Nr. 71/72
Castor-Dokumentation

aaa Nr. 71/72

80 Seiten, jede Menge Fotos!
Juli 1996
Preis: 3,00 EUR

Inhaltsverzeichnis:


aaauftakt

Gegen den erbitterten Widerstand, den Tausende von Atomkraftgegnerinnen und -gegner leisten, wird ein Behälter mit Atommüll unter einem riesigen Polizeiaufgebot nach Gorleben gebracht. Nach sechs Stunden heftiger Auseinandersetzungen schließt sich das Rolltor des Zwischenlagers, und ein Demonstrant sagt: "Wir haben gewonnen."

Die meisten Medien zeichnen danach ein Bild von Krawallen; das Wort Krieg wird im Zusammenhang mit den Aktionen gegen den Transport gebraucht. Die Vokabeln Mob und "unappetitliches Pack" machen die Runde, Demonstrierende werden als Chaoten bezeichnet. "Na,wenn das so ist, dann sind wir eben die Chaoten!" äußern sich daraufhin viele.

Das gesteckte Ziel, die Einlagerung der Glaskokillen zu verhindern, wurde nicht erreicht. Wie kommt es, daß so viele Menschen stolz darauf sind, diese "Niederlage" miterlebt zu haben?

Wir haben versucht, Berichte aus den verschiedensten Blickwinkein zusammenzustellen; nur aus der Vielzahl der Facetten ergibt sich überhaupt ein Bild. Sehr persönlich Geschriebenes steht jetzt neben eher analysierenden Betrachtungen; manche haben auf die Uhr geschaut, gezählt und bemüht nüchtern geschildert, was sie gesehen haben. Für andere ist der Eindruck wichtiger; es macht überhaupt nichts in diesem Zusammenhang, wenn beispielsweise Zahlenangaben eher Ausdruck von Stimmungen sind. Wer kann auch schon wirklich beurteilen, ob es hundert, tausend oder dreitausend Polizeibeamte sind, die im Laufschritt auf Dich zukommen?

Erfreulich viele haben auf unsere Bitte reagiert, ihre Berichte, Bilder und Einschätzungen für diese Dokumentation zur Verfügung zu stellen. Dafür wollen wir uns bei allen bedanken! Wir konnten bei weitem nicht alles unterbringen und hoffen dafür auf Verständnis.Es sollte ja eine Broschüre und kein Buch werden.

So. Am Ende noch eine Versicherung für diejenigen, die möglicherweise argwöhnen, die anti atom aktuell würde nun doch zur Hofberichterstattung aus Gorleben übergehen: Dies ist eine Sondernummer. Ausnahmsweise haben wir uns auf Gorleben konzentriert. Im nächsten Heft kehren wir wieder zu unserem Konzept der Regionalredaktionen zurück. Bitte schaut ins Impressum, und schickt Eure Beiträge an diejenigen, von denen ihr am ehesten denkt, daß sie für Euch zuständig sind.

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Mit Kabelbindern gefesselt

Gedächtnisprotokoll der Festnahme am 05.05.1996 in der Nähe von Neetzendorf

Ich traf am 05.05.1996 ca. gegen 22.50 Uhr an der Straßenkreuzung B216/Abzweig Neetzendonf ein. Mein Fahrzeug ließ ich am Rande der B 216 stehen und begab mich zu Fuß in Richtung Neetzendorf. Ich kam gegen ca. 23.05 Uhr an einer Polizeikette, ca 200m vor der Eisenbahnunterführung kurz vor Neetzendorf an. Ich befragte einen Polizeibeamten aus welchem Grunde die Straße hier abgesperrt sei, und was dort bei der Eisenbahnbrücke vor sich gehe. Ich erhielt sinngemäß zur Antwort, daß ,"hier keiner mehr durchkäme, und die Leute dort hinten mit Sicherheit nicht freigelassen würden, nach dem, was hier vorgefallen sei." Auf Nachfrage, was denn vorgefallen sei, erhielt ich keine Antwort.

Da ich erkennen konnte, daß eine große Anzahl von Polizeikräften anrückte, und ich nach den bösen Erfahrungen der letzten Tage, in Bezug auf das unverhältnismäßig brutale Vorgehen der Polizei gegen friedliche DemonstrantInnen, zog ich es wie viele andere vor, den Ort zu verlassen und ging zurück in Richtung B 216. Eine Aufforderung den Ort zu verlassen, oder eine Mitteilung, daß es untersagt sei, sich an diesem Ort aufzuhalten, hat es nicht gegeben.

Nach einigen hundert Metern wurden ich und andere von Polizeikräften im Laufschritt überholt. Die Polizeikräfte riegelten nunmehr die Straße in Richtung B 216 ab und kesselten diejenigen die auf der Straße blieben, ohne Angabe von Gründen, ein. Die Einkesselung erfolgte unter rüdem Schubsen und Stoßen, obwohl keiner der Eingekesselten sich in irgendeiner Form zur Wehr setzte.

Andere Menschen, die über das freie Feld zu ihren Fahrzeugen (wie ich annehme) zurückgingen, wurden von Polizisten verfolgt, "eingefangen" und mit offensichtlich sehr schmerzhaften Handgriffen in einem weiteren Kessel festgehalten und sofort gefesselt, ohne daß mir ersichUich war, warum diese Menschen verfolgt wurden. Der Kessel wurde um 23.10 Uhr errichtet, die Außentemperatur betrug ca. 0 Grad C.

Eine Polizeibeamtin (aus Magdeburg, vermutlich 1 .Einsatzhundertschaft) die in der Polizeikette stand, wurde von mir befragt, was mir vorgeworfen wird und aus welchem Grunde ich hier festgehalten werde. Sinngemäß wurde mir geantwortet, daß "ich das schon selbst wissen werde und sie hier nur das tue, was ihr befohlen wurde". Auf meine Feststellung hin, daß es sich hier offensichtlich um einen Willkürakt und um Freiheitsberaubung handele, antwortete die Beamtin, dazu könne sie nichts sagen, ihr Vorgesetzter habe sie über die Vorwürfe nicht informiert, aber er werde schon wissen, was er tut.

Gegen 2.15 Uhr (06.05.1996) wurde ich aus dem Kessel herausgeführt. Mir wurden mit Kunststoffhandschellen die Hände auf dem Rücken gefesselt, und es wurde von mir und einem Beamten ein Polaroidfoto angefertigt, sowie meine Personalien aufgenommen. Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt, ich werde des Landfriedensbruches und der Sachbeschädigung verdächtigt und daher zur weiteren Behandlung in die Kaserne Neu-Tramm verbracht.

Ich wurde danach mit 4 weiteren Menschen in einen VW-Transporter verbracht, der uns zu einem bereitstehenden Gefängnisbus auf der B 216 brachte. Alle in dem VW-Transporter untergebrachten Personen beschwerten sich darüber, daß ein Sitzen mit auf den Rücken gefesselten Händen große Schmerzen verursache. Wir verlangten die Abnahme der Fesseln und versicherten keine Fluchtversuche zu unternehmen, oder in irgendeiner Form Widerstand zu leisten. Der Fahrer des Transporters antwortete "Haltet die Schnauze".

In dem bereitstehenden Gefängnisbus forderte ich gemeinsam mit den anderen Gefangenen die anwesenden Beamten ebenfalls auf, mir die Fesseln wegen starker Schmerzen zu lösen, worauf jedoch nicht eingegangen wurde. Nach dem Transport in die Polizeikaserne, wurden die Fesseln in dem Bus gegen 03.45 Uhr abgenommen.

Gegen 05.30 wurde ich aus dem Bus herausgeholt und in Begleitung eines mir zugeteilten Polizeibeamten in eine Barakke zur nochmaligen Personalienaufnahme gebracht. Zunächst mußte ich, zwecks Durchsuchung, meine Schuhe ausziehen sowie sämtliche Taschen ausleeren. Aus meinem Besitz wurden 1 Ledertabakbeutel, 2 Feuerzeuge, sowie ein beschädigtes Megaphon sichergestellt. Der aufnehmende Beamte stellte fest, daß der festnehmende Beamte, in dem mit dem Polaroidfoto vorliegenden Festnahmeprotokoll, nicht eingetragen ist. Trotzdem wiederholte der aufnehmende Beamte (in Zivilkleidung) die o.g. Beschuldigungen gegen mich. Auf die Abgabe einer Erklärung zu dem Vorwurf habe ich verzichtet. Ich wurde danach in eine überfüllte Sammelzelle gesperrt, in der zwar Isoliermatten auf dem Boden lagen, jedoch nicht ausreichend Matten für alle Anwesenden vorhanden waren.

Auf meinen Wunsch hin wurde mir erlaubt, zu telefonieren.
Um 07.48 wurde ich nach Übernahme meiner sichergestellten Gegenstände entlassen.
Am 04.07.96 erhielt ich einen schriftlichen Bescheid über die Einstellung des Verfahrens.

Eine Strafanzeige wegen Freiheitsberaubung wurde von mir eingereicht.

Ein Chaot

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Den Castor auf freier Strecke gestoppt

Was den meisten unmöglich schien und auch von der Presse größtenteils verschwiegen wurde, gelang einigen Atomkraftgegnerlnnen ganz unerwartet doch: Der Castor-Zug konnte auf seinem Weg ins Wendiand für einige Zeit gestoppt werden. Wie das möglich war und was dabei bei dem nächsten TranspQrt noch zu verbessern wäre, zeigt der folgende Bericht.

Während sich an dem Wochenende vor dem zweiten Castor-Transport nach Gorleben und am Tag X2 die meisten Atomkraftgegnerlnnen auf das Wendland konzentrierten, gab es auch entlang der Transportstrecke aktive Gruppen. Eine davon hatte in Wörth in der Südpfalz - also kurz nach der französischen Grenze - direkt neben den Zuggleisen ein Widerstandscamp eingerichtet. Genau dieser so günstige Aktionsort war das eigentliche Ziel einer Gruppe von ganz Eifrigen, die sich dachten, daß der Tag X2 ja eigentlich aus zwei Tagen besteht, an denen der Castor einmal unterwegs ins und einmal im Wendland selbst blockiert werden kann. Doch die Planung mußte schon vor der Abfahrt mit den geliehenen, vollgetankten und neben gutem kartenmaterial auch reichlich mit Verpflegung ausgestatteten Autos wieder umgeworfen werden. Aus Radiomeldungen wurde bekannt, daß der schwerbewachte Transport bereits die Grenze zu Frankreich überquert hatte. Deshalb schien das nächsterreich bare Ziel Darmstadt-Kranichstein zu sein, wo voraussehbarerweise ein Zusammentreffen mit anderen Aktiven möglich war. Dort warteten am Bahnhof zwar Polizei und BGS, aber keine sichtbaren Castor-Gegnerlnnen.

Sich dort vorläufig nicht zu zeigen schien auch, wenn mensch Personalienkontrollen und Rucksackdurchsuchungen vermeiden wollte, durchaus angebracht. Als dann etwa 50 Leute versammelt waren, wurde der Beschluß gefaßt, sich in zwei Gruppen zu teilen, die in unterschiedlicher Richtung die Gleise entlang gehen. Die eine machte sich Richtung Norden auf den Weg und wurde von ungefähr 8 Polizistlnnen/BGSlerlnnen begleitet. Da diese Gesellschaft weniger angenehm aber unabwendbar war, entstand einige Ratlosigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens.

Doch über Funktelefon kam dann schon die Information, daß der Vorzug gleich vorbeifährt und ihm dann wenige Minuten danach der Castor folgt, so daß für eine allgemeine Entscheidung keine Zeit mehr blieb. Als der Castor sich nachmit tags gegen 16 Uhr dann tatsächlich näherte, sprang ein ganz Beherzter - die zahlenmäßig unterlegene Bewachung ausnutzend - auf die Schienen und einige versuchten, ihm zu folgen. Trotz schneller Reaktion der BGS-Beamtinnen, die ihn von den Schienen zu zerren versuchten, mußte der Zug bremsen - und stand! 20 Meter weiter hinten saßen noch zwei Leute auf den Gleisen, die sich vorher von der Gruppe etwas abgesondert hatten, die auch nur von zwei Polizisten in Zivil bemerkt und wieder von der Bahnlinie entfernt wurden.

Was auf den ersten Blick als voller Erfolg erscheint, hatte allerdings auch so seine Schwächen. Bei mehr Entschlossenheit in der Gruppe, es wirklich zu versuchen, auf die Schienen zu gelangen, und einer besseren Kommunikation untereinander wären mehr Leute auf die Schienen gekommen. Außerdem sollte bei solchen Aktionen auch immer wieder die eigene Sicherheit und die anderer nicht aus den Augen verloren werden: Der Bremsweg eines schwerbeladenen Güterzuges ist nicht zu unterschätzen! Insgesamt läßt sich sagen, daß die Fähigkeit zu sponta nen Aktionen fast mehr Vorbereitungsarbeit in der Gruppe benötigt als eine durchgeplante Aktion. Sowohl was die Kommunikation unter erschwerten Bedingungen, schnelle Beschlußfassung und vor allem auch was die individuelle Risikobereitschaft angesichts der möglichen juristischen Folgen betrifft.

Heike

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Das Meer geteilt

Letzte, verzweifelte Widerstandsversuche konnten den Transport nicht mehr aufhalten. Räumpanzer fegten aufeinandergetürmte Äste zur Seite, Polizisten drängten Sitzblockiererlnnen in den Gorlebener Wald: Unter den gehenden Pfiffen der noch verbliebenen rund 3.000 Atomkraftgegnerinnen und -gegner und dem ohrenbetäubenden Geknatter eines halben Dutzends Polizeihubschrauber rollte am Mittwoch um 13.05 Uhr der auf einem sechzehnachsigen Speziallastwagen festgezurrte Stahlbehälter vom Typ TS 28 V mit Atommüll in das Gorlebener Zwischenlager.

So behutsam war die Polizei am Vormittag nicht vorgegangen. Dabei war es am frühen Morgen noch höflich zugegangen: "Hier begrüßt Sie Ihre Berliner Polizei", schallte es den Tausenden Demonstranten von den beiden grünen Wasserwerfern entgegen. Doch mit den Freundlichkeiten war es auf dem Acker zwischen Dannenberg und Splietau schnell vorbei. Um 5.20 Uhr hieß es "Wasser Marsch!" Von diesem Zeitpunkt an machte sich die Polizei nur noch dann die Mühe, die Blokkierenden wegzutragen, wenn Pressefotografen anwesend waren.

In der Regel wurden Protestiererlnnen wie Zuschauerlnnen einfach mit dem harten Wasserstrahl in den Straßengraben geschleudert. Der Castor-Behälter verließ den Umladebahnhof in Dannenberg um 7.02 Uhr, unter einer blauen Plane versteckt. Wie bei einem Geleitzug fuhren etwa 30 bis 40 Pol izeiwagen vor dem Tieflader, nochmal 30 bis 40 folgten. Links und rechts marschierten rund 3.000 Beamten nebenher, vorne teilten die Wasserweffer das Meer des Widerstandes.

Vor allem auf den ersten der insgesamt 18 Kilometer vom Dannenberger Verladebahnhof zum Zwischenlager gingen insgesamt etwa 10.000 Polizisten und Grenzschützer mit rabiater Härte gegen die Demonstrantlnnen vor. Stundenlang waren die Hochdruckwasserwerfer im Einsatz und spritzten ein hochprozentiges Wasser-Tränengas-Gemisch in die Menge. Polizei-Hundertschaften vor allem aus Berlin und Magdeburg führten sich wie entfesselt auf und prügelten mit hölzernen Schlagstöcken und Gummiknüppeln auf die Atomkraftgegnerlnnen ein, trieben sie wie Hasen über Felder, Wiesen und Höfe. Immer wieder traten und schlugen Beamte auf bereits am Boden liegende Menschen ein. Vertreterinnen der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und der Grünen - darunter die Bundestagsabgeordnete Gila Altmann, die selbst mit dem Wasserwerfer Bekanntschaft machte - sprachen übereinstimmend von einem "unglaublich brutalen Polizeieinsatz".

Zahlreichen Menschen, die den Transport von ihren Gärten oder Häusern aus verfolgten, standen nicht nur wegen der Gasschwaden die Tränen in den Augen. Begründung eines Polizeisprechers für die rabiaten Einsätze: "Wir reagieren nur auf die Aggressivität der Blockierer."

Von der allerdings war wenig zu sehen: Einige brennende Strohballen und tote Äste, Würfe mit ausgerissenen Grassoden und nur sehr, sehr vereinzelte Stein- oder Flaschenwürfe. Bei Splietau stürmten Jugendliche auf zwei Mannschaftswagen zu und brachten sie zum Schaukeln. "Kein Vergleich zum 1. Mai in Berlin", sagte ein Sascha mit schwarzer Kapuze und hochgezogenem Schal. Auf der Polizeiseite zeigten dagegen die Aufrufe von Bundesinnenminister Manfred Kanther und seinem niedersächsischen Kollegen Gerhard Glogowski zu "entschlossenem Handeln" Wirkung: Gegen 7.45 Uhr wollte ein Notarzt einen Demonstranten mit schwerer Kopfverletzung bergen. Doch ein Polizeibeamter am Steuer eines VW-Busses fuhr der Krankentrage forsch in den Weg. Erst nachdem der Notarzt von seinem stark blutenden Patienten abließ und auf den Beamten einredete, gab der den Weg frei.

Immer wieder mußten die etwa zehntausend Beamten auf dem Weg vom Verladebahnhof in Danneberg zum Zwischenlager Gorleben die Straße räumen. 19 Traktoren von demonstrierenden Bauern wurden von der Polizei stillgelegt, ehe sie die Straße erreichten. Zwanzig bis dreißig Atomkraftgegnerlnnen wurden nach Angaben der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg schwer verletzt. Eine Frau mußte mit einer Schädelfraktur ins Kreiskrankenhaus Uelzen gebracht werden. "Wir wissen nicht, wie das heute hier weitergeht. Wir stehen unter Schock", sagte eine Sprecherin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg.

Junge Welt vom 9.5.96

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