03.03.2017

Asse II: Anwohner/Innen auf der Suche nach Unterstützung (Solidarität?)

Anwohner/Innen von Asse II sind auf der Suche nach Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Flutung der Asse, einem von zwei unterirdischen Atommüll-Lagerstätten Deutschlands in der Nähe von Braunschweig. Der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit ist Asse II derzeit weitgehend entzogen, dennoch drohen hier gerade sehr unerquickliche Dinge, irreversible Maßnahmen des Betreibers.

Wer wenig Zeit hat, klicke einfach hier:
    externer Link kurzlink.de/keine-asseflutung
und unterstütze uns an der Asse mit der Unterzeichnung des offenen Briefes. Klar: das hat keine formelle Wirkung, aber vielleicht durchbricht es die Sturheit der Behörden und Ministerien. Who knows.

Theoretische Unterfütterung:

Der staatlich Umgang mit Atommüll war und ist davon geprägt, den Müll der Aufmerksamkeit möglichst zu entziehen. Dies geschieht physisch durch Einlagerung unter Tage und medial durch Verharmlosung der Gefährlichkeit sowie durch Abstumpfung der Öffentlichkeit, prozedural durch Nichtbeachtung von wissenschaftlicher Kritik in Genehmigungsverfahren. In den letzten Jahren berichteten nur die regionalen Medien über Asse II, sowie dankenswerterweise die „anti atom aktuell“.

Also zur Asse (die meisten von euch werden Bescheid wissen): 50.000 Kubikmeter Atommüll wurden von 1967 bis 1978 in Asse II eingelagert, darunter ca. 28 kg Plutonium, ca.102 Tonnen Uran, ca. 87 Tonnen Thorium, auch Kernbrennstoffe und hochgiftige Stoffe, etwa 500 kg Arsen. Dieser Atommüll war in ca. 125.000 Fässer verpackt, reine Transportbehälter, nicht als Lagerbehälter gedacht. Salz ist plastisch und der Atommüll sollte darin eingeschlossen werden.

Doch seit 1988 dringen treten täglich etwa 12 Kubikmeter Lauge ins Bergwerk ein und müssen abgepumpt werden. Das war nicht vorgesehen, konnte aber noch 15 Jahre vor der Öffentlichkeit weitgehend verborgen gehalten werden. Der Betreiber wollte einen Langzeitsicherheitsnachweis erbringen – unter Verbleib des Atommülls in der Asse II. Alle (ich auch, bin hier in der Gegend aufgewachsen) wussten ungefähr: ja, da liegt Atommüll in der Asse, aber doch nur „leicht radioaktiver“ - also wohl eher harmlos. Von wegen, siehe oben.

Übrigens: etwa 10.000 der als leichtradioaktiver Müll (LAW) deklarierten Fässer sind in Wirklichkeit mittelaktiver Atommüll (MAW). Der Unterschied: die an der Behälteroberfläche messbare Strahlung. Als nach der Einführung des Atomgesetzes 1976 die Einlagerung von MAW in die Asse verboten wurde, machte man was? Man packte den MAW einfach in Fässer mit 10 cm verbleibender Betonabschirmung (VBA) und – hokuspokus, dreimal schwarzer Kater – wurde aus MAW eben mal LAW.

Politische Definitionen entscheiden über die gesellschaftliche Wahrnehmung von Risiken und Gefahren – und glücklicherweise bietet die Technik einfache Möglichkeiten, gefährliche Dinge pseudo-ungefährlich zu machen – wenn auch nur für die kurze Zeit des Transportes und nicht für die langfristige Lagerung. Schließlich sind auch Betonabschirmungen nicht immun gegen die korrodierende Wirkung von Salz und Radioaktivität. Wessen Wirklichkeit ist die Wirklichkeit?

Vor 10 Jahren poppte dann das Thema „Asse II“ breiter auf. Ans Licht kam: angefallene radioaktive Laugen waren im Berg ohne Genehmigung verklappt worden. Außerdem wurde bekannt, dass mitnichten nur Abfälle aus Krankenhäusern und Krebsforschung dort eingelagert sind. Etwa 75% des Müllvolumens und 87% des Radionuklid-Inventars stammen vielmehr aus Atomkraftwerken und wurden durch die Bearbeitung in der „Wiederaufarbeitungsanlage“ (d.i. Plutoniumfabrik!) des Kernforschungszentrums Karlsruhe in den 60er und 70er Jahren gewissermaßen zu „Forschungsabfällen“ umettiketiert. Damit wurden sie auch von privatem (AKW-) Atommüll zu staatlichem (KFK-) Atommüll.

Skandal, Skandal. Das Bergwerk wurde dem Forschungsministerium entzogen. Betreiber wurde 2009 das „Bundesamt für Strahlenschutz“ im Geschäftsbereich des Umweltministeriums. Ein grüner BfS-Präsident König, ein SPD-Bundesumweltministerium – wird nun alles gut?

Nein. Nur der Widerstand gegen einen unverantwortlichen Umgang mit Asse II wird geschwächt, denn die Grünen neigen stark dazu, „ihren“ BfS-Präsidenten in Schutz zu nehmen. Die gegenwärtige Besetzung des niedersächsischen Umweltministeriums mit dem „Grünen“ Stefan Wenzel und des BMUB mit der SPD-Frau Barbara Henricks tun ihr übriges.

Was hat der Betreiber jetzt vor? Offiziell ist der Plan, den Atommüll aus der Asse zurück zu holen, weil er dort unten nicht langfristig trocken gelagert werden kann. Doch bevor die Arbeiten angegangen werden, die für eine Rückholung notwendig sind (Masterplan erstellen, neuen Schacht zur Bergung des Mülls abteufen, Bergetechnik entwickeln) setzt das BfS sein Notfallvorsorge-Konzept um. Das entspricht im wesentlichen dem Schließungskonzept des alten, abgelösten Betreibers: alle Strecken unterhalb von 700 m verfüllen, weitere Hohlräume mit einer gesättigen Salzlösung verfüllen, damit die eindringende Lösung nicht die tragenden Stukturen der Asse auflösen kann. Mache sagen: das ist wie Selbstmord aus Angst vor dem Tode...

In den nächsten Monaten will nun das BfS einen weiteren Stollen auf der 750 m-Sohle mit Sorelbeton verfüllen, die „2. südliche Richtstrecke nach Westen“. Dieser Stollen führt vor den verschlossenen Atommüll-Einlagerungskammern entlang. Wir wenden uns dagegen.

In diesem Stollen werden gegenwärtig an verschiedenen Stellen teilweise radioaktiv kontaminierte Salzlösungen („Laugen“) aufgefangen. Diese stammen vermutlich aus dem Laugenzufluss von 12 m³ täglich und haben wohl den Atommüll in den Kammern durchflossen. Täglich wird neben 20 bis 30 Litern radioaktiver Lauge auf dieser Sohle auch etwa ein halber Kubikmeter an Lauge aufgefangen, die noch nicht kontaminiert ist. Wenn der betreffende Stollen verfüllt wird, könnten etwaige neue Laugenzuflüsse nicht mehr aus den Kammern abfließen, also auch nicht mehr gefunden und abgepumpt werden.

Es droht also die schleichende Flutung des Atommülls auf der 750 m-Sohle.

Die vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) geplante Verfüllung würde die Rückholung des Atommülls erschweren und die radiologischen Risiken in der Asse erhöhen. Die wissenschaftliche Kritik an dem Vorhaben wurde vom Betreiber und von den niedersächsischen Genehmigungsbehörden bislang ignoriert. Eine fachliche, wissenschaftliche Begründung und Abwägung zu den Stellungnahmen der Wissenschaftler der Asse 2 Begleitgruppe (AGO) gibt es nicht.

Wir fordern:

  1. Alle Arbeiten im Bergwerk sind in ihren Auswirkungen auf die Rückholung abzuwägen und zu dokumentieren. Der Betreiber muss endlich eine detaillierte Planung für die Rückholung des Atommülls vorlegen!
     
  2. Der fragliche Stollen, die „2. südliche Richtstrecke nach Westen auf der 750 m-Sohle“, ist offen zu halten und zu pflegen, solange ausreichende Bergsicherheit gegeben ist!
     
  3. Das Notfallkonzept ist zu revidieren: Atommüll muss möglichst trocken gehalten werden, Durchnässung und Auflösung dürfen nicht billigend in Kauf genommen werden!

Wer diese – an sich relativ harmlosen – Forderungen (aber sie richten sich eben auch gegen zwei Grüne) unterstützen möchte, kann das auf
    externer Link openpetition.de/..verfuellmassnahme-droht-flutung-des-atommuells
tun.

Wer meint, jetzt müsse man sich doch um das HAW-Endlager kümmern und könne Asse II mal beiseite lassen, der verpasst die Möglichkeit, sich den staatlichen Umgang mit wissenschaftlicher Kritik an den Entscheidungen von Behörden anzuschauen. Eine fachliche, wissenschaftliche Begründung und Abwägung zu den Stellungnahmen der Wissenschaftler der Asse 2 Begleitgruppe (AGO) gibt es nicht! Hier ist das dargestellt:

externer Link asse-watch.de/pdf/Krupp_Auswertung_BfS_Antragstellung.pdf
Achtung: PDF! Vor Öffnen möglichst speichern und auf Viren/etc. prüfen!

Und wer immer noch nicht genug hat, findet Hintergründe zur Petition hier:
    externer Link asse-watch.de/petition.html
und eine umfassende Kritik des Handelns des Betreibers in Asse II hier:
    externer Link asse-watch.de/daneben.html
Kein Lesevergnügen.

 

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