Nr. 87
Brennstoff-Spirale

aaa Nr. 87

52 Seiten
Januar 1998
Preis: 3,00 EUR

Inhaltsverzeichnis:

  • Die Brennstoffspirale (Teil II)
    Vom Yellow Cake zum Brennelement
    Urananreicherung in Gronau und Almelo
    Brennelementefertigung in Lingen, Hanau und Alzenau
    Anderthalb mal um den Erdball
  • niX mehr: Kampagne gegen Atomtransporte
    Der Aufruf aus Neckarwestheim, Gorleben und Ahaus
    Solidarität ist nicht umsonst: Spendenaufruf
    La Hague: Atommüll in der Wartschleife
    Sellafield: Plutonium per Autofähre
    Polizei: Murren wegen Strahlenbelastung
  • Standorte
    In der Mitte: demnächst Planfeststellung für Schacht-Konrad, Salzguss für Asse II, Eilantrag gegen Morsleben
    Im Norden:
    Gorleben: Endlager ganz unten, Molfässer fast weg, Abwasser aus der PKA bekämpft. Ministerium geknebelt, Samtgemeinde geschmiert
    Im Süden: Mehr Vernetzung der Inis, Neue Castoren in Neckarwestheim, "Ausrangiert" in Gundremmingen, Klage gegen die 2. TEG in Garching, Prozeß in Ulm
    Im Westen: Erweiterung für UAA-Gronau genehmigt, Widerstand in Ahaus in den Startlöchern, Diskussion um grüne Beteiligung, Prozeß um Mülheim-Kärlich
  • Internationales
    Französisches Netzwerk, Dounraey, Tschernobyl, Rußland-Report
  • Poli-Ticks
    Griff zur Bombe, Plutonium Handel, Mox-Plutonium, Joint-Venture von Siemens und BNFL, Energiegesetz-Novelle
  • Gesundheit
    Die Bewertung der Michaelis-Studie und ihre Zahlen
  • Diskussion
    ... um Schienensägen, Akzeptanz, Bewußtsein und Rollen, Anregungen zu Sexismus und patriarchalen Strukturen
  • Kriminalisierung
    Prozesse
  • dies & das
    Klaus Geiger schreibt sich mit Polizeipräsident Wimber
  • Kalenda
    Wichtige Termine auf einen Blick

Ein Kreislauf? Eine Spirale!

Für die Darstellung der (weltweit) verstreut liegenden Stationen der Uranbearbeitung haben die Propagandisten dieses Wirtschaftszweigs einen Begriff geprägt: In allen Veröffentlichungen sprechen sie von Anlagen des "Brennstoff-Kreislaufs". Schon geographisch betrachtet wäre dies barer Unsinn. Aber auch das Schema des Materialfluß-Bilds ist keineswegs geprägt von zyklischer Bewegung.

Die beabsichtigte Vorstellung von einem sich selbst erneuernden Arbeiten muß sich auf die marginale Tatsache stützen, daß 0,03 Promille des eingesetzten Ausgangsstoffs - von Millionen Tonnen Uranerz einige Zentner Plutonium pro Reaktorbetriebsjahr - ein einziges mal neu in den Fertigungsprozeß einbezogen werden können. An keiner einzigen Station wird das im Uranabbau freigesetzte Gefährdungspotential verringert, im Gegenteil: alle Verarbeitungsschritte produzieren zusätzlichen Atommüll und belasten Menschen, die bei ihrer Arbeit oder auch als AnwohnerIn an den Transportstrecken damit konfrontiert sind, durch Strahlung. Wenn schon Metaphern herhalten müssen, dann wäre die von einer Lawine (siehe Grafik auf Seite 6) angemessener.

Ein Lawinenabgang, ein Bergrutsch ist ein Ereignis mit einem Ende. Bei der Entfesselung der Atomkraft gibt es kein Ende, im Gegenteil: die Probleme weiten sich ständig aus. Deshalb sind viele in der Anti-AKW-Bewegung dazu übergegangen, von einer Brennstoff-Spirale zu sprechen.

UAA Gronau

Gronau (Udo Buchholz) - Urananreicherungsanlagen (UAAs) stehen ziemlich am Anfang der atomaren Brennstoffspirale. Ohne angereichertes Uran aus UAAs könnte in Leichtstoffreaktoren kein Strom produziert werden. In der Bundesrepublik gibt es nur eine UAA: Sie ist seit 1985 in Betrieb. Sie steht im tiefsten Münsterland im westfälischen Gronau, Landkreis Borken, direkt an der niederländischen Grenze. In etwa 20 Kilometer Entfernung steht, ebenfalls im Kreis Borken, das Ahauser Castorlager.

Wie's funktioniert...

Natururan besteht aus verschiedensten Uranisotopen. Der Anteil des in Leichtwasserreaktoren spaltbaren U-235 beträgt im Natururan ca. 0,7 %. Der Rest besteht weitgehend aus dem nicht spaltbaren U-238. Somit kann das Natururan, so wie es abgebaut wird, nicht direkt für den Einsatz in Leichtwasserreaktoren (LWR) genutzt werden, diese benötigen einen Anteil von etwa 3-5% U-235 im atomaren Brennstoff. Vor dem Einsatz in LWR muß daher der Anteil des U-235 erhöht ("angereichert") werden. Für diesen Anreicherungsvorgang sind UAAs notwendig. Erst aus dem angereicherten Uran, das ca. 3-5% U-235 enthält, können später in Brennelementfabriken entsprechende Brennelemente für den Einsatz in LWR hergestellt werden.

Zur Urananreicherung können verschiedene technische Verfahren angewandt werden, die bekanntesten sind das Zentrifugenverfahren, das Trenndüsenverfahren und das Diffusionsverfahren. Die URENCO, die je eine UAA in Großbritannien (Capenhurst), in den Niederlanden (Almelo) und in Gronau betreibt, arbeitet mit dem Zentrifugenverfahren. Bei diesem Verfahren wird der Gewichtsunterschied der unterschiedlichen Uranisotope genutzt. Das Uran wird dabei als Fluorverbindung (Uranhexafluorid, UF-6 = UF6) im gasförmigen Zustand in die Zentrifugen eingespeist. Durch die Zentrifugalkraft wird das schwerere U-238 vom leichteren U-235 weitgehend getrennt. Die notwendige Konzentration des U-235 kann nicht in einer Zentrifuge erreicht werden; notwendig ist die Hintereinanderschaltung mehrerer Zentrifugen. In den Trennhallen der UAA werden mehrere Zentrifugeneinheiten zusammengefaßt und parallel betrieben. Genehmigt ist in Gronau die Anreicherung bis auf 5% U-235. Grundsätzlich könnte mit dem Zentrifugenverfahren, entsprechende Schaltungen vorausgesetzt, auch hochangereichertes Uran (d.h. atomwaffentaugliches) mit einem Anteil des U-235 von über 50% produziert werden.

Gefahren von UF-6

Wie bereits ausgeführt, wird das Uran in den UAAs der URENCO in Form von Uranhexafluorid verarbeitet. UF-6 wird nach dem Uranabbau in speziellen Konversionsanlagen in verschiedenen Ländern hergestellt, in der Bundesrepublik gibt es keine derartige Konversionsanlage zur UF-6-Produktion. Das notwendige UF-6, es ist radioaktiv und chemisch sehr giftig, wird von ausländischen Konversionsanlagen, z.B. in Frankreich, nach Gronau transportiert. In Frankreich und in den USA sind bereits Atomarbeiter durch UF-6 getötet worden.

Der Rußland-Deal

Das in der UAA angereicherte Uran(hexfluorid) wird zur Weiterverarbeitung zu Brennelementefabriken transportiert, in denen das UF-6 wieder in Uran und Fluor aufgetrennt wird. In der Bundesrepublik erfolgt dies nur noch im emsländischen Lingen, ca. 40 Kilometer nördlich von Gronau. Das abgereicherte UF-6, das bei der Anreicherung in großen Mengen anfällt, es enthält kaum noch U-235, wird in Gronau in Fässern neben der UAA unter dem freien Himmel in großen Mengen gelagert. Die Gronauer AtomkraftgegnerInnen bezeichnen das abgereicherte Uran als Atommüll, dessen Entsorgung völlig ungelöst ist. URENCO bezeichnet es jedoch als "Wertstoff" und verweist darauf, daß das abgereicherte Uran erneut angereichert wird. Eine Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ergab vor kurzer Zeit, daß abgereichertes Uran aus Gronau nach Frankreich, Großbritannien und in andere Länder der EU sowie in die Russische Föderation geliefert wurde. Bei den Anlagen der Russischen Föderation handelt es sich um Anlagen in den Bereichen Jekatharinenburg, Tomsk und Irkutsk. Nähere Angaben über genaue Liefermengen erteilte die Bundesregierung nicht ("Geschäftsgeheimnis"). Neu angereichertes Uran wurde nur aus der Russischen Föderation zurückgeliefert. Das dabei bei der Neu-Anreicherung angefallene abgereicherte Uran verblieb nach Angaben der Bundesregierung beim Anreicherer, also in der Russischen Föderation. "Angaben über die noch zu exportierenden bzw. importierenden Mengen sind Geschäftsgeheimnis und können nicht weitergegeben werden." (Bundestagsdrucksache 13/8810, 22.10.97).

Potentielle Atomwaffenschmiede?

Während in den 80er Jahren breit vor der militärischen Nutzbarkeit der (ehemals) geplanten Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf gewarnt worden ist, wurde in Gronau mit der UAA eine Anlage gebaut und in Betrieb genommen (1985), bei der völlig offensichtlich ist, daß in ihr atomwaffentaugliches Material nach Umbauarbeiten hergestellt werden könnte. Trotz aller Mahnungen ist die UAA Gronau nie das Ziel von Großaktionen geworden. Die bisher größte Demonstration gegen die UAA, zu der bundesweit mobilisiert worden war, fand 1987 mit 400 TeilnehmerInnen statt. Um die zivilitärische Bedeutung der UAA zu betonen, ist die Anlage in der Vergangenheit auch wiederholt das Ziel kleinerer Ostermärsche mit bis zu 200 TeilnehmerInnen gewesen. Im August 1995 nahmen anläßlich des 50. Hiroshimatages rund 60 Personen an einer Kundgebung vor der UAA statt.

URENCO & Weltmarkt

Trotz der weltweiten Überkapazitäten im Urananreicherungssektor ist die URENCO stets darum bemüht, ihre Kapazitäten in Gronau, Capenhurst und Almelo auszubauen: "Die Gesamtkapazität der drei URENCO-Anlagen wird nach URENCO-Angaben Ende diesen Jahres rund 3700 t UTA/a (Tonnen Urantrennarbeit pro Jahr) betragen. Am weltweiten Markt für Urantrennarbeit hat URENCO damit einen Anteil von über 10 Prozent. 'Mit dem Ausbau der Anlagen kann URENCO ihren Marktanteil weiter steigern. In Capenhurst werden bereits Ende diesen Jahres erste Einheiten einer neuen Anlage in Betrieb gehen. Neben dem jetzt genehmigten Ausbau der Urananreicherungsanlage in Gronau ist auch in Almelo eine weitere Anlage in Bau', heißt es in der Mitteilung des Unternehmens weiter" (Gronauer Nachrichten, 4.11.97). Mit der installierten Kapazität von 3700 t UTA/a kann URENCO jährlich angereichertes Uran für den Betrieb von ca. 30 AKWs vom Typ Lingen II versorgen. In Gronau sind derzeit (Mitte Dezember 1997) rund 1000 t UTA/a installiert und in Betrieb. Eine Erweiterungsgenehmigung von 1994 zur Steigerung der Kapazität von 530 auf 1000 t UTA/a wurde beklagt; die Klage hatte jedoch keine aufschiebende Wirkung. Ende November 1997 wurde die Klage vom Oberverwaltungsgericht Münster abgewiesen. Kurz zuvor, Ende Oktober, hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung eine Kapazitätserhöhung auf 1800 t UTA/a genehmigt. Diese Genehmigung kann jedoch derzeit noch nicht von URENCO genutzt werden, da die NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn noch ein wasserrechtliches Erlaubnisverfahren einfordert.

UF-6 Lagerung

Das von Frau Höhn eingeforderte wasserrechtliche Erlaubnisverfahren ist im Zusammenhang mit den UF-6-Freilagern neben der UAA zu sehen. In diesen Lagern wird überwiegend abgereichertes UF-6 gelagert. "Anknüpfungspunkt für die Notwendigkeit des wasserrechtlichen Verfahrens ist die Feststellung im Genehmigungsbescheid (für 1800 t UTA/a, Anm. U.B.), daß unter ungünstigen Bedingungen nicht der gesamte Niederschlag von den dafür vorgesehenen Rohren aufgenommen werden kann, sondern Teilmengen versickern können. Über diesen Weg könnten uranhaltige Stoffe in Boden und Grundwasser gelangen. In der atomrechtlichen Genehmigung ist aus diesem Grund ausdrücklich ein Meßprogramm vorgeschrieben worden. Dies ist wasserrechtlich nicht ausreichend. Schon die Möglichkeit der Gewässerverunreinigung macht ein wasserrechtliches Erlaubnisverfahren erforderlich. Die Erlaubnis darf nur erteilt werden, wenn z.B. durch Absicherungsmaßnahmen eine schädliche Verunreinigung des Grundwassers ausgeschlossen werden kann. 'Was für jede Tankstelle gilt, nämlich daß eine solche Abdichtung vorgeschrieben ist, muß auch für eine Urananreicherungsanlage gelten', sagte Bärbel Höhn.' Deshalb muß als Vorsichtsmaßnahme eine solche Abdichtung unter der gesamten Anlage eingebaut werden." (aus einer Pressemitteilung des NRW-Umweltministeriums vom 27.11.97).

Daß die Lagerung des abgereicherten UF-6 ein höchst brisantes Thema ist, belegen neue Erkenntnisse aus den USA. Nach den Plänen der US-Regierung sollen die Lager für abgereichertes UF-6 aufgelöst werden. Hierzu werden derzeit umfangreiche Untersuchungen zur Auswahl der Beseitigungsverfahren durchgeführt. Eine Entscheidung über das anzuwendende Verfahren soll Anfang 1998 erfolgen. Untersuchungen in den USA ergaben, daß die langjährige Lagerung des abgereicherten Urans mit erheblichen sicherheitstechnischen Risiken verbunden ist. So wurden die Wände der Lagerbehälter vom UF-6 weitaus stärker angegriffen, als es bisher hierzulande verlautbart wurde. Teilweise sind die Wandstärken dermaßen dünn, daß eine Transportfähigkeit der Behälter nicht mehr gegeben ist, sie müssen mit Spezialummantelungen versehen und geschützt werden. Der Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau erklärte am 27.11.97 in einer Pressemitteilung, daß er daraus ableitend seine Befürchtungen erneut bestätigt sieht, daß auch das Gronauer Uranhexafluoridlager ein erhebliches Gefahrenpotential für die Bevölkerung darstellt. Der AKU erwartet endlich eindeutige Informationen darüber, was mit dem in Gronau anfallenden abgereicherten Uran letzlich alles geschieht bzw. geschehen soll. Er verlangt von der Betreiberfirma der Gronauer UAA und von dem Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde, klare Aussagen darüber, wieviel abgereichertes Uran bereits in Gronau angefallen ist, wieviel wohin bereits abtransportiert wurde, wieviel abgereichertes Uran derzeit in Gronau lagert und wie und wann es "entsorgt" werden soll. Der AKU ist der Meinung, daß die Düsseldorfer Landesregierung kein Uranlager in Gronau dulden darf, dessen sichere Entsorgung völlig ungeklärt ist. Daß es massiven Klärungsbedarf gibt, zeigt bereits ein Blick in den jüngsten Genehmigungsbescheid der NRW-Landesregierung zur Inbetriebnahme einer Kapazität von 1800 t UTA/a: In dieser Genehmigung (S.3) wird die Lagerung von 26.016 Tonnen abgereicherten Urans genehmigt. Offen bleibt dabei, ob das Uran in Gronau liegen bleiben soll, ob es nach Rußland verbracht werden soll oder ob es in einer sonstigen Art und Weise genutzt werden soll. Fakt ist (laut bereits erwähnter Bundestagsdrucksache), daß bei einer UAA-Kapazität von 1000 t UTA/a etwa 1500 t abgereicherten Urans anfallen, bei einer Kapazität von 1800 t UTA/a sind es jährlich rund 2700 t abgereicherten Urans, die zu erwarten sind. Der Genehmigungsbescheid enthält einige recht diffuse Aussagen über den Verbleib des abgereicherten Urans. Selbst eine "Endlagerung" des Materials wird in Erwägung gezogen. Ähnlich verhält es sich mit den "echten" radioaktiven Abfällen, die auch in der Urananreicherungsanlage Gronau anfallen. Schlagworte wie Morsleben, Schacht Konrad und Zwischenlagerung fallen: "Für die bis zur Inbetriebnahme der Schachtanlage Konrad, die nach den Plänen des Bundes Anfang des Jahres 2002 erfolgen könnte, erforderliche Zwischenlagerung gem. § 86 StrlSchV steht das betriebsinterne Pufferlager zur Verfügung: weitere Lagerkapazität ist im Abfalllager Gorleben vertraglich abgesichert." (Genehmigungsbescheid v. 31.10.97, S.125).

UF-6 Transporte

Ein Problem, das im Zusammenhang mit der Urananreicherung abschließend wenigstens kurz Erwähnung finden soll, ist in den zahllosen Uranhexafluoridtransporten zu sehen. Alleine mit der UAA Gronau wären, bei einer Kapazität von 1800 t UTA/a, jährlich bis zu 900 LKW-Transporte mit UF-6 verbunden. Ein Gleisanschluß ist für die Gronauer UAA vorgesehen und könnte dazu führen, daß die Straßentransporte reduziert werden könnten. Ziel der Anti-Atomkraft-Bewegung kann es jedoch nicht sein, "das sicherste Transportmittel" für UF-6 zu finden. Ziel muß es sein, den Betrieb von UAAs zu be- und verhindern, damit Leichtwasserreaktoren gestoppt und die Atommüllproduktion verhindert werden kann.

(11.12.97)

Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau
Siedlerweg 7
48599 Gronau
Tel: 02562 - 23125

UAA Almelo

Hengelo/Niederlande (Klaus Pfeil) - Etwa 35 km von Gronau entfernt befindet sich in Almelo die einzige UAA der Niederlande. Zusammen mit der UAA in Capenhurst/England bildet es die Standorte der URENCO-Gruppe. Die Zentrale des Unternehmens hat ihren Sitz im englischen Marlow.

Urananreicherung in Almelo findet seit dem Jahr 1974 statt. Von Anfang an wurde das Uran aus Namibia bezogen, einem Land, das in der Zeit von Südafrika unterdrückt und beherrscht wurde. Das angereicherte Uran wurde danach an Länder in Süd-Amerika, Asien und den Vereinigten Staaten verkauft.

Nachdem das Unternehmen mit 60 Tonnen Urantrennarbeit pro Jahr (t UTA/a) begann, kam es 1977 zu nennenswerten Protesten. Die Ursache war die geplante Erweiterung der Kapazität auf 2000 t UTA/a. Nachdem ein Jahr später die Ausbaugenehmigung erteilt worden war, demonstrierten ca. 45.000 Menschen dagegen. Etwa 8.000 von ihnen waren aus der BRD angereist, alleine 1.200 davon kamen aus Hamburg.

1979 machte die UAA in Almelo erneut Schlagzeilen. Einem pakistanischen Wissenschaftler, der einige Zeit bei der URENCO gearbeitet hatte, war es gelungen, streng geheime Informationen zur Urananreicherung in seinen und damit in den Besitz von Pakistan zu bringen. Damit war es diesem Land möglich geworden, dem Aufbau einer eigenen Atomwaffenindustrie entscheidend näher zu kommen.

Heute beträgt die Kapazität der UAA in Almelo 1500 t UTA/a. Das sind etwa 4% der Weltproduktion. Die URENCO-Gruppe ist zusammen verantwortlich für etwa 10% davon. Durch die Zunahme von Lieferungsverträgen rechnet das Unternehmen mit einer Steigerung der Kapazität auf 2000 t UTA/a. Die Erhöhung der Nachfrage hat vor allem mit der Entwicklung in Asien zu tun, wo auch die Atomindustrie ihre Zukunft sieht. URENCO scheint mit ihrer besseren Ultrazentrifugentechnik Frankreich, Rußland und den Vereinigten Staaten in der Zukunft noch mehr Marktanteile streitig machen zu können.

Neben der Urananreicherung finden bei der URENCO in Almelo noch sogenannte komplementäre Aktivitäten statt. So werden hier in einer eigenen Werkzeugmaschinenfabrik die zur Urananreicherung benötigten Zentrifugen fur alle drei Standorte des Unternehmens hergestellt. Daneben beschäftigt man sich in einem bescheidenen Umfang mit der Entwicklung von Systemen für die Raum- und Luftfahrt. Die dritte - bescheidenste - Nebenaktivität besteht aus dem Scheiden von stabilen Isotopon für den industriellen und medizinischen Gebrauch.

Das Abfallproblem löst die Urenco auf ihre eigene Weise. Abgereichertes Uran findet seinen Weg nach Rußland, um in Reaktoren verarbeitet zu werden. Die dazu abgeschlossenen Verträge werden dort die Zeitbomben für weitere 10 Jahre ticken lassen.

In den Niederlanden endet die Geschichte der nationalen Atomenergieerzeugung höchstwahrscheinlich im Jahr 2004. Dann soll der letzte kommerzielle Atomreaktor stillgelegt werden. Die Anti-Atombewegung konzentriert sich im Moment in der Hauptsache darauf, die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente zu verhindern. Dem Widerstand gegen Urananreicherung muß aber in der Zukunft auch über die Grenzen hin verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Klaus Pfeil

Brennelementefabrik Lingen

(aaa) - Seit 1979 werden in Lingen Brennelemente gefertigt. Allein in den ersten zehn Betriebsjahren wurden 4.000 Brennelemente produziert, das sind 650.000 Brennstäbe oder 1.400 t Uran. Laut eigenen Angaben hatte die Fabrik 1990 einen Anteil von 20% am bundesdeutschen Brennelementemarkt. Ds ist schon ganz beachtlich, wenn man bedenkt, daß nur Uranbrennelemente hergestellt werden und der Anteil von Mischoxid- (MOX-) Brennelementen am hiesigen Markt nicht unerheblich ist. Zu den Kunden in der BRD gehören z.B. Esensham und Würgassen. Die Hauptabnehmer der Lingener Brennelemente sind Frankreich und Schweden. Daneben wird aber auch z.B. Belgien, Finnland, Niederlande, Spanien und die Schweiz beliefert. Dadurch hatte die Lingener Brennelementefabrik schon 1990 einen Gesamtanteil von 7 % in Gesamtwesteuropa.

Ursprünglich hatte die sehr großzügig angelegte Fabrik eine Genehmigung für 180 Tonnen Jahresproduktion. Im Juli 1983 wurde die Genehmigung auf 400 t erweitert, einschließlich einer Option auf 800 t. Bis 1988 wurden in Lingen lediglich Urandioxidtabletten (UO2-Pellets) in Hüllrohre verfüllt und zu Brennelementen montiert. Die UO2-Pellets wurden aus den USA angeliefert. Im März 1987 erteilte das niedersächsische Umweltministerium die Genehmigung, aus Urandioxidpulver UO2-Pellets zu pressen. Diese Pelletisierungsanlage wurde 1988 fertiggestellt. Im Juni 1994 kam die UF6-Trockenkonversionsanlage hinzu und vervollständigte die Produktionspalette weiter. Die UF6-Trockenkonversionsanlage dient der Umwandlung von gasförmigem Uranhexafluorid (UF6) unter Zugabe von Wasserdampf und Stickstoff zu Urandioxid (UO2). Die Trockenkonversion ist ein neues, firmeneigenes Verfahren. Bis zum Bau dieser Anlage gab es lediglich in Richmond (USA) eine Pilotanlage mit etwa einem Drittel der beantragten Kapazität. 1997 kam die Genehmigung zur zusätzlichen Verarbeitung von 250 t extern hergestellter fertiger Brennstofftabletten zu Brennelementen hinzu.

Die Konzern-Strategie

Exxon plante in den siebziger Jahren mit der Brennelementefabrik Exxon Nuclear GmbH in Lingen ins europäische Brennelementegeschäft einzusteigen. Der Markt entwickelte sich nicht so wie erhofft, und Exxon zog sich aus dem Servicegeschäft für Atomkraftwerke zurück. Im Januar 1987 übernahm die Kraftwerk Union (KWU) die Exxon Nuclear Company und benannte sie um in "Advanced Nuclear Fuels Corporation" (ANF). Die Lingener Brennelementefabrik, seither "Advanced Nuclear Fuels GmbH", ist eine 100 %ige Siemenstochter. Für die Organisations- und Betriebsstruktur hatte das keine Konsequenzen. Zusammen mit der Lingener Anlage verfügt der Siemenskonzern nach der "Entflechtung" à la Töpfer durch die Übernahme der Nukemanteile an den Hanauer Fabriken über ein Monopol in der Brennelementeherstellung.

(Quellen: B90/Grüne Lingen, Sorgenbericht 1990, aaa 82/83)

Ende