Nr. 94
Wiederaufarbeitung

aaa Nr. 94

52 Seiten
August 1998
Preis: 3,00 EUR

Inhaltsverzeichnis:

  • Wiederaufarbeitung
    Stillegung eine Ente?
    Spuren von Plutonium; Seascale; Sand-Strand vor Lingen; Unfälle in Sellafield;
    Zum gehäuften Auftreten von Leukämie in La Hague und Sellafield;
    Wiederaufarbeitung - eine Zusammenfassung
    "WAA ist illegal" - eine rechtliche Bewertung
  • Poli-Ticks
    Verstrahlung als Berufskrankheit anerkannt
    Krieg oder Frieden - Überlegungen zur Wahl
    Papier ist geduldig - Partei-Zitate
    schnell und billig mit der PDS
    APO-Visionen und grüne Realität
    2030 Störfälle in 10 Jahren
    Zum Störfall am 6.6.1998 in Esensham
  • nix-mehr
    Versprechungen von Merkel und EVU
    Zur Niedrigdosis-Strahlung
    Aufruf für den Westen: Wann, wenn nicht jetzt?
    Eine Woche Transportbeobachtung in Gorleben
  • Standorte
    Im Norden: HEW-Hauptversammlung; Brockdorf; PreussenElektra-Klage; Brunsbüttel; Krümmel
    Im Osten: Rossendorf und Leipzig
    Im Süden: Zwischenlager in Obrigheim? Petition zu Garching, u.a.; Grafenrheinfeld
    Im Westen: Abschalten statt Atommmarathon; Pole-position in Gronau
    In der Mitte: Schacht Konrad und der neue Umweltminister
  • Internationales
    Australien: Jabiluka; Meldungen
  • Diskussion
    Klärung im Ahauser Widerstand; P:M: ist ein Schlingel; Abgrenzen; Interaktiv in der Anti-AKW Bewegung
  • Kriminalisierung
    Datenschutz leichtgemacht
    Solidarität mit den BLG-BesetzerInnen
    Aushorchversuch in Frankfurt
    60 Tage Knast
  • Kalenda
    Glasnost: in aaa-igener Sache
    Wichtige Termine auf einen Blick
  • Rückseite: Plakat zu den Aktionstagen im September

Umgang mit Tauben nach der Strahlenschutzverordnung genehmigungspflichtig?

Seascale

Anfang 1998 wurden an Tauben in Seascale in der Nähe von Sellafield starke radioaktive Kontaminationen gemessen, und zwar sowohl auf dem Federkleid der Tiere, als auch im Körper. Insgesamt wurden 150 Tiere untersucht.

Die vom Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung veröffentlichten Meßwerte lagen bei bis zu 18.000 Bq/kg Cäsium-137 in Federn, sowie bis zu 50.000 Bq/kg Cs-137 und 520 Bq/kg Strontium-90 im Brustfleisch. Die Werte für Cäsium im Fleisch übersteigen damit weit die Grenzwerte der EU für Nahrungsmittel nach nuklearen Katastrophen. Werte, die im Auftrag von Greenpeace ermittelt wurden, zeigten in einem Fall eine Verstrahlung der Federn von 400.000 Bq/kg Cs-137 und 21.000 Bq/kg Americium-241. Das Gefieder der Tauben ist darüber hinaus mit bis zu 26.000 Becquerel Plutonium pro Kilogramm verseucht (die Gesamtverseuchung ist mit Sicherheit höher, da in dieser Zahl das meßtechnisch kaum erfaßbare Isotop Pu-241 nicht enthalten ist).

Nach den erlaubten Freigrenzen der deutschen Strahlenschutzverordnung müßte man den Besitz von vier und mehr dieser Tauben bei der zuständigen Strahlenschutzbehörde anzeigen. Das Gefieder muß danach sogar als "Kernbrennstoff" klassifiziert werden. Ab 40 Tauben wäre der Umgang mit den Tieren genehmigungspflichtig. Auch in den Innereien der Tauben konnte Plutonium nachgewiesen werden, immerhin 30 Becquerel pro Kilogramm. Insgesamt wird der zulässige Jahresgrenzwert der deutschen Strahlenschutzverordnung beim Verzehr von nur 6 kg überschritten.

Die Strahlung, die von den Tauben ausgeht, beträgt an der Oberfläche bis zu 1,4 mSv/h - ein sehr hoher Wert, die zulässige Strahlenbelastung durch die radioaktive Abluft eines Atomkraftwerkes in Deutschland beträgt, wie schon gesagt, 0,3 mSv im Jahr.

Die Herkunft der Belastung dieser Tauben ist bisher nicht genau geklärt. BNFL führt sie auf den Aufenthalt der Tiere in alten Gebäuden zurück; auf den Federn einer von Greenpeace untersuchten Taube wurden jedoch auch relativ kurzlebige Nuklide wie Ruthenium-106 (Halbwertszeit: 374 Tage) und Cer-144 (285 Tage) gefunden, was auf eine Belastung nach Radioaktivitätsaustritten in jüngster Zeit hindeutet.

In Seascale ist ein Haus, das seit 20 Jahren als Taubenasyl dient, stark kontaminiert; nicht zuletzt durch den Kot der Tauben, in dem u.a. Americium-241 (1.800 Bq/kg) gefunden wurde. Die Tauben sitzen jedoch auch an den am Strand von Seascale aufgestellten Picknicktischen. Radioaktive Partikel können auf verschiedenen Wegen auf die Bevölkerung übertragen werden, beispielsweise auf Kinder, die die Tauben füttern und dabei mit dem Gefieder in Berührung kommen. Natürlich sind auch die Vögel selbst gefährdet; mit einem erhöhten Auftreten von Mutationen ist zu rechnen.

Hier handelt es sich um einen Weg der Ausbreitung von Radioaktivität, der bisher noch überhaupt nicht berücksichtigt worden war - weder BNFL noch die Behörden hatten an diese Möglichkeit gedacht. Es wäre dringend zu klären, inwieweit auch andere Vogelarten wie Falken, oder auch Mäuse, Füchse und Insekten auf dem Gelände oder der unmittelbaren Umgebung von Sellafield kontaminiert werden und radioaktive Stoffe verbreiten .

aus: Radioaktive Tauben in Sellafield - Neue Erkenntnisse und ihre Auswirkungen; Stellungnahme für Greenpeace International, April 1998 sowie noch unveröffentlichte Meßergebnisse von Greenpeace zu Plutonium in den Federn vom Mai 1998

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Wiederaufarbeitung -
ein harmlos klingendes Wort

Mit dem harmlos klingenden Wort "Wiederaufarbeitung" wird die chemische Abtrennung von Uran und Plutonium aus sogenannten abgebrannten hochradioaktiven Brennelernenten bezeichnet. Nach dem Einsatz in den Atomkraftwerken werden die Brennelemente in der Wiederaufarbeitung einem aufwendigen und schwer beherrschbaren chemischen Prozeß unterzogen. Ziel ist es, das im abgebrannten Brennstoff enthaltene Uran und Plutonium von anderen radioaktiven Stoffen zu trennen, um es in neuen Mischoxid-Brennelementen wieder einsetzen zu können. Die Atomindustrie spricht deshalb gerne vom "geschlossenen Brennstoftkreislauf".

Doch von Recycling kann keine Rede sein, denn das Atomabfallvolumen steigt durch das aufwendige Wiederaufarbeiten um mehr als das 20-fache. Bei jeder Bearbeitungsstufe entstehen neue flüssige, feste oder gasförmige radioaktive Abfälle, die durch Abgaben über den Kamin, durch Ableitungen ins Meer oder als Atommüll an Land "entsorgt" werden.

Bisher sind rund 30 Tonnen des hochgiftigen Plutoniums, dem Grundstoff für den Bau von Atombomben, bei der Wiederaufarbeitung deutschen Atommülls im Ausland angefallen. Die Technik der Wiederaufarbeitung wurde in den USA gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus militärischen Gründen entwickelt. Erst in den sechziger Jahren wurde damit begonnen, die äußerst komplizierte und aufwendige Technologie auch für zivile Zwecke zu erproben.

In Europa sind drei kommerzielle Wiederaufarbeitungsanlagen in Betrieb: die zwei britischen Anlagen in Sellafield (Cumbrien Mittelwestengland) und Dounreay im Norden Schottlands und die Anlage La Hague in der Normandie in Frankreich.

Der Bau einer deutschen Wiederaufarbeitungsanlage im bayrischen Wackersdorf wurde Ende der 80er Jahre auf Betreiben der Energieversorgungsunternehmen (EVU) aufgrund finanzieller und technischer Probleme sowie anhaltenden Widerstands der Bevölkerung gegen dieses Atomprojekt gekippt. 2,6 Milliarden DM Gelder wurden in den oberpfälzischen Sand gesetzt.

Radioaktive Verseuchung durch die Wiederaufarbeitung

Die Wiederaufbereitungsanlagen sind eine ständige Quelle radioaktiver Verseuchungen. 97 % aller radioaktiven Einleitungen in die Meere in Nordeuropa stammen aus den drei Anlagen La Hague, Sellafield und Dounreay. Die Betreiber entledigen sich eines Teils des bei der Wiederaufarbeitung anfallenden Atommülls auf einfache und billige Weise: Radioaktive Abluft entweicht über Kamine in die Atmosphäre. Flüssiger Atommüll wird ins Meer gepumpt. Feste atomare Abfälle stapeln sich in Fässern und Spezialbehältern auf den Geländen der Wiederaufarbeitungsanlagen und sollen an die Auftragsländer Deutschland, Japan. Schweiz, Belgien und die Niederlande zurückgeliefert werden. Damit ist die Wiederaufarbeitung der Atomprozeß, auf den mit Abstand die höchsten radioaktiven Ableitungen in die Umwelt entfallen.

Wiederaufarbeitung am französischen Cap de La Hague

Nahe Cherbourg in der Normandie, am Cap de la Hague befinden sich zwei Wiederaufarbeitungsanlagen (UP 2 und UP ü) mit weiteren der Plutoniumfabrik (Usine Plutonium =UP) zugeordneten Nebenanlagen. Betreiber der Wiederaufbereitungsanlage ist die Companie Generale des Matieres Nucleaires (COGEMA), die sich zu 89 % im Besitz des staatlich kontrollierten Commisseriat a l'energie atomique (CEA) befindet. Dieses Kommissariat ist für die französische Atomwaffenproduktion und das gesamte Atomwaffentestprogramm verantwortlich. Die übrigen 11 % sind im Besitz des staatlichen französischen Ölmultis Total. Damit liegt die Verantwortung für diese Anlage zu 100 % beim französischen Staat. Direkt benachbart ist ein Atommüllendlager, das "centre de Stockage de la Manche", in dem oberflächennah 535.000 Kubikmeter leicht- und mittelradioaktiver Abfall vergraben sind. Seit Juni 1994 wird nicht mehr eingelagert, da die Kapazität des Lagers erschöpft ist.

Jedes Jahr werden 2ü0 Millionen Liter radioaktiver Flüssigmüll in den Atlantik und den Ärmelkanal eingeleitet. Die jährlich mit diesen Abwässern abgegebene Radioaktivität hat sich im Zeitraum von 1989 bis 1995 verfünffacht. Die Werte für die Einleitung des radioaktiven Jod-129 lagen beispielsweise 1995 um den Faktor 10 höher als im Jahr 1980. Die radioaktiven Abwässer aus la Hague gelangen über den Golfstrom durch den Ärmelkanal in die Nordsee und die deutsche Bucht. Den Südwesten Norwegens erreichen sie in weniger als 15 Monaten.

Die "Behandlung der Abwässer" aus der Wiederaufarbeitung beschränkt sich in La Hague auf die Lagerung, die Vermischung mit anderen Abwässern, die Verdünnung und die gezielte Einleitung ins Meer. Die Einleitungen werden in Chargen vorgenommen. Die Abwässer werden über eine 5 km lange Pipeline, die in 28 m Tiefe rund 177 km der der Küste endet, ins Meer gepumpt. Die maximal zulässigen Jahreswerte für die radioaktiven Abgaben sind an die technischen Möglichkeiten der Anlage angepaßt und erlauben keine Aussage über die Ungefährlichkeit der Emissionen. Die Abgaben von La Hague an radioaktivem Jod-129 überschritten mit 1.5ü0 Milliarden Becquerel im Jahr 1995 den deutschen Grenzwert von ü00 Becquerel pro Jahr inkorporierter Dosis um das 5,1 Milliardenfache.

Die größte britische WAA Windscale/Sellafield

Berüchtigt für ihre fortgesetzte und planmäßige Umweltverseuchung ist die von der staatlichen British Nuclear Fuels Ltd. (BNFL) betriebene Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield. Mehr als eine halbe Tonne des hochgiftigen Plutoniums hat BNFL bis heute neben zahlreichen anderen radioaktiven Stoffen in die irische See eingeleitet. Die Pipeline mußte mehre Male verlängert werden, um die Grenzwerte der Plutoniumablagerungen im Sediment am Pipelineausgang nicht zu überschreiten.

Rund neun Millionen Liter radioaktiver Abwässer verseuchen täglich die Irische See. Auch aufgrund technischer Probleme mit der 1994 in Betrieb genommenen zweiten Wiederaufarbeitungsanlage THORP (ThermaI Oxide Reprocessing Plant) hat die Betreiberfirma Ende 1990 erneut einen Antrag auf Erhöhung der ohnehin schon großzügig bemessenen Grenzwerte gestellt. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Genehmigungen erteilt, die den am Standort sich erhöhenden radioaktiven Abgaben angepaßt wurden. Im Zeitraum 1993 bis 1995 wurde beispielsweise 27-mal (!) soviel radioaktives Technetium-99 (Tc-99) in die Irische See eingeleitet wie in vergleichbaren Zeiträumen zuvor. So verwundert es nicht daß Fische, Krebse und Muscheln in der Nähe von Sellafield inzwischen Tc-99-Werte aufweisen, die um den Faktor 40 höher liegen als 1993. Krebse aus der Irischen See weisen 13-mal so hohe Radioaktivitätswerte auf, wie sie die Europäische Kommission der Bevölkerung nach einem Atomunfall gesetzlich zumutet.

Aufgrund der Meeresströmung verteilen sich die radioaktiven Abwässer von Sellafield weiträumig. Spätestens in neun Monaten erreichen sie die Nordsee, gelangen über die Ringströmung in der Nordsee in die Deutsche Bucht, dann teilweise in die Ostsee und werden weiter an Skandinavien vorbei in die Barent- und Kara-See gespült. Im Mai wiesen kanadische Wissenschaftler des Bedford Institutes für Ozeanographie in Halifax erstmals radioaktive Isotope aus der Wiederaufarbeitung Sellafield in der kanadischen Arktis nach.

Der Plan, direkt unter der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield ein Endlager für den anfallenden radioaktiven Müll zu errichten (NIREX), um den Müllnotstand kurzfristig zu entschärfen, wurde von der britischen Regierung im März 1997 aufgrund der unzureichenden geologischen Bedingungen gestoppt. Dies war das erste Mal in der Geschichte der britischen Atomindustrie, daß ein Projekt aufgegeben werden mußte. Damit steht auch die britische Atomindustrie vor dem Problem, kein Endlager zur Verfügung zu haben und die akuten Entsorgungsfragen nicht lösen zu können. Sie droht - wie die gesamte Atomindustrie weltweit - an ihren eigenen Abfällen zu ersticken.

Die zweite britische WAA im schottischen Dounreay

Eine der beiden am Standort Dounreay im Norden Schottlands befindlichen Wiederaufarbeitungsanlagen wurde 1996 aufgrund eines Unfalls für unbestimmte Zeit stillgelegt. Die zweite Anlage ist zur Wiedenaufarbeitung von hochangereicherten Uran und Brennelementen aus Forschungsreaktoren gebaut worden. Auch deutscher Brennstoff aus dem Berliner Hahn-Meitner-Institut wurde zur Bearbeitung nach Dounreay verbracht. Die Wiederaufarbeitung in Dounreay ist im Vergleich zu den Anlagen in Sellafield. und La Hague kleiner dimensioniert. Dennoch führten die zahlreichen Aktivitäten an diesem Standort in den vergangenen 40 Jahren zu erheblicher radioaktiver Verseuchung der Umwelt und besonders des Meeres. Die Einleitungen sollen nach dem Willen des Betreibers, der staatlich kontrollierten United Kingdom Atomic Energy Authority (UKAEA), erhöht werden. Für Krypton-85 ist eine Verdreifachung der eingeleiteten Radioaktivität beantragt.

Die radioaktiven Abwässer der Wiederaufarbeitung von Dounreay vereinigen sich mit den von Süden um die Nordspitze Schottlands strömenden radioaktiven Abwässern der Anlage in SellafieId und gelangen in Nordsee, Deutsche Bucht und Barent- See.

Die Folgen der radioaktiven Einleitungen für Mensch und Umwelt

Die radioaktiven Einleitungen gefährden Mensch und Umwelt. Radioaktive TeiIchen lagern sich am Meeresboden ab, werden mit der Meeresströmung weiträumig verteilt und reichern sich über die Nahrungskette in Algen, Muscheln und Fischen an. Der Mensch steht am Ende der Nahrungskette. So verwundert es nicht, wenn inzwischen wissenschaftlich bewiesen ist, daß in der Umgebung der drei Wiederaufarbeitungsanlagen die Raten an Krebserkrankungen deutlich über den landesdurchschnittlichen Werten liegen.

Gesundheitsstatistiken für die Gegend um La Hague waren bisher immer geheime Verschlußsache. Doch zu Beginn des Jahres 1997 legten zwei französische Wissenschaftler eines renommierten medizinischen Forschungsinstituts in Besancon die Ergebnisse ihrer Vergleichsstudien zu Krebsraten um die Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague vor. Die Leukämierate bei Kindern und Jugendlichen bis 25 Jahre liegt im Umkreis von ü5 Kilometern um die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague um den Faktor drei höher als im französischen Landesdurchschnitt. Die signifikant höhere Leukämierate der dortigen Bevölkerung steht in direktem Zusammenhang mit zwei Risikofaktoren: den Freizeitaktivitäten der dortigen Bevölkerung am Strand und dem verstärkten Verzehr von lokal gefangenem Fisch und Muscheln. Der Aufenthalt: von schwangeren Frauen am Strand führt sogar zu einem 4,5-fach höheren Leukämierisiko bei Müttern und Kindern. Verursacht werden die hohen radioaktiven Werte am Strand und in der Nahrungskette durch die Abgaben des gasförmigen und flüssigen Atommülles aus den Wiederaufarbeitungsanlagen in die Atmosphäre und ins Meer.

In der Grafschaft Cumbrien in der unmittelbaren Umgebung von Sellafield liegt das Leukämierisiko für Kinder bis zum zehnfachen über dem Landesdurchschnitt. In Dounreay im Norden Schottlands liegt das Krebsrisiko mehr als dreimal höher als im Landesdurchschnitt.

Damit stimmen die Ergebnisse aller wissenschaftlichen Untersuchungen über die Gesundheitsgefährdung der um die Wiederaufarbeitungsanlagen lebenden Menschen grundsätzlich überein: Die ständigen radioaktiven Belastungen aus den Wiederaufbereitungsanlagen erhöhen das Krebsrisiko in der Bevölkerung nachweislich. Schon im Normalbetrieb sind die atomaren Wiederaufarbeitungsanlagen ständige Quelle radioaktiver Emissionen und Abwässer, die sich trotz enormer Verdünnung im Ärmelkanal, in der Irischen See und Nordsee in Umwelt und Nahrungskette anreichern. Mit den Meeresströmungen treiben die kontaminierten Abwässer um die Kontinente. Erkenntnisse über die Strömungsverhältnisse in den Meeren konnten fatalerweise über die radioaktiven Isotope aus den Wiederaufarbeitungsanlagen gewonnen werden.

Diese weltweite Verschmutzung unserer Meere geht auf das Konto dreier Punktquellen: die europäischen Wiederaufarbeitungsanlagen SeIlafield, Dounreay und La Hague. Verantwortlich für diese Verseuchung sind die Betreiber der Anlagen, die Regierungen, die Genehmigungen aussprechen und die Atomstromproduzenten, die Verträge mit den Betreibern abgeschlossen haben und ihren atomaren Mut dort wiederaufarbeiten lassen.

Die Wiederaufarbeitung weltweit

In den großtechnisch arbeitenden Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague und Sellafield werden abgebrannte Brennelemente aus Deutschland, Japan, Schweiz, Belgien, Niederlande und Frankreich wiederaufgearbeitet.

Das Land mit den weltweit meisten Atomkraftwerken, die USA, haben sich schon frühzeitig von der kommerziellen Wiederaufarbeitung verabschiedet. Bereits seit Ende der 70er Jahre verfolgen die USA das weniger gefährliche, müllärmere und billigere Konzept der direkten Endlagerung. Aus diesen Gründen wurde die fast fertige Wiederaufarbeitungsanlage in Barnwell/SC (USA) nicht in Betrieb genommen.

Russische Wiederaufarbeitungsanlagen liegen in Ozersk (Tscheljabinsk-65) nahe Kystym im Ural, in Krasnojarsk-26 (Zheleznogorsk) am Jenissej in Ostsibirien und bei Seversk (Tomsk 7) in Westsibirien. Die Wiederaufarbeitung in Rußland diente ausschließlich militärischen Interessen und hat Menschen und Umwelt in unvorstellbarem Maße radioaktiv verseucht. Am militärischen Atomstandort Krasnojarsk ist seit den 70-iger Jahren die erste russische Wiederaufarbeitungsanlage (RT2) zur kommerziellen Nutzung in Planung. In den 80-iger Jahren wurde mit dem Bau begonnen, doch ist sie bis heute nicht fertiggestellt. Sie soll in großtechnischem Maßstab Brennelemente des WWER-1.000 Typs wiederaufarbeiten.

In Japan haben Pläne zur Wiederaufarbeitung durch die Unfallserie der letzten Monate schwere Rückschläge hinnehmen müssen. Die Wiederaufarbeitungsanlage in Tokal ist nach dem Explosionsunglück Anfang März diesen Jahres voraussichtlich bis zum Jahr 2001 außer Betrieb. Dort wurden bisher rund 12 % aller in Japan anfallenden abgebrannten Brennelemente wiederaufgearbeitet. Die restlichen Brennelemente gehen in die zwei europäischen Wiederaufarbeitungsanlagen. Die japanische Atomindustrie ist der größte ausländische Kunde ist SeIlafield und der zweitgrößte in La Hague.

Schon heute werden die Abfälle von rund der Hälfte aller Atomkraftwerke über die direkte Endlagerung und nicht die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente ,,entsorgt". Die USA, Spanien, Schweden und Kanada haben sich definitiv gegen die Wiederaufarbeitung entschieden. In Belgien bestehen konkrete Absichtserklärungen, die Verträge mit COGEMA zu kündigen. Die deutschen Energieversorger diskutieren schon lange Kostennachteile und Unwirtschaftlichkeit der Wiederaufarbeitung gegenüber der direkten.Verbringung des Atommülls in Endlager. Entscheidender Nachteil der Variante der sogenannten "direkten Endlagerung" ist, daß Endlager für hochradioaktiven Atommüll bisher weder in Deutschland noch weitweh gefunden werden konnten.

Wiederaufbereitung deutschen Atommülls

Bisher wurden rund 90 Prozent der in deutschen Atomkraftwerken angefallenen abgebrannten Brennelemente zur Wiederaufarbeitung nach Frankreich gebracht. Deutsche Energieversorgungsunternehmen und Atomstromproduzenten, die Verträge mit La Hague haben, sind die PreussenE!ektra (PF), die Bayernwerke, die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW), die Neckarwerke, das Badenwerk, die Energieversorgung Schwaben (EVS) und die Rheinisch Westfälische Energie AG (RVVE). Verträge mit dem Betreiber der Anlage in Sellafield haben als größte deutsche Energieversorgungsunternehmen (EVU) die Bayernwerke, PreussenElektra und die RWE. Verträge über kleinere Mengen haben weitere Energieversorgungsunternehmen, die an Atomkraftwerken beteiligt sind.

Die sogenannten "Altverträge"

Die ersten Verträge zur Wiederaufarbeitung deutschen Atommülls im Ausland wurden Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre zwischen deutschen Energieversorgungsunternehmen und den Betreibern in Großbritannien und Frankreich abgeschlossen. Die Verträge mit der COGEMA umfassen die Wiederaufarbeitung von 4.652 Tonnen Schwermetall (tSM)ü und die mit BNFL 884 tSM. Das finanzielle Vertragsvolumen dieser sogenannten Altverträge beträgt rund 12 Mrd. DM.

Die sogenannten "Neuverträge"

1990 wurden sogenannte Neuverträge mit einem Gesamtvolumen in Höhe von 5 Mrd. DM abgeschlossen. Sie umfassen die Wiederaufarbeitung von insgesamt ü.050 tSM in La Hague (COGEMA) und Sellafield (BNFL).

Diese Verträge unterscheiden sich im Vergleich zu den sogenannten Altverträgen dadurch, daß die Bedingungen bei Kündigung der Verträge durch die deutschen Energieversorgungsunternehmen vorteilhafter gestaltet sind. Die Konventionalstrafen (Pönale) bei Vertragskündigung sind im Gegensatz zu den Altverträgen, bei denen eine Pönale in Höhe der vollen Vertragssumme anfällt je nach Zeitpunkt der Kündigung auf zwischen 15 und 95 % des gesamten Vertragswertes des festgelegt. Bei höherer Gewalt - beispielsweise einem gesetzlichen Verbot der Wiederaufarbeitung durch die Bundesregierung - entfallen die Konventionalstrafen vollständig.

Mengenbilanz

Jährlich fallen in deutschen Atomkraftwerken ca. 455 tSM an. Bis zum 31.12.1996 wurden 4.231 tSM abgebrannte, hochradioaktive Brennelemente von Deutschland nach La Hague und 477 tSM nach Sellafield verbracht. In Frankreich wurden davon mehr als 3.000 tSM bereits wiederaufgearbeitet, in Großbritannien rund 50 tSM. Damit wurde bisher überwiegend der Atommüll ins Ausland verschoben, der durch die vertraglichen Regelungen der sogenannten Altverträge erfaßt ist. Nach den Altverträgen können demnach noch rund 830 tSM in die ausländische Wiederaufarbeitung gebracht werden.

Die vertraglich vereinbarten Mengen, die insgesamt ab dem 1.1 .1997 laut Entsorgungsvorsorgenachweis noch ins Ausland gebracht werden sollen, betragen 2.930 tSM aus Alt- und Neuverträgen. Davon sollen rund 2.300 tSM nach La Hague (Frankreich) und ca. 630 tSM nach Sellafield (Großbritannien) gehen.

Die deutsche Plutoniumproduktion

Pro Tonne abgebranntem Brennelement sind durch den Einsatz in den Atomkraftwerken ca. 1 %, d.h. rund ein Kilogramm Plutonium entstanden, die in der Wiederaufarbeitung abgetrennt werden. Bisher sind durch die Wiederaufarbeitung deutscher abgebrannter Brennelemente über ü0. t Plutonium separiert worden. Werden die schon zu den Wiederaufarbeitungsanlagen gelieferten abgebrannten Brennelernente und die derzeit über den. aktuellen Entsorgungsvorsorgenachweis abgedeckten Mengen wiederaufgearbeitet, werden zusätzlich rund 46 Tonnen des Bombenstoffs Plutonium abgetrennt werden.

Damit wird durch die Wiederaufarbeitung abgebrannter, deutscher Brennelemente insgesamt eine Plutoniummenge anfallen, die unter der Annahme des Einsatzes von 10 kg Plutonium pro Atombombe für den Bau von über 7.600 Atombomben ausreichen würde!

Wiederaufarbeitung aus Sicht der deutschen Energieversorgungsunternehmen

Die deutschen EVU streben seit langem aus Kostengründen einen Verzicht auf die Wiederaufarbeitung an. Die Wiederaufarbeitung ist doppelt bis dreimal so teuer als die direkte Endlagerung. Der Landesrechnungshof rügte bereits 1993 aus diesen Gründen die Wiederaufarbeitung.

Die deutschen Atomstromer beschreiten zwei Wege, um aus der Wiederaufarbeitung auszusteigen:

  • Ende 1994 kündigten die Betreiber der Atomkraftwerke Krümmel (PreussenElektra und HEW) und Gundremmingen (RWE und Bayernwerke) ihre Verträge über die Wiederaufarbeitung von 550 tSM mit der BNFL (Sellafield).

  • Neuverträge mit der COGEMA wurden beispielsweise von PreussenElektra und den Betreibern des AKWs Isar 2 in Zwischenlagerverträge mit der Option auf die Wiederaufarbeitung umgewandelt. Demnach soll der deutsche hochradioaktive Müll 15 Jahre in La Hague zwischengelagert und danach zurück nach Deutschland gebracht werden. Die Wiederaufarbeitung selbst ist in den Verträgen nur noch als Option enthalten. Damit werden französische Gesetze die die Lagerung ausländischen Atommülls auf dem Territorium Frankreichs verbieten, umgangen.

Greenpeace

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Erstmals wurde in Deutschland eine Verstrahlung durch den GAU in Tschernobyl als Berufskrankheit anerkannt

Radioaktivität & Berufskrankheiten

Das Sozialgericht der Stadt Nordhausen hat jetzt ein bisher einmaliges, aber überfälliges Urteil gefällt. Einem Menschen, der mit Materialien zu tun hatte, die aufgrund des Atomunfalls von Tschernobyl radioaktiv verseucht waren, wurde seine Krebserkrankung als Berufskrankheit anerkannt. Nach Angaben des SPIEGEL war der Jurist Klaus Neukirch im April 1986, als der GAU in Tschernobyl passierte, als Betriebsdirektor beim VEB Kraftverkehr Mühlhausen angestellt (andere Quellen sprechen von der DDR-Spedition Deutrans als Arbeitgeber).

Im Mai 1986 wurden jedenfalls LKWs des Mühlhausener Staatsbetriebes an der damaligen deutsch-deutschen Grenze bei Herleshausen gestoppt, weil sie stark radioaktiv belastet waren. Daraufhin kam die Anweisung von oben, alle LKWs "abzuwaschen". Neukirch überwachte die Waschaktion der LKWs und kontrollierte auch den Austausch von Luftfiltern. Im September 1992 diagnostizierten Ärzte bei Klaus Neukirch Darmkrebs, später wurde noch Prostatakrebs festgestellt. So zynisch das klingt, aber Neukirch war noch besser weggekommen wie ein Teil der direkt mit dem Abwaschen beschäftigten Arbeiter, von denen sind mindestens 6 inzwischen an Krebs gestorben. Weitere 15 Arbeitskollegen von Neukirch sind ebenfalls an Krebs erkrankt.

Zur Klage von Neukirch war es gekommen, nachdem die Berufsgenossensschaft für Fahrzeughaltungen seinen Antrag den bei ihm ausgebrochenen Krebs als Berufskrankheit anerkennen zu lassen, abgelehnt hatte.

Zwei widersprechende Gutachten waren eingeholt worden: Einmal von der Berufsgenossenschaft, von Professor Rainer Winkler, in Schleswig Chefarzt im Martin-Luther-Krankenhaus und zum anderen von Professor Horst Kuni, der am Radiologischen Institut der Universität Marburg arbeitet. Kuni war bekannt geworden durch seine Studien über hohe Gammastrahlung bei Castor- Transporten. Winkler schrieb in seinem Gutachten nach Angaben des SPIEGEL u.a.: Zwar habe "eine erhöhte genetische Disposition ... durch eine derartige Bestrahlungsdosis gleichsam aktiviert werden" können. Aber: "Eine im wissenschaftlichen Sinne zweifelsfreie Kausalierung zwischen den Krebsleiden un der Strahlenexposition ist jedoch nicht nachweisbar. Weit wahrscheinlicher ist, daß es sich um schicksalhafte Leiden handelt." Kuni widersprach dieser Schicksalsversion: Das Zusammentreffen der beiden Krebsarten (Prostata- und Darmkrebs) hätten im Jahrgang von Neukirch "eine kumulative Wahrscheinlichkeit von nur 1,1 Prozent". Mit großer Wahrscheinlichkeit sei der Krebs berufsbedingt, sprich durch die Stahlenbelastung ausgelöst worden, der Neukirch ausgesetzt war.

Das Urteil des Sozialgerichts von Nordhausen könnte Pilotfunktion haben. Endlich werden Krebserkrankungen aufgrund von Strahleneinwirkungen nach dem GAU von Tschernobyl als Berufskrankheit anerkannt. Die betroffene Berufsgenossenschaft will aber keinen Präzedenzfall, der würde sie nämlich Geld kosten. Bei den 15 ebenfalls krebskranken Kollegen von Neukirch wäre die zugrunde zu legende Rechtssituatuion genau gleich, also hätten auch sie ein Anspruch auf Anerkennung als Berufskrankheit und damit auf Rentenbeträge.

Da aber Ende April, Anfang Mai 1986 nicht nur in Mühlhausen, sondern auch in anderen Teilen des Landes mit radioaktiv verseuchten Materialien hantiert wurde, kann von vielen weiteren Fällen ausgegangen werden.

Die abgewaschenen Lastwagen waren in Osteuropa unterwegs, dort trafen die radioaktiven Wolken eine vollkommen uninformierte Bevölkerung. Dort in der Ukraine, in Weißrussland, in Polen, in Tschechien, etc. gibt es noch mehr Menschen, die aufgrund des radioaktiven Fallouts des Atomkraftwerkes Tschernobyl Krebs bekommen haben oder inzwischen schon gestorben sind. Deshalb ist das Nordhauser Urteil nur ein allererster Schritt. Die damals Verantwortlichen in beiden Teilen Deutschlands und in den osteuropäischen Ländern haben seit dem Unfall 1986 verharmlost oder die Bevölkerungen nicht informiert. Sie hoffen jetzt gemeinsam mit denjenigen, die jetzt wie die Berufsgenossenschaft Zahlungen leisten müßten, auf eine "biologische Lösung". Genau dazu darf es nicht kommen.

Tobias Pflüger

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Den Bericht für die IAEO nahm Angela Merkel zum Anlaß, deutsche AKWs zu loben. Das klappte aber nicht.

Bild: "2.030 Störfälle in 10 Jahren"

aaa (Bonn) Eigentlich sollte es eine Promotionveranstaltung für "das hervorragende Sicherheitsniveau deutscher Kernkraftwerke" werden. Am 11. August stellte Angela Merkel, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, der Pressekonferenz den Bericht der Regierung zur Sicherkeit in Atomkraftwerken vor. Ungewollt sorgte sie dadurch dafür, daß das Risiko eines Super-GAU in allen Medien Schlagzeilen machte.

Seit April 1997 ist die BRD Vertragspartei beim "völkerrechtlichen Übereinkommen über nukleare Sicherheit", einem Vertrag, der die Standards der alteingesessenen AKW-Bauer international verbindlich machen soll. 46 von 50 Staaten, in denen AKWs betrieben werden, haben sich inzwischen diesem Reglement unterworfen, was zunächst nicht mehr besagt, als daß die jeweiligen Regierungen einen Bericht für eine Überprüfungskonferenz abfassen. Ein solcher Bericht über die Situation in der Bundesrepublik soll demnächst zur IAEO nach Wien geschickt werden.

Dr. Wembling, zuständiger Abteilungsleiter im Hause Merkel, hatte alles sehr schön zusammengefaßt: In den vergangenen zehn Jahren waren es nur noch halb soviel meldepflichtige Ereignisse wie in den zehn Jahren davor. Was das Personal in den AKWs an Strahlung abbekommt, wurde in 20 Jahren um 80% verringert. 80% weniger in zehn Jahren war die Häufigkeit der Schnellabschaltungen, was heißt, daß die Bevölkerung der Umgebung vor 1988 von sehr viel mehr unkontrollierter Freisetzung betroffen war als heutzutage. Und: in den anderen Ländern würde es deutlich häufiger kritisch als in deutschen AKWs. Selbst die Aufweichung der Bestimmungen durch die letzte Neufassung des Atomgesetzes wußte er positiv darzustellen: Dadurch, daß die Betreiber ihre Anlagen jetzt nicht mehr so sicher wie technisch möglich erhalten müssen, sondern nur noch so sicher, wie es sich rechnet, wären diese viel eher geneigt, die Nachrüstungen auch durchzuführen.

Die Tatsache, daß an allen AKWs ständig um- und nachgerüstet wird, begeisterte Frau Merkel dann so sehr, daß sie sich zu der Aussage verstieg, "daß es in Deutschland praktisch keine alten Kernkraftwerke gibt". Den Vorstellungen des SPD-Kanzlerkandidaten Schröder, zur Beruhigung der Gemüter könnten ja einige alte AKWs vom Netz genommen werden, erteilte sie damit eine klare Absage. Sie lobte das Überwachungssystem, durch das sichergestellt ist, daß es auch bestimmt bemerkt wird, wenn doch einmal etwas passiert, und machte dann unverhohlen Werbung für Siemens: "Ziel dieser Politik ist, den deutschen Sicherheitsstandard als Motor für die allgemeine internationale Entwicklung der nuklearen Sicheheit einzusetzen."

Ausgerechnet die Bildzeitung sorgte dafür, daß aus der Reklameveranstaltung eine ungemütliche Fragestunde wurde. Obwohl es den eigentlichen Bericht erst in einigen Tagen geben soll, hatten Bildjournalisten nicht nur die verteilte Pressemitteilung gelesen, sondern vorab erfahren, was "nur noch halb soviel Störfälle" in Zahlen bedeutet, und am Tag zuvor getitelt: "2.030 Störfälle in zehn Jahren".

Alle, die aufmerksam die Zeitung atw (Atomtechnik/Atomwirtschaft) lesen, werden sich nicht darüber wundern, daß statistisch gesehen im Jahr 203, bzw jeden 1,79ten Tag ein solches Ereignis eintritt. Einige werden sich sicher auch daran erinnern, wie das Hessen-Baden-Plenum dem AKW Biblis A vor einiger Zeit die Plakette zum 500. Störfall ans Tor heftete. Der Bonner Presse aber war dies nicht geläufig, und dementsprechend waren dann auch die Fragen nach dem Fototermin. Das Strahlen auf Frau Merkels Gesicht wirkte mit einmal deutlich bemüht. Das BMU legte dann die Aufstellung zur Kategorisierung von meldepflichtigen Ereignissen nach; so richtig helfen konnte das dann aber auch nicht mehr.

Martin Nesemann

Meldepflichtige Ereignisse

dpa (Bonn) In deutschen Atomkraftwerken hat es zwischen 1988 und 1997 insgesamt 2.030 Zwischenfälle gegeben. Diese sogenannten meldepflichtigen Ereignisse ordnet die Bundesregierung in ihrem Bericht vier Kategorien zu. Sie richten sich nach der Dringlichkeit eines Eingreifens der Aufsichtsbehörde.

1.971 Vorkommnisse verzeichnet der Bericht unter der niedrigsten Meldekategone N. Dabei handle es sich um Ereignisse, die keine unmittelbare Auswirkungen auf die Sicherheit einer Anlage hätten und von den Betreibern deshalb erst innerhalb einer Frist von fünf Tagen gemeldet werden müßten, erläuterte Umweltministerin Angela Merkel.

In der Kategorie 5, die eine sofortige Information der Aufsichtsbehörde vorschreibt, wurden 1990 und 1994 jeweils ein Fall registert. Unter die Kategorie E (Eilmeldung innerhalb 24 Stunden) fielen 51 Fälle.

Daneben gibt es noch die Kategorie V bei Ereignissen während der Errichtung und Inbetriebnahme eines Kernkraftwerkes, über die die Aufsichtsbehörde im Hinblick auf den späteren sicheren Betrieb der Anlage informiert werden muß (sechs Fälle).

In den meldepflichtigen Ereignissen sind auch Störfälle enthalten, über deren Anzahl aber keine gesonderte Statistik geführt wird. Störfälle werden als Ereignisse definiert, bei denen die im Normalbetrieb eines Kraftwerks vorgesehenen Einrichtungen zur Beherrschung einer Stömng nicht ausgereicht haben. Bei den Störfällen gibt es eine siebenstufige Bewertungsskala.

Der gesamte Bericht kann bestellt werden:

Deutscher Bundestag
Sekretariat des Umweltausschuß
53 113 Bonn
Tel: 0228 - 162 72 45, Frau Klein

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