Nr. 84
niX mehr: Kampagne gegen Atomtransporte

aaa Nr. 84

56 Seiten
Oktober 1997
Preis: 3,00 EUR

Inhaltsverzeichnis:

  • Herbstkonferenz
    Einladung: Mehrgleisig gegen den Strom, Zeitplan, Stadtplan, AG_Übersicht, AG-Ankündigungen und 4 Diskussionspapiere
  • Die niX-mehr-Kampagne
    WAA La-Hague gerät immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit
    Nix mehr Süd - AKW-Grafenrheinfeld: Kein Transport blieb ungestört
    Nix mehr Nord - Buchholz: auch der 20. Transport aus Brockdorf wurde blockiert, Krümmel: Auftakt-Aktionen zur nix-mehr-Kampagne
    Nix fährt mehr zwischen Ahaus, wo am 18.10. der Schienenaktionstag stattfindet und Neckarwestheim, wo ein Anti-Atom-Festival gefeiert wurde
    Gedanken zur Kampagne: Diskussionsbeitrag des Lüneburger Kreises
  • Internationales
    Intergalaktisches Treffen, Temelin, La Hague, Sellafield, Cassini-Projekt
  • Standorte
    Im Norden: NW-Delegiertentreffen, PKA Gorleben
    Im Osten: Siemenstage in Berlin
    Im Süden: Atombrückle Neckarwestheim, Gundremmingen, Ohu, EPR in Marienburg?
    Im Westen: THTR Hamm stillgelegt, AKU Gronau abgebügelt, Ahaus vorbereitet
  • dies & das
    Ein kultureller Beitrag: Frühlingslied
  • Diskussion
    X-Tausend mal quer in Ahaus, Sexisten raus! Und nicht weiter wie gehabt! Zur Vergewaltigung in Gusborn
  • Poli-Ticks
    Neue Gesetze (AtG, EnWG, StEG), Lauschangriff und Meldungen
  • Kriminalisierung
    Hauptverhandlungshaft, Grundsatzrede zum Zivilen Ungehorsam
  • Kalenda
    Wichtige Termine auf einen Blick

Bericht vom Auftakt der bundesweiten Kampagne gegen Atomtransporte am 20./21.9.97 in Krümmel

NiX-mehr: Kampagne gegen Atomtransporte

Die Aktionen gegen die Castor-Transporte haben deutlich gemacht, daß das Atomprogramm durch einen lebendigen und massenhaften Widerstand in Frage gestellt werden kann. Zumindest in Gorleben ist es auf Dauer nur mit polizeistaatlichen Methoden durchsetzbar. Deshalb setzt die Atomlobby verstärkt auf Transporte ins Ausland (La Hague und Sellafield) und demnächst auch nach Ahaus, in der Hoffnung, daß sich der Widerstand dort nicht so etablieren kann wie im Wendland.

Viele haben im Wendland erfahren, daß Widerstand nicht nur Spaß machen kann, sondern durchaus auch Erfolge im Kampf gegen das herrschende System möglich sind. Der Kampf geht weiter! Das war nach dem dritten Transport vielen klar, gestritten wurde viel und heftig über die richtige Strategie. Von der Fixierung auf Gorleben und den von Betreiberseite jeweils vorgegebenen Transportterminen einmal wegzukommen war das eine, bei der Produktion des Atommülls anzusetzen das zweite Argument. Ganz abgesehen davon, daß es ja um die Stillegung sämtlicher Atomanlagen geht, aber das wissen ja eh Alle (?).

Herausgekommen ist dabei auch die Kampagne gegen Krümmel. Zum einen wegen der Nähe zum Wendland und Hamburg, zum anderen weil das AKW-Krümmel eines, wenn nicht das umstrittenste AKW in Deutschland und hier eine Stillegung am ehesten zu erkämpfen ist. Seit Monaten war unter dem Motto 5000 auf die Krümmel-Schienen mobilisiert worden. Ein Teil hatte unter dem Motto "Mal richtig abschalten" mobilisiert, um öffentlich und gewaltfrei an diesem Wochenende Schienen zu demontieren. Die Fehler von "X-Tausendmal-Quer" wurden hier nicht wiederholt, im Gegenteil es wurde auf andere Aktionsformen und die Vielfalt des Widerstands positiv Bezug genommen.

Von den Bullen war im Vorfeld das übliche Bla über zu erwartende Straftaten verbreitet worden. Am 17.9. war noch auf Antrag der Staatsanwaltschaft Lüneburg eine Wohnung und Laden in Berlin nach der Zeitschrift "Der Wurfanker" durchsucht worden. In der Region hattten sie damit offensichtlich Erfolg. Die BI "Leukämie ..." aus Geesthacht hatte sich vorab von der Aktion insgesamt distanziert und dementsprechend gering war die bürgerliche Beteiligung. Wg. der Hamburg-Wahl, behaupte ich jetzt einfach mal, hatten die Bullen ein Deeskalationskonzept angekündigt und auf Vorkontrollen weitgehend verzichtet. Bei der Auftaktkundgebung in Geesthacht kamen am Samstag Mittag knapp 1000 Menschen zusammen. Zu den anschließenden Schienenspaziergängen brachen einige hundert auf, die meisten anderen zogen in einem langen Demozug zum Camp.

Der Schienspaziergang verlief relativ erfolgreich. Bevor die Bullen überhaupt reagieren konnten fehlten bereits etliche Schrauben an den Schienen, wurde fleißig gebuddelt, gesägt und Barris gebaut. Erst als die Barris brannten schritten sie massiv ein. Anscheinend waren sie sauer zu spät gekommen zu sein, auf jeden Fall machten sie anschließend regelrecht Jagd auf alle "scenetypisch gekleideten" Menschen in Geesthacht. Verhafteten v.a. schwarz gekleidete, auch wenn diese nur vor der Post herumstanden. Erteilten Platzverweise mit abstrusen Begründungen und unterschiedlichsten Auflagen (von einer halben Stunde bis zu 2 Tagen, für die Stadt Geesthacht, für den gesamten Landkreis etc.). Aufgrund der schlechten Beweislage und der schwierigen Rechtslage wurden die meisten ziemlich schnell wieder freigelassen. Dennoch wurden ca. 20 Menschen in Gewahrsam genommen und nach Lübeck gefahren, wo sie erst im Laufe des nächsten Tages wieder freigelassen wurden. Da es in Schleswig-Holstein kein allgemeines Sicherheits und Ordnungsgesetz (ASOG) gibt, beriefen sich die Bullen dabei auf eine Verwaltungsvorschrift, hatten dann aber wohl Probleme einen Richter zu finden der die Ingewahrsamnahme absegnete.

Um es nochmal deutlich zu machen: Aufgrund von Äußerlichkeiten wurden zuerst Platzverweise erteilt und anschließend in eine Gewahrsamnahme umgewandelt. Diese Freiheitsberaubung sollte vielleicht auch ein Test für zukünftige Aktionen sein. Um so wichtiger ist es gegen diese Maßnahme Beschwerde einzulegen und ein Verfahren anzustrengen. Dies sollte ein Thema für die Nachbereitung sein!

Am Samstag lief dann nicht mehr allzu viel außer Campaufbau, Vorträgen und Diskussionen. Geübt wurde am Rande des Camps die Aktion "Ausrangiert" und das Auf- und Abseilen von hohen Bäumen. Abends fand dann noch ein Kulturprogramm begeisterte Zuhörer. Zu kleineren Scharmützeln kam es im Laufe der Nacht immer wieder an der Bahntrasse zum AKW. Die Bullen waren sichtlich genervt nicht zum Schlafen zu kommen, von Verhaftungen oder Verletzungen ist allerdings nichts bekannt.

Am Sonntag gelang es im Rahmen der Aktion "Ausrangiert" mehreren hundert AktivistInnen wenige hundert Meter vor dem AKW auf die Schienen zu gelangen und diese zu bearbeiten. Ein massiver Bulleneinsatz beendete diese Aktion aber bald, ohne den Einsatz des bereitstehenden Wasserwerfers. Kleinere Gruppen hatten sich in die andere Richtung nach Geesthacht aufgemacht, wurden dort aber auch bald von den Bullen verfolgt. Es kam wieder zu ca. 25 "Ingewahrsamnahmen", der Abtransport klappte diesmal aber nicht, da der Transporter nicht mehr fahrtüchtig war. Die Einsitzenden hatten nämlich begonnen den Bus zu schaukeln, bis dieser auf beiden Seiten aufsetzte. Um dies zu verhindern setzten die Bullen einen Wagenheber drunter, mit durchschlagendem Erfolg .....Nach "nur" vier Stunden kamen alle in Geesthacht wieder frei.

Zur Abschlußkundgebung vor dem AKW gelangten wir nur durch einen Bullenkonvoi, Ergebnis der "erfolgreichen" Verhandlung der Veranstalter. Bei den Reden viel auf, daß immer wieder die Vielfalt und Solidarität des Widerstandes betont wurde. F. berichtete vom europäischen intergalaktischen Kongreß im vergangenen Frühjahr in Spanien, abzuwarten bleibt, was aus den angekündigten europaweiten Vernetzungs- und Widerstandsaktivitäten bei den kommenden Transporten nach La Hague und Sellafield wird. Wenn es uns gelingt die Transporte dorthin zu stoppen steht der Atomlobby kein Ausweg mehr zur Verfügung, d. h. dann müssen sie in Gorleben einlagern. Das aber fürchten sie mit gutem Grund ...

Resümmee: Die gute Vorbereitung und Durchführung dieses Schienenaktionswochendes führte leider nicht zu der erhofften massenhaften Beteiligung. Dadurch konnten die Bullen ihr Konzept, z. B. Sperrung der gesamten Elbuferstrasse, durchziehen. Wir konnten meist nur symbolisch die Schienen bearbeiten und Festnahmen nicht verhindern. Aufgestoßen ist uns die defensive Haltung der Veranstalter bzw. des Vorbereitungskreises. Es ist völlig überflüssig die Schere im eigenen Kopf aus Angst vor Repression ständig auf andere zu projizieren die bereit wären weiter zu gehen. Andererseits war dies auch Ausdruck des Kräfteverhältnisses.

Toll war, abgesehen vom Wetter und dem Platz, mal wieder alte und neue Bekannte zu treffen, die Campstruktur und das Umgehen miteinander, das Essen (herzlichen Dank an die VoKü-Leute) und die Mucke. Eigentlich schade, daß der ganze Aufwand nur für zwei Tage betrieben wurde, in dem Camp hätten es sicher einige Leute auch länger ausgehalten. Vielleicht eine Überlegung fürs nächste Jahr?

Bei künftigen Aktionen sollten wir einfach keine Zahlen mehr im Vorfeld (5000) nennen, Bullerei und Presse haben da auch ständig drauf abgehoben. Der Erfolg dieses Wochendes besteht in der Verfestigung der Strukturen, dem Ausprobiern und Üben (wieweit will ich gehen?), dem solidarischen Miteinander verschiedener Aktionsformen und der Lust auf mehr ...

In diesem Sinne sehen wir uns am 11. Oktober in Berlin bei der Anti-Siemens-Demo und am 18. Oktober in Ahaus.

Jonny,
für die Freie Republik Wendland
Außenstelle Berlin
25.9.97

Ende