Nr. 54/55
Dokumentation zum Tag X

aaa Nr. 54/55

56 Seiten
Sommer 1994
Preis: 3,00 EUR

Vergriffen

Inhaltsverzeichnis:

  • Chronologie
    ...von ersten Gerüchten einer Kampagne bis zur klaren Aussage der Betreiber: "der Castor kommt"
    ...wenn wir uns nicht querstellen! Unter diesem Motto mobilisiert die BI zum Tag X minus 2. Der Widerstand zeigt einen Ausschnitt seiner Möglichkeiten
    ...Rede von Peter Bauhaus vor dem "Zwischenlager" Gorleben
    ...die Polizei zeigt ihrerseits einer Ausschnitt ihrer Möglichkeiten bei der ersten Räumung
    ...Exil in Trebel und Wiedereinzug im Hüttendorf Castornix
    ...Schienen werden unterhöhlt, Töpfer besucht, eine Zugreise wird unternommen, eine "wendländische Widerstandshütten - Vertriebsgesellschaft gegründet
    ...der Widerstand ist nicht im Ruhestand

Rede von Peter Bauhaus
am 09. Juli 1994 vor dem Zwischenlager Gorleben

Jetzt sagt mal ehrlich? Habt Ihr damit gerechnet ? Habt Ihr es für möglich gehalten, daß in so kurzer Zeit so viel an Unruhe, an Protest, an zivilem Ungehorsam auf die Beine kommt? Ich nicht! Ihr alle, wir alle zusammen, wir waren in den letzten Tagen und Wochen einfach unheimlich gut!

Auch wenn wir alle im Moment sehr auf der Hut sein müssen, daß wir nicht ausgetrickst werden... Die Tatsache, daß man uns austricksen will, ist der Beweis, daß dieser massive Widerstand erhebliche Wirkung zeigt. Wir haben Erfolg!

Gerhard Schröder hat die Brisanz dieser Situation unterschätzt. Ich bin sicher, er hat die Situation auch am Donnerstag in Hitzacker noch unterschätzt. Sonst hätte er genauer hingehört! Aber anstatt hinzuhören, hat er nur geschicktes Krisenmanagement betrieben. Ich für mich habe Gerhard Schröder am Donnerstag ein Stück weit kennengelernt! Irgendwie war es ja eine groteske Situation:

Eine Veranstaltung, nicht zum CASTOR, sondern zur Elbtalaue - im Saal eine Menge Leute, die zu seinen politischen Gegnern gehören - Leute, die bei den Plänen für die Elbtalaue nicht mitziehen wollen. An der Stimmung im Saal war zu merken: viele von ihnen gehören zu denjenigen, die wir seit Jahren als Betonköpfe und Atomkraftbefürworter bekämpfen. Als sich die Diskussion über den CASTOR-Transport dann zuspitzte, hat sich Gerhard Schröder ausgerechnet bei diesen Leuten Unterstützung geholt, um sich den Protest vom Hals zu halten. Er hat die Kräfteverhältnisse im Saal eiskalt genutzt, um uns mit der bekannten Mischung aus Jovialität und Kaltschnäuzigkeit abzuservieren. Ich will mich nicht mit Gerhard Schröder aufhalten, aber ich denke, es ist wichtig, seine Haltung einzuschätzen, wenn es darum geht, die augenblickliche Lage einzuschätzen. Viele, die in der Presse vom Aufschub für den CASTOR gelesen haben, schreiben dies Schröders Initiative zu.

Ich habe den Eindruck, dieser Mensch spielt falsch. Und wir haben allen Grund, mißtrauisch zu sein. Gerhard Schröder hat all die Jahre beteuert, es gebe für ihn und seine Landesregierung keinen atomrechtlichen Spielraum. Ein CASTOR-Transport sei mit atomrechtlichen Mitteln nicht aufzuhalten. Jetzt plötzlich gibt es einen Aufschub. Warum? Warum geht plötzlich, was vorher unmöglich war? Wir haben im Innenministerium nachgefragt, warum man nicht eher auf diese Lösung gekommen ist. Die Antwort: man habe den Widerstand vor Ort unterschätzt!

Das heißt doch, daß uns die Landesregierung die ganze Zeit verladen hat! Obwohl sie immer das Gegenteil behauptet hat, hat sie eben nicht alles getan, was sie zur Verhinderung des CASTORS hätte tun können.

"Sie haben den Widerstand unterschätzt!" Nun gut, Schwamm drüber! Wir haben ihn ja selbst unterschätzt... Vor ein paar Monaten haben wir noch Witze darüber gemacht, ob es nicht an der Zeit wäre, so etwas wie eine Rückruf-Aktion für "ATOMKRAFT-NEIN-DANKE-PLAKETTEN" zu starten: Etwa mit dem Tenor : wenn Ihr was für die Umwelt tun wollt und die Plaketten sowieso nur in der Schublade liegen, dann tut die Dinger wenigstens in den Wertstoffsack...

Wie kommt es, daß sich plötzlich so viele Leute entscheiden, wieder auf die Straße zu gehen. Vor allem: wie kommt es, daß sie wieder das Gefühl haben, es hat einen SINN? Wir haben uns doch eigentlich schon häuslich eingerichtet mit der drohenden Katastrophe. Jeden Tag schütten die Medien eine Flut von Horrormeldungen über uns aus und wir sind längst gewöhnt, den Kopf einzuziehen und stille zu halten. Geben wir es zu: wir haben die Bedrohung, die von Atomkraftwerken ausgeht, schon mal deutlicher gespürt. Nach Tschernobyl hat die Angst und die Wut in uns gefressen und wir hätten schreien können. Und viele von uns haben geschrieen! In den Jahren danach ist uns die Wut dann leider wieder abhanden gekommen. Wir haben uns leider viel zu oft mit dem gerade mal Machbaren zufrieden gegeben. Und machmal sogar mit weniger. Jeder von uns ist mehr als genug mit seinem Alltag beschäftigt.

Auf einer der Plakatwände, die von Uta Götz und Irmhild Schwarz gestaltet worden sind, steht der Satz .. "Ich stelle mich quer, weil mir die privaten Katastrophen schon reichen". Dieser Satz ist richtig. Wir wollen nichts als unser Leben leben. Nach 20 Jahren Widerstand wollen wir endlich unsere Ruhe haben. Aber nach allem, was wir wissen - können wir da Ruhehaben? Wir wollen unsere Ruhe, aber nicht die ewige!

Nach Tschernobyl kennen wir die ganze beschissene Wahrheit: die nächste Katastrophe ist nur aufgeschoben und die Bombe tickt. Als der Treck auf dem Marsch nach Hannover war, geschah das Reaktorunglück von Harrisburgh. Wissen wir, welche Katastrophe sich in diesem Moment, irgendwo auf der Welt anbahnt?

Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Atomkraft ab. Und bei immer mehr Menschen dämmert es, daß das sogenannte "Restrisiko" und die "gesicherte Entsorgung" lebensgefährliche Lügen sind. Auch Politiker wissen das, aber sie haben keinen Mut zum Handeln: Wir alle wissen, warum: aus Feigheit vor der übermächtigen Atomindustrie.

Es geht also gar nicht anders : die Initiative muß von UNS ausgehen. Und wie man sieht, tut sie das im Moment ja auch. Eins ist schon jetzt klar: Das, was in den letzten Wochen hier im Wendland und bei den vielen Initiativen im Bundesgebiet an Mobilisierung passiert ist, wird nicht ohne Folgen bleiben: wir haben die Diskussion über die Lebensgefährlichkeit von Atomkraft neu angezettelt. Hier in Gorleben können wir den Finger auf die Wunde der Atomenergie legen: es gibt keine Entsorgung! Niemand weiß, wohin mit dem hochgiftigen Strahlenmüll. Niemand weiß, wo man dieses Zeug so sicher aufbewahren kann, daß es für Jahrtausende sicher von der lebendigen Welt abgeschirmt ist. Und deshalb ist jeder Weiterbetrieb von Atomkraftwerken, jede weitere Produktion von Atommüll ein Verbrechen an dieser und allen nachfolgenden Generationen. Hier am Eingang zum CASTOR-Lager ist das Nadelöhr der Atomindustrie. Hier müssen sie durch mit ihrer faustdicken Lüge von der gesicherten Entsorgung! Aber sie kommen damit nicht durch!

Hier an diesem Punkt, und das ist vielleicht der Grund für den masiven Widerstand, an diesem Punkt liegt die Chance zu sagen: bis hierher und nicht weiter! Wir alle haben jeden Tag wegzustecken, daß die Welt Stück für Stück vor die Hunde geht. Die Wut darüber ist meistens eine sehr leise und manchmal spüren wir sie schon gar nicht mehr. Aber hier in Gorleben ist der Punkt, wo es eine Chance gibt zu sagen :"Mit mir nicht! Hier, an diesem Punkt will ich euch zwingen, die Wahrheit zu bekennen. Und die Wahrheit ist: "Ihr wißt keine Antworten!"

Wir alle haben uns lange genug hinhalten und beschwichtigen lassen.

Jetzt ist Schluß! Wir lassen uns unser Grundrecht auf Leben und Gesundheit nicht länger abschwatzen. Wir sind es satt, unsere Lebenserwartungen einem sogenannten "Restrisiko" unterzuordnen. Wir wollen die Bedrohung durch Atomkraft nicht länger verdrängen, sondern wir gehen aktiv dagegen an.

Auch heute ist die Zeitung wieder voller Anzeigen. Und längst schon melden sich nicht nur die zu Wort, die das schon immer getan haben. Viele Menschen, die den Schritt in die Öffentlichkeit zum ersten Mal tun, sind dazugekommen. Und nicht wenige von ihnen haben damit gewaltigen Ärger riskiert. Die Zeit der Ruhe ist vorbei und der Mut wächst. Am meisten hat mich eine Anzeige von 259 Schülerinnen und Schülern beeindruckt: "Wenn ihr unser Leben nicht achtet, achten wir eure Gesetze nicht Eure Gesetze schützen die Atomindustrie und nicht das Leben." Liebe Politiker, das ist die Antwort auf Eure Taktiererei, auf euer Beschwichtigen und auf den täglichen Beschiß. Ihr beklagt etwas, was ihr "Politikverdrossenheit" nennt. Ihr beklagt eine allgemeine Wahlmüdigkeit. Heute und hier ist zu sehen: Wir haben die Wahl! Und wir gehen auch hin! Nur wollen wir ein bißchen mehr machen als nur ein Kreuz auf einen Zettel. Heute machen wir ein X. Unser Zeichen ist das X ! Aber keine Angst. Das was von manchen Politikern der CDU schon als Banden-Kriminalität an die Wand gemalt wird, wird sich als ein breiter ziviler Ungehorsam äußern. Ich weiß: bei vielen reicht die lang angestaute Wut schon lange für mehr. Aber ich weiß auch: mit einem breiten gewaltfreien Widerstand machen wir es den Politikern nicht einfacher, sondern sehr viel schwieriger.

Dies hier ist kein Familienausflug! Wir haben gesagt: "Wir sind vorher da, um den Transport zu verhindern." Hier sind wir also. Und der Transport ist noch nicht losgefahren. Die nächsten Tage werden zeigen, ob wir Erfolg haben werden oder nicht. Erfolg oder Scheitern - beides ist drin. Wenn Ihr jetzt zählt, wie viele wir sind, dann bitte: Zählt euch selbst mit Das ist kein blöder Schnack, sondern es ist sehr ernst gemeint. Es kommt auf jede und jeden von Euch an!

PETER BAUHAUS

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