wenn wir auch mal nicht reden von der Bombe, dann gibt es immer noch zwei große Probleme mit der Atomkraft: das Restrisiko und den Normalbetrieb.

Demzufolge beschäftigen wir uns nach einer knappen Darstellung der Funktionsprinzipien mit der Möglichkeit des Containmentversagens bei einem schweren Unfall in einer Atomanlage. An Harrisburg und Tschernobyl wollen wir hier nur kurz erinnern: diese beiden Unfälle haben der ganzen Welt gezeigt, daß die Möglichkeit der Kernschmelze nicht nur hypothetisch existiert.

Unsere Zusammenstellung konzentriert sich auf Störfälle in bundesdeutschen Reaktoren, die deutlich macht, wie knapp die hochgepriesene (westliche) Sicherheitstechnik häufig an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Für den sogenannten Normalbetrieb, der das Wohnen in der Umgebung eines AKWs zu einer ungesunden Sache macht, bleiben dann gerade noch zwei Seiten Platz. In einer unserer nächsten Ausgaben werden wir auf das Problem der Emissionen unterhalb der Wertegrenze zurückkommen müssen.

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Aufbau und Funktionsweise von Siedewasserreaktoren

Auch bei Siedewasserreaktoren ist der Ausfall der Wärmeabfuhr aus dem Reaktorkern das schwerwiegendste Sicherheitsproblem.

Die Gesamtunfallabläufe mit Kernschmelzen bei Siedewasserreaktoren unterscheiden sich aber charakteristisch von den Unfallsequenzen bei Druckwasserreaktoren. Die für die Freisetzung von radioaktiven Stoffen wichtigen Unterschiede zwischen beiden Reaktortypen hängen in erster Linie mit der verschiedenartigen Konzeption des Sicherheitsbehälters zusammen.

Bei Druckwasserreaktoren wird der für den Antrieb der Turbine benötigte Dampf durch Abgabe der Energie aus dem Primärkühlkreislauf über Wärmetauscher in den Sekundärkreislauf produziert. Der Sicherheitsbehälter umschließt den Primärkreislauf vollständig; er ist groß genug, daß er bei einem Kühlmittelverlust aus dem Primärkreislauf die gesamte freiwerdende Dampfmenge aufnehmen kann.

Demgegenüber wird bei Siedewasserreaktoren die Turbine von dem im Reaktordruckbehälter entstehenden Dampf über die Frischdampfleitungen ohne zwischengeschalteten Wärmetauscher direkt angetrieben. Der Kühlkreislauf ist nicht vollständig vom Sicherheitsbehälter umschlossen, sondern muß durch ihn hindurchgeführt werden.

Aus wirtschaftlichen Gründen sind die Sicherheitsbehälter der Siedewasserreaktoren (insbesondere bei der Baulinie 69) nicht als Volldruckcontainment ausgelegt, das dem Dampfdruck widerstehen könnte, der sich bei einem großen Leck einstellen wird. Es ist deshalb ein zusätzliches System erforderlich, das bei einem Kühlmittelverlust im Sicherheitsbehälter den Dampf aufnehmen kann: Der Raum innerhalb des Sicherheitsbehälters ist unterteilt in eine Druckkammer und eine darunter liegende wassergefüllte Kondensationskammer, beide zusammen bilden das sogenannte Druckabbausystem. Das Wasser der Kondensationskammer dient als Notwärmesenke, es ist gleichzeitig aber auch das Notkühlwasserreservoir.

Bei einem Kühlmittelverlustunfall innerhalb des Sicherheitsbehälters muß sofort die aus dem Reaktorkern abzuführende Wärmeleistung durch das Einfahren der Abschaltstäbe in den Reaktorkern, die Schnellabschaltung, auf die Nachzerfallswärmeleistung begrenzt werden. Damit die Kühlmittelverluste aus dem Sicherheitsbehälter vermieden werden können, muß durch das Verschließen fast aller Rohrleitungen, die den Sicherheitsbehälter durchdringen, der Durchdringungsabschluß hergestellt werden. Die Notkühlsysteme, die Wasser aus der Kondensationskammer in den Reaktordruckbehälter pumpen, müssen gestartet werden. Durch ausströmenden Dampf oder verdampfendes heißes Wasser wird in der Druckkammer ein Druckaufbau verursacht; dieser muß auf Werte begrenzt werden, bei denen der Sicherheitsbehälter nicht gefährdet wird. Da in der kühleren Kondensationskammer der Druck niedriger bleibt, wird der Dampf aus der Druckkammer über Kondensationsrohre in das Wasser der Kondensationskammer gedrückt. Auch der Dampf aus dem Reaktordruckbehälter wird über Sicherheits- und Entlastungsventile (im folgenden abgekürzt: S/E-Ventile) in die Kondensationskammer geleitet. Die Temperatur des Kondensationskammerwassers wird über das Kühlsystem der Nachkühlketten niedrig gehalten. Der eingeleitete Dampf gibt seine Wärmeenergie in das Kondensationskammerwasser ab und wird selbst wieder zu Wasser kondensiert. Über die Notkühlsysteme wird Wasser aus der Kondensationskammer zurück in den Reaktordruckbehälter gepumpt. Damit soll der Verlust an Kühlmittel im Reaktordruckbehälter so gering gehalten werden, daß der Kern auch weiterhin genügend gekühlt bleibt und eine Kernschmelze vermieden werden kann. Gleichzeitig stellt sich ein Wärmeabfuhr-Kreislauf über Reaktordruckbehälter - Leck - Druckkammeratmosphäre - Kondensationsrohre (parallel dazu ein Teilstrom über die S/E-Ventile) - Kondensationskammerwasser - Notkühlsysteme - Reaktordruckbehälter ein, über den die Nachzerfallswärme des abgeschalteten Reaktorkerns in die Kondensationskammer und von dort über die Nachkühlketten abgeleitet wird. Durch diesen Prozeß können der sich aufbauende Dampfdruck und die Temperatur in der Druckkammer langsam gesenkt werden.

Zum Funktionieren des Abkühlungsprozesses notwendig ist ein geringer Unterdruck in der Kondensationskammer gegenüber der Druckkammer . Deshalb sind zwischen Druckkammer und Kondensationskammer Klappen angeordnet. Diese haben die Aufgabe, gegen Ende eines beherrschten Kühlmittelverlusts, wenn die Atmosphäre des Sicherheitsbehälters bereits stark abgekühlt und infolge davon der Druck im Sicherheitsbehälter erheblich gesunken ist, die aus der Druckkammer mit dem Dampf mitgerissene Luft aus der Kondensationskammer entweichen zu lassen, um den zum Funktionieren des Abkühlungsprozesses notwendigen geringen Unterdruck in der Kondensationskammer wiederherzustellen.

Das Druckbegrenzungssystem kann nicht über längere Zeit die normale Energieleistung des Reaktors aufnehmen. Deshalb muß bei einem Kühlmittelverlust oder beim Ausfall der Hauptwärmesenke, der z.B. verursacht sein kann durch einen Ausfall der Turbine durch Stillstand, sofort die Reaktorschnellabschaltung in Funktion treten, um die Nachwärmeleistung zu begrenzen. Dazu werden bei den Siedewasserreaktoren der KWU die Abschaltstäbe von unten durch den Boden des Reaktordruckbehälters hydraulisch zwischen die Brennelemente "eingeschossen". Sie nutzen damit nicht die Gravitationskraft, wie es bei den Druckwasserreaktoren üblich ist. Deshalb verlangt dieses Schnellabschaltsystem einen aufwendigen Mechanismus zum Bereitstellen des zum Einschießen notwendigen Drucks.

Die relativ kleinen Sicherheitsbehälter der Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 sind von ihrer Konzeption her nicht nur durch schnellen Druckanstieg viel stärker bedroht als das Containment von Druckwasserreaktoren, sondern auch durch die Bildung von Wasserstoff und die damit verbundene Explosionsgefahr. Deshalb ist bei allen Siedewasserreaktoren während des Betriebs die Atmosphäre des Sicherheitsbehälters mit Stickstoff inertisiert, um Wasserstoffexplosionen zu verhindern.

Alle deutschen Siedewasserreaktoren sind in den letzten Jahren mit einem Druckentlastungsventil, dem sogenannten Wallmann-Ventil, ausgestattet worden, mit dem durch gefilterte Druckentlastung das Bersten des Sicherheitsbehälters wegen Überdruck vermieden werden soll.

Aus dieser anderen Bau- und Funktionsweise ergibt sich, daß bei Siedewasserreaktoren andere Vorgänge zu beachten sind, die zum Versagen von Reaktordruckbehälter und Sicherheitsbehälter führen, als die, die von den Druckwasserreaktoren bekannt sind.

Jens Kungel

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Aufbau und Funktionsweise von Druckwasserreaktoren

und Ursachen für Kernschmelzunfälle

Im Innern des großen kugelförmigen Sicherheitsbehälters ist in der Mitte der Reaktordruckbehälter zu sehen, in dem sich die uranhaltigen Brennelemente des Reaktorkerns befinden. Beim Betrieb des Atomkraftwerks wird in den Brennelementen durch eine Kettenreaktion bei der Spaltung der Uranatome Wärmeenergie frei. Zugleich entstehen bei der Uranspaltung in großen Mengen weitere Stoffe als ebenfalls radioaktive Spaltprodukte neu.

Ein üblicher Reaktordruckbehälter hat einen Durchmesser von 5 m und ist etwa 10 m hoch. Die thermische Leistung liegt bei 3760 MW (MW = Megawatt, in eine alltäglichere Maßeinheit übersetzt: 3760 Millionen Watt). Es wird also auf sehr kleinem Raum eine enorme Wärme produziert. Um diese abzuführen, sind schon im Normalbetrieb vier Reaktorkühlkreisläufe mit vier riesigen Pumpen notwendig.

Die Wärme muß aus dem Kühlwasser des Primärkreislaufs in den Sekundärkreislauf abgeleitet werden, indem in vier großen Wärmetauschern oder Dampferzeugern das Wasser des Sekundärkreislaufs so stark erhitzt wird, daß es in gasförmigen Zustand übergeht und als Dampf durch die Frischdampfleitungen zur Turbine geleitet werden kann.

Mit der Turbine wird ein Generator zur Stromproduktion angetrieben. Bei diesem Vorgang wird ungefähr ein Drittel der produzierten Wärme in elektrischen Strom umgewandelt. Die Kraft, mit der der Dampf die Turbine antreiben kann, hängt wesentlich vom Druckabfall hinter der Turbine ab. Deshalb befindet sich hinter der Turbine der Kondensator,  in dem der Dampf nach dem Durchströmen  der Turbine  soweit abgekühlt wird, daß er wieder zu Wasser kondensiert und zum Dampferzeuger zurückgeleitet werden kann. Dabei wird der größere Rest der produzierten Wärme dem Sekundärkreis entzogen und durch weitere Kühlsysteme entweder über Kühltürme in die Atmosphäre oder in den Fluß abgeleitet.

Für den Betrieb der Anlage sind Sicherheitssysteme notwendig.

Druckschwankungen im Primärkreislauf während des Betriebs müssen über einen Druckhalter ausgeglichen werden. Der Betriebsdruck im Primärkreis liegt bei etwa 160 bar. Steigt der Druck im Primärkreis über 175 bar, dann wird über Sicherheitsventile des Druckhalters Dampf in einen Abblasebehälter im Sicherheitsbehälter abgeblasen.

Im Sekundärkreislauf soll der Betriebsdruck bei knapp 70 bar liegen. Auch hier sind Sicherheitsventile angeordnet, über die Dampf in die Umgebung abgeblasen werden kann, falls der Druck im Sekundärkreislauf zu hoch wird.

Wenn es zu einer Störung in der Anlage kommt, durch die die Kühlung des Kerns beeinträchtigt wird, dann wird mit Hilfe von Steuerstäben, die von oben zwischen die Brennelemente eingeführt werden, die Kettenreaktion unterbrochen. Aber die radioaktiven Spaltprodukte, die sich in den Brennelementen befinden, zerfallen noch weiter; dabei entsteht auch weiterhin noch Wärme und zwar nicht gerade wenig. Diese Nachzerfallswärme muß nach dem Abschalten über Wochen und Monate über leistungsfähige Not- und Nachkühlsysteme aus dem Kern abgeführt werden.

Aus den Druckspeichern soll sofort schnell unter hohem Druck Kühlmittel in den Primärkreislauf eingespeist werden. Nach der Entleerung der Druckspeicher wird das Niederdruck-Notkühlsystem zum Nachspeisen des verlorenen Wassers aus den Notkühlwasserbehältern notwendig. Außerdem muß die längerfristige Nachwärmeabfuhr durch  Langzeit-Notnachkühlung  über  Zwischenkühlsystem  und  Nebenkühlwassersystem sichergestellt werden. Das Notstromsystem ist erforderlich, um die Stromversorgung der notwendigen zahlreichen Pumpen sicherzustellen.

Die Nachwärmeproduktion direkt nach der Abschaltung des Reaktors beträgtnoch ca 5% der thermischen Leistung des Reaktors. Das ist eine Leistung von knapp 200 MW. Für ein Heizkraftwerk wäre das schon eine sehr beachtliche Leistung. Eine Stunde nach der Abschaltung hat der Reaktor noch eine Leistung von ungefähr 1% der thermischen Leistung. Nach hundert Tagen ist sie auf etwa 1 Promille abgesunken.

Fällt die Kühlung des Reaktorkerns aus, beispielsweise weil die Notkühlsysteme versagen, die Pumpen ausfallen oder die Stromversorgung unterbrochen ist oder weil es zu Fehlsteuerungen kommt, dann kann die Nachzerfallswärme nicht aus dem Reaktor abgeführt werden. Der Kern heizt sich sehr schnell auf. Die Temperatur steigt um 30 °C pro Minute(!) an. Die (Ausgangs-)Betriebstemperatur liegt bei etwa 300 °C, man kann also leicht ausrechnen, daß die Schmelztemperatur der Brennelemente von etwa 2000 °C nach ungefähr einer Stunde erreicht ist, so daß das Schmelzen des Kerns beginnt. Das ist unvermeidbar. Zuerst schmelzen die Brennelementhüllrohre aus Zirkaloy und dann das Uran. Nach zwei bis drei Stunden sind die 100 Tonnen Strukturmaterialien und Brennstoff des Kerns vollständig geschmolzen. Und dann nimmt das Unglück seinen Lauf.

Wie man sieht, steht die Tatsache, daß es zum Kernschmelzen kommen kann, in direktem Zusammenhang mit der Notwendigkeit, die Kühlung des Kerns wegen der Nachwärmeproduktion auch nach der Schnellabschaltung aufrechtzuerhalten. Sie ergibt sich direkt aus der Konstruktion der Druckwasserreaktoren.
Ein Atomkraftwerk ist also ein hochkomplexes System von Rohrleitungssystemen und Behältern, die teils während des normalen Betriebs, teils nur in Notfallsituationen funktionieren müssen, von Pumpen, um das Kühlmittel in diesen Rohrleitungen zu transportieren, zahlreichen Ventilen, mit denen Durchströmen oder Absperrung von Wasser und Dampf geregelt werden, Elektromotoren, die Pumpen und Ventile antreiben, und den dazugehörigen Kabelsträngen. Zur Steuerung und Überwachung der Vielfalt von technischen Elementen und Vorgängen sind Meß- und Kontrolleinrichtungen notwendig. Ihre Signale werden über Meßleitungen in die Warte geleitet, die zum Schutz vor der starken Strahlung im Innern des Sicherheitsbehälters in einem besonderen Gebäude untergebracht ist. Zwischen den einzelnen Anlagenteilen bestehen vielfache Abhängigkeiten. Manche möglichen Funktionsstörungen und ihre Ursachen sind bekannt, andere können lange Zeit unentdeckt bleiben.

In der Abbildung unten Seite zeigen wir noch eine Darstellung von Siemens/KWU vom Aufbau eines Druckwasserreaktors heutiger Bauart. Die äußere dickste Barriere, die aufgeschnitten gezeigt ist, ist die Betonhülle, die Kuppel, die man weithin sieht. Sie ist allerdings keine Barriere gegen die Freisetzung von Radioaktivität in die Umgebung, sondern sie schützt die Anlage vor Einwirkungen von außen, vor allem vor Flugzeugabsturz. Darunter, ebenfalls aufgeschnitten, ist der Sicherheitsbehälter zu erkennen. Diese Stahlkugel von über 50 m Durchmesser umschließt alle radioaktivitätsführenden Teile der Anlage, insbesondere den Reaktordruckbehälter und alle sonstigen Bestandteile des Primärkreislaufs.

Ursprünglich galt als die wichtigste Funktion des Sicherheitsbehälters, bei einem Leck im Primärkreislauf den entweichenden Dampf aufzufangen, sodaß dieser zu Wasser kondensieren kann. Dies kann sich im Pumpensumpf der Anlage sammeln und steht als Kühlmittel für Notkühlmaßnahmen weiterhin zur Verfügung, statt in die Umgebung zu entweichen. Später erkannte man, daß der Sicherheitsbehälter bei einem Kernschmelzen als Barriere gegen das Austreten von radioaktiven Stoffen in die Umgebung betrachtet werden kann. Diese Funktion steht heute im Vordergrund des Interesses.

Die Radioaktivität ist im Normalbetrieb eingeschlossen im Reaktorkern, der die Brennelemente enthält und vom Primärkreiskühlmittel umströmt wird. Der Reaktordruckbehälter ist aufgehängt in einer Tragstruktur aus Beton; oben ist diese mit Betonplatten abgedeckt, die eine Strahlenabschirmung für das Personal bilden. Auch diese Bauteile sind keine Rückhaltebarriere für die radioaktiven Stoffe. Gelangen die radioaktiven Stoffe aus dem Kern heraus, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Barriere Reaktordruckbehälter zerstört wird, die radioaktiven Stoffe wie Cäsium, Jod und Tellur in den Sicherheitsbehälter gelangen und wann der Sicherheitsbehälter zerstört wird.

Ist die Radioaktivität aus dem Sicherheitsbehälter herausgekommen, dann ist sie auch in  der  Umgebung.  Das  heißt: Die  äußerste  Rückhaltebarriere  für  die  radioaktiven Stoffe ist der Sicherheitsbehälter.

aus:unsicher und grundrechtswidrig
Buch der BIU, Hannover

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Störfälle und Sicherheitsdefizite in Siemens-Reaktoren

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl hatte auch in der Bundesrepublik umfassende sicherheitstechnische Untersuchungen zur Folge. Alle deutschen Atomkraftwerke wurden durch die Internationale Atomenergiekommission überprüft. Nach Kenntnis des Bericht-Entwurfs erklärte das Öko-Institut: "Kein deutsches AKW ist in einem Zustand, den man als unbedenklich bezeichnen kann."

Tatsächlich dürften die Siemens-Meiler, die in der Bundesrepublik heute Strom erzeugen, inzwischen nicht mehr genehmigt werden. Sie genießen lediglich politisch gestützten Bestandsschutz. Ihre Sicherheitsdefizite sind eklatant. Wie die folgende Darstellung ausgewählter Störfälle in Siemens-Reaktoren während der vergangenen Jahre zeigt, ist technisches und menschliches Versagen an der Tagesordnung. In Einzelfällen entging die Republik nur knapp einer Reaktorkatastrophe.

Biblis A: "Allgemeiner Trubel im Anfahrbetrieb"

Eine schadhafte Armatur im Atomkraftwerk Biblis-A brachte Mitteleuropa am 16. Dezember 1987, acht Tage vor Weihnachten, an den Rand einer nuklearen Katastrophe. Menschliches Versagen fiel damals zusammen mit unzulänglicher Siemens-Technik. Der Störfall ereignete sich, als die Ingenieure nach einer unplanmäßigen viertägigen Abschaltung den Reaktor wieder anfahren wollten. Drei Arbeitsschichten lang übersah die Betriebsmannschaft, daß ein Absperrventil zwischen Primärkreislauf im Inneren der Sicherheitshülle und dem außen gelegenen Notkühlsystem sich nicht ordnungsgemäß schloß. Die Automatik konnte das Problem nicht erkennen. Schließlich wurde versucht, das defekte Ventil durch Manipulation der Druckverhältnisse in der Leitung zu schließen. Dazu öffnete das Personal mit einem Motor ein zweites, hinter dem ersten liegendes Absperrventil derselben Leitung. Dadurch bestand eine Verbindung zwischen dem Primärkreislauf und den Systemen außerhalb des Sicherheitshülle, der zentralen Barriere in den Siemens-Reaktoren gegenüber der Umgebung. Durch das Leck kam es zu einer Freisetzung von radioaktivem Dampf, weil die äußeren Rohrsysteme für die auftretenden Drücke nicht ausgelegt sind. Nur durch ein Herunterfahren der Anlage kam es in Biblis nicht zur Katastrophe. Ein Jahr nach dem Unfall starb der Reaktorfahrer der Bedienungsmannschaft an Leukämie.

Der Störfall wurde von der atomenergiefreundlichen Reaktorsicherheitskommission als so brisant eingestuft, daß die Siemens-Reaktoren klammheimlich nachgerüstet und die Betriebshandbücher umgeschrieben wurden. Ein Offizieller mußte einräumen, durch diesen Störfall "eine generelle Schwachstelle in unseren Betriebsvorschriften und im Reaktor-Schutzsystem" gefunden zu haben.

Der brisante Störfall wurde ein Jahr lang von Atomwirtschaft und Politik geheimgehalten, bis ein amerikanischer Informationsdienst das Geschehen Ende 1988 aufdeckte. Die US-Atombehörden waren stinksauer, weil an sie keine Warnung über dieses bislang völlig unbekannte Störfallszenario erging.

Diskussionen um diesen Störfall ergaben auch interessante Einblicke in die Arbeitsbedingungen vor Ort beim Hochfahren der Siemens-Reaktoren: So bezeichnete der damalige Kraftwerksdirektor Fred Meier den Störfall als Folge des "allgemeinen Trubels im Anfahrbetrieb des Reaktors".

Das defekte Absperrventil in Biblis-A war kein Einzelfall. Ventile sind häufig die Ursache gefährlicher Störfälle. Die Anlagen müssen sich beim Kraftwerksbetrieb reibungslos öffnen und schließen lassen. Sonst entstehen leicht hohe Drücke oder auch Verbindungen zwischen Bereichen, die voneinander abgeschirmt werden sollen. Wer bei diesen Armaturen aber an die kleinen Ventile am Fahrradschlauch denkt, unterschätzt die Dimensionen in einem Atomkraftwerk ...

Im Siedewasserreaktor Brunsbüttel kam es im Frühjahr 1992 zu einer automatischen Abschaltung, bei der erhöhte Mengen Radioaktivität an die Umgebung abgegeben wurden. Eines der Isolationsventile am Sicherheitsbehälter hatte sich unvermittelt und "regelwidrig" plötzlich geöffnet. Der tonnenschwere Stempel des Ventils war mit gefährlicher Wucht auf das Rücklager des Armaturgehäuses geprallt. Daraufhin waren gebrochene "Tellerfedern" in Armaturen entdeckt worden, die schon zwei Monate nach dem Austausch erneut "rißbehaftet" waren.

Mit welcher Gewalt das "Öffnen" von Ventilen in einem Atomkraftwerk auf das Reaktorsystem einwirkt, zeigte sich auch Ende Dezember 1992 im Atomkraftwerksblock Philippsburg-1. Dort löste das ungewollte plötzliche und harmlos anmutende "Öffnen der Isolationsventile" derartige Erschütterungen aus, daß eine seismographische Meßanzeige die Mannschaft im Kontrollraum zunächst an ein Erdbeben glauben ließ.

Am 8. August 1988 schaltete der Schichtleiter des Atomkraftwerkblocks Gundremmingen-C den Reaktor ab, weil er "das Gefühl" hatte, daß ein Druckventil zu lange offen gestanden habe. Eine Überprüfung ergab, daß sich eines von elf Sicherheitsventilen geöffnet, aber nicht wieder geschlossen hatte. Im Atomkraftwerk Brunsbüttel wurde Anfang 1995 bei Montagearbeiten festgestellt, daß sich ein Sicherheitsventil des Reaktordruckbehälters nicht schließen ließ.

Ventile sind auch insofern chronische Schwachstellen, indem durch sie immer wieder Radioaktivität aus den Kraftwerken dringt. Am 7. Juli 1994 wurde im Atomkraftwerk Unterweser ein Leck an einem der vier Druckhalter-Sicherheitsventile gefunden. Die Dampfleckrate betrug 15 Kilogramm pro Stunde. Die gleichen Ventile gibt es in Stade, Obrigheim und Neckarwestheim.

Risse im Austenit-Stahl werden "eher zufällig" gefunden

Am 7. Juli 1995 war es in Biblis-A mal wieder so weit. Ein Leck im Not- und Nachkühlsystem legte den Reaktor still. Ursache war der von Siemens gepriesene "austenitische" Stahl, der in immer mehr deutschen Atomkraftwerken bei den extremen Belastungen versagt.

Im Atomkraftwerksblock Biblis-B wurde 1988 bei Wartungsarbeiten ein Leck im Nachkühlsystem des Primärkreislaufs entdeckt, aus dem radioaktiv verseuchtes Kühlmittel austrat. Am 8. September 1994 wurde bei Wartungsarbeiten im Notkühlsystem ein gebrochenes Ventil gefunden. Im Februar 1995 drang aus einem Rohr, das zum überlebenswichtigen primären Kühlsystem des Reaktors gehört, mehrere Stunden lang radioaktiv verseuchter Wasserdampf. Die Stahlleitung war erst Ende 1994 überprüft worden.

Bei Montagearbeiten im Atomkraftwerk Brunsbüttel Anfang 1995 wurden Risse im Bereich der "Deckeldusche" des Druckbehälters gefunden. Bei einer vorausgegangenen High-Tech-Untersuchung waren die Risse übersehen worden.

Das war nicht das erste Mal, daß in Brunsbüttel zahlreiche Risse gefunden wurden. Bereits 1982 mußten Rohrleitungen aufgrund von Rissen ausgetauscht werden. Bei einer Inspektion am 1. Oktober 1989 wurde ein 70 mm langer Riß in einer 40 cm starken Frischdampfleitung gefunden. Drei weitere Risse wurden in Kühlmittelleitungen entdeckt. Wiederum mußten 160 m Rohrleitungen ersetzt werden.

Bei der Jahresrevision im August 1992 wurden in Brunsbüttel - wie sich das Kieler Energieministerium ausdrückte - "eher zufällig" sechzig Risse im Kühlkreislauf des Atomkraftwerks entdeckt. Ein Rohrbruch im Kühlsystem könnte im äußersten Fall zur Kernschmelze führen. In den Untersuchungen der folgenden Monate erhöhte sich die Zahl der gefundenen Risse auf rund 130. Die zentimeterlangen Risse hatten sich stellenweise bis zu 6,3 Millimeter durch eine nur 7,4 Millimeter dicken Rohrwand gefressen.

In den achtziger Jahren waren die Rohre von der Firma "Aweco" überprüft worden - offenbar als Subauftragnehmer von Siemens. Zwei Mitarbeiter der inzwischen aufgelösten Firma erklärten 1992, ihre Anweisung lautete, "bei der Überprüfung von Schweißnähten nicht zu viele Fehler zu finden." Außerdem seien Röntgenbilder von schadhaften Schweißnähten verschwunden. Viele Mitarbeiter der Firma seien im übrigen innerhalb von nur zwei bis drei Wochen angelernt worden. Pfusch und Mauscheleien in deutschen Atomkraftwerken sollen nach Angaben von Technikern mehrerer Firmen "an der Tagesordnung" gewesen sein.

Ein nicht beabsichtigter Kurzschluß verhinderte die Katastrophe

Die Risse traten in sogenannten "austenitischen" Stählen auf. Dabei handelt es sich um eine Speziallegierung, die Siemens für besonders rißbeständig hielt. Die austenitischen Spezialrohre waren nach einem schweren Störfall im Atomkraftwerk Brunsbüttel im Jahre 1978 eingebaut worden - dem schwersten Störfall in Westdeutschland überhaupt. Damals strömten nach dem Abreißen eines Stutzens der Frischdampfleitung fast drei Stunden lang etwa 145 Tonnen radioaktiv verseuchter Dampf unkontrolliert ins Freie. Eine Katastrophe war ausgeblieben, weil der Reaktor nur mit 36% der Nennleistung betrieben wurde und ein nicht beabsichtigter Kurzschluß den Atommeiler automatisch abschaltete.

Nicht nur in Brunsbüttel, beispielsweise auch im Atomkraftwerk Krümmel wurden bei einer Routineuntersuchung im August 1993 Risse in über 70 Schweißnähten entdeckt. Anfang 1994 wurden in den eisenhaltigen Rohrleitungen des Speisewassersystems weitere 67 betriebsbedingte Risse entdeckt. Sie hatten eine Länge von bis zu 25 Millimetern.

Im Atomkraftwerk Würgassen wurden am 9. Juli 1991 Defekte an Schweißnähten in einem 3,5 m langen und 40 cm dicken Rohrstück des Niederdruck-Teils des Notkühlsystems gefunden. Die Risse in einer Umfangschweißnaht sind offenbar bereits bei der Herstellung entstanden. Ein Abriß dieser Leitung hätte zu einem gefährlichen Leckstörfall führen können. Glücklicherweise wurde das Atomkraftwerk Würgassen 1995 endgültig stillgelegt.

Neben einer zunehmenden Rißbildung in Rohren versprödet der Stahl der Reaktordruckbehälter unter dem Einfluß der intensiven Neutronenstrahlung. Im Februar 1994 belegte ein Gutachten im Auftrag des niedersächsischen Umweltministeriums die fortschreitende Versprödung des Reaktordruckbehälters im Atomkraftwerk Stade. Sie sei weiter fortgeschritten als bislang angenommen. Es sei nicht ausreichend belegt, daß der Behälter allen Hitze- und Druck-Belastungen standhalte, die bei Störfällen auftreten könnten.

Unfallursache Brennelementwechsel

Störfälle ereignen sich auch immer wieder beim Brennelementwechsel. Eigentlich eine unproblematische Routinearbeit - sollte man meinen ...

Beim Brennelementwechsel am 1. August 1988 wurden im Atomkraftwerk Brokdorf 18 der Brennelemente beschädigt. An einzelnen Brennstäben gab es Schleifspuren und Abbrüche. Ein sogenannter Zentrierstift, der die Brennelemente korrekt ausrichtet, war gebrochen. Drei Ecken von Abstandhaltern und eine Feder waren verlorengegangen und wurden nicht mehr aufgefunden. Nach einem Gutachten des TÜV-Norddeutschland lagen die vier Teile vermutlich im Druckbehälter: "Nicht völlig ausschließen können wir, daß es zu vereinzelten Beschädigungen an Brennelementen" kommen könne, wenn die Teile nach dem Wiederanfahren des Reaktors durch Wasserdruck in Bewegung geraten sollten.

Am 24. Juli 1989 brach im bayerischen Atomkraftwerk Isar-1 während des Brennelementwechsels der Teleskoparm einer Lademaschine ab. Ursache war der Zusammenstoß mit einer Plattform. Dabei fielen 54 Kugeln aus einem Kugellager in den offenen Reaktordruckbehälter. 45 der Kugeln konnten mit Magneten aufgehoben werden. 9 Kugeln wurden nicht mehr gefunden. Um Kosten zu sparen, wurde der Reaktor dennoch wieder in Betrieb genommen.

1989 stürzte im Atomkraftwerk Krümmel ein gebrauchtes Brennelement aus fünf Metern Höhe in das Lagerbecken. In Gundremmingen-C kam es 1990 zu einem ähnlichen Unfall, nachdem ein Kran irrtümlich ein Brennelement ergriff. In Würgassen war es 1991 eine Vorrichtung zum Beschneiden von Brennelementen, die ins Lagerbecken fiel.

Das jüngste Ereignis betraf den Atomkraftwerksblock Philippsburg-1. Am 24. Januar 1997 wurden im Rahmen einer Reparatur die Betriebs-, die Zusatz- und die Sicherheitsbremse des Brennelemente-Krans außer Kraft gesetzt. Da die Bremsen nach der Reparatur nicht wieder aktiviert wurden, schlug der Kran drei Tage später auf einem Lagergestell des Lagerbeckens auf. Glücklicherweise befanden sich an dieser Stelle keine Brennelemente.

Ob sich im Siemens-Reaktor Krümmel in den achtziger Jahren ein schwerer Störfall ereignet hat oder kontinuierlich Radioaktivität in hohem Maße freigesetzt wurde, konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Viele Indizien sprechen jedenfalls für eine deutlich erhöhte Radioaktivitätsabgabe. Und: In der Umgebung des Atomkraftwerks findet sich die weltweit höchste Leukämie-Rate. 1987 sind unter ungeklärten Umständen Meßdaten des Betreibers verlorengegangen. 97 Störfalldosimeter sind nach Betreiberangabe durch einen Gerätedefekt "unbrauchbar" geworden. Am 12. September 1986 war ein Meßtrupp in Strahlenanzügen außerhalb des Atomkraftwerks unterwegs. Das Tritiumüberwachungssystem im Atomkraftwerk wurde 1988 ohne Begründung geändert. WissenschaftlerInnen fanden in den Jahresringen von Baumscheiben für die Jahre 1986 und 1988 eine erhöhte Menge radioaktiver Ablagerungen, die nicht aus Tschernobyl stammen können. Im Kieler Umweltministerium wurden für die Jahre 1984, 1985 und 1988 bei drei Meßgeräten auf dem Dach des Maschinenhauses "überraschend hohe Werte" ermittelt. Und ein interner Report von Experten im Auftrag der Internationalen Atomenergiekommission stellte 1996 fest, daß sich "Ablagerungen auf den Brennstäben ... in großem Umfang abgelöst" hätten. Dieses unverhältnismäßig ungewöhnliche Vorkommnis habe zu einer "erhöhten Kontamination des Reaktorsystems geführt."

Die Abgabe erhöhter Mengen von Radioaktivität durch Schäden an den Brennstäben ist nichts ungewöhnliches. Beispielsweise wurde am 26. Juni 1995 vom Atomkraftwerk Brokdorf wegen defekter Hüllrohre der Brennstäbe eine erhöhte radioaktive Strahlung an die Umgebung freigesetzt.

Es gibt kaum eine zentrale, sicherheitstechnisch brisante Komponente, die - auch in den letzten Jahren - in einem Siemens-Reaktor nicht versagt hätte. So kam es am 5. Juni 1992 im Atomkraftwerk Grohnde sogar zum Ausfall von Hauptkühlmittelpumpen mit der Folge einer Reaktorschnellabschaltung.

Manchmal werden auch bereits beim Bau entstandene Mängel an zentralen Sicherheitssystemen erst nach jahrelangem Betrieb entdeckt. Im Dezember 1988 überraschte das Kieler Energieministerium die Öffentlichkeit mit der Enthüllung einer Super-Schlamperei im Siemens-Reaktor Brokdorf. Aufgrund eines Montagefehlers fehlten seit der Inbetriebnahme des Atomreaktors im Jahre 1986 bei allen vier Notstromdieseln wichtige Teile, die zum Versagen der Notaggregate hätten führen können.

Im August 1996 enthüllte das Fernsehmagazin Monitor, daß Siemens beim Bau des Atomkraftwerks Krümmel gefährlich improvisiert hat. Da die angelieferten Stahlteile des Reaktordruckbehälters nicht gepaßt haben, wurden sie beim Einbau vor Ort mit hydraulischen Pressen zurechtgebogen und unter Spannung aneinandergeschweißt. Nach Meinung unabhängiger Experten ergibt sich daraus eine verminderte Belastbarkeit des Druckbehälters. Auf eine neue Fertigung bzw. Bearbeitung der Teile im Stahlwerk verzichtete Siemens aus Zeit- und Kostengründen.

Neben der Siemens-Technik versagt auch in Deutschland immer wieder die "Reaktormannschaft". Eine gefährliche Schwachstelle in deutschen Atomkraftwerken, die von Siemens stets geleugnet wird.

Zu welch gefährlicher Fahrlässigkeit das Personal in deutschen Atomkraftwerken bereit ist, zeigt ein Ereignis am 18. September 1988 im Atomkraftwerk Stade. Innerhalb von zwanzig Sekunden versuchte die Bedienungsmannschaft, eine bereits angezeigte Turbinenschnellabschaltung zu verhindern, ohne die Ursache für die Schnellabschaltung zu kennen. Per Knopfdruck hatten sich die AKW-Techniker bemüht, ein geschlossenes Rohrbruchventil wieder zu öffnen, um einer Schnellabschaltung zuvorzukommen. Zum Glück mißlang das riskante Manöver. Die Betreibergesellschaft PreussenElektra mußte bestätigen, daß die Bedienungsmannschaft "nahe an die Sicherheitsgrenzen herangegangen" war.

Die Videokamera zeigte eine "Flammenwand"

Und immer wieder ist es eine Vielzahl von technischen Mängeln in den Siemens-Reaktoren, die uns hart an den Rand einer Katastrophe führen. Gerade der Brandschutz läßt in vielen Anlagen sehr zu wünschen übrig.

Nach dem schweren Störfall im Atomkraftwerksblock Biblis-A im Jahr 1987 hatte sogar der konservative hessische Umweltminister Karlheinz Weimar (CDU) von den Betreibern 49 Maßnahmen zur Verbesserung der Anlagensicherheit gefordert. Der Energiekonzern RWE setzte sich jedoch selbstgefällig und machtbewußt über die Auflagen des Ministers hinweg, die auch einen verbesserten Brandschutz im Sicherheitsbereich vorsahen. Der damals amtierende hessische Umweltminister Joschka Fischer (Grüne) wollte daher die Wiederinbetriebnahme von Biblis-A nicht genehmigen. Nach einer Weisung der Bundesregierung wurde die Wiederinbetriebnahme verfügt, Fischer lehnte jegliche Verantwortung für den Siemens-Reaktor ab.

Am 05.03.94 waren die Vorbereitungen für den Betriebsbeginn von Biblis-A voll angelaufen, als ein Alarm einen Kurzschluß in der 10 kV-Versorgung der Reaktorkühlpumpen anzeigte. Das Personal versuchte noch, den Fehler zu lokalisieren, als ein Feueralarm einsetzte. Ein frisch inspizierter Pumpenmotor im Sicherheitsbereich war in Brand geraten. Eine Videokamera zeigte eine Flammenwand im Raum der Pumpenmotoren. 13 eigene und 69 Feuerwehrleute von außerhalb versuchten zunächst mit Handfeuerlöschern den Brand einzudämmen. Da das nichts nutzte, wurden alle Personen aus dem Containment evakuiert. Der Brand konnte erst im zweiten Anlauf durch die Sprinkleranlage gelöscht werden.

Beim zweiten Versuch den Reaktor in Biblis-A anzufahren, führte ein Turbinenschaden zur automatischen Abschaltung. Und der dritte Versuch scheiterte an einer Undichtigkeit im radioaktiv verseuchten Primärkreislauf. Das Leck war in einem Rohr aus Austenit-Stahl aufgetreten. Allerdings nicht wie üblich an einer Schweißnaht, sondern im Werkstoff des Rohres.

Die 94er Pannenserie war keineswegs eine außergewöhnliche Pechsträhne in Biblis A. 1986 beispielsweise wurden 334 "Vorkommnisse" registriert. 1987 waren es 400.

Henrik Paulitz
aus: Siemens Nuklear alternativer Berricht über die Siemens-AG

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Radioaktive Partikel aus AKWs torpedieren unser Immunsystem

Bereits im "Normalbetrieb" ist das Leben in der Nähe von Siemens-Reaktoren höchst gefährlich. Seit Jahren ist bekannt, daß sich in der Nähe von Atomanlagen Leukämieerkrankungen von Kindern häufen; beispielsweise in Würgassen, Jülich und Krümmel. Neben Leukämie und anderen Krebserkrankungen sind allerdings weitere Langzeitfolgen zu befürchten. Sogenannte "knochensuchende Radionuklide", radioaktive Teilchen also, die sich gezielt in die Knochen einlagern, zerstören dort Zellen, stören die Blutbildung und schädigen das Immunsystem.

Das künstliche Radionuklid Strontium-90 wird bei Atomtests, bei AKW-Unfällen und auch im Normalbetrieb von Atomkraftwerken über Abluft und Abwasser an die Umwelt abgegeben. Darüber hinaus entstehen die knochensuchenden Radionuklide Strontium-90 und Barium-140 durch radioaktiven Zerfall aus radioaktiven Edelgasen.

Über die Nahrungskette gelangt Strontium-90 in den menschlichen Körper. Als Element, das chemisch dem Calcium ähnlich ist, wird es in den wachsenden Knochen eingebaut, wo es sich anreichert und jahrelang liegen bleibt. Aus nächster Nähe bombardiert Strontium-90 die Stammzellen des Knochenmarks und hat somit einen schädigenden Einfuß auf den Sauerstofftransport des Blutes (rote Blutkörperchen), die Blutgerinnung (Blutblättchen) und auf das Immunsystem (weiße Blutkörperchen).

Durch Dauerbeschuß des Knochenmarks mit energiereicher Teilchenstrahlung kommt es zum Verlust der Teilungsfähigkeit bzw. zum Tod von Stammzellen. Durch die Vermehrung nicht-getroffener Stammzellen kann der Verlust lange Zeit kompensiert werden. Bei anhaltender Strontium-Anreicherung ist die Kapazität zur Kompensation aber irgendwann erschöpft. Störungen der Blutbildung, der Blutgerinnung und des Immunsystems, aber auch Leukämie, können die Folgen einer solchen Dauerbelastung sein, so der Strahlenbiologe Prof. Roland Scholz von der Universität München.

Die Störung des Immunsystems kann sich äußern in abnormen Abwehrreaktionen (Allergie) und im Ausbruch einer Krebskrankheit. Ein im Entstehen begriffener Krebs, der sonst vom Immunsystem unter Kontrolle gehalten wird, kann unter Umständen nicht mehr bekämpft werden.

Tatsächlich führt die hohe Verstrahlung Belorußlands und der Ukraine nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bei Kindern inzwischen zu Symptomen wie "Blutarmut" (Anämie), Blutungsneigung und Immunschwäche. Das Krankheitsbild wird zutreffend als "Tschernobyl-Aids" bezeichnet.

Knochensuchende Radionuklide bombardieren unser Knochenmark

Neben der Gefahr durch Strontium-90 werden auch die originären Risiken durch radioaktive Edelgase wie Krypton und Xenon stark unterschätzt. Dabei handelt es sich um die mit Abstand höchsten Emissionen von Atomkraftwerken, die im sogenannten Normalbetrieb über den Ablufkamin abgegeben werden. Sie entstehen in besonders großer Menge beim Lastwechsel von Atomanlagen, zum Beispiel bei einer Reaktorschnellabschaltung.

Edelgase sind um ein Vielfaches besser als Sauerstoff wasser- und fettlöslich. Nach dem Einatmen passieren sie leicht die Lungenmembranen, lösen sich im Blutplasma und können sich schließlich in allen Lipidstrukturen (funktionell wichtige Körperfette) anreichern. Als beta-Strahler erzeugen sie dort in großer Zahl gefährliche "Radikale". Dabei handelt es sich um chemisch sehr aggressive Atome.

Nach den Edelgasen ist das Wasserstoff-Isotop Tritium das Radionuklid mit der höchsten Aktivität in den Emissionen von Atomkraftwerken. Es entweicht, wenn bei Lastwechseln Haarrisse in den Hüllrohren der Brennstäbe entstehen. Die genehmigten Tritiumabgaben sind beträchtlich. Die Jahresproduktion der deutschen Atomkraftwerke liegt bei rund 1,48×1016 Becquerel Tritium. Das entspricht etwa einem Hundertstel der in Tschernobyl freigesetzten Radioaktivität!

Tritium kann anstelle von normalem Wasserstoff in Wassermoleküle eingelagert und anschließend in pflanzliche und tierische Gewebe eingebaut werden. In dieser Form kann es vom Menschen aufgenommen und Bestandteil körpereigener Stoffe werden. Beim Zerfall richtet nicht nur die radioaktive Strahlung Schäden an. Vielmehr wandelt sich das Wasserstoff-Isotop in Helium um, wodurch das betroffene Molekül seine Funktion verlieren kann. Handelt es sich bei dem betroffenen Molekül um eine Nukleinsäure (Erbinformation), so entsteht ein sogenannter "Informationsschaden" mit möglichen Folgeschäden nach Jahren oder auch Generationen. Ist sogar ein Bereich betroffen, der für die Zellteilung verantwortlich ist, kann der Tritium-Zerfall Initiator einer Krebsentwicklung werden.

Henrik Paulitz
aus: Siemens Nuklear

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Konsens ist Nonsens

Schon der bloße Anschein reicht. Es scheint, die Stunde der Atomkraftwerke habe geschlagen. Auch wenn die jetzt angestrebte Atomgesetznovelle - sie gehört zum 100 Tage Programm von Rot-Grün und ist den sogenannten Konsensgesprächen vorgeschaltet -  mit dem Atomausstieg rein gar nichts zu tun hat. So wird die Gesetzesnovelle zu einem ersten Schritt hochstilisiert, als würde der Risikotechnologie Atomkraft der entscheidende Stoß zu versetzt. Die Stromgiganten plustern sich mächtig auf und betreiben genüßlich Spiegelfechtereien. Sie drohen, die Konsensverhandlungen zu boycottieren, wenn die Vorabnovelle kommt, in der lediglich der Förderzweck der Atomkraft gestrichen, die Deckungsvorsorge für den Schadensfall erhöht und eventuell dem sukzessiven Abschied von der Wiederaufbereitung der Weg geebnet werden soll.

Ein Konsens setzt voraus, daß man im Interessenstreit Schnittmengen gemeinsamer Ziele auslotet und sich auf Kompromisse verständigt. Es ist ein Geben und Nehmen. Am Ende steht die Übereinstimmung.

Bereits zweimal wurde konsensverhandelt. Worum ging es? Als 1993 zum ersten Mal die sogenannten Konsensgespräche zwischen der CDU-geführter Bundesregierung und der Stomwirtschaft stattfanden, schien ein solcher Kompromiß zwischen den beteiligten Akteuren möglich. Signalisiert wurde die Bereitschaft der Konzerne, einige Uralt-Reaktoren auslaufen zu lassen. So stand das AKW Würgassen nach einer Reihe von Pannen zur Disposition, eine Nachrüstung rechnete sich nicht. Inzwischen ist es stillgelegt - auch ohne Konsens. Die Option Atomkraft sollte aus Sicht der Atomindustrie unbedingt offen gehalten werden. Gemeint war (und ist) die Option auf den Bau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR). Im gleichen Jahr 1993 wurden die Pläne des Baukonsortiums von Siemens und Framatome bekannt, ein standortunabhängiges Genehmigungsverfahren in der BRD einzuleiten.

Auch die Wiederaufarbeitung abgebrannter Kernbrennstoffe in der WAA La Hague bzw. Sellafield stand zur Disposition, sie sollte zugunsten des Konzepts "Direkte Endlagerung" zurückgefahren werden. Bei der Endlagersuche wollten Wirtschaft und Politik sich auf einen Standort konzentrieren. Damals wurde das Gorlebenprojekt stärker in Frage gestellt als der "Schacht Konrad", obwohl jenes ausgediente Erzbergwerk gar nicht als Deponie für die wärmeentwickelnden, hochradioaktiven Abfälle in Betracht käme. Externe Langzeitzwischenlager wie in Ahaus und Gorleben sollten der Atomwirtschaft aus der Entsorgungsbredouille helfen.

Die Schnittmenge an konsensfähigen Positionen zwischen Atomstromern, CDU/FDP und SPD-Opposition, die wegen ihrer Schlüsselstellung in Fragen der nuklearen Entsorgung (Schacht Konrad, Brennelementzwischenlager Gorleben, Endlagersuche in Gorleben und Pilot-Konditionierungsanlage in Gorleben) geladen wurde, war auszumachen. Ein "Atomkonsens" lag für die Beteiligten in greifbarer Nähe.

Allerdings wurden die Ziele weiter gesteckt: es sollte auch einen weitergehenden "Energiekonsens" geben, also einen gesellschaftlichen Grundkonsens, eine Art Stillhalteabkommen in der kernspaltenden Frage. Deshalb wurden auch die Grünen eingeladen zu "verhandeln" und parallel zu den Parteiengesprächen mit der Stromwirtschaft waren auch Umweltverbände und Gewerkschaften eingebunden.

Das konnte nicht gut gehen. Für die Umweltverbände und die dahinter stehende bzw. autonom agierende Anti-AKW-Bewegung gab und gibt es nichts zu "verhandeln", denn ein Spiel mit dem Restrisiko, ein Ja zum Weiterbetrieb von Atomanlagen - mit Ausnahme derer, die nach der Stillegung aller AKW´s für die Überwachung, der Rückbau oder die Endlagerung nötig sind - kann es nicht geben. Es konnte auch die Verknüpfung von Atom- und Energiekonsens nicht gelingen, weil dem notwendigen Umbau der Energieversorgung der Weiterbetrieb der AKW´s entgegensteht: diese binden Kapital, das frei vagabundieren müßte und in den Aufbau von Kraft-Wärmekoppelung, den Ausbau der regenerativen Energien etc. fließen müßte.

Die Gespräche scheiterten vor allem daran, daß es keinerlei Verständigung über die sogenannten "Restlaufzeiten" gab, die Festschreibung von Restlaufzeiten zu verhindern war und ist natürlich das Hauptanliegen der Kapitaleigner.

Der CDU-Umweltminister Klaus Töpfer trug den Bedürfnissen der Stromwirtschaft  nach dem offensichtlichen Scheitern der Konsensrunde in mancherlei Hinsicht Rechnung durch eine Novelle des Atomgesetzes im Jahr 1994: die Wiederaufbereitung war als "Entsorgungsbeitrag" (sic!) war nicht mehr zwingend vorgeschrieben, die externen Zwischenlager wurden im nachhinein legalisiert, das Atomrecht sah bis dato gar keine vor.

Eine Neuauflage der Konsensverhandlungen gab es nach den massiven Anti-Castorprotesten 1994 - 97  in Gorleben. Jetzt -1997 - wollten sich nur noch ein kleiner Kreis, nämlich die CDU-Umweltministerin Merkel und der unermüdliche SPD-Verhandlungsführer Schröder mit der Stromwirtschaft wenigstens auf ein Konzept zur Atommüllagerung verständigen, das "burden sharing". Es ging im entferntesten nicht mehr um die künftige Energiewirtschaft, nicht einmal mehr um die Nutzung der Atomkraft, sondern allein um die Verkürzung der Wegstrecken von Castortransporten und darum, Gorleben "aus dem Feuer" zu holen.  Im Norden (Gorleben), Osten (Greifswald), Süden (Anderswo) und Westen ( Ahaus) der Republik sollten Lagerkapazitäten bereit gestellt werden, eben eine politische Lastenteilung bei den zu erwartenden Protesten. Das wäre es gewesen, aber auch hier endete das Konsensgeklüngel mit Mißtönen, weil Schröder wiederum von seiner Partei mit Blick auf die Bundestagswahl 1998 bedeutet wurde, sie könne das nicht mittragen.

Die rot-grüne Koalition in Bonn will nun eine dritte Neuauflage der Konsensrunden ab Ende Januar 1999. Damit es kein Vertun gibt: es soll allein mit der Stromwirtschaft konsensverhandelt werden, und zwar für die Dauer eines lieben langen Jahres. Das ist leider kein Ausdruck konsequenter Anti-Atom-Politik, sondern bereits der erste große Rückzieher in einem Themenfeld, das immerhin als "Essential" zumindest grüner Politik gehandelt wurde. Die Wahlaussagen vor allem der Grünen lauteten nämlich ganz anders: Es sollte ein Atomausstiegsgesetz geben mit Ausstiegsfristen nach der Formel x +1 +5. X steht für die Dauer der gesetzgeberischen Arbeit nach einen Regierungswechsel, die auf einen Gesetzentwurf des hessischen Umweltstaatssekretärs Baake zurückgreifen kann. 1 steht für das eine Jahr des gesetzlich vorgegebenen "schonenden Übergangs" für die Absicht, eine unbefristete Betriebserlaubnis nachträglich zu befristen. Und die 5 steht für die fünf Jahre selbstgesetzter Frist - eine eindeutig politische Größe - bis zur Stillegung des letzten der noch verbliebenen 19 AKW´s. Natürlich konnte sich die Anti-AKW-Bewegung mit diesem Szenario nicht anfreunden. Hier war schließlich der Gefahr eines schweren Störfalls mit katastrophalen Folgen nirgendwo Rechnung getragen, geschweige denn der Atommüllproblematik. Der Atomausstieg würde nur auf die lange Bank geschoben.

Wenn ein Jahr lang für die Dauer  Konsensrunden gar noch eine "Friedenspflicht" herrscht, also der sicherheits- bzw. ausstiegsorientiert Vollzug des bestehenden Atomgesetzes auf Eis gelegt wird, kasteit sich Rot-Grün vollends. Eine Politik der "Nadelstiche" solle es nicht geben, beeilte sich Wirtschaftsminister und ehemalige Veba-Manager Müller, den Schröder ins Bundeskabinett hievte, in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau ("Ich bin kein eingefleischter Atomkraftgegner", FR 17.11.98) zu sagen. Um dann noch als Marschroute vorzugeben, daß dem Primat der Ökonomie Rechnung getragen würde:"Wenn es in den nächsten Jahren Abschaltungen gibt, dann weil der Weiterbetrieb unwirtschaftlicher wäre als die Stillegung." Und dann noch klarer: "Nur der Politik wegen wird in den nächsten vier Jahren kein Reaktor stillgelegt."

Genauso gehorchen die Koalitionsaussagen zur Atommüll"entsorgung" dem Primat der Ökonomie: Verzicht auf die Wiederaufarbeitung aus Kostengründen, Konzentration bei der Endlagersuche auf einen Standort. Diese Positionen klingen altvertraut, siehe 1993. Dezentrale Zwischenlager sollen einerseits Transporte minimieren und schaffen andererseits ohne klare Fristsetzungen für den Atomausstieg die Voraussetzungen für einen "ungestörten" Reaktorbetrieb.

Konsens ist Nonsens. Aber nolens volens muß sich die Anti-AKW-Bewegung auf ihre besten Qualitäten besinnen: Aktionsbereitschaft und -fähigkeit- trotz und gerade wegen der Ernüchterung über die Ergebnisse der Koalitionsvereinbarungen in dieser Frage. Ein schweres Los. So ohne jede Begeisterung läßt sich wenig entfachen. Den Beginn der Konsensverhandlungen werden wir  kritisch und aktionistisch begleiten. Der Atomausstieg gehört nicht auf die lange Bank, er braucht eine Lobby. Wer sich jetzt zurücklehnt und "die da" machen läßt, überläßt das politische Feld den herrschenden Parteien, den Stromkonzernen und aufgehetzten Belegschaften, die - wie in Biblis - bereits wütende Proteste bis hin zu Stromabschaltungen ankündigten. Die Spiegelverfechtereien und Schattenkämpfe sind ein blasser, verschwommener Abdruck dessen, was originär mit der Losung "Atomkraft- nein danke" verbunden wird: für (Über-)Lebensinteressen, gegen Profitinteressen zu kämpfen. Letzteres muß unsere Rolle sein.

Wolfgang Ehmke

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Langsam wird es konkret: Handlungsperspektiven in rot-grünen Zeiten, Teil 2

Was die Bewegung so plant

Mit dem folgenden Beitrag ist es nicht so einfach. Es ist kein  richtiger journalistischer Überblick darüber geworden, was die  Bewegung so alles plant. Dazu fehlen mir Informationen von  verschiedenen Standorten und Kampagnen. Es ist aber auch kein  durchgängiges Konzept, das ich zur Diskussion stellen kann. Der  Artikel pendelt irgendwo dazwischen: Teilweise berichte ich nur,  was andere aushecken, teilweise stelle ich Ideen verschiedener  Leute vor, von denen manche noch kaum mit anderen diskutiert  sind. Es ist also eine Art Werkstattbericht geworden, eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt des aaa-Redaktionsschlusses, damit die LeserInnenschaft wenigstens halbwegs auf dem Laufenden bleibt. Der Text baut inhaltlich auf meinem  Beitrag "Erste Gedanken über Handlungsperspektiven in rot-grünen  Zeiten" aus der aaa 96 (Seite 30) auf.

In den letzten Monaten gab es zwei überregionale Treffen, auf  denen (auch) über Handlungsperspektiven der Bewegung gesprochen  wurde.

Standorte-Treffen

In Göttingen fand am 21. November das Nachfolgetreffen der  Standorte-AG von der Berliner Herbstkonferenz statt. Eingeladen  worden war zum "Atommüll-Standorte-Treffen" unter dem Thema  "Atommüll-Politik in rot-grünen Zeiten." Gekommen sind  erstaunlich viele. Wenn mensch auch städtische Initiativen  mitzählt, die zu bestimmten Atomanlagen intensiv arbeiten, waren  folgende Standorte vertreten: Die AKWs Neckarwestheim,  Philippsburg, Obrigheim, Biblis, Grohnde, Esenshamm, Stade,  Brokdorf, Brunsbüttel, Krümmel; die Atommüll-Lager Konrad und  Gorleben. Gefehlt haben die BayerInnen (Grafenrheinfeld, Ohu,  Gundremmingen), der Osten (Greifswald, Morsleben, Rheinsberg,  Rossendorf, Altmark) und der ferne Westen (Ahaus, Gronau,  Lingen).

Erarbeitet wurde u.a. ein Katalog ungeklärter Fragen, was das  Verhalten der neuen Bundesregierung zu einzelnen Teilbereichen  des Atom-Konfliktes angeht. Ausführliche Recherche-Aufträge dazu  wurden verteilt.

Die Diskussion um Handlungsperspektiven für die nächste Zeit nahm  breiten Raum ein. Zu vier Bereichen wurden erste Absprachen  getroffen:

  • Es gibt zwei Anlagen, an denen sich grünes Regierungshandeln  schnell messen läßt, nämlich die im Wahlkampf versprochene  Stillegung von Biblis A und die Frage der Inbetriebnahme der PKA  Gorleben. Zu beiden Standorten wird es in nächster Zeit  überregionale Aktionen geben.
  • Ein weiterer Schwerpunkt sollen Aktivitäten zum offiziellen  Auftakt der Konsensgespräche Ende Januar in Bonn sein.
  • Über den Konsens-Auftakt hinaus wird an einer langfristigen  Ausstiegs-Kampagne gestrickt, die sich über das ganze Jahr 1999  hinziehen und politischen Druck in Richtung Sofortausstieg  entwickeln soll.
  • Schließlich wird es im Atommüll-Bereich neben der weiter  notwendigen Vorbereitung auf einen möglichen nächsten Castor- Transport um den Aufbau des Widerstandes gegen die Errichtung  dezentraler Zwischenlager an den AKW-Standorten gehen. Dieser  Themenstrang kam in Göttingen leider etwas zu kurz, obwohl es  gerade von den Reaktorstandorten großes Interesse daran gibt.  Dieses Defizit soll nun beim nächsten Standorte-Treffen am 9.  Januar in Göttingen ausgeglichen werden.
    Zur Konkretisierung der Bereiche B und C wurde eine kleine  Arbeitsgruppe gebildet, die das nächste Standorte-Treffen  vorbereitet und konkrete Vorschläge, sowohl auf inhaltlicher wie  auf handlungsorientierter Ebene, erarbeitet.

Zur Konkretisierung des Bereichs D wird bis zum nächsten Treffen  ein Positionspapier erarbeitet. Außerdem wird zu dem  entsprechenden Tagesordnungspunkt am 9. Januar Wolfgang Neumann  von der Gruppe Ökologie eingeladen.

Forum Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Gewerkschaften

Am 5. Dezember traf sich in Hannover das "Forum NGOs und  Gewerkschaften", ein seit einigen Monaten tagender  Zusammenschluß, dem es um "Atomausstieg - Energiewende -  Arbeitsplätze" geht. Dabei waren u.a. die IG BAU, die  Gewerkschaft der Eisenbahner, die IG Metall, die Gewerkschaft der  Polizei, IPPNW, BUND, BBU, AG Schacht Konrad, BI Lüchow- Dannenberg, Neue Richtervereinigung, Bundesverband Windenergie,  Energiewende-Komitees, Leute aus Schönau (Schwarzwald) usw.

Auch hier wurde fleißig entwickelt und geplant. Die in Göttingen  noch vagen Vorstellungen zu einer Ausstiegs-Kampagne nahmen in  Hannover schon konkretere Formen an.

Soweit die kurz gehaltene Berichterstattung von den Treffen. Als  nächstes mache ich den Versuch, die Diskussionsstränge von  Göttingen, Hannover und der Vorbereitungsgruppe für das nächste  Standorte-Treffen zu einem möglichen (!) Bild dessen zu verweben,  was in den nächsten Monaten passieren kann. Wenig davon ist  wirklich schon beschlossen, vieles entwickelt sich, manches sind  noch nicht mehr als nur Ideen.

1. Aktionen zum Konsens-Auftakt in Bonn

Der offizielle Beginn der Atomkonsens-Gespräche zwischen  Bundesregierung und AKW-Betreibern wird wahrscheinlich Ende  Januar in Bonn sein. Folgendes plant (bisher) die Bewegung:

Es wird einen Aufruf geben, zum Konsens-Nonsens-Beginn in Bonn zu  demonstrieren. Das Ganze wird sicher nicht den Charakter einer  bundesweiten Demo haben. Es soll aber schon deutlich über das  Niveau der "20 bis 50 Leute-Aktionen" hinausgehen, die bei den  Konsens-Gesprächen der letzten Jahre üblich waren. Da bei  zahlreichen AktivistInnen in den Monaten seit der Wahl ein  gewisser "Handlungsstau" entstanden ist (mensch möchte was  machen, gegen das, was da in Bonn läuft, weiß aber nicht so recht  wie und was und wo), ist zumindest aus dem Kreis der Initiativen  und Aktionsgruppen mit reger und kreativer Beteiligung zu  rechnen, wenn die Bewegung zum ersten Mal nach dem  Regierungswechsel Flagge zeigt.

Welche Aktionen konkret stattfinden werden, ist noch in Arbeit.  Eine Sache steht schon: Die BI Lüchow-Dannenberg bereitet eine  "Störfall-Prozession" vor, bei der mehrere hundert schwerwiegende  AKW-Störfälle plakativ zur Schau gestellt werden. Weitere  Aktionsideen sind gewünscht.

Im "Forum NGOs und Gewerkschaften" entstand die Idee, beginnend  mit der ersten Verhandlungsrunde der Atomkonsens-Gespräche  parallele "Atomausstiegsgespräche" zu veranstalten, an denen  Gewerkschaften, kritische WissenschaftlerInnen, Umweltverbände,  JuristInnen und ErzeugerInnen von regenerativen Energien  teilnehmen. Die Ergebnisse sollen in eine Pressekonferenz münden.

Inhaltlich wird es bei den Aktivitäten zum Konsens-Auftakt  einerseits darum gehen, unsere grundsätzlichen Argumente für eine  sofortige Stillegung wieder in die öffentliche Debatte  einzubringen (vor allem: Gefahr der Kernschmelzkatastrophe,  ungelöste Atommüll-Frage). Andererseits soll es auch konkrete  Auseinandersetzung mit den Argumenten der augenblicklichen  öffentlichen Debatte geben (Entschädigungszahlungen,  Arbeitsplatz- und Klima-Argument, etc.)

Ziel ist an diesem Tag auch, in der Öffentlichkeit überhaupt  wieder bemerkbar zu machen, daß es nicht nur Atomwirtschaft und  Regierung als Protagonisten der Auseinandersetzung gibt, sondern  daß auch die Bewegung gedenkt, kräftig mitzumischen.

2. Ausstiegs-Kampagne `99

Die Konsens-Gespräche sollen ein Jahr dauern. Danach werden, so  steht es im Koalitionsvertrag, die Restlaufzeiten der AKWs  gesetzlich festgeschrieben. Bleibt also ein Jahr Zeit, um den  öffentlichen Druck in Richtung Atomausstieg zu erhöhen. Eine  "Ausstiegs-Kampagne '99" mit verschiedenen Elementen  kristallisiert sich derzeit heraus.

2.1. Info-Offensive, Kampf um Begriffe

Wir haben eine neue politische Situation und müssen jetzt quasi  eine neue Bewegung aufbauen, denn die "alte" Bewegung war fast  nur noch "Anti-Castor-Bewegung" und diese ist in den letzten  Monaten arg zusammengeschmolzen (oder zumindest im Winterschlaf).  Zu dieser "neuen" Bewegung müssen sich erst Affinitäten und  Bindungen aufbauen. Dazu müssen wir geschickt und überzeugend  agieren, können allerdings teilweise auch auf bestehende und  bewährte Netzwerke zurückgreifen.

Soziale Bewegungen entstehen, wenn Teile der Bevölkerung  begreifen, daß das, was "die da oben" machen, den eigenen  Bedürfnissen massiv widerspricht. Im Augenblick meinen viele  Menschen, daß der Ausstieg kommt, weil die grüne "Ausstiegs- Partei" in der Regierung ist. Wenn wir wollen, daß die Leute  begreifen, was sich da abspielt, dann müssen wir Aufklärung  betreiben, dann müssen wir um Begriffe und um Einflußsphären in  der Gesellschaft kämpfen, dann müssen wir uns der Tugenden aus  den Anfängen der Bewegung wieder erinnern.

Einfacher wird dies, wenn wir nicht die Grünen zum "Hauptfeind  und Verräter" machen. Schließlich haben viele Menschen, die wir  erreichen wollen, grün gewählt und identifizieren sich mehr oder  weniger mit dieser Regierungspartei. Besser vermittelbar ist, daß  es die Atomindustrie ist, die sich mit aller Macht gegen den  Ausstieg wehrt und daß es "Druck von der Straße" gegen diese  Wirtschaftsinteressen bedarf, um die Stillegung der Atomanlagen  zu erreichen. Letztendlich gibt es in den nächsten Monaten ein  "freies Spiel der Kräfte" und die Regierung wird ihr Fähnlein  nach dem Wind drehen, der in der Gesellschaft weht.

Erster Schritt ist also eine Informations- und  Kommunikationsoffensive. Das ist nicht nur eine Floskel, sondern  bedeutet viel Arbeit, wenn wir das ernst nehmen und alle Register  ziehen: Publikationen, Pressearbeit, direkte Aktionen,  Veranstaltungen, Infotische, Kundgebungen, Gespräche mit  befreundeten Organisationen, Flugblätter etc.

Einige besondere Elemente der Info-Offensive:

2.1.1. "Atomausstiegsgespräche"
Die zum Auftakt der "Atomkonsensgespräche" veranstalteten  "Atomausstiegsgespräche" sollen parallel zum Fortgang der  Konsensverhandlungen über das ganze Jahr weitergeführt werden.  Jedesmal ergibt sich so die Möglichkeit, unsere Argumente  öffentlich gegenüber dem zu positionieren, was Regierung und  Betreiber so verlautbaren. Die Vorbereitung liegt in den Händen  einiger Organisationen aus dem "Forum NGOs und Gewerkschaften"

2.1.2. Dezentrale Info- und Aktionswoche rund um den  Tschernobyl-Jahrestag in möglichst vielen Städten
Wenn es darum geht, die Bewegung von der Basis her neu  aufzubauen, dann ist es wichtig, nicht nur in Bonn, sondern  überall präsent zu sein. Eine bislang nicht konkretisierte Idee  dazu ist eine gemeinsame dezentrale Info- und Aktionswoche Ende  April mit Veranstaltungen, Infoständen in Fußgehzonen,  Öffentlichkeits-Aktionen etc. Möglich wären dazu gemeinsames  Infomaterial, bundesweite ReferentInnen-Liste, Argumente- Sammlungen usw. Ein Ziel dieser Woche könnte es auch sein, das im  Kapitel 2.2. beschriebene breite Bündnis auch auf regionaler  Ebene entstehen zu lassen, d.h. in dieser Woche ganz bewußt über  die Grenzen der örtlichen "Szene" hinauszugehen und Kontakt mit  möglichen BündnispartnerInnen in Sachen Ausstieg aufzunehmen.

2.1.3. großer Kongreß "Atomausstieg - Energiewende -  Arbeitsplätze" im Herbst
Das "Forum NGOs und Gewerkschaften" plant für den Herbst einen  großen Kongreß "Atomausstieg - Energiewende - Arbeitsplätze", in  dem sich die gesellschaftlichen Kräfte und Kompetenzen für eine  andere Energie- und Verkehrspolitik bündeln und öffentliche  Wirksamkeit entfalten.

2.2. Breites Bündnis, Großaktion, Herbstaktionen

Damit die Bewegung nicht zur "kleinen radikalen Minderheit" wird,  soll das Bündnis mit allen gesellschaftlichen Kräften gesucht  werden, die für unsere Sache zu gewinnen sind.

Da die Anti-Atom-Bewegung in den letzten Jahren schwerpunktmäßig  Anti-Castor-Bewegung war, müssen es die Aktiven erst wieder  lernen, wie ohne einen "Tag X" mobilisiert werden kann.  Strukturen dafür sind erst noch aufzubauen. Ein großer  Trägerkreis, in dem auch Organisationen aus den Bereichen  Umweltverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Jugendverbände, anderen  sozialen Bewegungen, Energiewende-Vereinigungen und Erzeuger  regenerativer Energien mit einbezogen werden, soll sich, so die  Pläne der Vorbereitungsgruppe des "Standorte-Treffens", im  Februar konstituieren.

Die Politik des breiten Bündnisses stellt, dessen müssen sich  alle bewußt sein, einige liebgewonnene Angewohnheiten der  Bewegung aus den letzten Jahren in Frage. Verbalradikalismus und  Szenejargon auf den Flugblättern dienen zwar der Rückversicherung  im eigenen Dunstkreis, wirken aber selten über das Initiativen-Milieu hinaus.

Offen ist dabei noch die Frage, ob das Bündnis nur diejenigen mit  einschließen soll, die ohne Wenn und Aber für den Sofortausstieg  sind oder auch diejenigen, die zwar nicht den Sofortausstieg  fordern, die aber ein schnelles Ende der Atomenergienutzung  wollen und deshalb massive Bedenken gegen die lahme Atompolitik  der Bundesregierung haben. Oder findet sich eine geschickte  Formulierung die den Sofortausstieg fordert ohne die anderen  auszuschließen?

Es geht dabei übrigens in keiner Weise darum, eigene Positionen  aufzugeben. Diese sollten sogar lautstark geäußert werden  (schließlich haben wir gute Gründe, den Sofortausstieg zu  fordern). Aber die Frage bleibt, ob daneben auch weniger radikale  Positionen im Bündnis Platz haben oder ob diese Kräfte  automatisch dem "Regierungslager" zugerechnet und damit auch  zugeschoben werden.

Nur wenn wir für die zu entwickelnde Kampagne ein möglichst  breites aber auch möglichst tragfähiges Bündnis aufbauen, haben  wir eine realistische Chance dem Lobby-Feuerwerk der  Atomindustrie etwas entgegenzusetzen.

Wollen wir erfolgversprechend eingreifen, so kann das auch  mindestens einmal mit einer sogenannten "Zählaktion" geschehen,  d.h. eine Aktion, deren politische Stärke mit von der Anzahl der  TeilnehmerInnen abhängt.

Es ist bisher noch umstritten, ob diese "Zählaktion" direkt vor  der Sommerpause (im Juni) stattfinden soll, um schon rechtzeitig  vor dem Abschluß der Konsensgespräche Stärke zu demonstrieren  oder lieber erst im Oktober, um noch mehr Zeit zum Mobilisieren  zu haben.

Wenn wir uns für eine zentrale Großdemo oder eine ähnliche  Massenaktion entscheiden, dann müßte die wesentlich anders  vorbereitet werden, als die meisten großen Anti-AKW-Demos der  letzten Jahre. Diese waren mehr oder weniger auf die "Szene"  (plus "Standort-Bevölkerung") beschränkt, was sich zum Teil auch  in der Sprache der Aufrufe widerspiegelte. Sie waren relativ  kurzfristig organisiert oder - als Auftakt zu einem Tag X - sogar  ohne festen Termin.

Völlig andere Spektren sind ansprechbar: So haben letztes Jahr in  Bonn etwa 5.000 Menschen aus der Sparte "regenerative Energie"  eine Demo gemacht. Die müssen bei "unserer" Demo / Aktion  natürlich alle dabei sein.

Angedacht ist also ein großes Gründungstreffen des Bündnisses im  Februar, zu dem sehr breit eingeladen wird und zu dem der  Vorschlag für die Großaktion / Großdemo relativ konkret  ausgearbeitet vorliegen soll. Dort gründet sich dann ein  Trägerkreis, der aktiv die Vorbereitung und Mobilisierung angeht.  Nötig ist sicherlich große Flexibilität, um sich nicht in  Grabenkämpfen zu verlieren, sondern wirklich ein tragfähiges  Bündnis zu erreichen.

Wichtig ist, daß die Großaktion/Demo nicht für sich alleine  steht, sondern Teil der ganzen Kampagne ist, mit der  beschriebenen Öffentlichkeits-Offensive,  "Atomausstiegsgesprächen", mit der Unterschriftensammlung des  BBU, mit Aktionen an den Standorten, dem großen Kongreß im Herbst  usw. Und schließlich gilt es, auch für die im Castor-Widerstand  entstandenen kleinen effektiven Aktionsgruppen neue  Handlungsformen zu entwickeln, damit sie der Bewegung nicht  "verlorengehen".

Wenn die große Mobilisierung schon zum Frühsommer gelingt, dann  können wir nach dem Sommerloch (Camps an verschiedenen  Standorten) den Druck durch weitergehende Aktionsformen an den  Anlagen verschärfen, können die Auseinandersetzung zuspitzen.  Diese Zuspitzung und Radikalisierung ist aber m.E. nur auf der  Basis einer breiten Bewegung möglich und sinnvoll. Erst wenn  viele Menschen selbst erlebt haben, daß Demonstrieren und  Postkarten-Schreiben alleine nicht den gewünschten Erfolg bringt,  gibt es genügend Bereitschaft, die nächsten Schritte zu gehen  oder wenigstens solidarisch die nächsten Schritte zu begleiten,  ohne sich aus der Bewegung wieder zu verabschieden.

3. Nächster Castor / Dezentrale Zwischenlagerung

Die Mobilisierung gegen den nächsten Castor geht weiter. An den  Standorten (z.B. Ahaus, Gorleben, Greifswald, Rheinsberg,  Rossendorf, Neckarwestheim, Biblis, Stade) laufen die  Vorbereitungen, ebenso in der deutsch-französischen "Grenzregion"  zwischen Freiburg, Karlsruhe, Saarbrücken und Trier (für den Fall  neuer Transporte zu den WAAs).

Die beiden Aufrufe "X-tausendmal quer - Wendland" (zum nächsten  Gorleben-Castor) und "X-tausendmal quer - überall" (zum nächsten  Castor, egal wo er rollt) werden breit gestreut und trotz  Transporte-Stopp und rot-grün ist die Resonanz darauf beachtlich.  Es entsteht dadurch zur Zeit ein im ganze Bundesgebiet  verankerter dezentraler arbeits- und aktionsfähiger Zusammenhang.

Im Januar soll es in Münster ein erstes bundesweites Treffen all  jener Initiativen geben, die sich auf den nächsten Castor  vorbereiten.

Nachdem für das AKW Lingen der Bau einer Zwischenlager-Halle  beantragt ist, orientieren sich einige Gruppen auf diesem  Standort.

Die Vernetzung und Koordination der Aktivitäten gegen den Bau der  dezentralen Zwischenlager wird beim nächsten "Standorte-Treffen"  in Göttingen Thema sein. Der Vorschlag für eine bundesweite "AG  gegen Zwischenlager" zur Unterstützung der betroffenen Standorte  liegt auf dem Tisch.

Konkrete Termine

8.-10.1.99: Bundesweites Treffen von "X-tausendmal quer -  überall" in der Projektwerkstatt Saasen (bei Gießen). Kontakt: "X- tausendmal quer - überall", Herrlichkeit 1, 27283 Verden

9.1.99, 11-17 Uhr: Standorte-Treffen in Göttingen, DGB-Haus,  Obere-Masch-Str. 10, Großer Saal, (ca. 6 Min. Fußweg vom Hbf.).  Tagesordnung: Dezentrale Zwischenlager, Aktivitäten zum Konsens- Auftakt in Bonn, Ausstiegs-Kampagne '99. Kontakt über die BI  Lüchow-Dannenberg, Drawehner Str. 3, 29439 Lüchow

16.1.99, Uhrzeit, Treffen des "Forums NGOs und Gewerkschaften" in  Hannover, Ort, Kontakt
Treffen in Münster???

Versuch eines Zeitrasters für 1999

Aus den beschriebenen Ansätzen ergibt sich folgender Versuch, in  dem vieles noch spekulativ ist und in dem einige Bereiche der  Bewegung ganz fehlen (Demo in Gronau? Aktionen zu UF6- Transporten? Aktivitäten zum Siemens-Boykott? "Tag der offenen  Tür" in Schönau? ...)

Januar
zahlreiche bundesweite Treffen (s.o.) Aktionen zu Biblis Aktion zum Konsens-Auftakt in Bonn (weitere Aktionen in den kommenden Monaten können  folgen) "Atomausstiegsgespräche" (werden übers ganze Jahr fortgesetzt)

Februar
Großes Bündnistreffen Aktion zur PKA Gorleben (weitere Aktionen in den nächsten Monaten folgen)

April
Frühjahrskonferenz der Anti-AKW-Bewegung in Heidelberg Dezentrale Informations- und Aktionswoche zum Tschernobyl-Jahrestag in möglichst vielen Städten

Juni
Anti-Atom-Kampagne auf dem ev. Kirchentag in Stuttgart evtl. Großdemo/Großaktion (oder erst im Oktober)

Juli/August
diverse Sommercamps an Standorten

Oktober
evtl. Großdemo/Großaktion (oder schon im Juni) großer Kongreß "Atomausstieg - Energiewende - Arbeitsplätze"

Herbst
Größere weitergehende Aktionen an Standorten

Jochen Stay

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Gorleben - Benefiz in Berlin, So. 13.12.98, 16.30 Uhr, im LABSAAL, Alt-Lübars 8

Vorverlagerte Selektion

Liebe Leute vom Anti-Atom-Plenum,

auf dem letzten Ratschlag in Trebel, vom 28.11.98, ist mir eine Ankündigung in die Hände gefallen, die zu einer Benefiz-Veranstaltung zur Finanzierung von Klagen gegen Atom-Anlagen und Transporten einlädt. Auf dieser Einladung wird sich auf ein Zitat von Albert Schweitzer bezogen, das - zumindest in meinem Umfeld - zu eindeutigem Protest und Empörung geführt hat.

Ich wende mich an Euch, mit der Bitte, diesen Brief an die VeranstalterInnen und TeilnehmerInnen weiterzuleiten oder besser noch, eine Auseinandersetzung um dieses Zitat und um die Haltung, die dahinter steckt, auf der Veranstaltung einzufordern. Das besagte Zitat lautet (und ich führe es nur an, um auch Außenstehenden eine Möglichkeit der eigenen Intervention zu ermöglichen): "Nur Leute, die nie dabei waren, wenn eine Mißgeburt ins Dasein trat, nie ihr Wimmern hörten, nie Zeugen des Entsetzens der armen Mutter waren, Leute, die kein Herz haben, vermögen den Wahnsinn der Atomspaltung zu befürworten."

Mein Anliegen ist es hier nicht, mich mit Albert Schweitzer auseinanderzusetzen. Sondern ich will die VeranstalterInnen kritisieren, die die von ihnen unterstellte Autorität Albert Schweitzers anführen, um ihr eigenes Anliegen zu unterstreichen. Somit identifizieren sie sich eindeutig mit der Aussage dieses Zitats und verbreiten dessen Inhalt.

Hier wird ein durch radioaktive Strahlung verletzter Mensch als "Mißgeburt" bezeichnet und es wird vom "Entsetzen der armen Mutter" über dieses Kind geredet.

Was liegt näher - und da braucht Ihr nur den momentanen gesellschaftlichen Diskurs um diese Fragen zu verfolgen -, als eine "Mißgeburt" als lebensunwert zu entsorgen (ob pränatal oder postnatal), anstatt sich gemeinsam mit der Mutter für eine Gesellschaft einzusetzen, in der Menschen nicht nach ökonomischen Kriterien kategorisiert, normiert, ausgesondert und behindert werden - und so auch die Mutter nicht alleine zu lassen und sich nicht von ihr bedauernd und scheinbar mitfühlend über Mitleid (,arm"!) zu distanzieren. Aber durch das, was mit diesem Zitat und mit dem Umgang mit ihm suggeriert wird, ist sie wirklich arm und verlassen dran.

Die Sichtweise, die aus dem obigen Zitat spricht, hat durchaus schlechte Tradition in der Anti-AKW-Bewegung. Von der Forderung nach "Schutz des Deutschen Erbgutes" oder der "Deutschen Heimat" vor radioaktiver Strahlung bis, daß besonders nach Tschernobyl (es kam zu einem Anstieg der Selektion von Föten) wieder häufig mit Abbildungen von Menschen gearbeitet wurde, die von dieser Gesellschaft in die Kategorie "Behinderte" eingeordnet werden. Mit diesen Bildern wird an weitverbreiteten Ängsten vor Abweichung von den herrschenden gesellschaftlichen Normen und damit vor sozialer Ausgrenzung angeknüpft, und das mit der Absicht, vor den Folgen radioaktiver Strahlung abzuschrecken und so für den Widerstand gegen Atomtechnologie zu werben. Menschen werden zur Abschreckung vorgeführt/ausgestellt und so für politische Zwecke funktionalisiert, zugleich - auch wenn vielleicht nicht beabsichtigt - wird unterstützt und festgeschrieben, sie als unwertes Leben, als minderwertig, als Ballast zu denunzieren.

Sicher ist es berechtigt und auch unbedingt notwendig, auf die prinzipielle Unbeherrschbarkeit der Atomtechnologie hinzuweisen und den Schutzanspruch auf körperlicher Unversehrtheit einzufordern, aber dabei darf nicht Verletzung mit "geringem Lebenswert" gleichgesetzt werden, und das darf auch nicht zur Diskriminierung,Verachtung und Bedrohung von Menschen führen. Geschieht das, wie z.B. durch die oben erwähnten Abbildungen oder wie durch das Zitat, richtet sich das gegen die Würde aller Menschen, die sich um die Utopie einer herrschaftsfreien/solidarischen Gesellschaft - und das kann nur heißen, eine Gesellschaft ohne Normierung und Selektion - auseinandersetzen.

Wir sollten unseren Kampf nicht nur gegen eine "Maschine"und nicht nur für die unmittelbaren eigenen Bedürfnisse führen - auch wenn wir punktuell Erfolg haben, würde das längerfristig an diesen herrschenden, menschenverachtenden Verhältnissen nichts ändern - sondern wir sollten uns für eine Gesellschaft einsetzen, die die Würde des Menschen und nicht die ökonomische Rationalität in den Mittelpunkt stellt. Und das wird nur laufen, wenn wir diese Verhältnisse selbst zum Gegenstand unserer Kritik machen. Nur so werden wir eine Gesellschaft entwickeln - und das müssen wir schon selber tun - in der menschenfeindliche Technologien wie die Atomtechnologie oder auch die Gentechnologie, oder Gedanken und Praxis der "Neuen Eugenik", "Neuen Euthanasie" oder "Bioethik" keinen Platz haben.

D.h. auch, die Stärke unseres Widerstandes nicht vorranging an der Anzahl der Beteiligten festmachen - keine "Volksfront" der politischen Beliebigkeit gegen Atomtechnologie anstreben -, sondern die Strukturen der Macht und auch unsere eigene Eingebundenheit darin ständig zu hinterfragen, und dieses Hinterfragen zur Grundlage unserer gesellschaftlichen Utopie, unseres Kampfes, unserer Bündnisse zu machen. Und da werden wir uns von manchen noch trennen müssen, auch wenn sie gegen Atomtechnologie sind.

Vielleicht empfindet Ihr meine Worte als zu hart, zu wenig fragend, zu wenig vermittelnd. "Sie haben es sicher so nicht gemeint, und du solltest ihnen nichts unterstellen", wurde mir schon entgegengehalten. Aber nachdem die Auseinandersetzung um solche Zitate, Abbildungen, Haltungen schon über 20 Jahre in der Anti-AKW-Bewegung geführt wird, die momentane gesellschaftliche Entwicklung wieder stark in Richtung utilitaristischer und Verwertungs-Logik läuft und ich selbst die ständige Erfahrung mache, daß Menschen, die nicht die herrschenden Normen erfüllen, verstärkt ausgegrenzt werden, kann ich das Auftauchen eines solchen Zitats nicht mehr als Unüberlegtheit oder gar als Nebensächlichkeit in Frage stellen.

Es geht hier um die Substanz unseres Kampfes, um seine Glaubwürdigkeit - auch uns selbst gegenüber. Und da ist Relativierung, laissez faire unserer politischer Tod und das ständige gemeinsame Bemühen um Genauigkeit und Radikalität - auch in unseren Beziehungen untereinander- schafft Kraft, Hoffnung, Solidarität.

Mit solidarischen und kämpferischen Grüßen

Fritz Storim

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Betr.: Inge Schmitz-Feuerhakes Studie zu Plutoniumfunden in Hausstaub in der Nähe des AKW Krümmel

Hier wird mit zweierlei Elle gemessen

Was alles können sich die Apologeten der Atomenergie-Nutzung leisten, ohne daß ihre unsinnigen Behauptungen und intellektuellen Fehlleistungen von den Medien aufgespießt werden und ohne daß ein Minister sie flugs zum Rapport einbestellt? Nur einige Beispiele:

Professor Reiners, der derzeitige Vorsitzende der SSK, behauptet kürzlich, die Grenzwerte im Strahlenschutz würden alle 2 bis 3 Jahre den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen angepaßt. Das ist schlichtweg falsch. Der noch immer geltende Grenzwert von 30 mrem bzw. 0,3 mSv pro Jahr für die maximal zulässige Belastung der Bevölkerung durch Abluft beim Betrieb von Atomanlagen (§45 StrlSchV) geht zurück auf eine Empfehlung der Deutschen Atomkommission (Vorgängerin der SSK) aus dem Jahre 1969. Der Wert wurde 1976 in der Strahlenschutzverordnung festgeschrieben und unverändert 1989 in die novellierte Verordnung übernommen. Die Deutsche Atomkommission berief sich 1969 auf die "genetische Dosis", die 1958 die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) zum Schutz der Keimdrüsen empfohlen hatte. 1958 ging es der ICRP nicht um den Schutz der jetzt lebenden Bevölkerung, sondern allein darum, die Zahl von zusätzlichen Erbkrankheiten in späteren Generationen gering zu halten - ohne die Atomindustrie zu behindern. 1958 aber war noch nicht bekannt, daß auch bei den relativ gering Strahlenbelasteten unter den Überlebenden von Hiroshima Krebs gehäuft auftritt.

Weiterhin behaupteten die SSK-Mitglieder Reiners und Jung, "80% der Bevölkerung müßten evakuiert werden", wenn der Grenzwert des Strahlenschutzes auf ein Zehntel gesenkt würde, "weil diese Dosis weit unter den Strahlenwerten liege, die durch natürliche Quellen entstünden". Eine beachtliche Fehlleistung! Sie verwechseln die Grenzwerte für den Normalbetrieb eines AKW mit dem Katastrophenschutz beim Super-GAU, bei dem die Evakuierung der Bevölkerung erst dann eingeleitet werden darf, wenn die zu erwartende Wochendosis das 50-Tausendfache des Grenzwertes für den Normalbetrieb übersteigt.

Professor Michaelis vergleicht in seiner, vom Bundesreaktorminister finanzierten Studie zur Krebshäufigkeit bei Kindern in der Umgebung von Atomanlagen zum Beispiel den 1 5-km-Umkreis um das AKW Krümmel (als ehemaliges Zonenrandgebiet wenig industrialisiert und verkehrstechnisch kaum erschlossen), das den Sachsenwald als grüne Lunge Hamburgs einschließt, mit dem Landkreis Verden an der Aller, durchzogen von zwei Autobahnen und belastet durch mehrere Industriestandorte entlang der Weser. Er berechnet das relative Krebsrisiko für die Region Krümmel mit 0,47 (also Kinder erkranken in der Nähe des AKW nur halb so häufig wie anderswo), was Professor Jung zum Ausspruch veranlaßt, die Gegend bei einem AKW sei "doch ein recht gesundes Eckchen".

Professor Wichmann läßt eine Studie zur Häufigkeit der Chromosomen-Veränderungen bei Kindern in der Elbmarsch, gegenüber dem AKW Krümmel, durchführen, finanziert aus Steuergeldern, bei der die Probanden für die Kontrollgruppe ausgerechnet aus der Region stammen, die in Schleswig-Holstein die zweithöchste Bodenkontamination durch Tschernobyl aufweist. Andererseits wurde aufgrund einer Manipulation von Literaturdaten durch die Vertreterin des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes dafür gesorgt, daß in der Elbmarsch die Probanden teilweise AKW-fern wohnten und sich nicht so ernährten wie die Familien, in denen Kinder an Leukämie erkrankt waren. Die Studie wurde verworfen, nachdem mehr als eine Million DM in den Sand gesetzt waren.

Mitarbeiter des angeblich atomkritischen Öko-lnstituts, Darmstadt, bescheinigen in ihrem vom schleswig-holsteinischen Energieminister finanzierten Gutachen dem AKW Krümmel, "keine Leukämie-relevanten Dosen" an Radioaktivität freigesetzt zu haben, - ein Gutachten, das unter Mithilfe eines (vom Betreiber angeforderten) Siemens-lngenieurs erstellt wurde. Kein Wunder, daß die Atom-Industrie die Aussagen des Öko-lnstituts in Zeitungsanzeigen verwendet.

Wenn dagegen eine engagierte Wissenschaftlerin, die bereits vor 20 Jahren erkannte, daß die aus der Hiroshima-Krebsstatistik abgeleiteten offiziellen Risikokoeffizienten zu niedrig sind und die Gefahren unterschätzt werden (eine Erkenntnis, die heute jeder akzeptiert), sich äußert, dann rauscht's im Blätterwald. Wohlgemerkt: Professor Schmitz-Feuerhake äußert sich nicht in einem von der Regierung in Auftrag gegebenen, mit Steuergeldern finanzierten und von der Atom-Industrie wohlwollend begleiteten Gutachten, sondern im Zwischenbericht für eine Börgennitiative, die sie um eine Untersuchung gebeten hatte. Darin steht, daß Plutonium in der Umgebung des AKW Krümmel gefunden wurde, bei dem es sich vermutlich um Reaktorplutonium handele. Ein Sturm der Entrüstung bricht los. Sie wird zum Rapport bei dem für das fragliche AKW verantwortlichen Minister einbestellt, um den Wahrheitsbeweis anzutreten. Zugegeben, die bisherigen Befunde sind noch nicht beweiskräftig genug, um sicher sagen zu können, es handele sich um Emissionen aus dem nahen AKW und nicht um das Erbe aus den verbrecherischen Atomwaffenversuchen der 50er Jahre.

Dennoch hat sie einen neuen Weg der Ursachensuche aufgestoßen, -und das sollte jeder begrüßen, der ehrlich an einer Aufklärung interessiert ist. Alle, die sich jetzt mit Entrüstung zu Wort melden, haben in der Vergangenheit nichts zur Ursachensuche beigetragen; im Gegenteil, sie haben die Arbeit behindert und diejenigen, die sich abmühten, diffamiert (,menschenverachtender Affenzirkus", so pflegte Professor Jung die Fachkommission Leukämie zu bezeichnen).

Wer um das goldene Kalb Atomenergie mit den absonderlichsten intellektuellen Verrenkungen tanzt, der gilt als der wirkliche Experte. Wehe aber dem, der eingesteht, daß wir über die Wirkungen der Radioaktivität im menschlichen Körper viel zu wenig wissen, als daß man von vornherein einen ursächlichen Zusammenhang der Leukämien mit dem in Sichtweite gelegenem AKW ausschließen könnte.

Wer die Dogmen der offiziellen Lehrmeinung

  1. alle Strahlenarten und Belastungssituationen -ob Wellen- oder Tellchenstrahlung, ob von außen oder inkorporiert, ob einmallg hohe Dosis oder andauernd niedrige Dosen - sind in ihrer biologischen Wirkung vergleichbar;
  2. sie lassen sich alle mit der Hiroshima-Krebstodesstatistik bewerten;
  3. deutsche AKWs sind absolut sicher;
  4. ihre genehmigten Emissionen gefährden nicht die Gesundheit

hinterfragt und sich auf Ursachensuche begibt, die oder der wird verfemt. Wehe, wenn ihr oder ihm dabei Fehler unterlaufen, sei es in der Methodik oder bei der Interpretation. Stellt sie oder er sogar die Frage, ob nicht auch Plutonium beteiligt gewesen sein könnte, dann droht die heilige lnquisition.

Hier wird mit zweierlei Elle gemessen. Inge, laß Dich nicht entmutigen! Mach weiter!

Roland Scholz

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Ende